AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2017

DDR-Miniserien im ZDF Western im Ostblock

Die DDR als Kulisse fürs Unterhaltungsprogramm: Das ZDF sendet mit "Der gleiche Himmel" und "Honigfrauen" gleich zwei aufwendige Miniserien über den Kalten Krieg, Republikflucht und Sex im Auftrag der Stasi. Muss man das sehen?

Schauspieler Schilling in "Der gleiche Himmel"
Bernd Schuller/ZDF

Schauspieler Schilling in "Der gleiche Himmel"

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Ihren vielleicht größten Propagandaerfolg hatte die Stasi fast 18 Jahre nach dem Fall der Mauer, in Hollywood: als Florian Henckel von Donnersmarck den Oscar für "Das Leben der Anderen" gewann. Donnersmarcks Spielfilm zeigte Ulrich Mühe in der Rolle eines DDR-Geheimdienstlers, der ein Ostberliner Künstlerpaar ausspioniert und dabei nach und nach sein Gewissen entdeckt.

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Heft 13/2017
Dramatische Zeiten in einer wundervollen Stadt

Ein eigensinniger Agent mit Moral, das war eigentlich nicht gerade typisch Stasi. Im Gegenteil, es war ein Märchen, wie es die Stasi selbst nicht schöner hätte erfinden können.

Die letzte Szene des Films spielt nach der Wende. Darin kauft sich der ehemalige Stasimann den Roman, den der einst von ihm überwachte Schriftsteller über den Fall verfasst hat, einen Bestseller. Man konnte das als Interpretation des Regisseurs in eigener Sache verstehen, als Hinweis, dass die ganze hässliche Stasizeit ja doch zu etwas gut gewesen sei: um Stoff zu liefern für genialische Großkünstler wie Donnersmarck, einen Wessi, Jahrgang 1973.

"Der Film bringt mich auf den Verdacht, dass die wirklich tiefere Aufarbeitung der zweiten Diktatur in Deutschland erst beginnt", lobte zum Kinostart ein anderer Großkünstler, der einst aus der DDR ausgebürgerte Dichter Wolf Biermann. "Womöglich machen es jetzt besser die, die all das Elend nicht selbst erlitten haben." Biermann sollte recht behalten, zumindest teilweise.

Kinofilme und Fernsehserien über die DDR, über Stasispitzel und ihre Opfer drehen längst Ossis und Wessis, aber auch Engländer oder Holländer. Sogar Steven Spielberg inszenierte in Berlin ein Agentendrama über den Kalten Krieg, "Bridge of Spies" (2015). Sebastian Koch, der Dichterdarsteller aus "Das Leben der Anderen", verkörperte darin den dubiosen DDR-Anwalt Wolfgang Vogel.

Um die Aufarbeitung einer Diktatur, wie Biermann sie damals forderte, geht es vielen Film- und Fernsehmachern aber allenfalls am Rande. Statt historische Wahrheiten im Sinne der Zeitzeugen zu erforschen, produzieren sie heute Unterhaltung für die Nachgeborenen. Filme, die aufgeladen sind durch die Faszination vermeintlicher Authentizität, aber längst ihre eigenen Mythen fortschreiben.

Die DDR, die Stasi, Agenten in Ost und West, das ist für viele Drehbuchautoren und Regisseure mittlerweile ein Stoff wie einst der Kampf von Cowboys und Indianern in den Western aus Hollywood: ein Spiel mit bekannten Versatzstücken, schon oft gesehen, meistens zu Klischees erstarrt, aber manchmal auch für Überraschungen gut. Zu empfindlich sollte man dabei als Zuschauer nicht sein. Indianerfilme wurden ja auch nicht für Indianer gemacht.

Das ZDF sendet in diesen Wochen gleich zwei aufwendige Miniserien über den Kalten Krieg, je dreimal 90 Minuten mit Agenten, Republikflucht und Sex im Auftrag der Stasi: "Der gleiche Himmel" zeigt einen DDR-Agenten, der in den Siebzigerjahren undercover in Westberlin spioniert. Und "Honigfrauen" handelt von DDR-Bürgern, die in den Achtzigern Urlaub am Plattensee in Ungarn machen und dort auf Touristen aus dem Westen und Spitzel aus der Heimat treffen.

