AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2017

Die neuen Rentner Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an

Früher kam nach der Rente der Lebensabend. Das klang nach Ende. Heute hingegen geht es für viele erst richtig los: mit Reisen, Bildung und einer neuen Chance für die Liebe.  

Rentnerpaar Wittler
Monika Keiler/DER SPIEGEL

Rentnerpaar Wittler

Von und


An einem warmen Freitagmorgen im Mai fährt um 10.25 Uhr am Morgen ein Zug der Linie 2 in einem Münchner U-Bahnhof ein und bringt die ersten Alten. Die blauen Türen öffnen sich, und auf den Bahnsteig ergießt sich ein Strom von Menschen, die alle um die 65, 66 Jahre alt sind. Sie sind von der Frühjahrssonne gebräunt, sie haken einander unter und ziehen mit leichten Schritten in Richtung Ausgang. Da sind Frauen mit lackierten Nägeln und gefärbtem Haar, da sind Männer in sommerlichem Jackett, Jeanshose und sportlichen Sneakern. Früher nannte man sie "die graue Masse".

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Heft 31/2017
Wie wir leben, wie wir denken: Ein Heft über Deutschland

Im Zehnminutentakt kommen nun weitere Züge an, Hunderte gut gelaunte Rentner machen sich auf den Weg an einen Ort, an dem sie "Lebensfreude pur" erwarten, "Genuss für alle Sinne" und "außergewöhnliches Erleben", so verspricht es die Broschüre, die sie in der Hand tragen: Es ist der erste Tag auf der größten Alten-Messe in Deutschland.

Die Messe trägt den Namen "Die 66". Wahrscheinlich gibt es keinen Ort, an dem sich besser ablesen ließe, wie sich die Bedürfnisse der Alten in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Und was der Industrie einfällt, um diesen Bedürfnissen gerecht zu werden (oder diese Bedürfnisse zu wecken). Denn die Rentner, die nun in die Hallen A5 und A6 der Münchner Messe pilgern, haben nichts mehr zu tun mit Oma und Opa, die sich Staubsauger an der Tür verkaufen ließen und die Tage mit dem ZDF-Programm hinter Spitzenvorhängen absaßen.
In der alternden Republik leben 70-Jährige, die im Körper von 60-Jährigen stecken, die an entlegene Orte mit schwer buchstabierbaren Namen reisen, die neu heiraten, neue Häuser beziehen, neue Sprachen lernen, ein neues Leben beginnen.

Nie zuvor wurden die Deutschen so alt und blieben dabei so lange jung: Die Lebenserwartung einer heute 65-Jährigen liegt bei 86 Jahren; Männer, die in diesem Jahr das Rentenalter erreichen, werden durchschnittlich 82,5 Jahre alt. Wenn es gut läuft, bedeutet das, dass sie noch 20 gesunde Jahre vor sich haben, viele sogar deutlich mehr.

Wie werden sie diese Jahre in Zukunft nutzen? Wie wollen sie die lange Zeit, die vor ihnen liegt, sinnvoll füllen?

Monika Keiler/DER SPIEGEL

Die Besucher blättern in Programmheften, die so dick sind wie ein Lifestylemagazin. Es gibt 500 Messestände. Wohin also soll es als Erstes gehen? Zum "Smart Living"-Stand in Halle A6, wo man lernen kann, die Technik im Haus vom iPad aus zu steuern? Zur Sportbühne, wo man mit der ehemaligen Olympiasiegerin Heike Drechsler ein Fitnessgerät namens X-Pro-Walker ausprobiert? Oder lieber zum Golf-Parcours, wo man ein Snag-Modul testet? Oder doch erst mal zum Berliner Sternekoch?

Der steht in dunkelblauem Kochhemd am Stand eines Kücheneinrichters und schlitzt mit einem Messer die Folie eines vakuumverpackten gebeizten Lachses auf. Tim Raue zieht den Fisch aus seiner Verpackung und teilt ihn in mundgerechte Stücke. Raue verteilt den Lachs in kleinen Holzschiffchen, mit Anisdressing und einer Garnitur aus Koriander. Er sagt: "So was gibt es dann auch in der Seniorenresidenz."

