AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2017

Luxus für Pendler Die Bahn präsentiert den Zug der Zukunft

Die Bahn entwickelt den Regionalzug der Zukunft - mit Loungebereich, Spielecenter und sogar einem Fitnessstudio an Bord.

Helena Lea Manhartsberger

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Die Fahrt zwischen Wohnort und Arbeitsplatz ist selten eine Vergnügungstour, der Pendleralltag gilt als trist. Doch was ist schlimmer - die verstopfte Straße oder der überfüllte Zug?

Bahnfahren ist grüner und sicherer, Autofahren hat den Charme der Privatsphäre und des direkten Transports von Tür zu Tür. Das einzig Lästige daran, das Fahrzeug selbst steuern zu müssen, werden die Hersteller auch noch abschaffen. Der autonome Pkw, in dem der Fahrer lesen oder schlafen kann, soll bald Realität werden - womöglich eine scharfe Waffe im Konkurrenzkampf mit dem Schienenverkehr: "Das Auto kann dann unseren Systemvorteil adaptieren", fürchtet Jürgen Dornbach, Geschäftsführer der DB RegioNetz Infrastruktur GmbH.

Der promovierte Finanzwissenschaftler sieht hier ein Problem, das ihn auch dienstlich betrifft. Unter seiner Regie entwickelt das Innovationslabor der Bahn neue Zugkonzepte. Um sich für die fahrerlose Zukunft zu wappnen, haben seine Tüftler einen Pendlerzug als Erlebnisraum geschaffen - und zwar in einem Maße, wie es in einem autonomen Auto niemals möglich wäre. Am 7. November will die Bahn ihren "Ideenzug" in Nürnberg präsentieren.

Was dort gezeigt wird, ist derzeit noch ein begehbares 1:1-Modell eines 27 Meter langen Doppelstock-Waggonkastens aus der Werkstatt der Mockup-Schreinerei Stonner. Das Augsburger Unternehmen ist ein bewährter Kulissenbauer des Schienenverkehrs. Hier entstanden schon die Modelle verschiedener Fahrzeugtypen von S-Bahnen bis zum ICE 4 - aber noch nie ein so unkonventioneller Entwurf.

Wer die gut eine Million Euro teure Zugkulisse im Erdgeschoss betritt, könnte den Eindruck gewinnen, die Bahn wolle künftig mehr als Wellnessoase denn als Transportunternehmen verstanden werden. Statt der üblichen Sitzgarnituren wurde am einen Ende ein Kinderparadies mit Mini-Kletterwand installiert und am anderen ein Trimm-dich-Bereich mit Standfahrrädern und Yogakabine. Dazwischen erstreckt sich ein hübsches Bistro sowie der Public-Viewing-Bereich mit einem Großbildschirm, auf dem sich etwa Fußballübertragungen im Zug verfolgen lassen.

Helena Lea Manhartsberger

Im Obergeschoss liegt eine Art erste Klasse, die die Ideenzugplaner jedoch nicht so nennen. Sie verfügt über eine Panorama-Lounge mit Drehstühlen im Edelfilzbezug und einem wuchtigen Massagesessel. Es gibt Schlafnischen und eine Einzelkabine mit gläserner Trennwand. Anspruchsvolle Berufspendler würden durchaus zehn Euro Aufpreis pro Fahrt für 45 Minuten in einem solchen Separee bezahlen, sagt Carsten Hutzler, Projektleiter im Innovationslabor.

Intensive Marktforschung habe solche Erkenntnisse erbracht. DB-Manager Dornbach legt als Grundlage für den Ideenzug eine Bestandsanalyse vor, die durchaus kritisch mit dem eigenen Haus umgeht: In Fotos dokumentiert sie abstruse Fehler, die bei der Möblierung und technischen Ausstattung bisheriger Züge unterliefen. Da wurden Steckdosen oben an der Gepäckablage untergebracht, wo kein Mensch sie braucht und auch nicht sucht; manche Sitze in der ersten Klasse liegen so weit auseinander, dass das Tablett an der Rückenlehne davor schier unerreichbar ist. Solche konzeptionellen Entgleisungen sollen künftig nicht mehr vorkommen.

Aus Kundenbefragungen schufen die Projektplaner nun Musterpassagiere und gaben diesen sogar Namen: Der komfortbewusste Pendler "Holger", "Jan" (eher digital orientiert), "Familie Schmidt", Studentin "Sophie" und Seniorin "Elwira" bevölkern die virtuelle Eisenbahn. Die Einrichtungsmodule des Ideenzugs entsprächen ihren jeweiligen Bedürfnissen, sagt Hutzler; sie seien "keine Luftschlösser".

Der Bahnvisionär ahnt es wohl: Die Kritik, dass hier ein Expresszug nach Utopia aufbricht, scheint ebenso programmiert wie die nächste Streckensperrung bei Starkwind. Im täglichen Pendlerstrom geht es vor allem um Kapazität beziehungsweise den Mangel an derselben. Definiert und bestellt werden neue Regionalzüge gewöhnlich von Behörden der Landesregierungen. Und wenn diese die Steuergelder in fahrende Turnsäle stecken, während die Züge im Berufsverkehr aus allen Nähten platzen, sind Konflikte absehbar.

Nicht zuletzt deshalb wurde die Bayerische Eisenbahngesellschaft, einer der größten Zugbesteller der Republik, früh ins Planungsteam des Ideenzugs einbezogen. Deren Geschäftsführer Thomas Prechtl hält vieles an dem Modell für "gut umsetzbar", jedoch "nicht in den Ballungsräumen, sondern in der Fläche". Es gebe eine wachsende Zahl von Langstreckenpendlern - Ergebnis einer Explosion der Wohnungspreise in den Metropolen. Für Menschen, die zwei Stunden und mehr am Tag im Zug verbringen, sei der Ideenzug perfekt geeignet. Und auf längeren Strecken habe die Bahn auch mehr Spielraum für extravagante Möblierungen.

Helena Lea Manhartsberger

Zum Teil gingen diese nicht einmal auf Kosten der Kapazität. Im Gegenteil: Loungebereiche ließen sich sogar so einrichten, dass mehr Menschen einen Sitzplatz fänden als auf einer konventionellen Bestuhlung. Prechtl nennt die jüngsten Münchner U-Bahn-Züge als beispielhaft dafür. Ähnliche Lösungen sollen sich bald auch in den S-Bahnen wiederfinden, und auch der Ideenzug sei an manchen Stellen in diesem Sinne möbliert.

Als ersten Schritt will Prechtl in neuen Zügen die weniger spektakulären Module wie Bistros und Bildschirme Realität werden lassen. Mit dem kühnen Entwurf vom rollenden Sportstudio blicke man dagegen "gut 30 Jahre in die Zukunft".

Bahnmanager Dornbach hingegen kann sich solche Wellnesszüge sogar schon in fünf Jahren vorstellen. Zuvor müsse aber sichergestellt werden, dass ein Zug mit derlei Einrichtungen überhaupt auf die Schiene darf.

Diese Freigabe muss vom Eisenbahn-Bundesamt kommen, einer nicht gerade für Humor und Ideenfreude bekannten Instanz. Die Vorstellung, dass ein Passagier gerade in der Yogakabine zum Kopfstand ansetzt, während der Lokführer eine Vollbremsung einleitet, könnte die Bonner Beamten durchaus irritieren. "So etwas durch die Zulassung zu bekommen", ahnt Dornbach, "wird nicht ganz einfach sein."



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