AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2017

Kofferchaos an deutschen Flughäfen Drei Stunden Wartezeit am Gepäckband

Der Billigwahn im Fluggeschäft trifft neben den Mitarbeitern neuerdings verstärkt auch die Kunden - wenn das Warten auf das Gepäck länger dauert als der Flug.

Gepäcktransportwagen am Flughafen Tegel
DPA

Gepäcktransportwagen am Flughafen Tegel

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Glaubt man Fremdenverkehrswerbern aus dem norditalienischen Bergamo, ist die Stadt ein ideales Reiseziel. Ihre Kommune sei "ein Wunder aus Kunst und Kultur", schwärmen die Ferienmanager auf ihrer Website, und "mit einem Billigflug von jeder Ecke Europas in zwei oder drei Stunden" erreichbar.

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Heft 33/2017
Wie sich das bedrohte Paradies wandelt

Die Rückreise kann etwas länger dauern. Fast drei Stunden mussten die Passagiere des Ryanair-Flugs FR 5501 von Bergamo nach Hamburg am Samstag vergangener Woche warten, bis sie nach der Ankunft ihre Koffer in Empfang nehmen konnten.

Wie den Italienurlaubern erging es in den vergangenen Wochen und Monaten vielen Reisenden an deutschen Flughäfen. Nicht nur in Hamburg, auch in Berlin, Düsseldorf und Bremen scharten sich Trauben von Menschen um die Gepäckbänder - in der Hoffnung, dass sich endlich etwas bewegt. Außerhalb der Ankunftshallen türmten sich oft angekommene, aber nicht weitergeleitete Koffer und Taschen zu monströsen Bergen. Die hauptamtlichen, bei Flughafentöchtern oder externen Dienstleistern angestellten Verlader waren der Massen nicht mehr Herr geworden.

Nach Aussagen von Airport-Sprechern fehlte es an Personal, besonders in der Ferienzeit. Geeignete Kräfte mit lupenreinem Leumund, reichlich Muckis und der Bereitschaft zu Schichtdienst seien ohnehin schwer zu bekommen, klagten sie. Außerdem seien Gepäcklader überraschend krank geworden. Das mag alles stimmen, greift aber zu kurz. In Wahrheit zeigt das Kofferdebakel exemplarisch, wohin der grassierende Sparwahn der Branche auch in anderen Servicebereichen langfristig führen könnte: geradewegs ins Chaos.

Seit vor gut 20 Jahren der Luftverkehr und die Bodendienste in Europa stufenweise liberalisiert worden sind und sich Preisbrecher wie Ryanair auf dem Kontinent breitgemacht haben, gilt für die Branche nicht mehr die Devise: schneller, höher, weiter, sondern: billig, billig, billig. Als Erste bekamen das die Beschäftigten zu spüren.

Piloten und Flugbegleiter verdienen heute deutlich weniger als ihre Vorgänger, nehmen das jedoch hin, weil sie Fliegen per se faszinierend finden. Bei einfachen Gepäckmitarbeitern fällt das Motiv weg. Sie können genauso gut in der boomenden Sicherheits- oder Logistikbranche arbeiten und tun das auch zunehmend.

Nach Auskunft der Gewerkschaft Ver.di haben sich die Löhne der Be- und Entlader gegenüber früher um bis zu 20 Prozent reduziert. Sie bringen es in der Regel nur noch auf ein Bruttogehalt von rund 1500 Euro im Monat. "Das ist jenseits von Gut und Böse", kritisiert Ver.di-Tarifsekretärin Katharina Wesenick, "zu solchen Bedingungen will doch keiner mehr arbeiten."

Die Kunden interessierte die Lohndrückerei bislang wenig. Hauptsache, das Ticket war billig. Doch das könnte sich bald ändern, denn das Kofferchaos zeigt, wie wichtig qualifiziertes und entsprechend fair bezahltes Personal gerade für reibungslose Abläufe beim Fliegen ist. Sonst ist die Erholung schon kurz nach dem Eintreffen in der Heimat wieder perdu.

Bis vor Kurzem war zum Beispiel in Berlin die Privatfirma WISAG für die Gepäckbeförderung bei Air Berlin zuständig. Ende März wechselte die Fluggesellschaft zu einem Ableger des sich noch immer in Staatsbesitz befindlichen Münchner Flughafens. Er bot die Dienstleistung billiger an. Einige vergleichsweise teure, aber erfahrene Kräfte seines Vorgängers konnte er nicht übernehmen, weil die lieber beim alten Arbeitgeber bleiben wollten.

Illustration: Nils Fliegner / DER SPIEGEL

Was für Kunden von Air Berlin folgte, war schlicht unzumutbar. Weil es zu lange dauerte, bis das Gepäck be- oder entladen war, starteten die Jets bereits ab Ostern mit gewaltigen Verspätungen oder hoben erst gar nicht ab. Überall bildeten sich endlose Schlangen. Einige Probleme dauern bis heute an. Das Berliner Flughafenmanagement hat die Kollegen in München inzwischen schon zum zweiten Mal abgemahnt. Zumindest die zweite Rüge wollen die Bayern nicht akzeptieren, weil ihrer Ansicht nach das schlechte Wetter schuld war. Sie haben Widerspruch eingelegt, von den Berlinern aber noch nichts gehört.

