AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2017

Neue Deutsche-Bank-Bosse Machtspieler mit menschlichem Antlitz

Bei der Deutschen Bank übernimmt eine neue Generation die Macht, die zum Lachen nicht in den Keller geht. Humor können Christian Sewing und Marcus Schenck gut gebrauchen, sie müssen als Doppelspitze ran. Gemeinsam? Oder gegeneinander?

Privatkundenvorstand Sewing: Typ perfekter Schwiegersohn
Markus Hintzen/ DER SPIEGEL

Privatkundenvorstand Sewing: Typ perfekter Schwiegersohn

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Im Oktober 2014 trafen sich Marcus Schenck, 51, und Christian Sewing, 46, zum ersten Mal. Die beiden Männer saßen gemeinsam in einem der verspiegelten Zwillingstürme der Deutschen Bank in der Frankfurter Taunusanlage und warteten darauf, zum Aufsichtsrat vorgelassen zu werden. Die Kontrolleure um Aufsichtsratschef Paul Achleitner sollten Schenck und Sewing in den Vorstand berufen.

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Heft 14/2017
Was der rasante digitale Fortschritt dem Menschen abverlangt

Die Aspiranten vertrieben sich die Wartezeit mit einem Gespräch über Fußball und stellten fest, dass sie wie zehn Millionen andere Deutsche Anhänger des FC Bayern sind. Der eine, Schenck, weil er aus Memmingen im bayerischen Allgäu kommt; der Bielefelder Sewing, weil das Sportgeschäft der Rummenigges im nahen Lippstadt die Tennis-Bezirksmeisterschaften sponserte, bei denen er regelmäßig im Finale stand. Man verstand sich bestens.

So einfach entstehen manchmal Männerfreundschaften. Und können trotzdem sehr kompliziert werden.

Knapp zweieinhalb Jahre nach der ersten Begegnung wurden Schenck und Sewing kürzlich wieder vor den Aufsichtsrat gebeten: Das Gremium beförderte sie Anfang März zu Stellvertretern des britischen Bankchefs John Cryan.

Die Deutsche Bank fügt damit ihrer bewegten jüngeren Geschichte ein weiteres Kapitel hinzu, korrigiert wieder einmal die Strategie und wirft das Führungstableau über den Haufen. Schon jetzt laufen in der Bank Wetten, wann Cryan geht und einer der Kronprinzen - oder beide - ihn beerben. Manche geben dem jetzigen Chef kaum mehr als ein halbes Jahr.

Finanzvorstand Schenck: Mann mit "CEO-Potenzial"
Markus Hintzen/ DER SPIEGEL

Finanzvorstand Schenck: Mann mit "CEO-Potenzial"

Man kann in dem Aufstieg der Fußballfreunde Sewing und Schenck das Ende eines radikalen Umbruchs sehen, einen Aufbruch in bessere Zeiten - oder eben eine weitere Etappe des Niedergangs dieser irrlichternden deutschen Institution.

In der Bank herrscht, je nach Lager, Aufbruchstimmung oder Verunsicherung, weil Aufsichtsratschef Achleitner ein weiteres Mal den Matchplan ändert. Innovativ ist daran vor allem, dass er mit drei Kapitänen spielen lässt, erst einmal.

Zwar erklärt Cryan, der als uneitel gilt, er denke nicht ans Aufhören, die Bank sei einfach zu groß, um von einem allein geführt zu werden. Er selbst habe den Wunsch mit der Dreierlösung geäußert.

Doch welcher Chef wünscht sich schon, drei Jahre vor Ende seiner ersten Amtszeit zur "lahmen Ente" gemacht zu werden? Das Verhältnis zwischen Achleitner und Cryan ist schwierig, immer häufiger sei es in den vergangenen Wochen zu handfestem Streit gekommen, berichten Insider.

Während einige einflussreiche Investoren in Cryan einen Garanten für Stabilität sehen, ist er beim Großaktionär aus Katar in Ungnade gefallen. Dort sorgt man sich, der Brite könnte die Bank kaputtsanieren. Achleitner sorgt sich, dass er die Unterstützung aus Katar verliert.

