AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2018

Schockierende Herstellungsbedingungen Das Blut, das an Ihrer Natursteinterrasse klebt

Gartenterrassen aus indischem Naturstein sind bei den Deutschen beliebt. Doch die Herstellungsbedingungen sind eine Schande, viele Arbeiter sterben. Was tun?

Silikose-Patientin Yadav: "Die Ärzte wussten nicht, was ich habe"
Ashish Sharma

Silikose-Patientin Yadav: "Die Ärzte wussten nicht, was ich habe"

Von Petra Sorge und Julia Wadhawan


Wollte man Radha Bais Leben in einem Geräusch erfassen, wäre es ein abgehacktes Schlagen, hell im Ton, gleichmäßig im Rhythmus. Tak, tak, tak. Die Werkzeuge dafür hält die 55-Jährige in beiden Händen: links einen abgewetzten Meißel, rechts einen Hammer. Sie hockt in einem Tal aus Schutt, direkt hinter Budhpura, einem Dorf im Süden des indischen Bundesstaats Rajasthan. Ihr türkisfarbener Baumwollsari leuchtet vor dem Grau der Steine.

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Heft 1/2018
Bewegen, gut essen, entspannen: Der Masterplan für ein viel längeres Leben

Mit ihren schmalen Armen hievt Bai eine Steinplatte vor ihre Füße. Dann schlägt sie zu, schnell, präzise, bis die Platte in eine quadratische Form zerbricht. Den Vorgang wiederholt sie Dutzende Male am Tag, seit 20 Jahren. Damit sichert sie ihr Überleben. Und daran wird sie wahrscheinlich sterben.

Budhpura ist ein Zentrum der indischen Sandsteinindustrie. Die gesamte Region ist von ihr abhängig. Indien produziert ein Viertel des weltweiten Natursteinaufkommens. Viele Steine werden ins Ausland exportiert, auch nach Deutschland. Unter dem Namen "Kandla Grey" - auch "Budhpura Grey" genannt - werden sie etwa in Terrassenböden oder Gartenanlagen verbaut. Der Boom im indischen Bausektor und das Exportgeschäft schaffen Millionen Jobs. Viele verdienen daran, Pächter und Händler vor allem, viele aber bringt die Arbeit auch um.

Radha Bai hat bereits ihren Mann verloren und beide Schwager. Fast 25 Menschen in ihrem Umkreis seien gestorben, ihre Lungen vergiftet, sagt sie. Bai befürchtet, die Nächste zu sein: "Ich bin seit 15 Jahren krank. Ich habe Silikose."

Silikose, auch bekannt als Steinstaublunge, entsteht durch das Einatmen von quarzhaltigen Staubpartikeln. Sie kommen in den meisten Natursteinen vor, Sandstein hat besonders viele davon. Einmal eingeatmet, setzen sie sich im Gewebe fest. Es bilden sich bindegewebige Knötchen, es entzündet sich, vernarbt und verhärtet. Der Staub der Steine verwandelt Bais Lunge quasi langsam selbst zu Stein. Die Folge: Atemlosigkeit bis zum Erstickungstod.

Vor allem Männer erkranken an Silikose, weil sie häufiger in Minen arbeiten, in denen die Staubbelastung am höchsten ist. Bei Stichproben des Indischen Rats für Medizinforschung wurden bei 16 bis 57 Prozent der Bergmänner Silikose gefunden. Allein in Rajasthan wären demnach rund 800.000 Arbeiter gefährdet - besonders da, wo Minenbetreiber die Gesetze unterlaufen und beispielsweise beim Bohren auf Wasser verzichten.

Einige Orte tragen bereits den Beinamen "Witwendorf", so wie Budhpura.

Radha Bais Mann erlag vor 20 Jahren offiziell der Tuberkulose. Von Silikose hörten die Dorfbewohner das erste Mal vor vier Jahren, als Mitarbeiter der Kampagne zum Schutz von Minenarbeitern (MLPC) den Ort aufsuchten.

