AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2017

"Der Stern von Indien" Brexit im Palast

In der Komödie "Kick It Like Beckham" zeigte die britische Regisseurin Gurinder Chadha die Emanzipation einer Fußballerin. Jetzt hat sie ein Historienepos über die Emanzipation eines ganzen Landes gedreht: "Der Stern von Indien".

Darsteller Bonneville, Anderson in "Der Stern von Indien": Hundefutter auf dem Silbertablett
Tobis

Darsteller Bonneville, Anderson in "Der Stern von Indien": Hundefutter auf dem Silbertablett

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Eine Feier zum 70. Geburtstag ist in der Regel eine harmonische Angelegenheit. Mit Nostalgie blickt der Jubilar auf sein Leben zurück. Die meisten Angehörigen wären wohl ziemlich irritiert, wenn gerade jetzt jemand aus der eigenen Sippe an das Chaos des Anfangs erinnern würde, an alte Familienstreitigkeiten und den Krieg mit dem Nachbarn.

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Heft 32/2017
Wie Bundesregierung und Konzerne den Ruf der Auto-Nation Deutschland ruinieren

Aber manchmal muss es sein. Für Außenstehende ist so ein Drama ohnehin faszinierend.

Ein Jubiläum also und dazu ein Spielfilm, der keine Hommage sein will; dafür kennt seine Schöpferin die Familie zu gut. "Viceroy's House" - in Deutschland kommt der Film unter dem Titel "Der Stern von Indien" in die Kinos - erzählt von der schweren Geburt zweier Staaten, Indien und Pakistan, die vor 70 Jahren gegründet wurden, im August 1947. In den Hauptrollen als skrupellose, aber überforderte Geburtshelfer: die Briten.

Über Jahrhunderte hinweg hatten sie den indischen Subkontinent ausgebeutet. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wollten sie ihre Kronkolonie so schnell wie möglich loswerden. Eine Art Brexit, nur blutiger und dreckiger, verantwortet von einem Mitglied der königlichen britischen Familie mit einer Vorliebe für weiße Marineuniformen: Lord Louis Mountbatten, ein Urenkel von Queen Victoria, war der "Viceroy of India", der letzte Vizekönig.

"In der Schule habe ich über das Thema Kolonialismus so gut wie nichts erfahren. Obwohl es ein wichtiger Teil unserer Geschichte ist", sagt Gurinder Chadha, die Regisseurin von "Viceroy's House". Unsere Geschichte: Bei Chadha hat das eine doppelte Bedeutung. Sie ist Britin, doch ihre Vorfahren stammen aus dem Punjab, heute indisch-pakistanisches Grenzgebiet. Chadha selbst wurde 1960 in Nairobi, Kenia, geboren, damals eine britische Kronkolonie mit einer großen indischen Gemeinde. Als Kleinkind kam sie mit ihren Eltern nach London, nach Southall. "Little India" wird der Stadtteil noch immer genannt.

Filmemacherin Chadha: Regeln biegen, ohne sie zu brechen
David Heerde/Geisler-Fotopress/DPA

Filmemacherin Chadha: Regeln biegen, ohne sie zu brechen

Heute ist Chadha eine der wichtigsten Regisseurinnen Europas, ihr Spielfilm "Kick It Like Beckham" war 2002 ein Welterfolg. Es ging darin um eine junge Britin mit indischen Wurzeln, die Fußballerin werden möchte - wie ihre weiße Freundin, gespielt von Keira Knightley. Chadha verwandelte das Drama der Emanzipation in eine Komödie, ein selbstironischer Blick auf die eigene Community, die hin- und hergerissen ist zwischen Traditionsbewusstsein und Anpassung an die oft feindselige weiße Mehrheitsgesellschaft.

Es ist in Teilen auch Chadhas eigene Biografie, "Regeln zurechtbiegen, ohne sie zu brechen", wie sie heute sagt, ein Filmtitel als Metapher für das Leben vieler Immigranten. "Bend It Like Beckham" heißt der Film im Original, auf Umwegen zum Ziel wie einst der Fußballstar. Seine Freistöße zirkelte er in eleganten, unberechenbaren Bögen am Gegner vorbei.