Zudem hat er mit den Personalien und einem Strategieschwenk Richtung Deutschland der Bundesregierung eine Art späten Tribut gezollt. Als das US-Justizministerium der Deutschen Bank im Herbst 14 Milliarden Dollar Strafe androhte, intervenierten Emissäre des Finanzministeriums in Washington zugunsten des Konzerns. Seitdem tauschen Bank und Bund sich intensiver aus. In Frankfurt lernte man, dass die Regierung gern ein dickeres Kapitalpolster und mehr Engagement für die deutsche Wirtschaft sähe. Entsprechend goutierte Berlin die Umbaupläne.

Auf Schenck und Sewing lastet nun der Druck, den unterschiedlichen Erwartungen von Aktionären und Politik, Mitarbeitern und Kunden gerecht zu werden.

Sie haben beschlossen, die schwierige Mission möglichst locker anzugehen - und vor allem gemeinsam, zumindest vorerst. Am Vorabend ihrer offiziellen Beförderung zogen sie mit ihren Teams aus den Banktürmen in eine nahegelegene Kneipe, um das Ereignis zu begießen.

Man nimmt Schenck und Sewing ab, dass sie sich gut verstehen. Sie feixen über Schweinsteigers Wechsel nach Chicago, spielen sich im Gespräch die Bälle zu oder ziehen sich gegenseitig auf. Beide haben vier Kinder, beide gehören einer neuen Generation von Bankern an, die nahbar wirkt und zum Lachen nicht in den Keller geht. Dabei haben Schenck und Sewing einen sehr unterschiedlichen Werdegang, sie bezeichnen sich als komplementär.

Sewing machte schon seine Lehre bei der Deutschen Bank in Bielefeld und verbrachte fast sein ganzes Berufsleben in dem Konzern. Gern kokettiert Sewing damit, dass er Sportreporter werden wollte, seine Abi-Note (2,4) aber nicht für die Journalistenschule gereicht habe. Spötter sagen, das Talent zu reden habe er durchaus, manchmal rede er etwas zu viel.

Seinem Weg in der Bank hat das nicht geschadet. Sewing kann charmant und dosiert frech sein, er ist der Typ perfekter Schwiegersohn. Er hat etwas Jungenhaftes, etwa wenn er sich freut, dass ihn jüngst sein heimischer Tennisklub TC Bünde für ein Bezirksligaspiel angefragt hat.

Mit dieser Art kommt Sewing auch bei vielen Kunden und Mitarbeitern gut an. Dazu kommt eine hohe Disziplin. "Sewing ist schließlich durch das Boot-Camp Hugo Bänzigers gegangen", sagt ein Deutsch-Banker. Bänziger war lange Risikovorstand des Konzerns und einer der Manager, die Sewing geprägt haben.

"Ich habe immer Leute bewundert, die es geschafft haben, viele, sehr unterschiedliche Mitarbeiter mitzunehmen und mit klarer Führung auf gemeinsame Ziele einzuschwören", sagt Sewing.

Er wird daran gemessen werden, ob ihm das bei der Reintegration der Postbank gelingt, nachdem der Konzern die Verkaufspläne aufgegeben hat. Viele Jobs sollen wegfallen, harte Verhandlungen mit Betriebsrat und Gewerkschaft stehen bevor. "Wir wollen gemeinsam mit den Beschäftigten von Postbank und Deutscher Bank per Tarifvertrag verhindern, dass es zu Kündigungen kommt", sagt Jan Duscheck. Der Bundesfachgruppenleiter Banken bei Ver.di fürchtet, dass die Belegschaften gegeneinander ausgespielt werden und schickt eine Kampfansage Richtung Sewing: "Es kann nicht sein, dass es am Ende nur für eine Beschäftigtengruppe Kündigungsschutz gibt und für die andere nicht."

Zahlen von bis zu 9000 Jobs stehen für einen weiteren Abbau im Konzern über die nächsten Jahre im Raum. Zunächst dürfte es aber um 1000 bis 1500 Stellen in Zentralfunktionen in Bonn und Frankfurt gehen, die wegfallen könnten, wenn das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank mit der Postbank zusammengelegt wird.

