AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2017

Heimliches Firmengeflecht in Luxemburg Wie VW am deutschen Finanzamt vorbeifährt

Volkswagen hat im Steuerparadies Luxemburg ein verschachteltes, milliardenschweres Firmenimperium gebaut - mit gerade mal fünf Vollzeitbeschäftigten. Die Absicht dahinter ist klar.

Aufsichtsratschef Pötsch, Konzernchef Matthias Müller auf der Hauptversammlung am 10. Mai
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Aufsichtsratschef Pötsch, Konzernchef Matthias Müller auf der Hauptversammlung am 10. Mai

Von , und Blaz Zgaga


Als Hans Dieter Pötsch im Frühjahr 2013 nach den Steuersparmodellen einiger internationaler Konzerne gefragt wurde, schien aufrichtige Empörung aus seinen Worten zu sprechen. "Für Volkswagen sage ich klipp und klar, solche Spiele haben wir nie betrieben", erklärte der VW-Manager.

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Heft 44/2017
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Von der Dieselbetrugsaffäre wusste die Öffentlichkeit da noch nichts. Und so konnte Pötsch unwidersprochen darüber philosophieren, wie wichtig dem Autokonzern "good citizenship" sei. So nennt man es heute, wenn Konzerne sich an Recht und Gesetz halten, brav ihre Steuern zahlen und sich womöglich auch noch gesellschaftlich engagieren.

Keine Steuerspielchen also. Pötsch musste es wissen, der heutige Aufsichtsratschef zeichnete seinerzeit als Finanzvorstand verantwortlich, unter anderem für die Steuerpolitik des Konzerns.

Eine Kleinigkeit unterschlug Pötsch damals jedoch: VW unterhielt bereits seit 2012 eine Holding und eine Finanzierungsgesellschaft - in Luxemburg, bekannt für sein konzernfreundliches Steuerregime. Seitdem haben die Wolfsburger ein kaum zu durchschauendes Netz aus Kapitalverflechtungen und Finanzströmen in dem Großherzogtum gewoben und alles in allem Beteiligungen im Wert von mehr als 17 Milliarden Euro dorthin verlagert.

2014 - Pötsch war immer noch Finanzvorstand - entschied VW, einen großen Teil seiner internationalen Beteiligungen in Luxemburg zu bündeln.

Noch im selben Jahr hängte der Autohersteller fast zwei Dutzend Tochtergesellschaften von einer niederländischen Holding an die Volkswagen Finance Luxemburg S.A. (VFL) um.

Zu den Motiven für das Luxemburg-Modell sagt der "good citizen" VW heute: "Die Etablierung von Holding- und Finanzierungsgesellschaften an einem regulatorisch attraktiven Standort hat vor allem finanzstrategische Gründe." So habe etwa die Abwehr einer Mehrfachbesteuerung bei Dividenden "nichts mit einem Steuersparmodell zu tun". Das klingt nach Notwehr gegen die Tücken des deutschen Steuerregimes.

Der Wolfsburger Konzern rühmt sich, 2016 weltweit rund drei Milliarden Euro Steuern gezahlt zu haben. Aber es hätten mehr sein können, vor allem in Deutschland. Der SPIEGEL und das Recherchenetzwerk EIC haben Dutzende Geschäftsberichte und Dokumente analysiert und festgestellt, dass der Autohersteller, an dem das Land Niedersachsen 20 Prozent der Stimmrechte hält, diverse Vorteile des Holding-Standorts Luxemburg genutzt und so offenbar in erheblichem Umfang Steuern gespart hat.

"Wenn ein Konzern, an dem der Staat als Großaktionär beteiligt ist, den Standort Luxemburg nutzt, um Steuern zu optimieren, ist das besonders befremdlich", kritisiert Sven Giegold, Finanzexperte der Grünen im Europaparlament.

Zuletzt hatte ein besonders aggressives Vorgehen des US-Konzerns Amazon die Diskussion um die Modelle angeheizt, mit denen internationale Konzerne Gewinne in Niedrigsteuerländer wie Luxemburg verlagern und die Steuerbasis aushöhlen. Eine OECD-Initiative, die derartigen Steuerwettbewerb zugunsten der Konzerne eindämmen sollte, hat bislang wenig bewegt.

In den laufenden Koalitionsverhandlungen dürfte das Thema wieder auf die Agenda kommen. "Es wird höchste Zeit, dass die deutsche Bundesregierung ihren Widerstand gegen öffentliche Steuertransparenz bei Großunternehmen aufgibt", sagt Giegold.

Die FDP fordert in ihrem Wahlprogramm eine EU-Richtlinie gegen die "Vermeidung steuerlicher Bemessungsgrundlagen durch grenzüberschreitende Verschiebung von Gewinnen".

Auch der Volkswagen-Konzern hat in Luxemburg Strukturen geschaffen, die eine Gewinnverlagerung ermöglichen. VW steuert die Finanzströme namhafter Konzernmarken wie Škoda, Seat und Bentley sowie etliche Landesgesellschaften aus Brasilien, Großbritannien, Russland und Japan bis Australien über die Luxemburger Holding. Insgesamt 26 Töchter zählte VFL zuletzt und wies eine Bilanzsumme von 14,8 Milliarden Euro aus.

