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Ausgabe 9/2018

Gefangen in der Türkei Der Fall Deniz Yücel, eine Rekonstruktion

367 Tage lang saß Deniz Yücel in türkischer Haft. Was bezweckte Präsident Erdogan, und wodurch kam der Journalist frei?

Ehepaar Yücel nach Haftentlassung: Wichtigste Stütze
Gokhan Danaci/ Imago

Ehepaar Yücel nach Haftentlassung: Wichtigste Stütze

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Georg Birgelen kennt sich aus mit diplomatischen Krisen. Er leitet seit zweieinhalb Jahren das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Istanbul, zuvor war er ständiger Vertreter des deutschen Botschafters in Moskau. Und kein anderer Diplomat hat den inhaftierten "Welt"-Journalisten Deniz Yücel so eng betreut wie Birgelen, 62. Er hat Yücel mit Lebensmitteln versorgt, als sich dieser im Januar 2017 für einige Wochen in der Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Istanbul vor der Polizei versteckte, später besuchte Birgelen ihn regelmäßig im Hochsicherheitsgefängnis in Silivri.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 9/2018
Macht, Gewalt und Rache in der Filmindustrie

Am vergangenen Donnerstag, nach 366 Tagen Gefangenschaft, ist eigentlich alles vorbereitet für Yücels Freilassung. Nach wochenlangen Verhandlungen, einer Intervention durch Altkanzler Gerhard Schröder und zwei Geheimtreffen des deutschen Außenministers Sigmar Gabriel mit Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die türkische Regierung signalisiert, dass Deniz Yücel aus der Untersuchungshaft freikommen werde.

Doch der deutsche Generalkonsul ahnt, dass ihm eine der größten Bewährungsproben noch bevorsteht: Er muss Yücel davon überzeugen, den Forderungen Ankaras zuzustimmen. Der Journalist hat im Gefängnis immer wieder erklärt, er beteilige sich nicht an geheimen Absprachen. Er wolle einen fairen Prozess und nach seiner Freilassung weiter als Journalist in der Türkei arbeiten.

Birgelen hat Yücel als Kämpfer kennengelernt, als einen Mann, der selbst unter schwierigen Bedingungen zu seinen Prinzipien steht, aber auch unglaublich stur sein kann. Der Konsul ist auf dem Weg zur Haftanstalt nervös. Er hält es durchaus für möglich, dass Yücel die Absprache zu seiner Freilassung in letzter Sekunde platzen lässt.

Yücel hatte gesagt: "Wenn ich hier einmal raus bin, lasse ich mir nicht vorschreiben, welche Schritte ich zu machen habe." Und tatsächlich, der "Welt"-Korrespondent bleibt im Gespräch mit Birgelen zunächst hart. Er wolle eigentlich noch einige Wochen, mindestens aber ein paar Tage in der Türkei bleiben, lässt er den Generalkonsul wissen.

Charterflugzeug mit Yücel in Berlin: So schnell wie möglich weg
DPA

Charterflugzeug mit Yücel in Berlin: So schnell wie möglich weg

Yücel und Birgelen unterhalten sich lange. Birgelen nimmt Yücel die Sorge, dass es Geheimgeschäfte zwischen Deutschland und der Türkei gegeben habe. Am Schluss stellte die Regierung in Ankara gegenüber dem deutschen Außenminister nur noch eine Forderung: Yücel müsse nach seiner Entlassung unverzüglich das Land verlassen.

Mühsam lässt sich Yücel überzeugen, am Ende erklärt er sich bereit, die Türkei sofort zu verlassen. Seiner Freilassung steht damit nichts mehr im Wege. Die Aufhebung der Untersuchungshaft ist nur noch eine Formsache, sie soll am nächsten Morgen verkündet werden.

367 Tage lang saß Yücel unschuldig und ohne Anklage in Haft. 367 Tage, die an seinen eigenen Nerven gezerrt haben, aber auch an den Nerven seiner Angehörigen und Freunde, seiner Kollegen sowie der Politiker und Beamten, die mit seinem Schicksal befasst waren.

Maßstabsgetreuer Grundriss von Yücels Zelle (auf den Rückseiten der "Welt" vom 9. Dezember 2017 gedruckt): "Lesen, schreiben, Anwälte treffen"
DPA

Maßstabsgetreuer Grundriss von Yücels Zelle (auf den Rückseiten der "Welt" vom 9. Dezember 2017 gedruckt): "Lesen, schreiben, Anwälte treffen"

Yücel war der prominenteste deutsche Gefangene in der Türkei, damit war sein Fall auch der komplizierteste. Die Berichterstattung über ihn war aus Sicht der Diplomaten im Auswärtigen Amt Fluch und Segen zugleich: Sie verhinderte, dass Yücel in Vergessenheit geriet, war aber auch ein ständiger Balanceakt für jene, die sich um seine Freilassung bemühten.

