AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2017

Kinderbetreuung Das Märchen vom Kita-Ausbau - zu schön, um wahr zu sein

Der Ausbau bei den Kita-Plätzen war ein Riesenerfolg, sagt die Politik. Stimmt so nicht, sagen Forscher. Was muss geschehen?

Stiefel in einer Kindertagesstätte
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Stiefel in einer Kindertagesstätte

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Nur selten sind die Wege für berufstätige Mütter so kurz wie für Carolin Weber: Keine zehn Meter Luftlinie von ihrer Neubauwohnung im Münchner Westen entfernt baute die Stadt eine neue Kindertagesstätte.

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Heft 38/2017
Eine Gebrauchsanweisung

Die Grundsteinlegung des Kindergartens konnten Weber, ihr Mann und ihr zweijähriger Sohn Noah vom Wohnzimmersofa aus mitverfolgen. Den Baulärm nahm die Familie gern in Kauf, Noah liebte die Bagger und die Betonmischer vor dem Fenster.

Ein Anruf bei der Stadt München, wann die Kita vor der Haustür denn nun beginne, Kinder aufzunehmen, brachte die Ernüchterung: "Wir können leider nicht öffnen", erfuhr Weber. Da der Stadt Erzieher fehlten, bleibe das Haus mit den sonnenblumengelben Fensterrahmen vorerst ungenutzt.

Der Bund hat seit 2007 fast zehn Milliarden Euro für Ausbau und Betriebskostenzuschüsse in die Hand genommen, um eine flächendeckende Fremdbetreuung für Kleinkinder zu garantieren. Doch viele Eltern bekommen weiterhin keinen Platz für ihren Nachwuchs. Von längeren Betreuungszeiten und einer besseren pädagogischen Qualität können die meisten Mütter und Väter ohnehin nur träumen.

Im Wahlkampf vermitteln die Parteien den Eindruck, das Kindergartenangebot sei schon ganz ordentlich. Der seinerzeit noch von der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) angestoßene U3-Ausbau - gemeint ist keine U-Bahn-Linie, sondern die Betreuung unter Dreijähriger - gilt als politische Erfolgsgeschichte. Doch eine Studie eines Münchner und Dortmunder Autorenteams um den Leiter des Deutschen Jugendinstituts (DJI), Thomas Rauschenbach, blickt kritisch auf die Zukunft des Großprojekts.

Darin heißt es, es seien noch "erhebliche zusätzliche Anstrengungen beim Ausbau der Kindertagesbetreuung" notwendig, und zwar für die gesamte Altersgruppe der unter Zehnjährigen.

Es fehlen schlicht Plätze: Nach Berechnungen der Wissenschaftler werden bis 2025 fast 340.000 zusätzlich benötigt, wenn die Geburtenrate weiterhin leicht steigt und die Zuwanderung anhält. Sogar mehr als eine Million zusätzliche Plätze würden gebraucht, wenn Eltern darüber hinaus ihr Kind für die tatsächlich gewünschte Stundenzahl versorgt wissen möchten.

In repräsentativen Umfragen ermittelte das DJI, dass Väter und Mütter ihr Kind gern länger in der Kita betreuen lassen würden. Vorbehalte gegenüber der Fremdbetreuung schwinden, das erhöht die Zahl der interessierten Eltern zusätzlich.

Um den Bedarf zu decken, müssen die Kindergärten in den kommenden Jahren mehr als 200.000 Erzieherinnen und Erzieher neu einstellen. Ungefähr so viele Abgänger werden die Ausbildungseinrichtungen verlassen. Wenn aber, wie von der Politik versprochen, die Zahl der Kinder pro Betreuer sinken soll und den Eltern zusätzliche Stunden angeboten werden sollen, müssten sogar mehr als eine halbe Million solcher Fachkräfte eingestellt werden.

Es sei "gegenwärtig völlig unklar, wie diese Lücke auch nur annähernd geschlossen werden soll", schreiben die Autoren. Zu wenige junge Leute erlernen den Beruf, auch weil er schlecht bezahlt ist. Trotzdem würde ein solcher Ausbau den Staat etwa 12 bis 18 Milliarden Euro kosten.

Unverdrossen verspricht die Politik indes neue Wohltaten: Berlin und Hessen schaffen die Kita-Gebühren ab, die SPD wirbt im Wahlkampf mit dem Rechtsanspruch auf den Besuch einer Ganztagsschule, eine Forderung, die auch die CSU-Frauen-Union teilt. Dann stünde der Staat auch bei den Schulkindern für den Nachmittag im Wort.

Zu solchen Plänen schreiben die Forscher jedoch: "Der politisch ins Auge gefasste weitere Ausbau ist unter den heute gegebenen Rahmenbedingungen nicht zu realisieren." Der Bund müsse sich stärker an den Kosten beteiligen, die frühe Bildung müsse so aufgewertet werden, "dass ein nennenswerter Teil junger Menschen zusätzlich als künftige Fachkräfte gewonnen werden kann". DJI-Leiter Rauschenbach fordert: "Wir müssen Qualität und Quantität zugleich liefern."

Vor allem auch am richtigen Ort. In Ostdeutschland wird es bald zu viele Plätze geben, während sie in westlichen Flächenländern und in den Stadtstaaten fehlen. Und weil Länder und Kommunen wegen des Rechtsanspruchs auf solche Plätze vor allem Angebote für die Kleinsten schufen, gerieten die älteren Kinder aus dem Blick.

Die Münchnerin Carolin Weber blitzte auch bei vier weiteren Kindergärten in Laufweite ab. Dabei hatte das vermeintlich gute Kita-Angebot die junge Familie vor knapp zwei Jahren dazu gebracht, aus der Altbauwohnung im Zentrum ins Neubauviertel nach Aubing zu ziehen.

In ihrem Block gebe es, so Weber, zwar "keinen Bäcker, weil statt Geschäften an allen vier Ecken Kindertagesstätten gebaut wurden", das nützt der Familie aber nichts. Seit diesem Monat besucht Noah an zwei Tagen pro Woche eine Spielgruppe des katholischen Kindergartens - er wird nun drei und stand ein Jahr auf der Warteliste.

Ihr Betreuungsproblem löste die Doppelverdienerfamilie auf eher klassische Weise: Auf Noah passen jeden Tag seine Großeltern auf.



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