Szene aus "Honigfrauen"
Leo Pinter/ZDF

Szene aus "Honigfrauen"

"Der gleiche Himmel" ist das prestigeträchtigere der beiden Projekte. Die Premiere fand im Februar auf der Berlinale statt. Produziert hat die Serie die Firma Ufa-Fiction, Nico Hofmanns Fernsehfilmfabrik mit Schwerpunkt Zeitgeschichte. Weil in Berlin das Ostblock-Ambiente mittlerweile wegsaniert ist, musste ein Großteil in Prag gedreht werden, Budget fast zwölf Millionen Euro. Inszeniert wurde die Serie von Oliver Hirschbiegel, einem modernen Westernregisseur ohne Scheu vor historischem Personal, von Hitler ("Der Untergang") bis zu einer berühmten englischen Prinzessin ("Diana"). Von Hirschbiegel stammt auch der Thriller "Das Experiment", in dem die Versuchspersonen in Wärter und Gefangene eingeteilt werden, Befehl und Gehorsam, bis es Tote gibt. Eigentlich eine gute Vorbereitung für eine Serie über die DDR.

Hirschbiegels "Der gleiche Himmel" spielt 1974, der Titel verweist jedoch in die frühen Sechzigerjahre, auf "Der geteilte Himmel", einen der bekanntesten Spielfilme der DDR, die Adaption des Romans von Christa Wolf. Es war die Geschichte einer DDR-Bürgerin, die ihrem Freund in den Westen folgte, aber enttäuscht wieder zurückkehrte. In der DDR wurde der Film, je nach politischer Großwetterlage, immer mal wieder verboten, trotz bester Beziehungen der Filmemacher zum Regime: Regisseur Konrad Wolf war der Bruder von Markus Wolf, dem Leiter der "Hauptverwaltung Aufklärung" im Ministerium für Staatssicherheit.

Eine Figur, die offenbar Markus Wolf nachempfunden ist, taucht jetzt auch kurz in "Der gleiche Himmel" auf. Im Mittelpunkt steht jedoch einer seiner Agenten, ein junger Stasimann, verkörpert von Tom Schilling, der für einen geheimen Einsatz in Westberlin ausgewählt wird: Er soll sich dort an eine Frau heranmachen. Es komme darauf an, "den Willen der weiblichen Zielperson zu manipulieren", doziert ein Stasiausbilder, am besten durch "postkoitale Beeinflussung zwecks Informationsgewinnung".

Die Zielperson, das ist eine Engländerin (Sofia Helin), ebenfalls beim Geheimdienst, nur für die andere Seite. Sie arbeitet in einer Abhörstation, die von der NSA und dem britischen GCHQ betrieben wird.

Stasileute, die westlichen Geheimnisträgerinnen die große Liebe vorgaukelten, gab es tatsächlich. In einigen Fällen heirateten diese sogenannten Romeo-Agenten sogar ihre Opfer. Fernsehmacher haben den Stoff schon vor einiger Zeit entdeckt: Der ZDF-Film "Romeo" gewann 2002 den Grimme-Preis. Und erst vor zwei Jahren umwarb ein Romeo-Agent in der RTL-Serie "Deutschland 83" eine Nato-Sekretärin.

Video: "Auf den ersten Blick ein Fortschritt"

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Auch "Deutschland 83" war von Hofmanns Ufa produziert worden. "Der gleiche Himmel" wirkt bisweilen wie ein Remake, nur eben Siebziger- statt Achtzigerjahre. Dazu werden Versatzstücke aus anderen Kino- und Fernsehfilmen neu kombiniert. "Der gleiche Himmel" ist eine Art Best-of aus dem Gruselkabinett des Kalten Kriegs, nicht nur für deutsche Zuschauer. Die Serie wurde bereits in über hundert Länder verkauft, darunter Russland und Japan; Netflix erwarb die Rechte unter anderem für Großbritannien und die USA.

