AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2017

Die Deutschen und ihr Müll Kostbarkeiten in der Tonne

Kaum ein Land produziert so viel Müll wie Deutschland - und keines beschäftigt sich so sorgfältig damit. Wie hängt das zusammen? Vom Wertstoffhof St. Gabriel in Freiburg berichtet Alexander Smoltczyk.

Müllcontainer auf dem Wertstoffhof
Alina Emrich & Kiên Hoàng Lê / Lêmrich / DER SPIEGEL

Müllcontainer auf dem Wertstoffhof


Allen Deutschen gemeinsam ist das Trennende. Also jener eigentümliche Drang, der "Geworfenheit" des Lebens (Heidegger) durch entschiedenes Ordnen der Dinge und insbesondere des Wegwurfs entgegenzutreten. Vor allem Dienstagmorgens kurz vor neun.

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Heft 31/2017
Wie wir leben, wie wir denken: Ein Heft über Deutschland

Ein Tross aus vollgerümpelten Kombis, Kleinlastern, mit Leichtmetallhängern verkuppelten Familienlimousinen wartet hier, die Dachgalerien beladen mit Teppichen und Plastikgartenstühlen. Kurz ist man an Fluchtbilder erinnert oder an die ersten Reisetage im Sommerstau. Aber es ist nur ein ganz normaler Öffnungstag im Wertstoffhof St. Gabriel in Freiburg.

Einem der Reinräume dieses Landes. Wo sonst ist die Quote an Fehlwürfen so gering wie in den Tonnen dieser Stadt? Unter einem Prozent beim Papier und Glas, unter vier Prozent bei Biomüll. "Green City" Freiburg, jene Stadt, wo besagter Martin Heidegger über den existenzialen Sinn des Verfallens philosophierte, bevor er sich einer höheren Ordnung des Reiches verschrieb - aber da muss natürlich sauber unterschieden werden, da bringt man leicht was durcheinander.

St. Gabriel ist der Ort des Trennens. Einer von rund 800 Wertstoffhöfen der Republik. Bürger wuchten Auslegware, Matten, Kissen in die vorgesehenen aufgeklappten Container. Schilder weisen auf die kleinen Unterschiede hin. Ein "Hartplastik" ist kein "Weichplastik" ist kein "PVC" ist kein "Dämmschaum". In zentraler Position vier Normtonnen, aufgereiht wie ein Quartett Tenöre: Aluminium, Kupfer, Kabel, Messing.

Es ist eine Enzyklopädie der Dinge, nahezu vollständig sortiert bis zum letzten Rest, dem Behälter "Restmüll - max. 140 l". Dort steht ein schwerer, phlegmatischer Mann in lavendelblauem T-Shirt und dirigiert die Menge mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen von Kopf und Hand.

Überhaupt scheint ein stilles Einverständnis zu herrschen zwischen Mitarbeitern und Kunden, eine an Hochgestimmtheit grenzende Harmonie, wie sie einem auf Kirchentagen begegnet oder bei Flutkatastrophen: die Gewissheit, gemeinsam das Richtige zu tun.

Alina Emrich & Kiên Hoàng Lê / Lêmrich / DER SPIEGEL

Schmutz an sich gibt es nicht. Allenfalls Materie, die liegt, wo sie nicht hingehört. Das nun ist, wie in jedem Kinderzimmer zu Recht argumentiert wird, eine komplett willkürliche Entscheidung. Der Umgang mit Schmutz, Dreck, Müll, Abfall ist deswegen im Kern ein großes Umordnen. Genaueres regelt die Verpackungsverordnung (VerpackV) vom 12. Juni 1991.

Die Verordnung ist eines der nachhaltigeren Vermächtnisse der Ära Helmut Kohl. In §5(3) VerpackV heißt es: "... ist eine Getrennthaltung einzelner Wertstoffgruppen sicherzustellen." Die Verpackungsverordnung erklärte, und das war weltweit eine Premiere, den Abfall zum Wertstoff, machte Dreck zu Gold und Deutschland zur Kreislaufwirtschaft.