Der deutsch-türkische Journalist wurde zum Symbol der Krise zwischen den beiden Ländern, auch wenn diese weit vor seiner Verhaftung begann und mit seiner Freilassung noch lange nicht beendet ist. Der Fall markiert den politischen Graben, der sich zwischen Ankara und Berlin aufgetan hat: auf der einen Seite ein Regime, das rücksichtslos gegen die Opposition vorgeht und nicht davor zurückschreckt, Vertreter ausländischer Medien als Geisel zu nehmen. Auf der anderen Seite ein Journalist, der sich durch nichts und niemanden von seiner Arbeit abhalten lässt. Weder durch die Drohungen eines Autokraten noch durch Warnungen der Bundesregierung oder die Sorgen des eigenen Chefredakteurs.


Im Video: Absurdes Vorgehen"
Ein Jahr war Deniz Yücel in Haft, seine plötzliche Entlassung überraschte Diplomaten, Freunde und Journalisten gleichermaßen. SPIEGEL-Korrespondent Maximilian Popp über den Fall Yücel - und die vielen noch immer inhaftierten Journalisten.

SPIEGEL-Redakteure haben in den vergangenen Monaten viele vertrauliche Gespräche geführt mit jenen, die sich um Yücel und seine Freilassung gekümmert haben: mit Außenminister Sigmar Gabriel, Diplomaten, Yücels Anwälten sowie seinen Kollegen und Freunden. Viele Informationen können erst jetzt, nachdem der Fall gelöst ist, veröffentlicht werden. Yücel selbst konnte nicht befragt werden, er holt zurzeit an einem unbekannten Ort seine Flitterwochen nach.

Was am Ende zu seiner Freilassung geführt hat, kann nur der türkische Staatspräsident beantworten. Wie immer in solchen Fällen spielten aber wohl viele Faktoren in die Entscheidung hinein: wirtschaftlicher Druck, die deutsche Charmeoffensive und nicht zuletzt die Sturheit des Journalisten Deniz Yücel. Aber der Eindruck bleibt, dass seine Freilassung genauso ein Akt von Willkür war wie die Verhaftung vor über einem Jahr.

Februar 2016. Deniz Yücel provoziert die türkische Regierung.

In mehr als einem Jahrzehnt als Bundeskanzlerin hat Angela Merkel die Türkei nur wenige Male besucht. Nun, im Jahr 2016, da die Flüchtlingskrise schwelt und Merkel auf die Unterstützung Ankaras angewiesen ist, reist sie fast jeden Monat in das Land. So auch am 8. Februar.

Bei der Pressekonferenz im Amtssitz des damaligen türkischen Premiers Ahmet Davutoglu in Ankara ergreift Deniz Yücel vor laufenden Kameras das Wort. Er hält Merkel auf Deutsch vor, aus Rücksicht auf den Flüchtlingsdeal zu Menschenrechtsverletzungen im Land zu schweigen. Die Türkei sei im internationalen Pressefreiheitsranking auf Platz 159 abgerutscht, im Südosten des Landes würden Sicherheitskräfte gegen Zivilisten vorgehen. "Zu alldem hört man von Ihnen nichts", sagt er.

Davutoglu entgleiten die Gesichtszüge. Er hat offensichtlich nicht mit einem solchen Angriff gerechnet und kann sich nur schwer kontrollieren. "Sie haben keine Frage gestellt, sondern einen Vortrag gehalten", sagt er an Yücel gerichtet.

Über Nacht wird der "Welt"-Journalist in der Türkei zum Staatsfeind. Regierungsnahe Medien treten eine Kampagne gegen ihn los, diffamieren ihn als "Religionsfeind" und Sympathisanten der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Wenig später entscheidet der damalige "Welt"-Chefredakteur Stefan Aust, Yücel aus der Türkei abzuziehen. Das Auswärtige Amt hatte dazu geraten. Auch SPIEGEL ONLINE holt seinen Korrespondenten zurück, nachdem dessen türkischer Presseausweis und damit die Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert worden waren.