Gurinder Chadha lebt schon lange nicht mehr in Little India. Zum Interview lädt sie in ihr Haus im Londoner Stadtteil Primrose Hill. Von der Dachterrasse aus kann man den Regent's Park sehen. Der Nun-doch-wieder-James-Bond-Darsteller Daniel Craig wohnt in der Nachbarschaft.

In Chadhas Küche stehen zwei kleine Regiestühle, auf den Rückenlehnen die Namen ihrer Kinder, Ronak und Kumiko, Zwillinge, geboren 2007. Chadhas Ehemann und Drehbuchautor Paul, 48, ein Amerikaner, serviert Tee. Die Regisseurin ist barfuß, sie trägt ein weites Kleid mit folkloristischen Stickereien.

"Als Jugendliche habe ich mich geweigert, indische Klamotten zu tragen", sagt Chadha. "Ich wollte auch nicht lernen, wie man Indisch kocht."

In "I'm British But ...", einer Dokumentation von 1989 - Chadha arbeitete damals als Journalistin für die BBC -, spaziert sie mit einer Englischen Bulldogge durch Southall. Ihr Vater, ein frommer Sikh, betrieb im Viertel einen kleinen Laden, Chadha stand als Jugendliche oft an der Kasse. Eine Erfahrung, die offenbar erstaunliche Kräfte freisetzen kann. Auch Margaret Thatcher, seinerzeit Premierministerin, war die Tochter eines Ladenbesitzers.

Chadha lächelt, wenn man sie auf die Parallele anspricht. "Ich habe Respekt davor, wie sich Thatcher in der Männerwelt durchgesetzt hat. Sie hat nur leider die falsche Politik gemacht."

Einst war Chadha die erste britisch-indische Filmemacherin überhaupt. Heute, fast 30 Jahre später, "bin ich leider immer noch die einzige". Ihre Biografie, die Geschichte ihrer Familie, macht sie nun zur idealen Chronistin der letzten Monate der britischen Herrschaft in Indien.

Im Video: Uma Qureshi und Gurrender Chadha über den Film "Der Stern von Indien"

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"Der Stern von Indien" beginnt mit einem Zitat: "Geschichte wird von Siegern geschrieben." In diesem Fall: von einer Siegerin.

Chadhas Film ist ein Politdrama, aber dabei so subversiv, humorvoll und auch kitschig, dass man ihm seine Ernsthaftigkeit lange nicht anmerkt. Anfangs wirkt er wie ein Kostümfilm über gutmütige Schnösel, die in der Fremde geheimnisvolle Eingeborene treffen, um ihnen die Vorzüge des englischen Klassensystems zu erklären. Hugh Bonneville verkörpert Lord Mountbatten, er guckt dabei so treuherzig wie ein Labrador - ein Gesicht, das Bonneville schon als Earl in der Adelsserie "Downton Abbey" machte, wenn der mal wieder das Personal zusammenscheißen musste. "Durch seinen Charme", sagt ein Diplomat im Film über Mountbatten, "vergisst ein Aasgeier den Kadaver."

Anfang 1947 schickt die britische Regierung den Lord mit Frau und Tochter nach Delhi, um Indien endlich den Indern zu überlassen. Mountbattens Dienstwohnung, Viceroy's House, symbolisiert die Macht und die Arroganz des alten Empire. Ein Labyrinth aus 340 Zimmern und kilometerlangen Korridoren, umgeben von einem Park. "Dagegen ist der Buckingham-Palast ein Sommerhäuschen", sagt Lady Edwina, Mountbattens Frau (Gillian Anderson).

In Chadhas Film ist Viceroy's House ein Mikrokosmos, stellvertretend für die gesamte Region. Denn der Hofstaat der Mountbattens, ein paar Hundert Gärtner, Diener und Köche, sind natürlich Einheimische. Hindus, Muslime und Sikhs fegen gemeinsam den palasteigenen Tennisplatz; sie helfen dem Lord beim Ankleiden; sie servieren das Futter für Edwinas Hund auf einem Silbertablett. Die Lady, ausgezehrt durch die jahrelange Lebensmittelrationierung in England, verspeist das Hundefutter lieber selbst. Absurd? Jedenfalls nicht erfunden; die Szene stammt aus den Memoiren von Mountbattens Tochter Pamela.