Wenige werden sich daran erinnern, was sie an jenem 12. Juni 1991 gemacht haben. Aber sie wissen, was sie seither machen: trennen. Trennen. Trennen.

Laut krachend zerkaut eine Presse Styroporverpackungen, um sie hinten als 30-Kilo-Barren wieder auszuscheiden, bereit zur Wiederverflüssigung und damit für eine neue Runde im Stoffkreislauf. Ein kurz behoster Mann trägt gemessenen Schrittes einen Armvoll Kleiderbügel vor sich her, als wollte er sie an einem Grabe niederlegen.

In großen Plastiksäcken werden Korken gesammelt, zur Belieferung einer Behindertenwerkstatt, weiter hinten stehen zwei mit Gehhilfen überfüllte Tonnen: "Die gehen nach Afrika", sagt Hans-Michael Ganter. Er ist der Bereichsleiter auf St. Gabriel, ein 53-Jähriger, spürbar im Reinen mit sich und der Welt und abgeklärt in einem Maße, wie es vielleicht nur an einem Ort möglich ist, wo bürgerlicher Besitz tagtäglich auf das Eigentliche reduziert wird: die stoffliche Existenz.

Alles fällt von den Dingen ab. Der alte Perserteppich? "Textil"-Container; die "Traumstraßen der Welt"-Sammlung vom Buchklub? "Altpapier". Ganter erzählt, wie jemand einen Karton scharfe Handgranaten vorbeigebracht hat: "Den hatten die in Opas Keller gefunden."

In ihrer Geschichte haben die Deutschen immer wieder eine Lust an der Zerstörung bewiesen. Im Recyclinghof St. Gabriel ist noch ein Rest dieser Wut zu beobachten, wenn auch in homöopathischer Verdünnung. Die Behälter, Tonnen, Fässer, die Pressen, Zermalmer, die vielen eifrigen Trenner und Bringer, all das erscheint wie eine große Maschine, in der alles mühsam Erzeugte, teuer Erworbene, liebevoll Bewahrte wieder nüchtern taxiert, sortiert und zerlegt wird.

Es handelt sich um einen Schauplatz des Nihilismus, an dem die Umformung der bürgerlichen Werte stattfindet, in aller Öffentlichkeit. Nur aus der Pulverisierung des Bestehenden kann eine neue Gesellschaft erwachsen.

Dem Wertstoffhof St. Gabriel ist, bei aller Disziplin, etwas Anarchisches eigen.

Seit der VerpackV ist auch aus dem Müllmann die "Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft" geworden, Männer in Signalweste, auf deren orangenem Rücken Sätze geschrieben stehen wie: "Sauber kommt gut". Ständig würden neue Sorten, Stoffkombinationen entwickelt, sagt Ganter: "Das Wissen hört nie auf", erzählt er, und alles, was gerade noch als letzter Schrei vermarktet werde, erscheine bald schon in einer der Tonnen von St. Gabriel.

Es fällt auf, dass der deutsche Müll immer noch fast ausschließlich Männersache ist. Anders als in Italien etwa. In Rom erscheinen die Müllwerkerinnen geschminkt und mit lackierten Fingernägeln zum Dienst.

Eine mädchenhafte Alte mit Citybag und Pferdeschwanz schiebt Kartonagen in eine Presse, während direkt daneben eine Ladung Schulbücher geschreddert wird, "Unterrichtseinheiten für die Realschule 1980". Der Behälter für CDs und DVDs, ein paar Schritte weiter, ist mit einer "Datenzerstöreinheit" versehen.

Alles in Ordnung.

In Mönchengladbach und Gelsenkirchen werden seit 2016 Mülldetektive eingesetzt, um wilden Müll auf seine Provenienz zu untersuchen. Unter der Schirmherrschaft von Bildungsministerin Johanna Wanka gibt es den Wettbewerb "Mülldetektive" für Kitas. Es gibt eine "Pico-Bello-Hotline" in Essen, um Missstände aufzudecken, Beobachtungen zu melden.

