AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2017

Türkische Kinofilme "Cool, dass auch mal ein Türke der Gute ist"

Türkische Filme sind in den deutschen Kinos so erfolgreich wie nie. Es dominieren Herzschmerz und Action, aber auch die Furz-und-Flachwitz-Komödie "Recep Ivedik 5" lockte schon mehr als eine halbe Million Zuschauer.

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Plakate türkischer Filme: Unerträglicher Herzschmerz, Entsagung, schicksalhafte Fügung

Plakate türkischer Filme: Unerträglicher Herzschmerz, Entsagung, schicksalhafte Fügung

Recep Ivedik ist extrem behaart, übergewichtig und ein Ekelpaket. Bei der Trauerfeier eines Bekannten spuckt er mit angewidertem Gesicht die traditionelle Süßspeise zurück auf seinen Teller. Danach erzählt er der Witwe vor allen anderen Gästen, dass ihr Mann, ein Fernfahrer, ständig fremdgegangen sei, "wie ein Kaninchen sprang er von einer zur anderen. In letzter Zeit war er verrückt nach Sadomasochismus".

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Heft 48/2017
Land ohne ...Richtung, ...Einigkeit, ...Kanzlerin?

Weil Ivedik aber auch Ehrgefühl besitzt, übernimmt er der Witwe zuliebe den letzten Auftrag seines verstorbenen Freundes: Er soll die türkische Jugendnationalmannschaft im Bus zu einem wichtigen europäischen Wettkampf nach Mazedonien bringen. Unterwegs serviert er den Athleten Bohneneintopf mit Motorenöl. Sie bekommen Brechdurchfall und können nicht antreten.

Was tun? Niemals würde Ivedik sein Vaterland im Stich lassen, deshalb stellt er ein Ersatzteam auf: sich selbst (seinem Magen kann Motorenöl nichts anhaben) und einige Fernfahrerkollegen. Knapp zwei Stunden lang reiht sich ein flacher Witz an den nächsten, bis die türkische Mannschaft das Turnier überlegen gewinnt.

Nicht nur als Ringer, Weitspringer oder Kugelstoßer bricht der anatolische Flegel alle Rekorde: Kein anderer Film war in der Türkei so erfolgreich wie "Recep Ivedik 5". Das Erstaunliche daran sind aber nicht die fast 7,5 Millionen Türken in Istanbul, Ankara oder Izmir, die sehen wollten, wie Ivedik halb verdaute Hotdogs auf seinen griechischen Konkurrenten erbricht. Es sind die 550.000 Zuschauer in Deutschland - ein Fünftel der knapp drei Millionen hierzulande lebenden Türkeistämmigen. Auch diese Zahl ist ein Rekord - und gleichzeitig ein Beleg dafür, wie erfolgreich die Nische des türkischen Kinos in Deutschland mittlerweile geworden ist, vom nichttürkischen Publikum weitgehend unbemerkt. Wer sich auf die cineastische Parallelwelt einlässt, kann viel über die türkische Kultur und die Befindlichkeiten der anatolischen Seele in diesen Tagen erfahren.

Das Land muss viele Spannungen aushalten: politische, ethnische und religiöse. Moderne Lebenskonzepte konkurrieren mit konservativen, säkulare mit religiösen. Das alles findet auch seinen Weg auf die Leinwand - der Hang zur Melancholie, die Sehnsucht nach entlastender Unterhaltung gerade in schwierigen Zeiten, aber auch die Tendenz zum Nationalismus. Selbst plumpe Komödien wie "Recep Ivedik" sind patriotisch aufgeladen. Die Sorge um die Zukunft der Türkei ist groß.

An einem Sonntagabend im späten Herbst stehen in Hamburg-Wandsbek im Kino einige junge Männer an, um den Blockbuster "Kurtlar Vadisi Vatan" zu sehen, "Tal der Wölfe: Vaterland". Geheimagent Polat Alemdar und sein Team müssen darin verhindern, dass Feinde der Türkei die geliebte Heimat überrennen. So, wie es im Juli 2016 tatsächlich Putschisten versucht haben - und damit scheiterten. Fast 300 Menschen starben. Was in dieser geschichtsträchtigen Nacht passiert ist, hat tiefe Wunden in die Gesellschaft gerissen.

