AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2017

Justiz Der erstaunliche Einsatz von Lügendetektoren an deutschen Gerichten

Auch in deutschen Gerichtsverfahren werden immer wieder Lügendetektoren eingesetzt - häufig informell. Nun nutzte ein Strafgericht die umstrittene Methode ganz offen.

Polygraf im Amtsgericht Bautzen: Die Verlockung ist groß
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Polygraf im Amtsgericht Bautzen: Die Verlockung ist groß

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Die Sachverständige in Saal 128 des Amtsgerichts Bautzen bemüht Shakespeare, um zu erklären, wie sie arbeite. Wie bei "Hamlet", so sei es auch bei ihr, sagt Gisela Klein, 53.

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Heft 44/2017
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Hamlet also: Der Onkel soll den Vater vergiftet haben. Hamlet hat davon geträumt und fragt sich, ob der Traum der Realität entspricht. Deshalb führt er den Verdacht als Schauspiel auf. Die Reaktion des Onkels soll diesen entlarven. Er verhält sich panisch, womit sich Hamlet in seinem Verdacht bestätigt sieht.

Nicht anders verhielten sich Schuldige, wenn sie von ihr befragt würden, sagt Klein. Vor ihr steht ein Lügendetektor. Oder genauer: ein Polygraf aus den USA, das Modell "The Statesman" der Firma Lafayette Instrument aus Indiana. Ein Koffer mit vielen Knöpfen und Kabeln, vier Nadeln ruhen auf Millimeterpapier.

Der Angeklagte war beschuldigt, 2013 seine neunjährige Nichte unsittlich berührt zu haben. Er habe sich von ihr in einem ruhigen Raum des Amtsgerichts an das Gerät anschließen lassen, freiwillig, sagt Klein. Dann habe sie ihn in vier Durchgängen befragt. Ab einem Wert von +3 gehe sie von einer wahrheitsgemäßen Antwort aus. Eine Berührung im Intimbereich verneinte der Mann. Die Werte hätten bei +6 bis +9 gelegen, nach ihrem Urteil also hoch glaubwürdig. Bei der Frage, ob das Kind ihn am Geschlechtsteil berührt habe, verneint er ebenfalls: +8 bis +11.

Ein klares Ergebnis, meint Klein: Der Mann sage die Wahrheit.

Das Dumme daran ist nur, dass die Rechtsprechung in Deutschland noch klarer ist und Tests mit Polygrafen hierzulande nicht als Beweismittel anerkennt, jedenfalls nicht in Strafverfahren. Das allerdings könnte sich langsam ändern. Die umstrittene Methode verbreitet sich von der Öffentlichkeit unbemerkt bereits in der deutschen Justiz. So stützen sich Familiengerichte seit Längerem zuweilen auf polygrafische Gutachten, und selbst in Strafverfahren nutzen Ermittler, Anwälte und sogar Gerichte hin und wieder solche Tests, wenn auch offenbar nur inoffiziell.

Die Verlockung ist groß: Wenn Aussage gegen Aussage steht, wäre eine Methode, mit der sich zuverlässig feststellen ließe, wer lügt und wer nicht, so etwas wie der Stein der Weisen.

Bisher nutzen Gerichte bei der Wahrheitssuche vor allem aussagepsychologische Gutachten, die den Fokus auf das mögliche Opfer legen - und wie dieses das angeblich Erlebte schildert. Diese Äußerungen können aber durch suggestive Befragungen stark verfälscht sein, was sich später kaum mehr aufdecken lässt. Bei der Untersuchung mittels Polygraf steht hingegen meist der Beschuldigte im Mittelpunkt.