In Freiburg sei das nicht nötig, sagt Hans-Michael Ganter. Freiburg habe seine Abfälle im Griff, vor allem durch ein "haushaltsbezogenes Gebührensystem", quasi maßgeschneiderte Tonnen. Das System belohnt Abfallvermeidung, ist allerdings wegen des Verwaltungsaufwands auch teurer.

Probleme, sagt Ganter, gebe es noch bei den Hochhaussiedlungen. Da mangele es an Trennschärfe und Bürgersinn. Man experimentiere jetzt mit Müllschleusen, die sind mit Transpondern ausgestattet.

Alina Emrich & Kiên Hoàng Lê / Lêmrich / DER SPIEGEL

Von der benachbarten Kleingartenanlage schiebt ein älterer Herr mit Sonnenhütchen seinen Fahrradanhänger heran. Er kommt jeden Dienstag, zur gleichen Stunde. Auch wenn er, wie heute, nur eine Handvoll Verbundstoff dabeihat und eine alte Zeitung. Aber darum geht es nicht.

"Wissen Sie, die Vereinzelung im Alter ist schlimmer als die Armut", sagt Ganter. In St. Gabriel wird alles angenommen und jeder.

Der Wertstoffhof ist die neue Agora der Deutschen. Man trennt sich gemeinsam und in aller Öffentlichkeit von seinem Besitz, in einer Messe, die etwas "Befreiendes" hat. So würde Ganter die generelle Gestimmtheit seiner Kunden beschreiben.

Man begegnet sich zwischen den Containern, fachsimpelt über die Kurzlebigkeit der Dinge und mokiert sich gemeinsam über Neulinge, die glauben, imprägnierte Laubenbretter einfach so in die "Holz"-Behälter schmeißen zu können.

Nun gibt es durchaus Lecks in Deutschlands Abfallkreislauf. Die Außenwelt des Systems steht auf der anderen Straßenseite, vertreten durch einen müde winkenden Südosteuropäer, der versucht, alte Elektronik oder Haushaltsgeräte aus der Schlange der Wartenden abzuschöpfen. "Unser Abfangjäger", sagt Ganter: "Arme Kerle. Die müssen ihren Hintermännern täglich eine Quote abliefern. Aber das Zeug landet dann in Afrika, wo Kinder das Plastik von Kupferkabeln abbrennen und sich mit Dioxin vergiften."

Es ist eben so wie mit der Festung Europa, nur andersrum. Auch brauchbarer Elektroschrott darf die EU-Außengrenzen nicht überqueren, selbst wenn die Akkuschrauber oder Fernseher dort sehnlichst gebraucht werden. Alles der Umwelt wegen. Das ist die Logik: lieber Neues mit hohem Umweltstandard kaufen als Altes reparieren.

Seit die Share-Economy sich verbreitet hat, hat sich auch das Verhältnis der Bürger zum Besitz verändert. Wer es sich leisten kann, lebt light. In den meisten Städten gibt es Bücherdepots zur freien Bedienung und Verschenkmärkte. In besseren Gegenden liegen Kartons mit Büchern oder Kleidung: "Zu verschenken". Dinge haben ihre Funktion als Statussymbol eingebüßt, ohne deswegen schon als Wertstoff wahrgenommen zu werden.

Die nächste Ausbaustufe von St. Gabriel ist eine permanente Wertstoffbörse, ein Kaufhaus des Nochzugebrauchenden, mit Schonarbeitsplätzen für ältere, noch verwendbare Mitarbeiter.

Jedem nach seinen Bedürfnissen. Dieser urkommunistische Gedanke findet seine Grenze, sobald jemand etwas in einem Container verschwinden sieht, was er schon lange gesucht hat: "Mit dem Betreten des Geländes hat der Besucher seinen Entledigungswillen kundgetan", sagt Herr Ganter, und damit sei jedes weitere Eigentum Diebstahl. "Alles hier gehört jetzt der Stadt Freiburg. Wer etwas verschenkt, den muss ich von Amts wegen anzeigen."