Ein Erzählstrang zeigt eine Gruppe von DDR-Oppositionellen, die einen Fluchttunnel in den Westen graben (wie 2001 in "Der Tunnel", ebenfalls produziert von Nico Hofmann). Ein weiterer Nebenplot handelt von einer Ostberliner Familie, deren pubertierende Tochter Leistungsschwimmerin im Olympiakader der DDR werden soll. Das Mädchen schluckt Dopingmittel, bis ihr Haare auf der Brust wachsen. Auch das Thema Doping haben schon andere Serienmacher aufgegriffen: In der ARD-Reihe "Weissensee" stirbt ein junger DDR-Sportler beinahe an einer Überdosis. Verbindendes Element der Handlung: Irgendwie sind fast alle Figuren miteinander verwandt. In der DDR, so offenbar die Idee, kannte ja schließlich jeder jeden.

Besonders gründlich haben die Schöpfer von "Der gleiche Himmel" jedoch offenbar "Das Leben der Anderen" studiert. Eine Szene im Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen wirkt, freundlich formuliert, wie eine Hommage an Donnersmarck. Wie in dessen Film befiehlt auch in "Der gleiche Himmel" ein Stasimann einem Gefangenen, während des Verhörs die Hände unter die Oberschenkel zu legen, "Handflächen nach unten".

Das Drehbuch zu "Der gleiche Himmel" stammt von Paula Milne, einer Engländerin, Jahrgang 1947. Dialoge sind nicht ihre Stärke, Ambivalenz ist nicht vorgesehen. Häufig sprechen die Figuren aus, was der Zuschauer ohnehin sieht.

Mitunter klingt es richtig schräg. Sagte man in der DDR anno 1974 wirklich "last, but not least"? Bestellte man damals auf Partys im Westen "zwei Weißweine", ging man zum Essen in ein "Bistro im französischen Sektor"? Vielleicht, um sich, wie es in einer Szene heißt, "das Spektakel auf der Zunge zergehen zu lassen"?

Vergleichsweise elegant werden dagegen reale Ereignisse in die Handlung integriert. Im Bonner Kanzleramt wurde ein DDR-Spion enttarnt, Bundeskanzler Willy Brandt musste wegen des Skandals zurücktreten. Das größere Trauma für viele Westdeutsche war jedoch die Niederlage gegen die DDR bei der Fußballweltmeisterschaft. Der Romeo-Agent, der das Spiel im Westen guckt, muss aufpassen, sich nicht durch Jubel für die falsche Mannschaft zu verraten. Der "Ekel gegen sich selbst", laut John le Carré die Langzeitwirkung jedes Agentendaseins: In "Der gleiche Himmel" wird er erst beim Fußball richtig erkennbar.

Auch in "Honigfrauen", der anderen neuen Miniserie des ZDF, muss sich ein Stasimann verstellen. Er gehört zur sogenannten Balaton-Brigade, die DDR-Bürger während des Urlaubs in Ungarn überwachte. Kontakt zum Klassenfeind oder gar Fluchtversuche in den Westen sollten verhindert werden. Besonders aufmerksam kümmert sich der Agent um zwei schöne Schwestern aus Erfurt (Sonja Gerhardt, Cornelia Gröschel), die am Plattensee zelten. Die jungen Frauen drohen dem Charme eines ungarischen Hotelbesitzers zu erliegen, der heimlich als Fluchthelfer arbeitet.

Das ZDF beschreibt "Honigfrauen" als ein "Familien-Ost-West-Drama in Badehose und Bikini". Die drei Filme der Reihe laufen sonntags auf dem Sendeplatz, der sonst für Rosamunde Pilcher reserviert ist. Regie führte Ben Verbong, ein Holländer, bekannt für die Kinderbuchverfilmung "Das Sams". "Honigfrauen" könnte auf den ersten Blick ein Werbefilm sein für Urlaub in Ungarn, so seicht wie der Plattensee. Die Sonne scheint, das Sonnenöl glänzt, das Campingzelt wackelt.

Doch "Honigfrauen" ist subversiver, als es anfangs scheint. Die Idylle täuscht, wie in einem richtigen Agentenfilm. Bei einem Fluchtversuch in den Westen gibt es Tote, auch ein Kind gerät in Lebensgefahr. Stasiterror im Pilcher-Reich, diese Kombination ist neu. Origineller als die x-te Variation von "Das Leben der Anderen" ist sie in jedem Fall.

Dabei hat sich auch Florian Henckel von Donnersmarck gerade wieder ein deutsch-deutsches Thema vorgenommen. Sein neuer Film "Werk ohne Autor", der im November in die Kinos kommt, beruht auf der Lebensgeschichte des Malers Gerhard Richter, der 1961 aus der DDR in den Westen geflohen war.

