AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2018

Diät Die verblüffende Heilkraft des Fastens

Esspausen tun dem Körper gut und können sogar Krankheiten lindern. Woran liegt das?

Jan Philip Welchering/ SPIEGEL Wissen

Von und Silvia Dahlkamp


Es geschah am dritten Fastentag. Morgens wachte Birgit Schützeberg, 50, auf und fühlte zum ersten Mal seit zwei Jahren: nichts. Kein Pochen in den Fingern, kein Ziehen im Nacken. Auch die Fußknöchel waren über Nacht abgeschwollen. Unfassbar für eine Frau, für die jeder Tag nur noch Schmerz war. Wochenlang hatten fehlgesteuerte Immunzellen ihre Gelenke attackiert. Nach der ersten Angriffswelle war die nächste gekommen und wieder die nächste. Gnadenlos.

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Heft 9/2018
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Ihr Arzt verschrieb zusätzlich zu ihren normalen Medikamenten noch Ibuprofen und Cortison, hoch dosiert. Doch nichts konnte die aggressiven Zellen aufhalten.

Um die Belagerung zu durchbrechen, brauchte Schützeberg Verstärkung. Deshalb sitzt sie nun hier: Zimmer EH26 in der Klinik für Naturheilkunde am Knappschaftskrankenhaus in Essen-Steele. Seit fünf Tagen hat sie keine feste Nahrung angerührt; nur Brühe, Saft, Wasser und Tee geschlürft. Die Taktik heißt: Fasten gegen ihre rheumatoide Arthritis. Kontrolliert und unter ärztlicher Aufsicht.

Seit Jahrhunderten schreiben Ärzte und Philosophen dem Fasten eine besondere Heilkraft zu. "Statt Medizin zu nehmen, faste heute lieber", empfahl der antike griechische Schriftsteller Plutarch. Die Zahl der wissenschaftlichen Studien zum Thema wächst, und nun lassen sie erkennen, inwiefern auch Schulmediziner das Fasten künftig wie eine bewährte Medizin verschreiben könnten.

Denn längere Esspausen, das Fasten über viele Stunden oder Tage hinweg, bewirken im menschlichen Körper messbare biochemische Veränderungen, die einen pharmakologischen Effekt haben.

"Fasten hilft erwiesenermaßen gegen Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen", sagt die Biologin Annette Schürmann vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke.

Immer mehr Mediziner sehen daher Hungerphasen als Chance, mit weniger Medikamenten gegen Zivilisationskrankheiten anzugehen. Noch fehlen viele wissenschaftliche Belege, aber es gibt Erfahrungen aus der Praxis, die in den Brennpunkt der Forschung rücken. Bereits Anfang der Neunzigerjahre verordnete der norwegische Arzt Jens Kjeldsen-Kragh 27 Rheumapatienten eine Saftdiät. Mit Erfolg: Schwellungen und Schmerzen gingen zurück. Bei den Teilnehmern, die sich anschließend vegan ernährten, blieb der Gesundheitszustand stabil. Zumindest zwölf Monate lang, dann war die Studie zu Ende.

Neuere Studien, etwa eine kontrollierte Untersuchung der Forscherin Hana Kahleova, weisen darauf hin, dass sich auch Diabetes Typ 2 durch Intervallfastenkuren, etwa das Weglassen einer Hauptmahlzeit, bessern kann. Vor allem die sogenannte Fettleber "schmilzt" durch die Fastenintervalle - und das hat einen positiven Einfluss auf die Krankheitsentwicklung. Damit wurde gezeigt, dass Diabetes Typ 2 keine unumkehrbare Erkrankung ist.

Nikolaus Scheper hat das nicht überrascht. Der Vorsitzende des Bundesverbands Niedergelassener Diabetologen in Deutschland betreut mit seinen Kollegen mehr als sechs Millionen Zuckerkranke. Auch Scheper hat in seiner Praxis in Marl viele adipöse Patienten, die unter Bluthochdruck und einem "verlotterten Zucker" leideten, wie er sagt. Scheper hat selbst schon gefastet und empfiehlt das immer wieder seinen Patienten, "weil es Zellen für Insulin aufschließt, die mit Fettgewebe verstopft sind".