Eigentlich ist Raue eher für junge, aufregende Fusionkitchen bekannt, aber er sagt, er habe hier einen neuen Markt aufgetan, einen Markt, der ihm die Zukunft sichern könnte, wenn er mit Mitte 50 nicht mehr in der Küche stehen mag: Vor anderthalb Jahren übernahm er die "Kulinarik" von drei Altersheimen, die heute "Premium Wohnresidenzen" heißen. "Das ist eine sehr anspruchsvolle Zielgruppe", sagt Raue, die seien bereit, neue Geschmäcker auszuprobieren und für gutes Essen Geld auszugeben. Neben Kreuzfahrtschiffen sei das für einen Koch wie ihn das große neue Ding.

In der Nachbarhalle steht an Stand A 6443 eine Gruppe von Frauen in der Schlange. Das "Institut für Permanent Make-up auf höchstem Niveau" bietet seine Dienstleistungen an. Der Stand besteht aus vier Liegen, die alle belegt sind, und einer Gruppe Kosmetikerinnen in weißen Kitteln, die Kundinnen umschwirren und ihnen Pigmente in die Haut stechen. Danach sieht der Mensch zwei Jahre lang aus wie frisch geschminkt. Kosten: 356 Euro für einen Gutschein zur Lippenkonturierung, Messepreis, 590 Euro für die Augenbrauen.

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Da, wo man früher Sanitätshäuser erwartet hätte, die Stützstrümpfe und Duschgriffe vorstellen, kann man heute zwischen Fingerfoodständen, Surfshops und Wellnessanbietern hindurchflanieren, vorbei an Ständen für Superfoods und Gras-Smoothies. Die Aussteller bieten Polarexpeditionen an, Studienreisen nach Asien, Genussreisen mit dem E-Bike. Die Messebesucher hören Vorträge über "Ehrenamtliche Einsätze im In- und Ausland" , zum Thema "So funktioniert das Einkaufen im Internet", aber auch: "Mit 60+ auf den Kilimandscharo". Aus dem Nischenproduktrentner ist ein Konsument geworden, der neue Märkte erschaffen hat.

Im Monat Mai lebten 17,5 Millionen Rentner im Land, dazu etwa 1,23 Millionen Pensionäre des öffentlichen Dienstes. Fast zwei Drittel der 65- bis 85-Jährigen bezeichnen ihre wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut. Insgesamt verfügen sie über ein Haushaltsnettoeinkommen von durchschnittlich 2410 Euro im Monat, das sind gut 200 Euro mehr als noch 2013. Frei verfügbar haben sie im Schnitt 628 Euro im Monat. Sie haben Geld und sind bereit, dieses Geld auszugeben. So rankt sich eine ganze Industrie um den modernen Rentner und macht sich bereit, dieses Geld abzuschöpfen.

Von den neuen Rentnern profitieren etliche Branchen, für viele Unternehmen sind sie die besten Kunden: 42 Prozent aller Haushalte der 65- bis 79-Jährigen besitzen einen Neuwagen, schon 8 Prozent besitzen ein E-Bike. Noch nie haben sie so viel für Reisen ausgegeben, pro Kopf und Reise sind es 970 Euro im Schnitt, auch das ist mehr als beim Durchschnitts-Deutschen.

Der Forscher Hans-Werner Wahl, Direktor des Netzwerks Altersforschung an der Universität Heidelberg, sitzt in seinem Büro, umgeben von Büchern, und sagt: "Altern ist heute tatsächlich grundlegend anders. Und alte Menschen sind heute anders."

Wahl, selber 63 Jahre alt, forscht seit vielen Jahren zu dem Thema, er hat ein Buch geschrieben, "Die neue Psychologie des Alterns". Für ihn sind diese neuen Alten hochinteressant. Sie führen eine Art Pionierleben.

Denn anders als bei Jugend oder Kindheit gibt es für das neue Alter noch keine kulturellen Vorbilder, keine Modelle, an denen sich ablesen ließe, wie Altern heute geht, sagt Wahl. Klar ist nur: "So wie die eigenen Eltern wollen die Rentner von heute nicht leben." Und das brauchen sie auch nicht. Sie haben völlig andere Voraussetzungen: Sie werden nicht nur älter, sie bleiben dabei auch länger gesund. "Wir kriegen unsere 20, 25 Jahre mehr, ob wir wollen oder nicht. Und wir müssen uns überlegen, wie wir diese Jahre nutzen."

