AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2017

"Sexismus"-Inflation Was ist das für ein ranziges Männerbild?

Der anzügliche Spruch, die Vergewaltigung, das missglückte Kompliment: alles eine Soße. Warum der inflationäre Sexismus-Vorwurf nervt und Männern wie Frauen schadet.

Männliches Rollenverständnis in der Mitte des vorigen Jahrhunderts
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Männliches Rollenverständnis in der Mitte des vorigen Jahrhunderts

Von Jochen-Martin Gutsch


Vor ein paar Tagen las ich in der Zeitung einen Kommentar von Shermin Langhoff, das ist die Intendantin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters. Es ging um Sexismus. Langhoff schrieb unter anderem: "Frauen sind nicht sicher, nicht im Theater, nicht im Film, nicht an anderen Arbeitsplätzen, nicht auf der Straße und nicht einmal zu Hause." Später hörte ich noch ein Interview mit Stefanie Lohaus, sie ist Mitherausgeberin des feministischen "Missy Magazins". Lohaus sagte, "sowohl dumme Sprüche und Belästigungen als auch sexualisierte Gewalt" seien Teil einer "Vergewaltigungskultur".

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Heft 44/2017
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Es sind nur zwei Sätze aus der sehr satzreichen deutschen Sexismus-Debatte, aber sie sind irgendwie exemplarisch für die Tonlage, in der diese Debatte geführt wird. Beim ersten Zitat dachte ich spontan: Frau Langhoff spricht über Afghanistan. Beim zweiten: Ein dummer Spruch ist Teil einer Vergewaltigungskultur? Ernsthaft? Welche Vergewaltigungskultur überhaupt?

Ich bin ein Mann, und mir fehlt der Erfahrungshorizont, was sexuelle Belästigung angeht. Es gibt eine bestimmte Art von schmierigen Witzen, von penetrantem Anbaggern und Begrapschen bis hin zu tätlichen Übergriffen, die fast jede Frau irgendwann erleiden muss, Männer fast nie. Trotzdem fordern nun überall Frauen: Männer, sagt doch auch mal was! Mischt euch ein! Okay, womit soll ich anfangen? Vielleicht mit dem zarten Hinweis, dass die allermeisten Männer keine Sexisten und Frauenbelästiger sind. Das klingt banal, aber ich habe diesen Satz nirgendwo gelesen, er ist irgendwie durchgerutscht in der großen Sexismus-Aufregung.

Dafür gibt es jetzt sehr viele Flirt-Tipps und Hinweise darauf, wie man als Mann eine Frau anspricht, wie man sich ihr nähert, wo ein Kompliment aufhört und die sexuelle Belästigung anfängt. Im SPIEGEL rät eine Kollegin, dass ein Kompliment für die neuen Schuhe in der Kaffeeküche gern angenommen wird, im Morgenmeeting eher nicht. Im "Berliner Kurier" lerne ich in dem Artikel "So bleibt ihr sauber, Männer!", wann Blicke sexistisch werden. Nämlich: wenn "einzelne Körperteile fixiert werden".

In den Flirt-Tipps der "taz" wird im strengen Ton erklärt: "Ignoriert dich die Person, vermeidet Augen- und Körperkontakt, dann hat sie keine Lust. Was macht man dann? Man lässt die Person in Ruhe. Alles, was darüber hinaus passiert, ist sexuelle Belästigung."

Das ist sicher alles gut gemeint, und danke für den Nachhilfeunterricht! Aber manchmal fühlt sich diese Sexismus-Debatte bereits an wie ein Volkshochschulkurs "Flirten für Männer", und ich frage mich natürlich auch, was für ein ranziges Männerbild es da bei vielen Frauen gibt. Sind wir Männer plötzlich alles kleine Weinsteins? Unberechenbare Triebwesen? Der Mann eine einzige sexuelle Belästigung?