"Wir haben gezeigt, dass man auch im schwierigen deutschen Markt ein Privatkundengeschäft erfolgreich umbauen kann", sagt Sewing und kneift die Augen zusammen, wie er es öfter tut, wenn er einer Sache Nachdruck verleihen will. Deshalb sei er auch mit Blick auf die Zusammenführung mit der Postbank zuversichtlich.

Allerdings ist Sewing stark auf Postbankchef Frank Strauß angewiesen, dem Achleitner einen Posten im Konzernvorstand versprochen hat. Das birgt Sprengstoff, etwa wenn es um die Frage geht, wer seine Vertrauten durchbringt.

Noch nicht einmal zwei Jahre bewegt sich Sewing in den Niederungen des Privatkundengeschäfts. Zuvor hat er keinen großen Geschäftsbereich geleitet, auch das mag erklären, warum er kaum Feinde hat. Er war vor allem Risikomanager, eine Weile Chef der internen Revision, dann kurze Zeit Rechtsvorstand.

Sewing sind diese Dinge eher zugefallen, als dass er sie mit Macht angestrebt hätte. "Er ist ein solcher Überflieger, dass man sich fragt, wann der große Knall kommt", sagt einer, der den Aufstieg verfolgt hat.

Doch so angesehen Sewing intern sein mag, in der Finanzwelt ist er ein unbeschriebenes Blatt. "Bei uns kennt den keiner", heißt es bei einem großen Aktionär.

Das hat Marcus Schenck seinem Partner voraus, er ist international profiliert: Noch vor der Promotion begann der Volkswirt 1991 bei der Unternehmensberatung McKinsey. Nichts beeinflusste Schencks späteres Leben jedoch so, wie sein Wechsel ins deutsche Büro der Investmentbank Goldman Sachs 1997. Dort lernte er nicht nur seine Frau Saskia kennen, die damals beim Goldman-Kunden Daimler arbeitete, sondern auch Paul Achleitner, der ihn später zur Deutschen Bank holen sollte.

Achleitner ging jedoch erst einmal zur Allianz, Schenck später als Finanzvorstand zu E.on. Der Energiekonzern schwamm damals im Geld und suchte in Schenck jemanden, der helfen sollte, es sinnvoll in Übernahmen im Ausland zu investieren.

Manch einer bei E.on fremdelte mit dem Investmentbanker, der in Düsseldorf eine mit Mauern und Überwachungskameras gesicherte Villa hat. Konservative Stromer rümpften die Nase darüber.

Gravierender war, dass Schenck als Deal-Macher bei E.on kein gutes Händchen hatte, mancher Zukauf erwies sich als zu teuer. Als die Energiewende das Geschäftsmodell des Konzerns zerlegte, wurde auch die hohe Verschuldung zum Problem. Ein "Schönwetter-Finanzvorstand" sei Schenck, lästert einer, der ihn gut kennt.

Als Schenck 2013 zurück zu Goldman Sachs ging, sollen ihm bei E.on nicht viele nachgetrauert haben. Schenck sieht sein Wirken dort naturgemäß positiver. "Mein wesentlicher Beitrag bei E.on war, den Konzern umzusteuern, als es nach sehr erfolgreichen Jahren darum ging, in den Krisenbewältigungsmodus zu wechseln."

Bei der Deutschen Bank wartete auf den neuen Finanzvorstand von Anfang an der Krisenmodus. Dass er sich trotzdem so kurz nach seiner Rückkehr zu Goldman für die Deutsche Bank entschied und sogar Abstriche beim Gehalt in Kauf genommen haben soll, dürfte einen Grund gehabt haben: Achleitner soll ihm schon damals die Chefrolle in Aussicht gestellt haben.

Zumindest deutet auch Schenck das an: "Für jemanden, der in Deutschland aufgewachsen ist, ist die Deutsche Bank mehr als ein Unternehmen, es gibt nur wenige derartige Institutionen in unserem Land." Er habe sich 2014 gefragt, wo er in den nächsten Jahren mehr bewegen könne, bei Goldman Sachs oder bei der Deutschen Bank. Und so trafen sich Schenck und Sewing kurz darauf vor den Türen des Aufsichtsratsbüros.