Das sei, fügt er hinzu, nicht streng, sondern konsequent. Natürlich habe nicht jeder gleich die nötige Härte für diesen Dienst an der Rampe. Anfangs, sagt er, sei da noch dieses Mitgefühl: Das ist ja noch wie neu, wieso wird das weggeworfen? Vielleicht sogar der Reflex, etwas noch zu retten, womöglich sogar für sich selbst. "Da darf man nicht empfindlich, nicht empfänglich sein", sagt Bereichsleiter Hans-Michael Ganter.

Wenig ist so deutsch wie das Verwerten von Abfällen. Als von "Müll" noch keine Rede war, stand das Wort "Wertstoffe" schon im grimmschen Wörterbuch. Wir verwerteten bereits, als es noch gar keinen Müll gab.

In der DDR war die Abfallverwertung einer der wenigen funktionierenden Wirtschaftszweige. Seit der VerpackV gilt das vereinigte Deutschland als Erfinder des Recyclings und darin "weltweit beispiellos", so die Selbsteinschätzung der privaten Entsorger. Das Bundesumweltamt erklärt: "79 Prozent der in Deutschland erzeugten Abfälle wurden im Jahr 2014 verwertet." Und selbst die Deutsche Umwelthilfe lobt die "hohe Tonnendisziplin der Deutschen".

Wenige andere Länder beschäftigen sich so sorgfältig und liebevoll mit den eigenen Ausscheidungen. Und zudem verhalten wir uns, als könnte es nicht genug davon geben.

"Mit mehr als 218 Kilogramm Verpackungsabfall pro Kopf und Jahr bleibt Deutschland weiterhin unangefochtener europäischer Spitzenreiter beim Anfall von Verpackungsabfällen", so im April die Deutsche Umwelthilfe.

Vom obersten Ziel der VerpackV, der Müllvermeidung, ist das Land der Sammler und Trenner genauso weit entfernt wie vor zwanzig Jahren. Die Deutschen sind wohlhabender, cooler, mobiler geworden. Sie werfen jährlich knapp drei Milliarden Coffee-to-go-Becher weg und 17 Milliarden Einwegflaschen. Immer mehr frisches Obst und Gemüse wird vorverpackt angeboten.

In Europa produzieren nur die Dänen und die Zyprer noch mehr Siedlungsmüll aller Kategorien. Und die Schweizer. Am wenigsten Dreck machen sich die Rumänen, und das liegt nicht allein daran, dass die Tonne manchmal praktischerweise am Straßenrand geleert wird und in keiner Statistik auftaucht.

Wer mehr hat, wirft auch mehr weg. Je reicher eine Volkswirtschaft ist, desto mehr Müll macht sie, desto mehr Ressourcen verbraucht sie, und daran ändert auch noch so harte Disziplin an der Tonne nichts. Womöglich gibt es sogar einen Zusammenhang zwischen dem erstaunlichen Recyclingsystem dieses Landes und seinem ebenso erstaunlichen Müllberg.

"Verwerten" hat mit "Recycling" erst einmal nichts zu tun. Ein Großteil der mühsam gesammelten Kunststoffverpackungen etwa wird "energetisch verwertet", also verbrannt. Nicht einmal die Hälfte dessen, was etwa im Gelben Sack ankommt, wird genügend scharf getrennt, um wieder als Sekundärrohstoff zu taugen. Verbundstoffe erschweren die Sortierung. Da hilft es natürlich, wenn statistisch nur der Input gezählt wird. Das ist das, was vorn in die Anlagen gekippt wird.

Die Verwertung ändert nicht viel am hohen Ressourcenverbrauch, im Gegenteil: Es konsumiert sich umso ungenierter. "Der Gelbe Sack etwa macht keinen Sinn, nur ein gutes Gewissen. Und der Bürger zahlt noch dafür." Das sagt Wolf Eisenmann, Geschäftsführer der Müllverbrennungsanlage im Landkreis Böblingen. Für ihn sei das eigentlich Bewundernswerte am Recycling: "Den Bürgern wird das Geld aus der Tasche gezogen, ohne dass sie es merken, und die Kommunen haben auch nichts davon, weil Privatfirmen die Säcke einsammeln."