Verwandte Albayrak, Erdogan: Ein Exempel statuieren
Zuma/ Action Press

Verwandte Albayrak, Erdogan: Ein Exempel statuieren

Doch Yücel kehrt in die Türkei zurück, ab Anfang April erscheinen in der "Welt" wieder Korrespondententexte von ihm. Weil er neben der deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, benötigt er - anders als die Korrespondenten anderer Zeitungen - kein Visum. Martin Schäfer, der damalige Sprecher des Auswärtigen Amtes, rät Ulf Poschardt, zu diesem Zeitpunkt "Welt-Vize-Chefredakteur", in einem langen Gespräch davon ab, den Korrespondenten Yücel nach Istanbul zurückzuschicken. Es bestehe mehr denn je das Risiko, dass Yücel verhaftet werden könne, so die Warnung. Als Doppelstaatler hätte Yücel dann nicht einmal Rechtsanspruch auf konsularische Betreuung durch die deutsche Botschaft. Die Türkei sieht Yücel zudem in erster Linie als eigenen Staatsbürger, nicht als Deutschen.

September 2016. Erdogans Schwiegersohn geht auf Journalisten los.

Die Hacker der linksradikalen Gruppe RedHack haben in der Türkei immer wieder durch spektakuläre Aktionen für Aufsehen gesorgt. Sie drangen in die Computersysteme der türkischen Polizei ein, des Geheimdiensts, des Hochschulrats. Im September 2016 gelingt ihnen ihr bislang größter Coup: Sie knacken den E-Mail-Account des türkischen Energieministers Berat Albayrak.

Albayrak ist nicht irgendein Regierungsmitglied. Er ist der Schwiegersohn Erdogans und gilt als dessen Kronprinz und wichtigster Vertrauter. Sein Bruder Serhat kontrolliert die Mediengruppe Turkuvaz, zu der die Tageszeitung "Sabah" und der Fernsehsender A Haber gehören.

RedHack spielt die Albayrak-Mails Journalisten zu, woraufhin in einzelnen türkischen Medien erste Artikel erscheinen. Für den Minister sind die Enthüllungen eine Blamage: Sie dokumentieren, wie er Druck auf Medien ausübt und geheime Ölgeschäfte mit den Kurden im Nordirak betreibt.

Albayrak unternimmt viel, um weitere Veröffentlichungen zu stoppen. Vermeintliche RedHack-Mitglieder werden festgenommen. Wann immer ein Text aus dem Konvolut erscheint, wird die Internetseite gesperrt. Doch die Regierung bekommt das Leck nicht gestopft. Anfang Dezember landen schließlich sämtliche E-Mails auf der Plattform WikiLeaks. Nun bedient sich auch Deniz Yücel aus dem Datensatz. Mithilfe der E-Mails beschreibt er in einem "Welt"-Artikel am 13. Dezember 2016, wie die Regierung eine geheime Troll-Armee im Internet aufgebaut hat.

Albayrak ist trotz seiner herausgehobenen Stellung innerhalb der türkischen Regierung nicht unumstritten. Er hat durch sein großspuriges Auftreten etliche Kabinettsmitglieder gegen sich aufgebracht. Seine Gegner sähen es nur zu gern, wenn er über die RedHack-Affäre stürzen würde. Albayrak weiß offenbar, dass er jetzt keine Schwäche zeigen darf, und erhöht den Druck. In der Zeitung seines Bruders, der "Sabah", erscheint am 25. Dezember eine Meldung, wonach gegen neun Journalisten, die über die Albayrak-Mails berichtet haben, ein Haftbefehl vorliegt - einer von ihnen ist Yücel.

Weihnachten 2016. Die Bundesregierung wird zum Fluchthelfer.

Die türkische Polizei sucht nicht aktiv nach dem "Welt"-Journalisten, sie schreibt ihn nicht zur Fahndung aus und besucht ihn auch nicht zu Hause. Er spielt für die türkische Regierung zu diesem Zeitpunkt offenbar noch keine große Rolle.

Yücel entscheidet sich trotzdem unterzutauchen. Er ruft bei der deutschen Botschaft in Ankara an, wo am ersten Weihnachtsfeiertag kaum jemand im Dienst ist. Eine Mitarbeiterin setzt ihn in Kontakt mit dem Konsulat in Istanbul.

Gefängnis in Silivri bei Istanbul: Die Regierung hält hier ihre schlimmsten Feinde fest
Thanassis Stavrakis/ AP/ DPA

Gefängnis in Silivri bei Istanbul: Die Regierung hält hier ihre schlimmsten Feinde fest

Generalkonsul Georg Birgelen steht im Fitnessstudio auf dem Laufband, als ihn Yücels Hilferuf erreicht. Er berät sich mit Ankara und Berlin. Die deutschen Diplomaten entscheiden schnell. Sie bringen Yücel in der Sommerresidenz des Botschafters in Tarabya unter, am Ufer des Bosporus. Das rund 18 Hektar große Gelände wurde 1880 vom damaligen osmanischen Sultan an das Deutsche Reich verschenkt. Das Grundstück nebenan gehört Präsident Erdogan.