Die Hilfsorganisation wird unter anderem vom katholischen Hilfswerk Misereor unterstützt, gegründet hat sie Rana Sengupta: ein Mann mit ruhiger Stimme und Schnauzbart. Er kämpft für bessere Bedingungen in Rajasthans Bergbauindustrie. Dabei stellte er fest, dass viele Arbeiter krank waren und seit Jahren wegen Tuberkulose behandelt wurden. MLPC ließ sie erneut untersuchen. Das Ergebnis: Viele litten eigentlich an Silikose.

Auf dem Ultraschallbild sehen sich beide Krankheiten ähnlich. Aber: Tuberkulose wird von Bakterien ausgelöst. Sie ist heilbar. Silikose nicht. Oft trete auch eine Kombination beider Krankheiten auf, erklärt Vinod Jangid, Lungenexperte an der nahe gelegenen Universitätsklinik Kota: "Viele Silikose-Patienten leiden gleichzeitig an Tuberkulose."

Mine in Rajasthan: Die ganze Region lebt vom Sandstein
Ashish Sharma

Mine in Rajasthan: Die ganze Region lebt vom Sandstein

Selbst wenn die Ärzte eine Silikose richtig erkennen, bleiben den Patienten oft nur noch wenige Jahre zu leben.

Wer die Steine in Deutschland kauft, ahnt davon nichts. Kandla Grey kann man nicht nur von zahlreichen Großhändlern beziehen, sondern beispielsweise auch bei Jonastone.de im Internet bestellen. Auf der Website werden sie wie eine Delikatesse beworben: "Eine Prise Zurückhaltung und eine ordentliche Portion Moderne vermischt mit einem Schuss unberührter Natürlichkeit."

Der Mannheimer Onlinehändler richtet Musterschauen aus, zum Beispiel in einer Backsteinsiedlung im Westen Berlins. Samstags steht hier auch ein Berater. Er sagt, Jonastone sei billiger als die Konkurrenz, weil die Ware direkt aus dem Ausland komme, "ohne Zwischenhändler".

Kandla Grey hängt ganz hinten an der Wand. "Naturgespalten", steht da. Der Quadratmeter kostet 36,20 Euro.

Radha Bai erhält von ihrem Agenten rund 1,40 Euro am Tag. Sie muss viele Pausen machen, bekommt häufig Fieber, ihr Atem wird schwer. Vor Kurzem erst kam sie deswegen ins Krankenhaus. Ihre Witwenrente beträgt zehn Euro im Monat. Radha Bai hatte vier Töchter, eine kam ums Leben. Diese hinterließ wiederum zwei Töchter, die älteste ist 18, und einen Sohn. Weil Radhas Lohn allein nicht reicht, meißeln sie längst selbst Steine.

So sind auch schon Kinder dem gefährlichen Staub ausgesetzt. Die jüngste Silikose-Patientin in Budhpura ist gerade mal 19 Jahre alt. Urmila Yadav, ein zierliches Mädchen mit glattem schwarzem Zopf, zieht ihre Röntgenbilder aus einem braunen Umschlag. Weiße Schwielen überziehen die schwarzen Lungenflügel - Silikose-Narben. "Ich werde seit sieben Jahren behandelt, immer mit anderen Medikamenten. Die Ärzte wussten nicht, was ich habe." Vor zwei Jahren wurde bei ihr Silikose diagnostiziert.

Schon als kleines Mädchen begleitete sie ihre Mutter nach der Schule ins Tal, wo die Frauen Steine meißeln. Mit 13 Jahren fing sie selbst damit an. Das ist illegal, aber fernab offizieller Arbeitsplätze kaum zu kontrollieren.