Seither sind zweieinhalb Jahre vergangen, die die Deutsche Bank in ihren Grundfesten erschüttert haben: Die damaligen Kochefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen mussten gehen, auch weil sie unfähig waren, die Skandale der Vergangenheit aufzuarbeiten. Der Sanierer Cryan kam, stellte die Organisation auf den Kopf, Mitarbeiter wurden weggeschickt oder flohen, die Erträge brachen ein. Und nicht zuletzt brachten Milliardenstrafen den Konzern an den Rand des Zusammenbruchs.

Erst seit die Bank sich kurz vor Weihnachten mit dem US-Justizministerium auf einen Vergleich geeinigt hat, ist die Gefahr eines Kollapses abgewendet.

Was jetzt kommt, ist ein zäher Kampf gegen den schleichenden Niedergang, gerade im Investmentbanking, das Schenck übernehmen soll, sobald ein neuer Finanzvorstand gefunden ist. Er muss das Kunststück vollbringen, die einstige Gewinnmaschine der Deutschen Bank wieder ins Laufen zu bringen - allerdings ohne dass die Kasino-Mentalität der Jain- und Ackermann-Jahre wieder Einzug hält.

Schenck und Sewing sieht man die Strapazen der vergangenen Monate an. Sie erwecken trotzdem den Eindruck, als hätten sie Spaß daran, eben wie Fußballer an einem aufreibenden Spiel. Müde? Das lacht man weg. Banking ist Sport, nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Am Tag nach ihrer Kür zu Kronprinzen ist Schenck zur Roadshow aufgebrochen, um bei Investoren für eine Kapitalerhöhung um acht Milliarden Euro zu werben. Er war in London, Paris, Zürich, Frankfurt, München. Die Reaktionen waren mau. Man müsse schon Masochist sein, um Deutsche-Bank-Aktien zu kaufen, sagt ein renommierter Analyst. Doch es gibt auch andere Stimmen: "Die Bank hat das Erbe Jains überwunden, die schlimmsten Albträume sind vorbei", sagt Davide Serra, Gründer des Hedgefonds Algebris.

Sewing warb unterdessen bei den Postbankern in Bonn für die Rückkehr zur ungeliebten Mutter, er traf Familienunternehmer beim Parlamentarischen Abend in Berlin, besuchte die Basis der Bank in Bielefeld und anderswo in der Provinz.

All das zeigt: Mit Sewing und Schenck will die Deutsche Bank wieder Fuß fassen. Die beiden sollen das Geldhaus wieder in Deutschland verankern, den Schwerpunkt des Konzerns von London und New York nach Frankfurt verlagern.

Dabei wissen sie nicht, ob sie zusammen oder gegeneinander laufen. Die einen sehen Sewing vorn, weil er sich als Deutschlandchef das Label Mr Germany anheften darf. Die anderen Schenck, weil er ein Freund Achleitners sei und noch auf lange Zeit nur ein Investmentbanker die Deutsche Bank führen könne. Schenck habe "CEO-Potenzial", lässt sich sein früherer Chef bei Goldman Sachs, Alexander Dibelius, im "Wall Street Journal" zitieren.

Wählte Achleitner einen aus, müsste der andere wohl gehen. Womöglich wird er daher Schenck und Sewing deshalb beide zu Kochefs ernennen. "Achleitner ist ein Freund der Doppelspitze", heißt es im Umfeld des Aufsichtsrates.

Eine gewisse Logik hätte das: Der Konzern wird künftig aus zwei großen Blöcken bestehen, dem von Schenck verantworteten Investmentbanking und dem Privatkundengeschäft unter Sewing. Die Vermögensverwaltung läuft nach dem geplanten Börsengang nebenher.

Auf dem Fußballplatz allerdings sind Doppelspitzen schon lange out. Wer wüsste das besser als die beiden Kronprinzen.



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Käpten Ahab 07.04.2017
1. Der Humor verlässt Herrn Schenk auch nicht,
wenn er einen Konzern an den Rand des Ruins führt - wie er es bei E.ON gemacht hat....na, ja bei dem Einkommen (und den Altersbezügen üwrde mir das Lachen so schnell auch nicht vergehen)
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