Das Vorgehen ist im deutschen Außenministerium nicht unumstritten: Ein "Botschaftsasyl", wie es andere Staaten praktizieren, kennt die Bundesrepublik nicht.

Yücel schreibt an diesem Tag eine Nachricht an seine engsten Freunde: Ich bin eine Zeit lang weg. Macht euch keine Sorgen. Fast zwei Monate lang versteckt sich Yücel in einem der Holzhäuser in Tarabya. Vor dem Anwesen patrouillieren Streifenwagen. Birgelen liefert Yücel Essen und Zigaretten. Außer ihm sind nur wenige Beamte aus dem Auswärtigen Amt und Mitglieder der Bundesregierung in den Vorgang eingeweiht.

Bis heute ist offen, ob die türkische Regierung den Plan, gegen Yücel vorzugehen, bereits vor der RedHack-Affäre gefasst hat. Ein hochrangiger Beamter, der mit den Verhandlungen vertraut ist, sagt, Yücel sei erst im Zuge der RedHack-Ermittlungen mehr oder weniger durch Zufall in den Kreis der Beschuldigten geraten. "Berat Albayrak ist willkürlich auf jeden losgegangen, der über RedHack berichtet hat."

Erdogan weiß zunächst nicht, wer Deniz Yücel ist. Er erfährt offenbar erst durch einen Anruf der Bundesregierung von dem Fall. Der Präsident erkundigt sich bei Vertrauten nach dem Journalisten, er will wissen, wer dieser Mann ist. Im Präsidentenpalast begreifen sie, dass es sich bei Yücel um einen Sonderfall handelt. Er ist nicht einfach nur ein türkischer Journalist, den man wegsperren kann, ohne dass es jemand mitbekommt. Er hat einen deutschen Pass und schreibt für eine deutsche Zeitung. Was tun?

Eine Gruppe moderater Berater und Minister rät Erdogan, den Fall im Dialog mit Deutschland stillschweigend zu lösen. "Es war klar, dass wir uns mit der Festnahme Yücels langfristig selbst schaden würden", sagt ein Regierungspolitiker, der namentlich nicht genannt werden will. Scharfmacher, zu denen auch Albayrak gehört, wollen an dem "Welt"-Journalisten hingegen ein Exempel statuieren. Erdogan ist unentschieden.

Im Auswärtigen Amt wird überlegt, ob man Yücel heimlich außer Landes schaffen kann, aber wie? Auf einem Boot über die Ägäis? In einem Auto über die türkisch-bulgarische Grenze? Oder könnte man Yücel zum Nato-Luftwaffenstützpunkt Konya bringen und von dort mit einer Awacs-Maschine ausfliegen? Die Szenarien werden schnell als irrwitzig verworfen.

Am 2. Februar 2017 bespricht Merkel den Fall Yücel mit Erdogan in Ankara. Doch die Hoffnung deutscher Diplomaten auf eine politische Lösung zerschlägt sich. Der türkische Präsident besteht darauf, dass sich Yücel der Polizei stellt.

Das Auswärtige Amt teilt Yücels Arbeitgeber, dem Springer-Verlag, mit: Die Lage, die Yücel kurz vor Jahreswechsel nach Tarabya getrieben habe, sei unverändert. Nur die öffentlichen Tiraden Erdogans gegen Deutschland hätten etwas nachgelassen. Trotzdem hält es Yücel nicht mehr aus. Er wolle "kein zweiter Julian Assange" werden, sagt er mit Blick auf den Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks, der seit Juni 2012 in der Botschaft Ecuadors in London festsitzt. Er will sich stellen.

Februar 2017. Die türkische Regierung nimmt Yücel als Geisel.

Der Anwalt Veysel Ok ist sich sicher, dass sein Mandant freikommt, als er und Yücel am 14. Februar in der Polizeizentrale in der Vatan Caddesi in Istanbul erscheinen.

"Herr Yücel, Kanzlerin Merkel interessiert sich für Sie", begrüßt der Polizeipräsident seine Besucher. "Wo waren Sie?"

"Zu Hause", antwortet Yücel. Sie trinken Tee. Dann wird Yücel vernommen. Die Beamten erkundigen sich bei ihm nach den Albayrak-Mails, nach seinen Kontakten zu RedHack. Es ist ein abgekartetes Spiel: Der Polizeipräsident hat aus Ankara längst den Befehl erhalten, den Journalisten in Gewahrsam zu nehmen.