Bei Jonastone sagt Marketingleiter Patrick Finkbeiner, seine Firma habe "mit der Problematik rund um das Thema Silikose bisher keine profunden Erfahrungswerte" mit den Händlern in Indien. Über seine Anwälte lässt das Unternehmen später noch erklären, die von ihm vertriebenen Steine seien nicht von Hand bearbeitet und stammten nicht aus Budhpura. Bei sämtlichen Importen würden "Zertifizierungen über Mindeststandards vorgelegt". Welche Zertifikate genau, erklärte Jonastone indes nicht.

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Durch welche Hände die Steine wandern, wo sie bearbeitet wurden, ist unklar. Rana Sengupta von der Hilfsorganisation MLPC sagt: "Es ist unmöglich, die Handelskette nachzuvollziehen."

Das macht es einfach, Regeln zu umgehen. Für Importeure sei das ein Problem, sagt Reiner Krug vom Deutschen Naturwerkstein-Verband. "Sie haben keine wirtschaftliche Macht, um die Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern zu bestimmen." Die einzige Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, seien Zertifikate, basierend auf Kontrollen vor Ort.

Das "Indo-German Export Promotion Program" (IGEP) verspricht genau das - ein Label für fair produzierte Steine. Es legt besonderen Wert darauf, Kinderarbeit zu vermeiden. Zu hohe Staubbelastung und Silikose waren in Rajasthan bislang kein großes Thema, sagt IGEP-Initiator Dietrich Kebschull. Anders Fair Stone und Xertifix: Beide Siegel verlangen Maßnahmen zur Staubvermeidung. Bei Maschinen geht das, mit Wasser. Auch spezielle Masken helfen enorm. Aber die sind teuer und bei der Hitze kaum zu ertragen.

Auf dem Weg vom Steinbruch bis zum Endkonsumenten liegen viele Abzweigungen. Mit jeder davon wird der Schutz der Arbeiter schwieriger. Besonders in Dörfern wie Budhpura. Minenbesitzer bringen Restware hierher, um sie von den Bewohnern für Niedriglöhne meißeln zu lassen. Wenn Radha Bai mit einem Pflasterstein fertig ist, bringen Zwischenhändler die Ware mit Lkw zum nächsten Mittelsmann.

Wo ein Händler seine Steine verarbeiten lässt, bleibt für viele im Verborgenen. Es gibt dafür keine Belege, keine Arbeitsverträge. Weil Radha Bai in keiner Mine oder Fabrik arbeitet, fällt sie aus den meisten Schutzgesetzen heraus.

Eigentlich müsste man diese Arbeit verbieten, sagt Sengupta von MLPC. Aber wovon würden die Menschen dann leben? Die einzige Lösung sieht er in der Formalisierung der Branche.

Er fordert, dass Minenbetreiber und Zwischenhändler ihre Mitarbeiter ordentlich dokumentieren und ihnen Arbeitsverträge ausstellen. Denn ohne Verträge kann kein Arbeiter Ansprüche geltend machen. Das betreffe auch den Export, sagt Sengupta. "Deutsche Importeure sollten ihre Zulieferer dazu verpflichten, ihre Mitarbeiter zu identifizieren."

Bis es so weit ist, bleibt Frauen wie Radha nichts anderes übrig, als den Staat um Hilfe zu bitten. An einem Freitagnachmittag postiert sie sich dafür vor einem Hotel in der nächstgrößeren Stadt Bundi. Die Ministerpräsidentin des Bundesstaates tagt heute dort. Rajasthan hat als einer von wenigen Bundesstaaten einen Fonds aufgelegt, für Silikose-Opfer und ihre Angehörigen. Aber das Geld kommt bei vielen nicht an. Die Frauen strecken daher ihre Fäuste in die Luft, rufen im Chor: "Gebt uns unsere Rechte!" Sie meinen: Geld - als Entschädigung für ihre verstorbenen Männer. Den Spruch haben sie auch auf ein großes Banner drucken lassen. Darunter steht: "Die Witwen von Budhpura".


Mitarbeit: Sunaina Kumar Unterstützt; die Recherche wurde vom European Journalism Centre unterstützt und von der Bill & Melinda Gates Foundation mitfinanziert.



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