Zusammen mit seinen Studenten schaut Wahl auf das Leben der alten Leute wie durch ein Mikroskop, befragt Hunderte alternde Deutsche über Jahre hinweg nach ihrem Alltag, ihrem Wohlbefinden. Er sagt: Die Gesundheit und die kognitive Leistungsfähigkeit eines heute 70-Jährigen entspreche der eines 60-Jährigen von vor 25 Jahren. Die Alten werden im Schnitt immer klüger, können immer besser gehen, sind immer besser in ihren körperlichen Funktionen, haben weniger Schlaganfälle, weniger Kreislauferkrankungen. Und die allermeisten seiner Probanden schätzen ihr Wohlbefinden auf einer Skala von 1 bis 10 mit einer 7 bis 8 ein. Das sind ziemlich gute Zahlen.

Was folgt daraus?

Früher gab es nach dem Beruf den Lebensabend, sagt Wahl, und dann war klar: "Ein paar Jahre sind schon noch, und die verbringen wir in Ruhe, und dann fangen bald die ersten Wehwehchen an, dann die Krankheiten, und dann wird's auch nicht mehr lange dauern." Aber heute ist da auf einmal eine bedeutende Gruppe von Menschen, die nach Ende des Berufslebens noch eine echte Zukunft hat.

Heute fühlen sich viele nach Ende ihres Berufslebens noch genauso wie mit 55 Jahren. "Agency", nennt Wahl dieses Phänomen. Sie erleben sich als Menschen, die weiterhin leistungsfähig sind, die etwas bewirken können, Neues anfangen wollen. Ein neues Wohnprojekt, eine neue Partnerschaft, Reisen, Hobbys, die sagen: Ich lerne noch mal eine Sprache, packe meine Geige wieder aus, lege mir ein Ehrenamt zu. Was früher Lebensabend hieß, ist jetzt eine Zeit des Aufbruchs. Wahl sagt: "Das hat es so vorher nicht gegeben."

Kulturhistorisch ist das ein Ereignis: Die neuen Alten haben ein weißes Blatt vor sich. Sie schreiben ein neues Programm, das auch bestimmen wird, wie die nachfolgenden Generationen im Alter leben werden.

Wie so ein Pionierleben aussieht, lässt sich an einem Mittwochabend in Euskirchen beobachten. Dort fährt vor dem Emil-Fischer-Gymnasium ein praktischer schwarzer Kleinwagen der Marke Skoda vor. Es steigen aus: Jürgen und Gudrun Wittler, beide 67 Jahre alt, verheiratet seit 43 Jahren, zwei Töchter, sieben Enkel. Sie sind Prototypen der modernen Alten.

Sie laufen die Treppen in ein Klassenzimmer hinab und machen sich bereit für den Unterricht. Sie wollen Sprachpaten für Flüchtlingskinder werden, in Kitas und Schulen. An diesem Tag sollen sie darauf vorbereitet werden, was es bedeutet, mit einem traumatisierten Kind zusammen zu sein.

Gudrun Wittler war früher Mundhygienikerin, sie trägt Jeans, T-Shirt, ein Jackett darüber. Sie humpelt leicht, was daran liegt, dass sie sich beim Sport das Knie ein bisschen gezerrt hat, sagt sie. Trotzdem ist sie am Sonntag mit ihrem Mann 25 Kilometer geradelt, und morgen will sie wieder ins Fitnessstudio.

Ihr Mann, Jürgen Wittler, der neben ihr auf einem hölzernen Klassenstuhl sitzt und ein Klemmbrett für Notizen auf den Knien balanciert, wirkt ähnlich jung wie sie, ein Naturmensch, der gern Wandersandalen trägt. Er war Förster, noch immer geht er jeden Tag in den Wald. Seit einiger Zeit hat Jürgen Wittler außerdem einen Minijob.

Als der Kurs beginnt und sich die Teilnehmer vorstellen sollen, sagt Jürgen Wittler: "Meine Frau und ich haben überlegt, wie wir im Älterwerden noch eine sinnvolle Tätigkeit finden können, und haben dann über diese Ausbildung nachgedacht. Das ist doch hervorragend."

Frau Wittler sagt: "Ich freue mich, dass ich jetzt bald starten kann."

Gudrun Wittler ging im Alter von 63 Jahren in Rente, und als dann zwei Jahre später auch der Ruhestand ihres Mannes bevorstand, fingen die Wittlers an, darüber nachzudenken, was dieses Wort, Ruhestand, für sie bedeuten könnte. Was sie von dieser Phase ihres Lebens erwarten, was sie von sich erwarten. Sie beide sind gesund. Ihr Leben stand da wie ein Gefäß, dass neu befüllt werden konnte.