Freigelassener Yücel in Istanbul: "Für schmutzige Deals stehe ich nicht zur Verfügung"
Can Erok/ Abaca/ DDP

Freigelassener Yücel in Istanbul: "Für schmutzige Deals stehe ich nicht zur Verfügung"

Yücel landet in einer Zelle im Keller der Wache, gemeinsam mit zwei oder drei weiteren Gefangenen. Im Flur brennt rund um die Uhr Neonlicht. Es stinkt nach Schweiß, die Toiletten sind schmutzig. Stift und Papier sind verboten. Yücel verwendet eine abgebrochene Plastikgabel als Feder und die rote Soße der Essenskonserven als Tinte. Später gelingt es ihm, einen Stift aus der Arztpraxis zu schmuggeln. Er verfasst ein Haftprotokoll, das unter der Überschrift "Wir sind ja nicht zum Spaß hier" in der "Welt am Sonntag" erscheint. ("Essen: Morgens pappiges, kaltes Toastbrot mit Käse/Wurst. Mittags und abends Essen aus Konserven. Sieht immer gleich aus und schmeckt immer gleich elendig.")

Im Auswärtigen Amt hoffen sie nach wie vor, einen Kompromiss mit der Türkei zu finden. In Wahrheit aber ist über Yücels Schicksal längst entscheiden. Die Hardliner in Ankara um Energieminister Albayrak haben sich durchgesetzt.

Nach zwei Wochen auf der Polizeiwache wird Yücel am 27. Februar dem Haftrichter im Gerichtspalast Çaglayan in Istanbul vorgeführt. Die Anhörung beginnt mit einer Überraschung. Anders als auf der Polizeistation wird Yücel nicht mehr nach den Albayrak-Mails gefragt. Stattdessen geht es plötzlich um einen Text über den gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016, um eine Reportage über den Krieg des türkischen Militärs gegen kurdische Rebellen im Südosten des Landes und um ein Interview mit PKK-Führer Cemil Bayk - ganz andere Artikel.

Präsident Erdogan, wird ein türkischer Offizieller später erklären, habe damals nicht gewollt, dass die E-Mail-Affäre seines Schwiegersohns noch einmal in aller Öffentlichkeit ausgebreitet wird. Der Richter sperrt Yücel deshalb unter dem Vorwand der Terrorpropaganda in Untersuchungshaft.

Erdogan hat den Fall inzwischen auch als Wahlkampfthema erkannt. Im April 2017 stimmen die Menschen in der Türkei über eine Verfassungsänderung ab, die dem Präsidenten noch mehr Macht geben soll. Antieuropäische Propaganda kommt bei nationalistischen Wählern gut an. Erdogan bezeichnet Yücel in einer Rede am 3. März als Mitglied der PKK und als "deutschen Agenten", der sich im deutschen Konsulat versteckt gehalten habe.

März 2017. Deniz Yücel landet in Silivri in Einzelhaft.

Noch vor wenigen Jahren bestand der Hochsicherheitstrakt in Silivri bei Istanbul aus einigen wenigen Betonbauten. Inzwischen ist die Haftanstalt zu Europas größtem Gefängniskomplex angewachsen. Die Regierung hält in Silivri ihre schlimmsten Feinde gefangen: Oppositionspolitiker, Journalisten, Offiziere, die angeblich am Putschversuch vom 15. Juli 2016 beteiligt waren.

Auch Deniz Yücel wird nach wenigen Tagen im Gefängnis Istanbul-Metris nach Silivri verlegt. Seine Zelle hat eine Toilette, eine Dusche und einen winzigen Hof, umgeben von hohen Betonmauern. Die Wärter schieben das Essen durch eine Klappe in der Tür. Yücel befindet sich die ersten neun Monate in Einzelhaft. Er bekommt außer seinen Anwälten, seiner Frau und dem Generalkonsul keinen Menschen zu sehen.

In einem Interview erzählt er, wie er die Zeit totschlägt: "Lesen, schreiben, putzen, Anwaltsgespräche vorbereiten, Anwälte treffen. Man hat im Knast gar nicht so viel Zeit, wie ich mir das vorgestellt hätte. Im Gefängnisladen kann ich Stifte und Papier kaufen. Und vom vielen Schreiben habe ich schon Schwielen an der rechten Hand."

Free-Deniz-Autokorso in Berlin: "Ein Jahr gestohlen"
Christian Mang/ Imago

Free-Deniz-Autokorso in Berlin: "Ein Jahr gestohlen"

Die Haftstrafe ist nicht nur eine Belastung für Yücel, sondern auch für seine Angehörigen und Freunde - allen voran für Dilek Mayatürk, seine Freundin und spätere Ehefrau. Mayatürk ist Lyrikerin und hat als Fernsehproduzentin unter anderem für die BBC gearbeitet. Yücel hat sie bei der Berichterstattung über den Krieg des türkischen Staates gegen kurdische Separatisten im Südosten der Türkei kennengelernt. Als Yücel verhaftet wurde, hatte Mayatürk gerade einen neuen Job in München angetreten. Die beiden waren zu diesem Zeitpunkt erst ein halbes Jahr zusammen.