Auch der Hauptdarsteller des Films dürfte sich mit dem Thema DDR auskennen: Es ist Tom Schilling, der Stasi-Romeo aus "Der gleiche Himmel".


Sendetermine: "Der gleiche Himmel" am 27., 29., 30. März; "Honigfrauen" am 23., 30. April, 7. Mai; jeweils 20.15 Uhr im ZDF.



insgesamt 5 Beiträge
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Sharoun 27.03.2017
1.
Wer noch immer undifferenziert den Begriff "Diktatur" sowohl für die sich selbst hinwegreformierte DDR als auch für das monströse, bis zum Schluß fanatisch Menschen abschlachtende Dritte Reich verwendet, darf sich über den Vorwurf nicht wundern, er oder sie würden schlicht oberflächlich handeln. Daß aber ausgerechnet bei solchen Leuten immer noch die Deutungshoheit über die historische Betrachtungsweise liegt, ist einfach unsäglich und hinterläßt tiefgreifende Spuren - bspw. im Erstarken und Verfestigen neuer rechter Strukturen, für die der Faschismus mit all seinen Unsäglichkeiten in der Konsequenz nichts anderes war als ein respektabler gesellschaftlicher Gegenentwurf. Wenn es darum geht, hier ENDLICH mal mehr in die Tiefe zu gehen, sind "Überzeugungstäter" wie Biermann wenig hilfreich. Aber vermutlich soll es auch gar nicht anders sein, schaut man sich die Geschichte und Kontinuität der damals jungen Bundesrepublik als Nachfolgerin des Nazireiches an..
kolombo 27.03.2017
2. Schon beachtlich
Das ZDF sendet eine Serie, in der die DDR-Wettkampfmethoden im Leistungsschwimmen überdeutlich gezeigt werden. Und Kristin Otto moderiert derweil seelenruhig weiter den Sportteil im heute-journal.
criticalsitizen 27.03.2017
3. Absolut richtig.
Und der Fanatismus kam aus Preussen mit seinen auch heute noch hochgehaltenen UN-Tugenden von Untertänigkeit und Staatsallmacht.
Berliner42 29.03.2017
4.
Zitat von criticalsitizenUnd der Fanatismus kam aus Preussen mit seinen auch heute noch hochgehaltenen UN-Tugenden von Untertänigkeit und Staatsallmacht.
Das ist jetzt auch ein ziemlicher Unfug, aber wo soll man da anfangen? Ist eh zwecklos. "Fanatismus" ist jedenfalls nicht preußisch und was Korrektheit und Gesetzestreue angeht, bringt das durchaus Vorteile gegenüber badischem oder bayerischem Geklüngel. Da wird ja kein Politiker gewählt, der nicht in einem Mindestmaß korrupt ist und dadurch seine "Kompetenz" bewiesen hat.
steulich 29.03.2017
5. Sehenswert
Bin überrascht über die allgemeine Medienschelte für "Der Gleiche Himmel". Nachdem ich durchaus kritisch auf das Schaffen des Regisseurs Hirschbiegel schaue, so lässt sich das Resultat allerdings wunderbar anschauen. Die Ausstattung ist grandios und hat mich teilweise echt verblüfft, das hat man in deutschen Historienproduktionen aus dieser Zeit bisher so nicht zu sehen bekommen, alle Achtung! Die Schauspieler überzeugen ohne Ausnahme auf ganzer Linie. Obwohl ich kein Fan des Menschen Ben Becker bin, als fieser Stasikrimineller macht er eine grandiose Figur, ganz großes Fernsehen! Natürlich wirken die Zusammenhänge dieser Fiktion teilweise etwas gewagt und konstruiert, dies tut dem Unterhaltungswert allerdings keinen Abruch. Kritikpunkt: es wird leider nicht zu Ende erzählt und man hat fast den Eindruck, da musste jetzt schnell Schluss gemacht werden, damit das Budget nicht überstrapaziert wird. Schade! Lieber hätte man einen 6-Teiler daraus gemacht und den Figuren und Handlungen noch etwas mehr Raum für Tiefgang gegeben. Ansonsten: TOP
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