"Es kann gut sein, dass ich noch 25 Jahre vor mir habe", sagt Frau Wittler, "da kann ich ja nicht einfach so rumsitzen."

Sie macht sich Notizen. Sie zeichnet ein Gehirn von einem Flipchart ab und markiert die Stelle, in denen sich Traumata manifestieren. Ihr Mann meldet sich zwischendurch und stellt Fragen, es ist, als wäre er wieder in der Schule.

Messe 55 Plus, Modenschau, München
Monika Keiler/DER SPIEGEL

Messe 55 Plus, Modenschau, München

In der Altersforschung gibt es den Begriff des "erfolgreichen Alterns". Erfolgreich ist das Alter für viele heute, wenn sie nicht nur gesund, sondern weiterhin gut beschäftigt sind. Wenn sie ihre wichtigsten Beziehungen aufrechterhalten können, aber auch weiterhin Leistung zeigen, selbstbestimmt ihren Interessen nachgehen, Sinn finden in ihrem Tun. Die Erwartungen an das Leben nach dem Beruf steigen stetig an.

Hans-Werner Wahl, der Altersforscher, vermutet, dass viele im Rentenalter inzwischen sogar eine Art Leistungsdruck verspüren. "Die geraten in einen Modus der Überaktivität. Sie sagen sich: Ich darf doch nicht einfach ruhen, ich bin doch noch fit. Ich kann doch noch alles Mögliche." Es falle den jungen Alten manchmal schwer, sich Ruhe zuzugestehen, auch mal nichts zu tun. Er vermutet auch, dass es unter den jungen Alten eine bedeutende Gruppe gibt, die gern arbeiten würde, so lange es geht. "Es gibt Leute im Alter von 75 Jahren, die alle Kompetenzen haben, um ihren Job weiterhin sehr, sehr gut zu machen", sagt Wahl.

Jürgen Wittler hätte gern noch weitergearbeitet, sagt er, er habe seinen Beruf nie als Job gesehen, sondern immer als Berufung. Er läuft über knackende Zweige durch sein ehemaliges Forstrevier, stößt auf Spuren von Rehen, auf Schneisen, die Wildschweine ins Unterholz gezogen haben. Er trägt noch immer Verantwortung für dieses Stück Wald, nur nicht mehr als Förster, sondern als Jäger.

"Das habe ich schon ein Jahr vor dem Ruhestand klargemacht", sagt er. So wurde das, was früher zu seinem Beruf gehörte, zu einem Hobby, aber auch zu einer Aufgabe, die ihn weiter in der Spur seines gewohnten Lebens hält.

Denn Ruhestand bedeutet für viele nicht Gewinn von Freiheit, sondern Verlust von Sinn, von Identität, von einer gesellschaftlichen Rolle. Auch deshalb würden viele Rentner gern noch arbeiten.

Wenn es die Möglichkeit gegeben hätte, hätte Wittler seinen Nachfolger gern im Amt begleitet, sagt er, zu anderen Bedingungen zwar, in Teilzeit vielleicht, aber doch so, dass er seine Erfahrung hätte weitergeben können. Aber das ging nicht.

Mit der Frage, wie lange der Mensch arbeiten kann, wie lange er in Zukunft arbeiten muss, beschäftigt sich die Politik immer wieder. Denn steigende Lebenserwartung und hohe Ansprüche an die Zeit nach dem Beruf haben ja auch Folgen für den Arbeitsmarkt und die Stabilität des Rentensystems.

In Berlin drängen sich deshalb die Lobbyvereine um die neuen Alten. Da ist zum Beispiel Hubertus Pellengahr, Chef der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, kurz INSM, einem Lobbyverband mit Geldgebern aus der Wirtschaft. Auf den ersten Blick ist Pellengahr einer, der die Interessen von Leuten wie Jürgen Wittler vertritt. Der dafür sorgen will, dass die Alten arbeiten dürfen, solange sie wollen. "Die Menschen leben länger. Dass sie dann auch etwas länger arbeiten, ist nur logisch", sagt Pellengahr.

Sein Büro liegt gleich um die Ecke vom Bundestag. In jeder Sitzungswoche schlendert er durch seine Nachbarschaft, Berlin-Mitte, geht hinüber zum Bundestag und führt Gespräche mit Abgeordneten bei einer Tasse Kaffee. Dabei geht es auch um die Frage, wie lange man die Alten auf dem Arbeitsmarkt halten sollte.