Freigesprochener Wörz 2005: Befragung bestanden
Thomas Lohnes / ddp images

Freigesprochener Wörz 2005: Befragung bestanden

Der Test beruht auf der Grundannahme, dass physisch oder psychisch Bedrohliches beim Menschen unwillkürlich ein komplexes Muster an körperlichen Reaktionen hervorruft. Der Proband muss drei harmlose Einstiegsfragen, drei verdachtsbezogene Fragen und vier persönliche Vergleichsfragen beantworten. Wer eine Frage nicht wahrheitsgemäß beantworten wolle, fühle sich bedroht, so erklärt es Klein ihren Probanden. Im Körper reagiere eine Art Alarmanlage: Der Blutdruck gehe entweder in die Höhe oder sacke ab, Schweiß breche aus. Aussagekräftig sei aber nicht die einzelne Reaktion auf eine Frage an sich, sondern das Muster, das sich auf die verschiedenen Fragen ergibt. Geräte wie jenes von Klein messen auch die Durchblutung der Haut an einer Fingerkuppe, weil bei akutem Stress die Extremitäten schlechter durchblutet würden, sagt Klein - "deshalb heißt es ja auch 'kalte Füße bekommen'".

Ermittlungsbehörden in vielen Bundesstaaten der USA, aber auch in Kanada, Japan, Israel, Polen, Litauen, Estland und Rumänien nutzen oft Polygrafen. Zum Teil werden sie dort auch als Beweismittel zugelassen. Untersuchungen aus den USA legen nahe, dass im Schnitt 88 Prozent der schuldigen Probanden als solche ermittelt wurden - und 79 der unschuldigen. Letzteres bestätigte 2013 eine Studie aus den USA, in der Urteile mittels späterer DNA-Untersuchungen überprüft wurden.

Klein selbst verweist gern darauf, dass ihr und ihrem inzwischen verstorbenen Kollegen Udo Undeutsch einst bei einer - versuchsweisen - Begutachtung von 66 angehenden Amtsanwälten nur eine einzige falsche Zuordnung unterlaufen sei.

Doch die vermeintliche Wunderwaffe der Wahrheitsfindung steht seit Jahrzehnten in der Kritik. 1954 entschied der Bundesgerichtshof, dass eine polygrafische Untersuchung die Menschenwürde verletze, weil "auch das Unbewusste" antworte. 1981 erkannte das Bundesverfassungsgericht ebenfalls einen solchen Verstoß: "Eine derartige ,Durchleuchtung' der Person" mache den Untersuchten "zu einem bloßen Anhängsel eines Apparats".

1998 revidierte der Bundesgerichtshof seine Rechtsprechung teilweise. Willige der Betroffene ein, seien seine Grundrechte nicht verletzt. Dennoch sei der sogenannte Vergleichsfragentest keine in Fachkreisen "allgemein und zweifelsfrei als richtig und zuverlässig eingestufte Methode", ihm komme deshalb "keinerlei Beweiswert zu", urteilte der 1. Strafsenat. Dem folgten später ein Zivilsenat des Bundesgerichtshofs sowie das Bundesverwaltungsgericht.

Damit hat sich für Gerichte und Staatsanwaltschaften eine Tür geöffnet. Wenn der Test nicht verboten ist, sondern nur nicht formal verwertet werden darf, kann man ihn ja trotzdem anwenden und die Ergebnisse zur Kenntnis nehmen - auch wenn man dann andere Gründe benennt, warum ein Angeklagter freigesprochen oder verurteilt wird. Und in familienrechtlichen Verfahren, in denen es auch häufig um den Vorwurf sexuellen Missbrauchs oder Ähnliches geht, gilt der Test mit dem Polygrafen ohnehin als "ein geeignetes Mittel, einen Unschuldigen zu entlasten", wie das Oberlandesgericht Dresden im Jahr 2013 bestätigt hat.

Auch in diesem Verfahren wirkte Klein als Gutachterin. Ihr ehemaliger Lehrmeister, der Kölner Psychologieprofessor Udo Undeutsch, war ein Begründer der Aussagepsychologie und machte bereits 1977 eine Polygrafen-Ausbildung in den USA; dort lernte auch Klein. Sie habe an die 1400 Untersuchungen mit dem Gerät in Deutschland durchgeführt, zunächst in einer Praxisgemeinschaft mit Undeutsch, später allein, oft für Firmen oder in privatem Auftrag, erzählt Klein. So prüften die beiden die Aussagen des Langstreckenläufers Dieter Baumann und dessen Frau, die sich gegen Dopingvorwürfe wehrten.