Es ist gar nicht lange her, da wurde mit ähnlicher weiblicher Inbrunst das genaue Gegenteil beklagt: dass die Männer von heute viel zu gehemmt seien. Eine Journalistin der "Zeit" schrieb, die "Schmerzensmänner" von heute würden, "statt fordernd zu flirten", nur noch den "einfühlsamen Freund" geben. Da fühle man sich als Frau ungewollt.

Natürlich wurde auch darüber diskutiert, wie es ja überhaupt eine Endlosbeschäftigung mit dem Problemkomplex "Moderner Mann" gibt und wie er zu sein oder eben nicht zu sein hat. Es gibt heute so viele Männerbilder, ich komme kaum noch hinterher. An einem Tag werden die "neuen Väter" ausgerufen, am nächsten wird die "Rückkehr des Machos" gefordert, am übernächsten die "Krise des Mannes" beschworen. Man kann das jetzt alles wieder lesen. Es ist so öde. Es führt zu nichts. Es sind nur Klischees.

Für viele männliche Fehlverhalten gibt es heute Fachbegriffe. Wird nur die Schönheit einer Frau wahrgenommen, wird diese also auf ihre Attraktivität reduziert, dann ist das "Lookism". Sitzt man als Mann mal wieder breitbeinig in der S-Bahn rum, dann ist das "Manspreading".

Wer denkt sich so was eigentlich aus?

 Männliches Ro llenverständnis heute
F1online

Männliches Ro llenverständnis heute

Der schlimmste Mann ist natürlich der "alte weiße Mann". Eine omnipräsente mediale Hassfigur. Der alte weiße Mann ist quasi die Ursache allen Übels in der Welt und wird heute mit einer selbstverständlichen feministischen Verachtung gestraft, warum und wofür, das hat sich mir nie richtig erschlossen. Aber ich wage zu behaupten, dass ich mich als Mann sofort des Sexismus verdächtig machen würde, spräche ich in ähnlich verächtlicher Weise über die "alte weiße Frau".

Jede Sexismus-Debatte hat natürlich ihre Protagonisten. Brüderle. Weinstein. Hans-Joachim Kiderlen. Die Aneinanderreihung zeigt, dass beim Sexismus heute alles vermischt wird. Der anzügliche Spruch, die Vergewaltigung, das missglückte Kompliment - alles eine Soße. Alles das gleiche Problem. Sobald man einer Geschichte das Label "Sexismus" anklebt, stürzen sich alle drauf wie pawlowsche Hunde im Kampf für die gute Sache. Verhältnismäßigkeit existiert nicht mehr, genauso wenig wie die Kategorien "Ungeschicklichkeit" oder "Missverständnis".

Hans-Joachim Kiderlen ist ein pensionierter deutscher Diplomat, 73 Jahre alt. Bei einer Podiumsdiskussion hat Kiderlen die von ihm eingeladene Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli nicht erkannt und sich später mit den Worten zu rechtfertigen versucht: "Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch noch so schön." Sawsan Chebli machte den Vorfall publik, in dem sie "unter Schock" auf Facebook schrieb, solchen Sexismus noch nie erlebt zu haben.

Ich muss zugeben, ich bin an dieser Stelle etwas ratlos. Und auch sehr genervt. Ich habe mit Frauen über die Chebli-Geschichte gesprochen, ich habe rumgegrübelt, aber es tut mir leid: Ich verstehe es nicht. Ganz gewiss: Es ist ein unangebrachter Altherrenspruch mit einer Portion Machismo. Ich kann auch verstehen, dass Frauen so etwas ungeheuer auf die Nerven geht. Aber es ist nicht das, wozu es Frau Chebli später machte: Sexismus. Ich sehe die Unfähigkeit, ein Missverständnis zu lösen, wie zwei erwachsene Menschen es tun: Man redet miteinander. Der Ex-Botschafer Kiderlen hat sich später bei Sawsan Chebli entschuldigt. Was zeigt: Der alte weiße Mann weiß, was sich gehört.

