AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2018

Deutscher beim "IS" Nils D. aus Dinslaken, Kronzeuge - und Folterknecht?

Nils D., früher Mitglied der Terrormiliz "Islamischer Staat", galt als Vorzeigeaussteiger. Nun steht er im Verdacht, Menschen zu Tode gefoltert zu haben.

Im Gefängnis im syrischen Manbidsch
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Im Gefängnis im syrischen Manbidsch

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Wenn Nils D. von der Folter beim "Islamischen Staat" (IS) erzählte, schluckten selbst hartgesottene Ermittler. Im Detail schilderte der damals 25-Jährige den Beamten des Landeskriminalamts (LKA) Nordrhein-Westfalen, was er als Mitglied der IS-Spezialeinheit im Gefängnis der syrischen Stadt Manbidsch gesehen hatte.

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Heft 10/2018
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Gefangene in Kisten, in denen sie nur stehen konnten. Gefangene in noch kleineren Kisten, in denen sie nur hocken konnten. Gefangene an der Decke, aufgehängt an ihren Händen, die hinter ihrem Rücken gefesselt waren. Die Folterknechte schlugen ihre Opfer, schrien sie an, über Stunden. Die Schreie der Gefolterten seien sogar außerhalb des Gefängnisses zu hören gewesen, "bis auf die andere Straßenseite", erzählte Nils D.

Der Mann aus Dinslaken war von Herbst 2013 bis November 2014 in Syrien. Im März 2016 verurteilte ihn das Oberlandesgericht Düsseldorf wegen der Mitgliedschaft in einer Terrororganisation zu viereinhalb Jahren Gefängnis.

Die Strafe fiel milde aus, weil Nils D. mit der Justiz kooperierte - und weil das Gericht keine Beweise dafür hatte, dass er gekämpft, jemanden misshandelt oder getötet haben könnte. Wegen guter Führung durfte er sich zuletzt Hoffnung machen, noch im März entlassen zu werden. Doch all dies steht nun infrage. Denn Nils D. soll nicht nur gesehen haben, wie der IS seine Gefangenen quälte. Er soll mitgemacht haben.

Generalbundesanwalt Peter Frank hat Anfang Februar einen neuen Haftbefehl gegen Nils D. beantragt. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts auf Mord und Kriegsverbrechen: Er soll in Syrien drei Gefangene zu Tode gefoltert haben. Anschließend sollen die Leichen in Säcken weggeschafft worden sein.

Falls sich die Vorwürfe bestätigten, würde das ein neues Bild des jungen Mannes ergeben. Er galt als Vorzeigeaussteiger, dem die Behörden viele Erkenntnisse zu verdanken haben. Mit seiner Hilfe wurden andere Terroristen gefasst und verurteilt.

Aber er wäre nicht der erste Kronzeuge, der im Nachhinein unter Mordverdacht gerät. Harry S. aus Bremen hatte umfangreich über seine Zeit bei einer anderen Spezialeinheit des IS ausgesagt. Dann wurde der "Washington Post" ein Video zugespielt. Auf dem war zu sehen, dass Harry S. - anders als behauptet - bei einem Massaker nicht zitternd auf dem Bürgersteig stand, sondern offenbar auf Gefangene feuerte.

Im Fall von Nils D. gibt es bislang kein Video. Allerdings hat die Bundesanwaltschaft einen Zeugen in der Türkei nahe der Grenze zu Syrien gefunden und ihn durch türkische Staatsanwälte befragen lassen. Mohammed E., ein Syrer aus Aleppo, hatte nach eigenen Angaben einem IS-Gegner gedient, der Freien Syrischen Armee. 2014 kam er nach Manbidsch, um seine Familie zu besuchen. Eines Tages, im Juli, verschleppte der IS ihn und 17 oder 18 andere Männer.

Abgesehen vom Essen seien die Bedingungen in dem Gefängnis so gewesen, "dass man es nicht aushalten konnte", sagte Mohammed E. den Ermittlern. Die Gefangenen, auch 13-jährige Kinder und 80-jährige Greise, seien gefoltert worden. Die Gefängnisaufseher hätten sie in winzige Zellen in einem Verhörraum gesperrt und gezwungen, bei der Folter anderer Gefangener zuzusehen, bevor sie selbst an der Reihe waren.

Ihre Foltermethode hätten die IS-Männer "Balango" genannt: Sie fesselten den Gefangenen mit Handschellen die Hände auf dem Rücken und hängten sie an die Decke. Dann, so Mohammed E., hätten sie ihre Opfer mit Holzstöcken oder Knüppeln geschlagen. In der Regel habe diese Tortur mindestens zwei Stunden gedauert, in einem Fall sieben Stunden.

Angeklagter Nils D. in Düsseldorf 2016: Mit seiner Hilfe wurden andere gefasst
Kai Kitschenberg/Funke Foto S./Action Press

Angeklagter Nils D. in Düsseldorf 2016: Mit seiner Hilfe wurden andere gefasst

Im Gefängnis seien die IS-Leute in zwei Gruppen unterteilt gewesen: Wächter und Wärter einerseits, eine Einheit für Festnahmen und Folter andererseits. Die Folterknechte seien Ausländer gewesen, die kein Arabisch sprachen. Unter ihnen sei ein Deutscher gewesen, 1,85 Meter groß, 140 bis 150 Kilogramm schwer. Sein Kampfname: "Abu Ibrahim".