Die Zahl der Mitarbeiter hingegen ist überschaubar. Nur fünf Vollzeitbeschäftigte betreuen dieses Luxemburger Firmenimperium.

"VW und die Bundesregierung müssen sich fragen lassen, warum eine solche Luxemburg-Holding steuerrechtlich anerkannt wird", sagt Grünen-Finanzexperte Giegold. "Es ist schon putzig, bei einer Gesellschaft mit fünf Mitarbeitern die erforderliche steuerliche Substanz zu erkennen."

VW findet das normal. "Die personelle Ausstattung unserer Gesellschaften in Luxemburg ist fachlich hochwertig und aufgabenadäquat." Entsprechend der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs müsse für ein Geschäft nicht mehr Personal aufgebaut werden als nötig.

Dieses Geschäft lässt sich folgendermaßen beschreiben. Von 2014 bis 2016 haben VW-Töchter 5,8 Milliarden Euro nach Luxemburg überwiesen. Die dortige Holding VFL wies für die Zeit 3,5 Milliarden Euro Gewinn aus, entrichtete aber nur 1,7 Millionen Euro Steuern, das entspricht einem Steuersatz von 0,05 Prozent.

Zwar führen operative Töchter wie Seat oder Škoda bereits in ihren Heimatländern Unternehmensteuern ab, sie überweisen also nur einen Nettogewinn nach Luxemburg. Dass VFL diese Dividenden in aller Regel steuerfrei vereinnahme, sei daher "wirtschaftlich richtig", erklärt VW. Wenn die Dividenden nach Deutschland gingen, würden fünf Prozent davon noch einmal mit Körperschaftsteuer und Solidaritätszuschlag besteuert.

Die Luxemburger Holding hat jedoch in den vergangenen Jahren offenbar nur einen Teil der Dividenden nach Wolfsburg abgeführt, mindestens drei Milliarden Euro verblieben in Luxemburg oder flossen wieder dorthin zurück.

VW-Gelände in Wolfsburg
Paul Langrock / Zenit / Laif

VW-Gelände in Wolfsburg

Sie wurden in der VW-Gruppe als Darlehen gewissermaßen recycelt - eine zweite Gewinnquelle für VFL.

An der Luxemburger Holding hängen mehrere Finanzierungsgesellschaften. Die Firma Volkswagen International Luxemburg beispielsweise wird von VFL mit Kapital und flüssigen Mitteln ausgestattet und vergibt in großem Stil Kredite innerhalb des Konzerns. Internationale VW-Töchter in Frankreich, Schweden oder Portugal zahlen auf diese Kredite Schuldzinsen, die sie offenbar in ihren Heimatländern steuermindernd geltend machen.

Diese Finanzierungsgesellschaften geben die Zinseinnahmen als Dividenden an die Holding VFL weiter, die darauf keine Steuern zahlt.

Unter dem Strich führen die Kredit- und Kapitalbeziehungen innerhalb der Gruppe dazu, dass Gewinne bei den produzierenden Töchtern geringer ausfallen und stattdessen verstärkt im steuerlich attraktiven Luxemburg auflaufen.

Besonders lukrativ ist das, wenn viel Gewinn auf einmal anfällt - so wie 2016, als der VW-Konzern seinen 50-Prozent-Anteil an der Leasinggesellschaft LeasePlan verkaufte. 1,75 Milliarden Euro spülte der Verkauf in die Kassen der Luxemburger Holding. Wie bei den Dividenden gilt auch hier: Auf die Veräußerungsgewinne fällt keine Kapitalertragsteuer an, solange das Geld in Luxemburg bleibt. In Deutschland müssen fünf Prozent der Einnahmen versteuert werden, was im Fall LeasePlan theoretisch rund 25 Millionen Euro bedeutet hätte.

VW erklärt zu alledem, die Besteuerung der Gesellschaften in Luxemburg basiere "auf gesetzlichen Regelungen, alles andere wäre unzulässig". Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass sich VW ein sogenanntes tax ruling zunutze macht, eine mit den Luxemburger Steuerbehörden abgesprochene Auslegung der dortigen Steuergesetze. VW dementiert das nicht.

Wie viel Steuern der Konzern mit dem Konstrukt insgesamt spart, ist kaum zu ermitteln. Zumal nicht nur VW die Vorteile Luxemburgs nutzt, sondern auch zahlreiche Konzerntöchter: Audi, Bugatti, MAN und Scania unterhalten Gesellschaften im Großherzogtum.

Und auch in das Zeitalter der neuen Mobilität fährt der "good citizen" VW über Luxemburg. 2016 haben die Wolfsburger dort die Volkswagen New Mobility Luxemburg gegründet, um Beteiligungen aus der Welt des Carsharings, der Elektromobilität und des autonomen Fahrens aufzuhängen und zu finanzieren. Erste Käufe hat die neue Holding schon getätigt, obwohl sie gar keine Mitarbeiter hat.

Das Management übernehmen die fünf Kollegen von der Holding VFL.



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