Jan Philip Welchering/ SPIEGEL Wissen

Die US-Forscherinnen Ruth Patterson und Dorothy Sears fanden in der Fachliteratur 16 verschiedene Studien, in denen Menschen bei Intervallfastenkuren untersucht wurden: Das bedeutet, dass nur innerhalb eines bestimmten Zeitfensters gegessen wird. In elf der Studien sank das Körpergewicht der Testpersonen. Auch Schlaf und Verdauung werden besser, wenn ein paar Stunden vor dem Schlafengehen nichts mehr zu sich genommen wird. Eine "Kalorienzufuhr eher früh am Tag und ein verlängertes Fastenintervall in der Nacht könnten das Risiko für verschiedene, häufige chronische Krankheiten senken", schreiben Patterson und Sears im Fachjournal "Annual Review of Nutrition".

Und niemand muss lange auf die guten Effekte warten.

Bereits nach einer ausgedehnten Nachtruhe ohne Kalorien sind Insulin- und Glucose-Spiegel deutlich gesunken. Der US-Biologe Mark Mattson vom National Institute on Aging in Baltimore erklärt, dass im Stoffwechsel ein Schalter umgelegt wird: Nach ungefähr zwölf Stunden ohne Kalorien beziehen Gehirn und Muskeln ihre Energie hauptsächlich aus sogenannten Ketonkörpern, die in der Leber aus Fettsäuren hergestellt wurden. Er vermutet: Nicht die Glucose, sondern die "Ketonkörper sind der bevorzugte Brennstoff für das Gehirn und für den Körper". Das Umlegen des Fastenschalters überführt den Stoffwechsel demnach nicht in einen Ausnahmezustand, sondern in einen Urzustand.

Nicht nur, dass sich der Biorhythmus sowie Insulin- und Glucose-Spiegel normalisieren; auch Cholesterin, Interleukine, Triglyzeride und Entzündungsmarker im Blut sinken; die Darmflora blüht ebenfalls auf. Diese Faktoren erklären, warum Fasten gegen Dickleibigkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes Typ 2 hilft.

Die Schulmedizin beginnt erst, dieses Potenzial zu nutzen. "Da es leider immer noch zu wenige groß angelegte, kontrollierte klinische Studien zum Intervallfasten gibt, wird es sicher noch relativ selten von den Ärzten empfohlen", sagt Annette Schürmann vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung.

In ihrem Zimmer in der Essener Klinik ballt Birgit Schützeberg die Faust, öffnet sie. Die Finger spielen auf einer unsichtbaren Tastatur in der Luft. Ganz leicht sieht das aus. Vor einer Woche konnte sie ihre Schnürsenkel nicht mehr binden. Die Entzündungswerte im Blut sind gesunken.

Am Vormittag hat Chefarzt Gustav Dobos, 62, ihre Cortison-Dosis gesenkt. Das bedeutet weniger Nebenwirkungen. Dobos gilt als Pionier bei der Verknüpfung von Schulmedizin und Naturheilkunde. Als er vor fast 20 Jahren an die Pilotklinik im Ruhrgebiet kam, stichelten Kollegen: "Hokuspokus brauchen wir hier nicht." Ärzte überwiesen meist nur Akutpatienten, bei denen konservative Behandlungen nicht mehr anschlugen: Menschen mit bis zu 30 Migräneattacken im Monat. Kranke mit chronischem Reizdarm, die 20-mal am Tag zur Toilette mussten. Heute behandeln 15 Ärzte jedes Jahr knapp 5000 Patienten, 1300 davon stationär. Auch eine große Forschungsabteilung gibt es.

In zwei Stunden wird Birgit Schützeberg das letzte Süppchen ihrer Fastenkur trinken. Sie weiß, die Krankheit schlummert nur - und hofft, dass sie nicht aufwacht. Dazu will sie ihr Leben und ihre Ernährung ändern: weniger Stress, kein Fleisch, viel Gemüse. Das ist zwar keine Garantie auf Heilung, aber Hoffnung. Sie hebt zwei Finger und schwört: "Ich werde nie mehr Mettbrötchen essen."

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