Mayatürk stand vor einer der schwierigsten Entscheidungen ihres Lebens: Sie hatte ein neues Leben in München begonnen, wusste aber, dass sie Yücel aus der Ferne kaum würde unterstützen können. Sie kündigte ihren Job, gab die Wohnung auf und zog zurück nach Istanbul. Im April heiraten die beiden im Gefängnis.

Mayatürk darf Yücel einmal die Woche in Silivri besuchen. Sie sprechen jeweils eine Stunde lang miteinander, getrennt durch eine Glasscheibe. Mayatürk sagt selbst wenig, sie hört vor allem zu.

Seine Ehefrau wird für Yücel in der Haft zur wichtigsten Stütze. Sie hilft ihm, nicht an der Ungerechtigkeit zu verzweifeln. Mayatürk versucht, keine Schwäche zu zeigen. Doch sie leidet unter der Situation. Sie schläft schlecht. Sie beginnt, zu malen und Cello zu spielen, um sich abzulenken. "Dieses Jahr, das uns der türkische Staat gestohlen hat, wird uns nie wieder jemand zurückgeben können", sagt sie.

In Berlin gründen die Journalistin Doris Akrap und der Autor Imran Ayata mit anderen den Freundeskreis #FreeDeniz. Ayata ist Yücel nicht unähnlich: Er denkt schnell und formuliert pointiert. Vor allem aber hat er als Geschäftsführer der PR-Agentur Ballhaus West wichtige Kontakte im Kulturbetrieb. Ayata und Akrap starten eine Kampagne zur Freilassung Yücels: Sie organisieren Autokorsos, Konzerte und Lesungen, auf denen Prominente wie Herbert Grönemeyer und Hanna Schygulla Texte von Yücel vortragen.

Der Freundeskreis #FreeDeniz schafft es, Menschen aus unterschiedlichen Milieus und Lagern zusammenzuführen. Journalisten von "taz" und Springer, Linksradikale und CDU-Wähler demonstrieren gemeinsam für die Freilassung Yücels.

Juli 2017. Erdogan sucht die Nähe zu Deutschland.

Erdogan wird von seinen Bewunderern als Idealist wahrgenommen, von seinen Gegnern als Ideologe. In Wahrheit ist der türkische Präsident vor allem eines: ein Opportunist.

In der ersten Jahreshälfte setzt Erdogan gegenüber Deutschland auf Konfrontation. Er wirft den Deutschen "Nazipraktiken" und Terrorunterstützung vor, seine Behörden nehmen Ende April die deutsche Journalistin Mesale Tolu fest und zwei Monate später den Menschenrechtler Peter Steudtner. In Hintergrundgesprächen warnen deutsche Diplomaten Journalisten vor weiteren Verhaftungen: Erdogan sammle Geiseln, sagen sie.

Ende Juli zieht die Bundesregierung Konsequenzen. Außenminister Gabriel kündigt eine Neuausrichtung der Türkeipolitik an: Er verschärft die Sicherheitshinweise für Türkeireisende und lässt staatliche Exportbürgschaften für deutsche Unternehmen in der Türkei prüfen. Auch Rüstungsexporte sollen auf Eis gelegt werden.

In Ankara löst der Kurswechsel Nervosität aus. Unternehmer und Industrielle rufen bei Premier Binali Yldrm an, um vor einem Bruch mit Deutschland zu warnen. Die türkische Wirtschaft sei auf Investitionen aus Europa angewiesen. Erdogan befiehlt seinen Leuten, das Verhältnis zu den Deutschen nach der Bundestagswahl im September zu kitten.

Irgendwann stolpert Gabriel über einen Satz, den Erdogan über die Deutschen gesagt hat: Es gebe nur noch einen, der die Türkei verstehe, und das sei Gerhard Schröder. "Als ich das hörte, habe ich Gerd angerufen und ihn gefragt, ob er nicht vermitteln mag", erinnert sich Gabriel. Der Altkanzler sagt zu, will sich aber vorher mit Angela Merkel besprechen, um gegenüber Erdogan glaubwürdig auftreten zu können.

Eine Woche nach der Bundestagswahl reist Schröder nach Istanbul. Erdogan bietet einen Handel an: Deutschland solle jene Offiziere ausliefern, die seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 als Verschwörer gesucht werden. Dann sei er bereit, Yücel, Steudtner und die anderen Deutschen freizulassen. Schröder lehnt ab: "Selbst wenn ich noch Kanzler wäre, würde ich das nicht machen." Kurz darauf reist auch Kanzleramtsminister Peter Altmaier nach Istanbul.