Sieben Millionen Euro bekommt Pellengahrs Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft im Jahr aus der Metall- und Elektroindustrie. So viel ist es den Geldgebern wert, dass sie jemanden wie Pellengahr im Rennen haben. In Wirklichkeit nämlich vertritt Pellengahr die Interessen der Arbeitgeber. Die brauchten die Alten vor allem deshalb, weil ihnen sonst eines Tages die Fachkräfte in den Betrieben fehlen. Sie sollen auch länger arbeiten, weil die Rentenbeiträge für die Jungen sonst immer weiter stiegen.

Seit einem Jahr fährt die INSM eine Rentenkampagne für ein späteres Renteneinstiegsalter. Pellengahrs Verband schaltet Anzeigen in Tageszeitungen, klebt Plakate, hauptsächlich in der eigenen Nachbarschaft, rund um den Bundestag, wo die Wege der Politiker zur Arbeit liegen. Andere Lobbyverbände wollen die Alten wiederum beschützen. Eine Rentenkampagne des DGB erinnert daran, dass längst nicht alle Alten reich und fit sind.

An den Plakatkampagnen lässt sich ablesen, wie wichtig die Alten im kommenden Bundestagswahlkampf sein werden. Sie sind die größte politische Macht im Land. Bei der Wahl im September werden 36 Prozent aller Wahlberechtigten älter als 59 Jahre sein, sie sind auch die Gruppe mit der höchsten Wahlbeteiligung. Die Generation unter 40 stellt lediglich 29 Prozent der Stimmen.

Am Nachmittag sitzen die Wittlers im Haus ihrer Tochter am Kaffeetisch, drei Enkel sind da, zwei Schulmädchen, ein kleiner Junge, der unter dem Tisch krabbelt. Drei Generationen, von der es eine - wenn die Pessimisten recht behalten - im Alter deutlich besser hat, als es die anderen jemals haben werden. Die Großeltern Wittler sind mit ihren 67 Jahren die Generation Gold an diesem Tisch.

Sie sind nicht reich, aber sie können ein schönes Leben führen mit einer netten Wohnung, gutem Essen, Hobbys, Kultur, Urlauben. Diesen Herbst soll es mit Freunden nach Sizilien gehen, und nach Sambia will Jürgen Wittler auch.

Das alles ist möglich, weil der Staat - noch - sein großes Versprechen halten kann. Jürgen Wittler war 44 Jahre im Beruf, seine Frau 28 Jahre in Voll- und in Teilzeit. Nun haben sie nach Abzug von Miete, Versicherung und Steuer 1600 Euro fürs Leben übrig, die 450 Euro vom Minijob miteingerechnet. Das ist nicht übel, womöglich bald eine schöne Erzählung aus der Vergangenheit.

Was muss passieren, damit es nicht so weit kommt? Brauchten wir Alte, die bereit wären, etwas herzugeben von ihrem schönen Leben, von ihrem wohlverdienten Ruhestand, so, wie der Lobbyist in Berlin es wünscht?

Antworten kann man in München finden, bei dem Mathematiker Axel Börsch-Supan. Der sitzt an einem runden Tisch, und er möchte erst mal klären, was das überhaupt sein soll: das Alter. Er fragt: "Sind Sie alt? Bin ich alt? Aus der Perspektive meiner Enkel sind wir garantiert ziemlich alt. Wir selber finden uns aber überhaupt nicht alt." Axel Börsch-Supan selber ist 62 Jahre, so viel ist sicher.

Er leitet das MEA, das "Münchner Institut für Economics of Aging", eine Forschungseinrichtung, die sich mit den Auswirkungen des Alters auf Gesellschaft und Wirtschaft beschäftigt und auch nach den Chancen des demografischen Wandels sucht.

Viele sähen die 65 oder die 67, das Rentenalter, natürlich als Anfang des Alters, sagt Börsch-Supan. "Dagegen wehre ich mich aber vehement, weil Sie damit in den Köpfen diese krasse Aufteilung zwischen Arbeitsleben und Ruhestand festlegen", sagt er.

Als Maßgabe für seine Studien verwendet er stattdessen gern den Begriff der "Gesunden Lebenserwartung". Damit ist die Zeit bis zum Eintreten der ersten Beeinträchtigung gemeint: "Wenn Sie nicht mehr von einem Treppenabsatz auf den nächsten durchlaufen können, ohne Pause zu machen." Dieser Moment kommt im Leben der Menschen immer später. Und das, sagt Börsch-Supan, sei für die Gesellschaft erst mal ein Grund zu großem Optimismus.