Auch in Hamburg geriert sich ausgerechnet ein Ableger des Flughafenbetreibers als Preisdrücker bei der Gepäckbeförderung. WISAG verlor dort erst kürzlich einen Airline-Kunden, weil der senatseigene Wettbewerber mit Schnäppchenpreisen lockte. "Es kann doch nicht sein", empört sich die Ver.di-Beauftragte Wesenick, "dass öffentlich-rechtliche Gesellschaften den Spitzenreiter bei der Absenkung der Löhne spielen."

Die Arbeitnehmervertreterin schlägt vor, dass sich Flughäfen, Airlines und Behörden zusammensetzen, um einen einheitlichen Branchentarifvertrag zu erarbeiten und den Wettlauf um immer niedrigere Löhne für die Kofferträger zu beenden. Am Ende müssten die Airlines dem jeweiligen Gepäckdienstleister dann wohl etwas mehr zahlen. Was leicht zu verkraften wäre: Immerhin verlangen die meisten Fluggesellschaften inzwischen von ihren Kunden Zuschläge für jedes angemeldete Gepäckstück von 10 bis 70 Euro, bei Direktaufgabe am Flughafen können im Extremfall sogar 150 Euro fällig werden.

Bei solchen Preisen sollte der Passagier eigentlich erwarten können, dass seine Habseligkeiten kurz nach der Landung abholbereit sind.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
The Restless 13.08.2017
1. In Tegel
Ich habe gerade erst 90 Minuten auf mein Gepäck gewartet, in Tegel, nach einem Flug mit Air Berlin, und das hundemüde, nach 24 Stunden auf diversen Flügen. Hoffentlich nie wieder ...
Hardisch 13.08.2017
2. Kein Mitleid
You get what you pay.... ich finde, es muss alles noch schlimmer werden bis die Leute endlich begreifen, dass man nicht für €20 irgendwohin fliegen kann ohne dass das gravierende Auswirkungen auf alle Beteiligten, letztlich auch den Fluggast hat. Was einem inzwischen auch von Firmen wie Tuifly geboten wird ist so unterirdisch, dass ich entweder zu Hause bleibe oder eben etwas mehr für einen vernünftigen Linienflug bezahle.
martin_mueller 13.08.2017
3. Lieber Hardisch...
...da haben Sie wohl leider reicht. Allerdings trifft es in diesem konkreten Fall Menschen, die meist schon ziemlich viel für die Aufgabe ihres Koffers bezahlt haben. "Im*mer*hin ver*lan*gen die meis*ten Flug*ge*sell*schaf*ten in*zwi*schen von ih*ren Kun*den Zu*schlä*ge für je*des an*ge*mel*de*te Ge*päck*stück von 10 bis 70 Euro, bei Di*rekt*auf*ga*be am Flug*ha*fen kön*nen im Ex*trem*fall so*gar 150 Euro fäl*lig wer*den. Bei sol*chen Prei*sen soll*te der Pas*sa*gier ei*gent*lich er*war*ten kön*nen, dass sei*ne Hab*se*lig*kei*ten kurz nach der Lan*dung ab*hol*be*reit sind."
martin_mueller 13.08.2017
4. Typo-Fehler
Zitat von martin_mueller...da haben Sie wohl leider reicht. Allerdings trifft es in diesem konkreten Fall Menschen, die meist schon ziemlich viel für die Aufgabe ihres Koffers bezahlt haben. "Im*mer*hin ver*lan*gen die meis*ten Flug*ge*sell*schaf*ten in*zwi*schen von ih*ren Kun*den Zu*schlä*ge für je*des an*ge*mel*de*te Ge*päck*stück von 10 bis 70 Euro, bei Di*rekt*auf*ga*be am Flug*ha*fen kön*nen im Ex*trem*fall so*gar 150 Euro fäl*lig wer*den. Bei sol*chen Prei*sen soll*te der Pas*sa*gier ei*gent*lich er*war*ten kön*nen, dass sei*ne Hab*se*lig*kei*ten kurz nach der Lan*dung ab*hol*be*reit sind."
Die * gehören da natürlich nicht rein...
matthyk 13.08.2017
5. Wer mit AirBerlin fliegt...
...und keinen Direktflug hat, der sollte besser einplanen, dass der Koffer nicht ankommt, denn die Wahrscheinlichkeit ist leider groß. Bei unserem letzten Flug sind wir mit einem der Mitarbeiter ein wenig ins Gespräch gekommen und der hat unter vorgehaltener Hand auch zugegeben, dass alles was über Berlin geht, ne Fifty-Fifty-Chance hat, dass es "Probleme" mit dem Gepäck gibt, da dort alles viel zu klein dimensioniert ist. Desweiteren ist es dort auch üblich, dass gelandete Flugzeuge teilweise sehr lange auf die Bodenabfertigung warten müssen. Von unserer Reisegruppe mit 8 Koffern kam dann auch einer erst mit 5 Tagen Verspätung an. Am Serviceschalter sind wir dann auch auf ne 4-köpfige Familie aus der Schweiz gestoßen, von denen kein einziger Koffer ankam...
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