Sogar eine Liebesgeschichte zwischen einem Hindu und einer Muslimin gibt es im Palast, züchtig inszeniert wie in einem Bollywood-Film, mit Tanz statt Sex. Doch auch diese Romanze ist bedroht durch die große Politik.

Denn in Viceroy's House finden auch die Verhandlungen mit den wichtigsten indischen Politikern statt. Mit Mahatma Gandhi, dem "halb nackten Fakir", wie Churchill ihn genannt hat; mit Pandit Nehru, dem Anführer der Hindus; mit Mohammed Ali Jinnah, der einen eigenen Staat für die indischen Muslime fordert, Pakistan. Jinnahs Argument, so zynisch wie wahr: "Die Briten haben Irland geteilt, um den Frieden zu wahren. Ebenso teilen sie Palästina. Sie müssen hier das Gleiche tun."

Die Zeit drängt, der Konflikt zwischen Hindus und Muslimen eskaliert, Fanatiker geben den Ton an. Im Palast gehen die Angestellten aufeinander los, in Teilen des Landes herrscht Bürgerkrieg. Die Regisseurin nutzt dafür echte Archivbilder aus dem Jahr 1947: zerstörte Dörfer, verstörte Flüchtlinge. Spätestens mit diesen Szenen kommt das Historienepos in der Gegenwart an. Während der Dreharbeiten im Spätsommer 2015 in Indien "liefen im Fernsehen die Nachrichten über den Krieg in Syrien", sagt Chadha.

Wie die Geschichte 1947 ausging, ist bekannt: Indien wurde geteilt. Den Grenzverlauf legte ein britischer Anwalt fest, der nie zuvor in der Region gewesen war. "Ein Axthieb, der quer durch das Leben der Menschen geht", wie er im Film sagt, geleitet von den geostrategischen Interessen der Briten und ihrer Verbündeten.

Der sogenannte Mountbatten-Plan löste eine der größten Flüchtlingskrisen des 20. Jahrhunderts aus. Mehr als zehn Millionen Menschen verloren ihre Heimat: Hindus und Sikhs wurden aus Pakistan vertrieben, Muslime aus Indien. Rund eine Million Menschen kamen dabei ums Leben.

Auch die Familie der Regisseurin musste fliehen, von Pakistan nach Indien. Die kleine Schwester ihres Vaters verhungerte unterwegs, Chadhas Großeltern, auf der Flucht getrennt, trafen sich nach 18 Monaten in einem Lager wieder. "Dieser Film ist allen Opfern und allen Überlebenden der Teilung gewidmet", heißt es im Abspann.

Bis heute, das zeigt der Film nicht mehr, streiten die Atommächte Indien und Pakistan um das Grenzgebiet. Drei Kriege haben sie bereits gegeneinander geführt. Kompromissbereitschaft gegenüber dem Nachbarn gilt in beiden Ländern als Schwäche.

Chadhas Film, koproduziert von einer Firma des indischen Multimilliardärs Anil Ambani, gilt deshalb in der Region als Politikum. Mitte August startet er unter dem Titel "Partition: 1947" auch in Indien. Aus Pakistan kommt dagegen Protest: Der Film sei ein Produkt "kolonialer Fantasie", giftete die Autorin Fatima Bhutto, ein Mitglied jener Dynastie, die das Land in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder regiert hat. Indische Filme werden in Pakistan regelmäßig verboten.

Und Mountbatten? Nach seiner Zeit in Delhi machte er weiter Karriere bei der Navy. 1979 wurde er von Terroristen der nordirischen IRA ermordet.

Viceroy's House, der Palast in Neu-Delhi, ist heute der Amtssitz des indischen Präsidenten. Mitglieder der britischen Königsfamilie sind dort immer herzlich willkommen - als Gäste.


"Der Stern von Indien". Kinostart: 10. August

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