Szene aus "Once Upon a Time in Anatolia": Eine Niedergeschlagenheit, die unter die Haut kriecht
Cinema Guild/ Everett Colle/ DPA

Szene aus "Once Upon a Time in Anatolia": Eine Niedergeschlagenheit, die unter die Haut kriecht

Auch im Film steckt hinter dem Angriff ein dubioser Prediger - dessen Physiognomie große Ähnlichkeit mit Fethullah Gülen aufweist. Ihn und seine Bewegung macht Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan für den Putschversuch verantwortlich; Gülen ist zum nationalen Feindbild geworden. Als der Kampf im Film beginnt, rammt Agent Alemdar eine türkische Flagge in einen Wall und raunt laut Untertitel mit Rechtschreibfehler: "Es wahr eine Ehre mit Euch zu sein und mit Euch zu sterben." Deutschen Kinobesuchern mag das theatralisch erscheinen - einem Großteil der Türken, die am 16. Juli 2016 vor den Fernsehern saßen und zusahen, wie Panzer über die Bosporus-Brücke rollten, eher nicht.

Die meisten Besucher an diesem Abend in Wandsbek sind Männer. Türkische Filme seien immer auch ein Stück Heimat, sagt der eine, der andere, ein Hamburger Abiturient, findet es vor allem "cool, dass auch mal ein Türke der Gute ist. In deutschen oder amerikanischen Filmen sind unsere Leute immer nur unwichtig oder böse".

Das stimmt so nicht ganz: Der Schauspieler Fahri Yardim beispielsweise hat türkische Wurzeln, an der Seite von Til Schweiger Ermittler im "Tatort", ist weder unwichtig noch böse. Auch Erol Sander, geboren in Istanbul, spielt meist den Guten. Dennoch gibt der Kinobesucher eine weitverbreitete Stimmungslage unter Deutschtürken wieder: Sie sind genervt vom derzeit schlechten Image der Türkei in Deutschland und dass sie sich ständig für die Politik Erdogans rechtfertigen müssen, ob sie ihn nun unterstützen oder nicht. Viele werfen den Deutschen auch vor, sie hätten nach dem Putsch kaum Feingefühl gezeigt und sich in erster Linie damit aufgehalten, Erdogan seine Fehler aufzuzeigen. Es hat ihr Gefühl von Entfremdung verstärkt.

Die "Tal der Wölfe"-Reihe steht von jeher in Deutschland in der Kritik. Schon über den ersten Teil ("Irak") hieß es, er sei antiwestlich. Der Hass auf die USA hält die türkischen Helden fest im Griff. Bei "Tal der Wölfe: Palästina", dem direkten Vorgänger von "Vaterland", monierte der "Koordinierungsrat deutscher Nicht-Regierungsorganisationen gegen Antisemitismus" in Berlin, der Film von Regisseur Zübeyr Sasmaz verbreite antiamerikanische, antiisraelische und antisemitische Stereotype mit volksverhetzendem Charakter. In die deutschen Kinos gebracht hat "Tal der Wölfe: Vaterland" das Berliner Unternehmen AF Media, neben Kinostar aus Stuttgart einer der beiden großen Verleiher für türkische Filme hierzulande. AF-Media-Mitarbeiter Sertaç Simsek hat ein Gefühl dafür, was beim türkischen Publikum ankommt: "Es muss immer alles extrem sein", sagt Simsek. "Die Leute wollen lachen oder weinen. Dazwischen gibt es nicht viel."

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Der erfolgreichste Film, den AF Media je im Angebot gehabt hat, war 2012 "Evim Sensin - Du bist mein Zuhause" mit mehr als 250.000 Besuchern, ein Melodram über die ganz große Liebe, inklusive schwerer Erkrankung und Tod in den Armen des Geliebten. Unerträglicher Herzschmerz, Entsagung und schicksalhafte Fügung sind große Themen in der türkischen Kultur, und die Filmemacher sind darin Könner, von der Tragödie bis zum Schmierenstück.

Im Autorenkino schwingt eher eine eigene Art der Melancholie. Wenige können diese Stimmung so intensiv erzeugen wie der Istanbuler Regisseur Nuri Bilge Ceylan, der seit Jahren international Erfolge feiert. Er machte Filme wie "Drei Affen", ein Familiendrama vor dem Hintergrund einer tristen ländlichen Kulisse, oder "Once Upon a Time in Anatolia", ein Drama über einen Mordfall in der türkischen Provinz. 2011 bekam er in Cannes dafür den Großen Preis der Jury verliehen. Werke wie die seinen sind auch Variationen über das türkische "Hüzün": eine Niedergeschlagenheit, die unter die Haut kriecht. Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk charakterisierte es einmal als Melancholie nicht eines Einzelnen, sondern ein "von Millionen Menschen zugleich empfundenes schwarzes Gefühl". Ennui, Tristesse, Weltschmerz, Vergeblichkeit? "Frauen mit Kopftuch", so eines der pamukschen Bilder, "die mit einer Plastiktüte in der Hand an abgelegenen Haltestellen auf einen ewig nicht kommenden Bus warten, ohne miteinander ein Wort zu wechseln; bis auf den letzten Platz mit Arbeitslosen gefüllte Teehäuser."