Freigesprochener Türck
Thomas Lohnes / ddp images

Freigesprochener Türck

Nach Kleins Angaben erstatteten die beiden mehrere Hundert Polygrafen-Gutachten gegenüber der Justiz, vor allem in Familiensachen, einige Dutzend auch in Strafverfahren. Der Installateur Harry Wörz, der wegen versuchten Totschlags an seiner Ehefrau verurteilt worden war, bestand im Jahr 2000 eine vom Landgericht Karlsruhe in einem Zivilprozess angeordnete Befragung durch Undeutsch und Klein. Das trug nach Kleins Überzeugung dazu bei, dass Wörz eine Wiederaufnahme des Strafverfahrens erreichen konnte und schließlich freigesprochen wurde.

Auch den Fernsehmoderator Andreas Türck, angeklagt wegen Verwaltigung, habe sie begutachtet, sagt Klein. Er habe die Tat wahrheitsgemäß bestritten - was nach ihrer Ansicht mit dazu geführt hat, dass die Staatsanwaltschaft einen Freispruch beantragte.

Das Amtsgericht Bautzen stützte schon 2013 einen Freispruch auf ein Gutachten, das Klein in einem Sorgerechtsstreit erstattet hatte. Sie hatte festgestellt, dass der Ehemann die angebliche Tat der Wahrheit entsprechend bestritt, die Frau ihn dagegen wider besseres Wissen beschuldigte. Im anschließenden Strafprozess ließ sie der Bautzener Richter Dirk Hertle ihre Ergebnisse ebenfalls vortragen.

Auch wenn polygrafische Untersuchungen eine gewisse Unsicherheit hätten, seien sie gegenüber aussagepsychologischen Gutachten "deutlich zuverlässiger", argumentiert der Passauer Strafrechtsprofessor Holm Putzke. Und oft genug, wissen Anwälte, beurteilen Richter die Glaubhaftigkeit einer Aussage mehr oder weniger aus dem Bauch heraus. Zudem legten Beschuldigte nach einem nicht bestandenen Test nicht selten ein Geständnis ab, so Putzke, und das "nützt vor allem dem Opfer, dem so möglicherweise eine Aussage und langwieriges Warten auf einen Schuldspruch erspart bleiben".

Im aktuellen Fall zeigte sich die Staatsanwältin bedingt beeindruckt. Sie habe auch so in der Verhandlung Zweifel an der Aussage des Kindes gewonnen und beantragte einen Freispruch. Die Verteidigerin erklärte, es sei "unheimlich interessant" gewesen, den Ausführungen der Gutachterin zu folgen. Ihr Mandant habe nichts zu verbergen.

Richter Hertle, der auch diesmal Klein geladen hatte, sprach den Mann frei. Nach der Beweisaufnahme stehe fest, dass der Vorwurf nicht nachgewiesen werden könne. Eine Suggestion des Kindes sei nicht auszuschließen. Zum Freispruch wäre es also auch ohne polygrafische Untersuchung gekommen. Deren Ergebnis werde ohnehin nur zugunsten, nicht zulasten des Beschuldigten verwendet. "Was also nehmen wir uns, wenn wir das Verfahren im Strafrecht zulassen?", fragt Hertle. Dieser Prozess sei deshalb ein bedeutender Tag für den deutschen Rechtsstaat. "Heute ist ein Durchbruch gelungen."

Ein Schauspiel gibt es zudem an diesem Tag im Bautzener Gerichtssaal, nachdem das Urteil verkündet ist. Eine Rechtsreferendarin dient als Probandin. Blutdruckmanschette an den linken Oberarm, einen Gummischlauch um den Brustkorb, Kabel an zwei Finger der linken Hand, eines an den rechten Mittelfinger. Schon kann die Wahrheitsfindung beginnen.

Die Fragen bleiben human: Ist heute Donnerstag? Welches Datum ist heute? Haben Sie heute Morgen gefrühstückt? Die Nadeln auf dem Millimeterpapier schlagen aus. Beim Datum muss die Referendarin nachdenken, das Gerät registriert das sofort. Kameras klicken, Gutachterin Klein lächelt still, der Richter hat die Robe abgelegt und freut sich sichtlich.

Im Video: So funktioniert der Bautzener Lügendetektor



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