Theoretisch muss der Handel seine Verpackungen auch wieder zurücknehmen, mittels der gelben Tonnen und Säcke. Dieser versucht, die Kosten den Verbrauchern oder Produzenten überzuwälzen. Es ist ein lukrativer Markt. Die zehn Verpackungsmüllsammler, die Firmen des Dualen Systems, unterbieten sich gegenseitig. Dadurch hat der Handel wenig Anreiz, auf ressourcenschonende Verpackungen umzusteigen.

Thomas Fischer, der Abfallexperte der Umwelthilfe, sieht die Schuld weniger bei den Konsumenten als bei Politik und Handel. "Technisch ist es möglich, 60 bis 65 Prozent der gesammelten Kunststoffverpackungen wirklich zu recyclen. Aber der Gesetzgeber muss die Quote auch regelmäßig an die Möglichkeiten anpassen, wie es etwa in Japan geschieht." Sinnvoll wäre eine Verpackungsteuer im Handel, die überflüssige Verpackungen verteuert.

Bis es so weit ist, tröstet sich der Konsument mit tätiger Buße auf dem Wertstoffhof. Hier werden weniger Keller und Dachboden entrümpelt als vielmehr das eigene Gewissen des Konsumsünders. Ent-Sorgung hätte Heidegger es genannt. So erklärt sich die positive Gestimmtheit auf St. Gabriel, dieses heitere Miteinander an der Rampe. Was meint das kurze Nicken des Mannes im orangenen Overall anderes als: Te absolvo?

Der "Annahmebereich Schadstoffe" liegt am Rand von St. Gabriel, vor der Ausfahrt. Hier geht es um Vernichtung, nicht um Wiederauferstehung als Granulat. Hier ist Höllenfeuer, nicht Erlösung. "Ich bin hier die Giftmüllecke", sagt Jürgen Häsler, der zuständige Mitarbeiter. Er trägt Zivil, dazu eine Kappe, die zum Verzicht auf fossile Brennstoffe aufruft.

Jürgen Häsler ist Chemiker geworden, weil ihn die Umwandlung von Materie schon immer interessiert hat. So kam er zum Wertstoffhof. Er ist jetzt 49 Jahre, Einserabschluss in Chemie. Eine junge Frau legt kommentarlos alte Streichholzschachteln vor ihn hin und ein Glas mit der Aufschrift "Preiselbeermeerrettich". "Roter Phosphor an der Reibefläche und am Zündkopf Antimonpentasulfit", sagt Häsler und schiebt die Streichholzschachteln zusammen.

Und der Meerrettich? "Das ist kein Sondermüll, harmlos. Wir nehmen Speiseöle an, damit sie nicht durch die Kanalisation entsorgt werden und die Rattenpopulationen ernähren. Das ist eine Art Kulanz."

Noch in den Siebzigern, sagt Häsler, habe die Parole gegolten: "Großes Loch, alles rein, Erde rüber, Rasen eingesät und ein paar Bäumchen." Erst seit 2005 sind unbehandelte Abfälle auf Hausmülldeponien verboten. Heute wird verwertet und verbrannt.

Während die nächste Dame mit Jungmädchenzopf sorgfältig Batterien und Glühbirnen vor ihm ausbreitet, erzählt Häsler von der Rückensalbe Diclofenac und deren Auswirkungen auf den Wasserkreislauf. Er ist informiert über den Lithiumkarbonat-See in Bolivien und die Arlitt-Uranminen in Nordniger. Eine Pappschachtel Lithiumbatterien ist ihm Anlass, über Lithium-7-Isotope und den Zusammenhang mit dem nordkoreanischen Wasserstoffbombenprogramm zu referieren. Es geht um alles auf St. Gabriel.