Der inflationäre Gebrauch des Wortes "Sexismus" führt dazu, dass ich immer öfter nur noch genervt mit den Augen rolle, wenn das Wort wieder irgendwo aufpoppt. Das ist eigentlich falsch. Aber ich spüre gerade keine Lust zur Solidarisierung, sondern nur eine große Sexismus-Übersättigung.

Sexismus ist ein starkes Wort. Man sollte es wohldosiert einsetzen, sonst verliert es seine Wucht. Seinen Schrecken. Sonst relativiert es das, was es eigentlich beschützen will. Wir leben ja überhaupt in Zeiten, wo unentwegt starke Worte benutzt werden. Rassismus. Populismus. Homophobie. Darunter machen wir es nur noch ungern. Wir hauen immer auf die größte Pauke.

In den vergangenen Tagen wurde viel darüber diskutiert, warum in Hollywood beim Thema "Harvey Weinstein" alle so lange geschwiegen haben. Warum vor allem die wissenden Männer geschwiegen haben. Es schien ein weiterer Beweis dafür zu sein, wie weit der Sexismus in der Gesellschaft verankert ist.

Dabei geht es hier in Wahrheit um etwas anderes: Zivilcourage. Wenn ich als Mann nicht eingreife, wenn eine Frau sexuell belästigt wird, dann bin ich nicht automatisch ein Sexist, dann fehlt mir schlicht die Zivilcourage. Wenn ich in der U-Bahn nicht eingreife, wenn ein Ausländer angegriffen wird, dann bin ich auch nicht automatisch ein Rassist, dann fehlt mir die Zivilcourage.

Das macht die Sache natürlich nicht besser. Ich finde nur, wenn wir eine Sexismus-Debatte führen, dann sollten wir auch wissen, was Sexismus ist.

Leider weiß ich es auch nicht genau. Ich habe den Überblick verloren. In der "Süddeutschen Zeitung" kamen kürzlich deutsche Schauspielerinnen zu Wort, die über ihre Erfahrungen mit Sexismus berichteten. Eine Schauspielerin sagte: "Bin ich mit meiner Freundin auf einer Premierenfeier, stehen wir bald getrennt. Sie ist groß, blond und sexy. Um sie scharen sich die Leute. Mich übersehen sie."

Was soll man da sagen? Sexismus! Oder: So verhalten sich die Menschen nun mal. Männer wie Frauen. Manche sind attraktiver als andere. Als Schauspielerin wird man besetzt oder nicht. Es ist schwierig, sicher. Undankbar. Aber fragt doch mal die kleinen, dicken Männer, ob ihnen die Rollen nur so zufliegen.

Man kann sich in diesem Sinne auch gut hinter dem Begriff Sexismus verstecken. Er bietet Frauen ein bequemes Alibi, wenn die Karriere nicht ganz nach oben führt, weil das Talent nicht reicht oder andere mehr Biss haben. Zur Not sind immer die gesellschaftlichen Umstände schuld.

Oder der alte, weiße Mann.

Ich würde diesen Text gern versöhnlich enden lassen. Ich glaube, das ist wichtig für die nächsten Sexismus-Debatten, die sicher kommen werden. Man kann es ja eigentlich nur besser machen. Aber wie?

Ich würde mir eine Sexismus-Debatte wünschen, in der ich mich als Mann nicht ausgegrenzt fühle. In der die Männer nicht wie große, dumme Jungen auf der Anklagebank sitzen und die Frauen auf dem Richterstuhl. Eine Debatte, in der wir nicht wieder unsere Zeit damit verschwenden, jemanden auf kleinlichste Weise ein misslungenes Kompliment vorzuhalten, sondern uns den wichtigen Dingen zuwenden: Frauen in Führungspositionen, Lohngerechtigkeit, sexuelle Gewalt et cetera. Eine Debatte, in der wir nicht scheinheilig so tun, als wären Frauen und Männer in ihren sexuellen Verhaltensweisen so völlig unterschiedlich.

Hier nur lauter Täter.

Dort nur lauter Opfer.

Ach ja, und: keine Flirt-Tipps, bitte.



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