Den Häftlingen sei es verboten worden, die IS-Leute genauer anzuschauen. Wer es doch getan habe, sei verprügelt worden.

Zudem seien die meisten IS-Männer im Gefängnis vermummt herumgelaufen, doch Abu Ibrahim habe er unvermummt gesehen. Er könne ihn wiedererkennen. Die türkischen Staatsanwälte, so steht es in ihrem Bericht an die deutschen Kollegen, legten ihm daraufhin mehrere Fotos vor. Er zeigte auf das Bild von Nils D. aus Dinslaken.

Mohammed E. hatte noch mehr zu berichten. Er habe gesehen, wie drei Gefangene unter der Folter der IS-Schergen starben. "Hilfe! Es reicht!", hätten die Opfer geschrien. Doch die Schergen machten weiter. Beteiligt, so sagte es Mohammed E., seien zwei ihm unbekannte IS-Männer gewesen - und Nils D.

Viel hängt für den nun davon ab, wie glaubwürdig Mohammed E. ist. Die Ermittler des LKA hegen keine Zweifel, vor allem weil sich viele Angaben mit dem decken, was Nils D. ihnen erzählt hat.

Beide lobten die Qualität des Essens im Gefängnis, berichteten von denselben Foltermethoden, beschrieben das Gefängnis ähnlich. Beide erzählten, es sei bombardiert worden. Sie malten sogar ähnliche Skizzen der Örtlichkeit und kannten Gefängnispersonal unter denselben Namen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Mohammed E. im IS-Gefängnis von Manbidsch saß, während Nils D. dort Dienst für den IS tat, ist hoch. Doch ist damit erwiesen, dass Nils D. wirklich Menschen zu Tode gefoltert hat?

Nils D., so teilt sein Verteidiger auf Anfrage mit, bestreitet die Vorwürfe. Tatsächlich gibt es Auffälligkeiten in den Angaben des Zeugen. Die türkischen Staatsanwälte, die Mohammed E. befragten, waren nicht die Ersten, mit denen er sprach. Zuvor hatte er mit einem Mitarbeiter der "Bild"-Zeitung und wenig später mit ZDF-Journalisten gesprochen - und, wenn deren Berichte stimmen, jedes Mal etwas anderes erzählt.

Mal hieß es, dass "Abu Ibrahim" Gefangene reihenweise mit der Faust ins Gesicht geschlagen oder einen angeblichen "Zauberer" enthauptet habe. Mal soll er dabei gewesen sein, als ein Gefangener über zwei Tage lang zu Tode gefoltert wurde. Mohammed E. verfüge, so heißt es in einem Fernsehfilm, über "Details und Dokumente, die jeden Richter der Welt überzeugen werden". Den türkischen Staatsanwälten sagte er, er habe nur seine Erinnerung.

Was stimmt? Es ist nicht sicher, dass sich die Vorwürfe aufklären lassen. Die Vernehmung Mohammed E.s durch türkische Beamte dürfte vor Gericht kaum ausreichen. Was passiert, wenn ein deutsches Gericht den syrischen Zeugen lädt, lässt sich nur schwer prognostizieren.

In den Sicherheitsbehörden jedenfalls dürften sich nun jene bestätigt fühlen, die zur Vorsicht mit Aussagen von IS-Kronzeugen gemahnt haben. Man könne "den Leuten einfach nicht in den Kopf gucken", sagte Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen schon 2016. Und ein erfahrener Ermittler, der viele Verfahren gegen Kriegsverbrecher und Terroristen geführt hat, sagt: "Unabhängig davon, ob einer von denen mit uns kooperiert, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die im Kampfgebiet die schlimmsten Verbrechen begangen haben, extrem hoch."

Vieles von dem, was über Nils D. und sein Umfeld bekannt ist, erscheint nun in neuem Licht. Etwa das gelöschte Bild von seinem Handy, das die Ermittler rekonstruieren konnten. Es zeigt, wie Nils D. einem vermummten und gefesselten Gefangenen eine Pistole an den Hinterkopf hält - angeblich ein Scherz im Beisein deutscher Kumpels. Oder jene Begebenheit, in der Nils D. gegen einen ehemaligen IS-Mann aus der Schweiz aussagt. Es ging wieder um Folter und die erpressten Geständnisse, die Gefangene ablegten.

Nils D. behauptete, nach dem Urteilsspruch durch einen IS-Richter würden die Gefangenen gefesselt und mit verbundenen Augen in "Umerziehungsschulen" gebracht. Einem Beamten aber gestand er kurz danach, dass das nur die halbe Wahrheit sei. Er wisse, dass manche der Opfer, die unter Folter ein Geständnis abgelegt hatten, getötet worden seien. Aber er habe damit nichts zu tun gehabt.



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