Erstaunlicher Herr Häsler. Er gehört zu den Menschen, bei denen sich das Wissen ablagert, Schicht für Schicht, und jederzeit zu bergen ist. Er erwähnt die Kondratieff-Zyklen und die Rotationen der Atome, spricht von Wühlmausbegasungsmitteln im selben Atemzug wie von den ungesättigten Fettsäuren in jenem Öl, das gerade, wie eine Gabe, auf seinen Tisch gelegt wird. Und all dies mit dem mikroskopischen, ironiefreien Lächeln des Wissenden, wie es jeder kennt, der schon einmal von Amts wegen belehrt wurde.

Jürgen Häsler ist Mitglied der Grünen und diverser Vereinigungen zum Schutz der Umwelt. Er ist auch Träger der Ehrennadel des Briefmarken-Sammlerklubs Villingen Schwarzwald e.V. Häsler sagt, er stehe hier "aus Überzeugung".

Und so ist der Wertstoffhof ein Ort des Bekenntnisses. Ein Ort, wo über Sinn und Unsinn des Lebens verhandelt wird und über das Wesen der Dinge. Und das ganze Gerede, es gäbe in Deutschland keine Diskussion mehr über Werte? Ab in die Tonne damit.



insgesamt 5 Beiträge
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Dogbert 02.08.2017
1. Ich bin Spiegel Abonnent
daher zahle ich nicht für Spon und habe den Artikel nicht gelesen. Aber mal eine Anregung an Herrn Smoltczyk, überlegen Sie mal ob Sie die Müllmassen, die Sie offensichtlich in deutschen Wertstoffhöfen entdeckt haben, nicht auch in Italien, Spanien etc. gefunden hätten. Da nur leider im nächsten Wald !!
Littlenickman 02.08.2017
2. Super Artikel
inhaltlich interessant und geil getextet. Hab' gern gezahlt dafür.
Maristela 02.08.2017
3. Traurig aber wahr...
Vor Jahren sind mein Vater und ich zu einem Wertstoffhof gefahren um unsere Gartenabfälle zu entsorgen. Als mein Vater so neugierig in die anderen Container schaute, da entdeckte er einen großen blauen Sack mit Kuscheltieren aller Art. Wir schmissen den Sack in unser Auto und zu Hause kam der Inhalt nach und nach in die Waschmaschine. Kinder aus dem Bekanntenkreis und das Rote Kreuz freuten sich riesig über die Masse an fast neuen Kuscheltieren. Das müsste über zwanzig Jahre her sein... geändert hat sich nichts wenn man eben hier und da in die anderen Container schaut. Ebenfalls kannten wir mal einen Nigerianer, der "alte" Computer, Kopierer etc. aufkaufte um diese in seiner Heimat wieder zu verkaufen. Nicht um die Geräte auseinander zu nehmen, sondern zu reparieren und noch möglichst lange zu verwenden.
manicmecanic 03.08.2017
4. nichts neues
mit den Kostbarkeiten im deutschen Müll.Als ich noch Kölner war habe ich meine erste Wohnung zum guten Teil mit Möbeln vom Müll ausgestattet und selbst die peniblen Leute konnten es oft nicht glauben woher so manches war.Es hat zwar mit der Qualität nachgelassen,aber wieviel wirklich brauchbares immer noch im Müll ist sieht man an den Heerscharen von Transportern mit rumänischen Nummern die um solche Gelegenheiten rumschwirren.
GoaSkin 03.08.2017
5. Mülltrennung ist nichts typisch Deutsches
Den Grünen Punkt gibt es nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und auch drum herum. Und ebenfalls ist es so gut wie überall Realität, dass auch Papier, Glas und Biomüll separat gesammelt werden. Typisch Deutsch ist lediglich, das ganze Sammelsurium an Mülltonnen zu Hause herumstehen zu haben. In den meisten Ländern gibt es hingegen Container, die von mehreren Häusern gemeinsam genutzt werden; von diesen dann wiederrum nach allen möglichen Müllarten getrennt.
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