Erdogan hinterlässt weitere Wünsche. Er will, dass deutsche Waffenschmieden türkische Panzer modernisieren, es geht um einen besseren Minenschutz für M60-Panzer aus amerikanischer Produktion und ein "Hard-Kill"-Abwehrsystem für deutsche "Leopard 2"-Panzer.

Beide Seiten senden Signale der Versöhnung aus. Im Oktober 2017 genehmigt der Bundessicherheitsrat eine Voranfrage für die Aufrüstung der M60-Panzer. Und der Menschenrechtler Peter Steudtner kommt frei. Am 4. November 2017 lädt der türkische Außenminister Mevlüt Çavusoglu seinen Kollegen Gabriel nach Antalya ein, kurz vor Weihnachten wird die Journalistin Mesale Tolu aus der Haft entlassen.

Jahresende 2017. Yücel fürchtet einen schmutzigen Deal.

Deniz Yücel hatte gegen seine Haft beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg geklagt, am Dienstag, dem 28. November, reicht die türkische Regierung ihre Stellungnahme ein. Sie enthält keinerlei neue Beweise. Zum ersten Mal keimt echte Hoffnung auf, dass Yücel freikommen könnte. "Als wir gesehen haben, dass die nach zehn Monaten umfassendster Ermittlungsarbeiten nichts gefunden haben, wusste ich: Damit kommen die nicht durch", erinnert sich "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt heute.

Kurz nach Weihnachten fliegt Erdogan nach Tunesien und diktiert der mitreisenden Presse einen Satz in die Notizblöcke: "Wir müssen die Zahl der Feinde verringern und die Zahl der Freunde erhöhen."

"Gut so", kommentiert Poschardt in der "Welt". "Die Bundesrepublik sollte die ausgestreckte Hand nicht wegschlagen." Poschardt weiß, dass er in einer Doppelrolle ist: einerseits Journalist, andererseits Arbeitgeber, der die Bemühungen um eine Freilassung seines Korrespondenten nicht publizistisch erschweren will. "Ich habe immer, wenn ich über die Türkei geschrieben habe, in dem Wissen geschrieben, dass es auch so wahrgenommen wird", sagt er.

Am 6. Januar 2018 gehen die Verhandlungen in die heiße Phase. Sigmar Gabriel lädt seinen türkischen Amtskollegen nach Goslar ein. Dass er seinem Gast eigenhändig den Tee aus einer türkischen Kanne serviert, wird von deutschen Politikern kritisiert, in türkischen Medien wird Gabriel hingegen gefeiert. Der deutsche Außenminister stellt in Aussicht, dass Deutschland der Modernisierung der türkischen "Leopard 2"-Panzer zustimmen könnte.

Als Yücel im Gefängnis davon erfährt, beschließt er, der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ein Interview zu geben, es wird schriftlich über seine Anwälte geführt. "Für schmutzige Deals stehe ich nicht zur Verfügung", sagt Yücel darin. Er wolle seine Freiheit nicht "mit Panzergeschäften von Rheinmetall oder dem Treiben irgendwelcher anderen Waffenbrüder befleckt wissen".

Die Diplomaten im Auswärtigen Amt sind alarmiert, sie fürchten, dass Yücel damit die Bemühungen um seine Freilassung torpediert haben könnte. Auch im Springer-Verlag ist man nicht glücklich. "Welt"-Chefredakteur Poschardt rief den Chefredakteur der dpa an und malte aus, welche Folgen das Interview haben könne.

Aber die dpa ließ sich nicht beirren, ebenso wenig wie Yücel. "Man kann Deniz nichts verbieten", sagt Poschardt.

Es ist aber nicht Yücels Einspruch, sondern die türkische Militäroffensive in Nordsyrien wenige Tage später, die einen Deal erst mal zunichtemacht. Ausgerechnet mit jenen "Leopard 2"-Panzern, die Berlin modernisieren wollte, geht die türkische Armee jetzt gegen die Kurdenmiliz YPG im syrischen Afrin vor.