Ein Magnet für das Massenpublikum ist das türkische Autorenkino nicht. Deutsch-türkische Filmfestivals wie in Mannheim oder Frankfurt am Main versuchen zumindest, das Angebot bekannter zu machen. Dort laufen Filme wie "Tereddüt" ("Clair Obscur") von Yesim Ustaoglu, einer der bekanntesten türkischen Arthouse-Regisseurinnen. Sie beschreibt die Begegnung zweier unterdrückter türkischer Frauen, die für die beiden Gesichter des männerdominierten Landes stehen: die moderne und die traditionelle Türkei. Beide Frauen sind auf der Suche nach Liebe und Selbstbestimmung. Zum Mannheimer Festival kamen in diesem Oktober 3000 Besucher.

Auch Michael Roesch, Geschäftsführer vom Filmverleih Kinostar in Stuttgart, hat schon versucht, mehr Leute für türkisches Autorenkino zu begeistern. Weil eine Vorstellung in Originalsprache mit Untertiteln viele Leute abschreckt, hat er beispielsweise "Once Upon a Time in Anatolia" synchronisieren lassen. Funktioniert hat das aber nicht. Nur 2847 Zuschauer wollten den weltweit gefeierten Film in Deutschland sehen. "Französisches Kino", so Roesch, "gilt als intellektuell, das findet immer sein Publikum. Bei den türkischen Filmen ist das nicht so, selbst wenn sie international Preise gewinnen."

Anders verhält es sich bei den Werken von Fatih Akin, der mit "Gegen die Wand" 2004 den Goldenen Bären gewonnen hat: Schon im ersten Kinojahr hatte das Drama um eine junge, in Deutschland geborene Türkin fast 800.000 Zuschauer; gerade startete mit Aplomb "Aus dem Nichts", ein Film über einen Bombenanschlag und dessen juristische Aufarbeitung, der stark an die Terrorakte des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) erinnert. Allerdings ist Akin Hamburger und seine Produktionsfirma deutsch.

Ein Verlustgeschäft macht Kinostar nach eigenen Angaben trotzdem nicht. Das Unternehmen bespielt auch den Streamingdienst Netflix mit einem türkischen Angebot und den Kanal "Turk on Video" bei Amazon. Wer sich die Filme später dort anschaut und nicht im türkischen Fernsehen, kann sie unzensiert sehen. Seit Jahren schon ist es dort verboten, Alkohol oder Zigaretten zu zeigen. Wein- oder Rakigläser werden nachträglich verpixelt, rauchenden Schauspielern klebt ein Gänseblümchen an den Fingern.

Der Druck auf die Filmschaffenden ist erheblich. Manch Regisseur und Drehbuchautor hat sich längst für ein Leben im Exil entschieden. In Berlin gibt es seit vergangenem Jahr mit der B'Act Academy eine türkische Schauspielschule.

Über "Recep Ivedik 5" wurde im Frühjahr viel debattiert. Was sagt es über die Türkei, wenn eine dauerfluchende und pöbelnde Filmfigur wie Ivedik einen solchen Siegeszug feiert? Viele türkische Intellektuelle aus dem linken Spektrum haben eine düstere Interpretation: Der Film passe zum Stil von Erdogans Regierungspartei AKP, sich gegen Eliten zu stellen.

Bei der Oberstaatsanwaltschaft in Istanbul ging eine Beschwerde wegen der "Herabwürdigung der türkischen Nation und Flagge" ein: Ivediks Weltrekord im Gewichtheben ist von starken Flatulenzen begleitet, außerdem platzt ihm dabei die Sporthose am Hintern. Die Behörde entschied, dass sie kein Verfahren anstreben wird. Ivedik-Darsteller Sahan Gökbakar hatte die Staatsanwaltschaft davon überzeugen können, dass er die türkische Nation und Flagge durch Ivedik nicht verunglimpfen, sondern, im Gegenteil, aufwerten wollte.



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