AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2018

Ola Rosling über Vorurteile und Faktenwissen Die menschliche Sucht nach Schwarzmalerei

Hat sich die Zahl der Todesopfer von Naturkatastrophen in den letzten 100 Jahren verdoppelt? Oder halbiert? Ola Rosling testet unser Faktenwissen - leider sind unsere Vorurteile stärker.

Vater Rosling 2015: "Wir wussten genau, was wir in seinem Sinne zu tun hatten"
Intertopics / Photoshot

Vater Rosling 2015: "Wir wussten genau, was wir in seinem Sinne zu tun hatten"

Ein Interview von


Ola Rosling

Ola Rosling

SPIEGEL: Herr Rosling, Sie wollen mit harten Daten beweisen, dass die Welt besser ist, als wir denken. Geben Sie uns ein Beispiel?

Rosling: Nehmen wir die Todesopfer von Naturkatastrophen im Lauf der vergangenen hundert Jahre. Was meinen Sie, hat sich die Zahl mehr als verdoppelt? Ist sie unverändert hoch? Oder hat sie sich mehr als halbiert? Die letzte Antwort ist richtig. Aber von rund 12.000 Befragten in 14 Ländern haben im Schnitt nur zehn Prozent diese Antwort gewählt, in Deutschland waren es sechs Prozent.

SPIEGEL: Woher kommt diese Fehleinschätzung?

Rosling: Wir sind überzeugt, Mutter Natur schlage immer stärker zurück, sie räche sich an uns. Ein stimmiges Bild, aber es ist falsch. Natürlich gibt es gelegentlich ein Jahr mit sehr hohen Opferzahlen. Aber wenn wir ganze Jahrzehnte vergleichen, sehen wir einen klaren Trend. In den Dreißigern wurden im Schnitt 971.000 Tote pro Jahr gezählt. Im laufenden Jahrzehnt, 2000 bis 2016, sank der Mittelwert auf jährlich 72.000 Todesopfer. Warum blieb dieser Rückgang unbemerkt? Wir können uns heute besser schützen als früher. Aber wir schaffen es nicht, das zu feiern.

SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch präsentieren Sie eine ganze Reihe solcher Fragen. Schneiden die Leute immer so schlecht ab?

Rosling: Wir arbeiten seit Jahren mit rund 200 Fragen. Für das Buch haben wir die zwölf gemeinsten ausgesucht - die Leser sollen erst einmal so richtig scheitern. Und ja, in der Regel liegen fast alle Befragten falsch. Sie sehen die Dinge viel zu pessimistisch. Noch ein Beispiel?

SPIEGEL: Bitte.

Rosling: Wir zählen derzeit etwa zwei Milliarden Kinder im Alter von bis zu 15 Jahren. Wie viele werden es nach Uno-Berechnungen zum Ende dieses Jahrhunderts sein? Vier Milliarden? Drei? Oder immer noch zwei? Wieder trifft die dritte Antwort zu. In Deutschland entschieden sich dafür nur neun Prozent der Befragten, in anderen Ländern war es kaum besser.

SPIEGEL: Wie viele Menschen kommen überhaupt auf die richtige Lösung?

Rosling: Im Schnitt etwa zehn Prozent.

SPIEGEL: Also wären die Befragten, bei nur drei möglichen Antworten, besser gefahren, wenn sie einfach geraten hätten.

Rosling: Stimmt. Wenn Sie die Wahl einem Schimpansen überlassen, wird er immerhin ein Drittel der richtigen Antworten treffen.

SPIEGEL: Hauen gebildete Leute weniger daneben?

Rosling: Leider nicht. Bildung allein garantiert keine faktenbasierte Weltsicht, im Gegenteil. Wer sich eingehend mit den globalen Problemen beschäftigt, der hält sie irgendwann für allgegenwärtig. Der Kopf ist einfach voll davon. Deshalb unterliegen auch Fachleute dieser Verzerrung. Im vergangenen Jahr erst habe ich das auf dem World Health Summit in Berlin getestet. Dort fragte ich die versammelten Mediziner nach der Impfquote bei einjährigen Kindern: Sind 20 Prozent gegen mindestens eine Krankheit geimpft? Oder 50? Oder gar 80? Sogar diese Experten schnitten schlechter ab als Affen. 80 Prozent wäre richtig gewesen.

SPIEGEL: Woher kommt diese hartnäckige pessimistische Verzerrung?

Rosling: Mein Vater ...

SPIEGEL: ... der bekannte Mediziner und Statistiker Hans Rosling ...

Rosling: ... dachte vor 20 Jahren, der aktuelle Wissensstand habe sich wohl noch nicht überall herumgesprochen. Also haben wir den Leuten unermüdlich Daten eingehämmert. Aber das half nicht viel. Heute wissen wir: Es ist nicht der Mangel an Daten. Die Menschen haben einfach grundlegend falsche Vorstellungen von der Welt, sie folgen einer instinktiven Neigung zum Dramatisieren.

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SPIEGEL: Das Schwarzsehen ist fest in unseren Köpfen verdrahtet?

Rosling: Ich denke, die Evolution hat uns damit ausgestattet. Ständig in Sorge zu sein dürfte für unsere Urahnen ein Überlebensvorteil gewesen sein. Leider sind wir, wenn es um unser Weltbild geht, noch heute fixiert aufs Negative, wir verlangen geradezu danach.

SPIEGEL: Was lässt sich dagegen tun?

Rosling: Wir brauchen eine neue Wissenskultur. Zunächst muss ich akzeptieren, dass ich diesen Filter im Kopf habe. Die Irrtümer, zu denen er mich verleitet, sind aber doch faszinierend - sie zu korrigieren sollte mir Spaß machen. Im Buch erklären wir anhand der gemeinen Beispielfragen, wie die Leser zu einem wahrhaftigeren Bild der Welt finden könnten. Auf unserer Website gapminder.org bieten wir dazu weiterführendes Material.

SPIEGEL: Ihr Vater ist während der Arbeit am gemeinsamen Buch verstorben. War es schwierig, ohne ihn fertig zu werden?

Rosling: Ja und nein. Meine Frau Anna, mein Vater und ich, wir haben viele Jahre als Trio zusammengearbeitet. Ich hatte schon 1999 mein Studium abgebrochen, um ihm bei seinem Aufklärungsprojekt zu helfen. Als er vor etwa zwei Jahren erfuhr, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, blieben uns noch zwölf Monate gemeinsamer Arbeit. Es war am Ende schrecklich, ihn zu verlieren. Aber wir hatten noch kaum Zeit zu trauern; das Buch zu vollenden hat uns enorm beansprucht. Unser Trost war: Wir wussten genau, was wir in seinem Sinne zu tun hatten.

SPIEGEL: Werden Sie das Lebenswerk Ihres Vaters fortsetzen?

Rosling: Das werden wir. Als Nächstes wollen wir unsere Methode, mit Testfragen grundfalsche Vorstellungen aufzudecken, auf einzelne Länder anwenden. Zum Beispiel: Worin irren die Deutschen über Deutschland?



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