Außenminister Gabriel (M.) in der "Welt"-Redaktion (mit Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner und "Welt"-Chefredakteur Poschardt am 16. Februar in Berlin anlässlich der Freilassung von Deniz Yücel): "Da habe ich Gerd angerufen"
Inga Kjer/ Photothek via Getty Images

Außenminister Gabriel (M.) in der "Welt"-Redaktion (mit Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner und "Welt"-Chefredakteur Poschardt am 16. Februar in Berlin anlässlich der Freilassung von Deniz Yücel): "Da habe ich Gerd angerufen"

Außenminister Gabriel entschließt sich, Erdogan persönlich zu treffen. Er will den türkischen Präsidenten nicht hart konfrontieren, sondern setzt auf dessen guten Willen. Am 4. Februar reist er geheim nach Rom, wo Erdogan den Papst besucht. Anderthalb Stunden sprechen die zwei Politiker im Hotel Excelsior miteinander. Erst ganz am Schluss kommt Gabriel auf den Fall Yücel zu sprechen, er bittet ihn um seinen Rat in der Angelegenheit. Erdogan verspricht, sich dafür einzusetzen, das Verfahren zu beschleunigen.

Als der türkische Präsident den deutschen Außenminister eine Woche später nach Istanbul einlädt, weiß Gabriel, dass die Sache in die richtige Richtung läuft. Bei diesem zweiten Treffen besprechen die beiden sehr konkret das weitere Verfahren.

Nur wenige sind in die Geheimverhandlungen eingeweiht. Selbst der Kanzlerin erzählt Gabriel erst zwei Tage vor Yücels Freilassung, dass es einen Durchbruch gibt.

Februar 2018. Wie Yücels Ausreise um ein Haar scheitert

Für Veysel Ok ist der Freitag ein besonderer Tag: Er vertritt als Anwalt nicht nur Deniz Yücel, sondern auch den ehemaligen Chefredakteur der Tageszeitung "Taraf", Ahmet Altan, der seit eineinhalb Jahren in Silivri im Gefängnis sitzt. In beiden Fällen wird eine Entscheidung des Gerichts erwartet.

Ok sitzt am Freitagmorgen in einer Autobahnraststätte bei Silivri, gemeinsam mit Yücels Ehefrau Dilek Mayatürk und Generalkonsul Georg Birgelen. "Welt"-Journalist Daniel Dylan-Böhmer, Autor Imran Ayata und weitere Freunde sind aus Deutschland angereist. Die Gruppe wartet auf die Nachricht aus dem Gericht. Gegen elf Uhr ruft schließlich ein Anwaltskollege Ok auf dem Handy an. Der Richter habe soeben die Freilassung Yücels aus der Untersuchungshaft angeordnet. Das Verfahren läuft weiter. Yücel aber darf das Land verlassen.

In der Raststätte bricht Jubel aus. Die Gruppe eilt zum Gefängnis. Es vergehen mehrere Stunden, bis die Formalien erledigt sind und Yücel tatsächlich ins Freie tritt. Ok twittert ein Foto, auf dem Yücel Mayatürk in den Arm nimmt, in der Hand einen Strauß Petersilie. Oks anderer Mandant, der türkische Journalist Ahmet Altan, hat weniger Glück: Er wird an diesem Tag zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die Beamten im Auswärtigen Amt sind zu diesem Zeitpunkt noch immer nervös. Sie fürchten, die türkische Regierung könnte ihre Meinung in letzter Sekunde ändern. Aus Berlin ergeht die Anweisung, Yücel möge bitte so schnell wie möglich zum Flughafen fahren. Der Journalist jedoch besteht darauf, zuvor noch vor seiner Wohnung im Istanbuler Stadtteil Besiktas zu halten. Er weiß, dass er wohl für längere Zeit nicht mehr in die Türkei wird zurückkehren können. Er möchte seine Katze und einige persönliche Gegenstände abholen.

Yücel nimmt eine Videobotschaft auf. "Ich weiß immer noch nicht, warum ich vor einem Jahr verhaftet wurde, genauer, warum ich vor einem Jahr als Geisel genommen wurde. Und ich weiß auch nicht, warum ich heute freigelassen wurde." Als Außenminister Gabriel davon hört, mahnt er, Yücel möge das Video erst veröffentlichen, wenn er außer Landes sei.

Konsul Birgelen wird unruhig. Die türkische und die deutsche Regierung haben vereinbart, dass Yücel noch am Freitag nach Deutschland ausreist. Die Piloten der vom Springer-Verlag gecharterten Maschine müssen Ruhezeiten einhalten. Um 18.50 Uhr bricht die Gruppe schließlich aus Besiktas auf. Es regnet. Die Straßen sind verstopft. Der Konvoi erreicht den Flughafen gerade noch rechtzeitig. Um 20.50 Uhr verlässt das Flugzeug türkischen Boden.

Korrektur: In einer früheren Fassung bezeichneten wir Ulf Poschardt an einer Stelle als Chefredakteur, als er jedoch noch Vize-Chef der "Welt" war. Das haben wir richtiggestellt.



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