"Wirtschaftlich bedeutet das nämlich, dass da noch eine enorme Kapazität ist. Und wir nicht die ganze Bürde der Rente und des Gesundheitssystems auf unsere Kinder abwälzen müssen", sagt er. Nur müssen wir anfangen, diese Kapazität richtig zu nutzen. Wie?

"Wir brauchen längere Erwerbsleben, weil wir länger leben", sagt Börsch-Supan. "Man kann das Rentenalter natürlich nicht bei 65 lassen, wenn wir mal im Schnitt 100 Jahre alt werden." Das heiße jetzt nicht, dass Deutschland eine Rente mit 72 einführen müsse. Das Heil liegt, wie so oft, in der Flexibilität. Für ihn besteht das Modell der Zukunft vereinfacht aus zwei Punkten.

Erstens: "Man braucht so etwas wie ein mittleres Rentenalter, das sich an der Lebenserwartung orientieren muss. Es muss automatisch steigen, wenn die Lebenserwartung raufgeht."

Zweitens: "Denjenigen, die gern länger arbeiten wollen, sollte man das auch erlauben. Wer mit 50 aufhören will, soll mit 50 aufhören dürfen, wobei eine Rente mit 50 natürlich deutlich niedriger als eine Rente mit 65 sei. Jemand, der doppelt so lange Rente bezieht, kriegt halt nur die halbe Rente."

Und das ist dann die Lösung? Noch nicht ganz: Fast noch wichtiger sei, dass man den Menschen mehr Teilzeitmöglichkeiten einräumt, wie es dem Förster Jürgen Wittler gut gefallen würde.

Und was ist mit denen, die schon viel früher nicht mehr arbeiten können? Den kaputten Dachdeckern, den erschöpften DHL-Boten, den ausgebrannten Altenpflegern, jenen etwa 20 Prozent, die es nicht als Hochleister bis ins hohe Alter schaffen?

"Da muss der Arbeitgeber vom Dachdecker frühzeitig dafür sorgen, dass diese Menschen eine andere Tätigkeit bekommen. Da müssen die Leute schon mit 45, 50 vom Dach runter und Dachziegel verkaufen. Oder Kunden beraten. Und für die Übrigen brauchen wir eine großzügigere Erwerbsminderungsrente, eine, die nicht schwarz-weiß ist, sondern auch die körperliche und psychische Ermüdung bewertet." Also auch da: Flexibilität.

Es ist beruhigend, einem Mann wie Börsch-Supan zuzuhören, einem Mathematiker. Er ist unabhängig, er ist optimistisch. Wenn man ihm glaubt, gibt es keinen demografischen Horror. Es gibt vor allem Möglichkeiten.

Nun besteht aber ein Leben nicht nur aus Geld und Konsum, da unterscheiden sich auch die Alten nicht von den Jungen. Sie brauchen soziale Kontakte, gerade für die Alten sind die von großer Bedeutung, besagt eine Studie. Drei Viertel der 65- bis 85-Jährigen sind gern unter Menschen, 73 Prozent haben Kinder und Enkel, 69 Prozent haben Freunde, zwei Drittel haben einen Partner. Und viele, die keinen haben, machen sich auf die Suche. Die Befragung einer Onlinepartnerbörse hat ergeben, dass 57 Prozent der Singles über 50 einen Partner im Internet suchen.

Die Menschen ab 60 suchen vor allem nach emotionaler Geborgenheit, sie achten bei der Partnersuche auf gemeinsame Werte, einen ähnlichen Plan vom Leben und auf Ehrlichkeit. Vor 20 Jahren blieben Männer und Frauen, die ihren Partner verloren oder sich hatten scheiden lassen, häufig Singles bis zum Tod. Die Gesellschaft sah eine späte Liebe nicht mehr vor. Das ist heute anders, heute unterstützen Familie und Freunde es meist, wenn man mit über 60 im Internet nach einem Partner sucht.

Es gibt keine starren Regeln mehr. Die Alten machen die Regeln selbst, sie nehmen sich, was sie zum Glück brauchen. Wahrscheinlich gab es nie bessere Zeiten, um alt zu sein.

Ruhestand bedeutet Verlust von Sinn und Identität. Viele Rentner würden gern noch arbeiten. Früher blieben Menschen über 60, die keinen Partner mehr hatten, häufig allein bis zum Tod. Das ist vorbei.

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