AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2017

Forderung der IG Metall Endlich weniger arbeiten?

Eine alte Gewerkschaftsforderung kommt wieder hoch: Arbeitszeitverkürzung. Wie stehen die Chancen?

Arbeiter der Mecklenburger Metallguss GmbH
Gerhard Westrich / laif

Arbeiter der Mecklenburger Metallguss GmbH

Von , Armin Mahler und Antonia Schaefer


Geld ist nicht das Problem. Der Metallindustrie geht es, nach acht Jahren des Aufschwungs, so gut wie lange nicht mehr. Die größte Gefahr scheint die Überhitzung der Konjunktur zu sein, vor der die Ökonomen des Sachverständigenrats gerade gewarnt haben. Da könnte die kommende Tarifrunde eigentlich ein Selbstläufer sein.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 46/2017
*AUFWACHEN! Warum China schon jetzt Weltmacht Nr. 1 ist - ein Weckruf für den Westen

Wenn es denn um Geld ginge. Aber das geht es nur zum Teil. Sechs Prozent mehr Lohn fordert die IG Metall, viel zu viel natürlich in den Augen der Gegenseite, aber keine Zahl, die die Arbeitgeber wirklich schreckt. Darüber ließe sich reden, auf einen Kompromiss könnte man sich, nach den üblichen nächtlichen Verhandlungsrunden und dem einen oder anderen Warnstreik, einigen.

Mit den üblichen Ritualen wird die Tarifauseinandersetzung in der Metallindustrie jedoch kaum zu bewältigen sein. Sie beginnt in der kommenden Woche, und schon jetzt sind die Fronten "total verhärtet", wie Rainer Dulger, der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, sagt. "Die Unternehmen sind vollkommen verunsichert, das habe ich noch nie so erlebt."

Zum ersten Mal seit dem erbitterten Kampf um die 35-Stunden-Woche fordert die Gewerkschaft für die 3,9 Millionen Beschäftigten in der deutschen Metall- und Elektroindustrie wieder eine Arbeitszeitverkürzung, zusätzlich zur Lohnsteigerung. Bei manchen Beteiligten werden Erinnerungen wach an das Jahr 1984, als die IG Metall den Einstieg in die verkürzte Wochenarbeitszeit in einem der längsten Arbeitskämpfe der bundesdeutschen Geschichte durchsetzte.

Nun soll, so will es die IG Metall, jeder Beschäftigte das Recht bekommen, seine Arbeitszeit für längstens zwei Jahre auf bis zu 28 Stunden zu reduzieren - verbunden mit dem verbrieften Anspruch, danach wieder auf seine Vollzeitstelle zurückkehren zu können. Einen generellen Lohnausgleich soll es nicht geben.

Doch die Forderung enthält zwei gewichtige Ausnahmen:

  • Arbeitnehmer, die in Teilzeit gehen, um Kinder unter 14 Jahren zu betreuen oder Familienangehörige zu pflegen, sollen einen festen monatlichen Zuschuss von 200 Euro erhalten - wenn sie ihre wöchentliche Arbeitszeit um mindestens 3,5 Stunden reduzieren;
  • Beschäftigte in Schichtarbeit oder anderen gesundheitsbelastenden Arbeitszeitmodellen sollen einen Zuschuss von jährlich 750 Euro bekommen, wenn sie ihre Jahresarbeitszeit verkürzen.

Für Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IG Metall, ist das auch eine Frage der Gerechtigkeit: "Wir wollen, dass eine Reduzierung der Arbeitszeit nicht nur mit hohen Einkommen möglich ist, sondern auch für die Menschen, die weniger gut verdienen, eine echte Option wird."

Das klingt nicht nach der Neuauflage alter geschlagener Schlachten, eher nach dem Gegenteil. 1984 wurde, als Ausgleich für die arbeitnehmerfreundliche Arbeitszeitverkürzung, eine arbeitgeberfreundliche Flexibilisierung der Arbeit vereinbart. Heute sagt Hofmann: "Wir wollen in dieser Runde keine kollektive Regelung der Arbeitszeit für alle, sondern individuelle Lösungen für den Einzelnen." Es folgt allerdings ein Nachsatz: "Über die Flexibilisierung soll nicht mehr allein der Arbeitgeber entscheiden können, sondern der Arbeitnehmer."

Die Gegenseite interpretiert die Forderung der IG Metall ganz anders: als großflächigen Einstieg in die 28-Stunden-Woche. Und die will sie unter allen Umständen verhindern.

Von den geplanten Lohnzuschüssen sei die Mehrheit der Belegschaften betroffen, wenn man alle Begünstigten zusammenzähle. "Da kommen Sie locker auf 60 Prozent", sagt Dulger. Als geschäftsführender Gesellschafter der Prominent Dosiertechnik GmbH kennt er die betriebliche Praxis. Das Familienunternehmen beschäftigt weltweit 2500 Mitarbeiter, 600 davon am Stammsitz in Heidelberg.

DER SPIEGEL

Eine Arbeitszeitverkürzung kommt für die Arbeitgeber nur unter zwei Bedingungen infrage: "Wenn jemand an einer Stelle weniger arbeitet, muss jemand an anderer Stelle mehr arbeiten dürfen", sagt Dulger. "Darüber können wir immer reden." Und: "Es muss bei dem Grundsatz bleiben: Wer mehr arbeitet, verdient mehr, und wer weniger arbeitet, verdient weniger."

Diesen Grundsatz sehen die Arbeitgeber bei den Gewerkschaftsforderungen verletzt. Nach ihren Berechnungen würde ein Schichtarbeiter mit einem Durchschnittseinkommen von 56.300 Euro, der seine Arbeitszeit um zehn Tage pro Jahr verkürzt, monatlich netto nur rund 48 Euro weniger verdienen, wenn sich die IG Metall mit ihrem Teilentgeltausgleich durchsetzte.

In den Augen der IG Metall sind die Festbeträge von 200 Euro monatlich oder 750 Euro im Jahr dagegen lediglich ein Zuschuss - und kein weitgehender Ausgleich der Lohneinbuße. Ihre Rechnung klingt ganz anders: Bei einem monatlichen Bruttoverdienst von 2500 Euro und einer Arbeitszeitreduzierung von 3,5 Stunden im Monat würden sich Arbeitgeber und Mitarbeiter die Kosten zur Hälfte teilen. Jede Seite nimmt sich das Beispiel, das ihre Argumentation am besten stützt.

Was die Arbeitgeber an den Forderungen der Gewerkschaft - neben den Lohnzuschüssen - vor allem stört, ist das Recht der Teilzeitbeschäftigten, nach zwei Jahren auf einen Vollzeitarbeitsplatz zurückzukehren. Das bringe die komplette Arbeitsorganisation durcheinander, argumentieren sie. Wo immer es möglich sei, könnten die Mitarbeiter doch schon heute wieder von Teil- in Vollzeit wechseln. Es sei doch auch im Interesse der Betriebe, qualifiziertes Personal länger zu beschäftigen, statt neue Mitarbeiter einzustellen.

Das mag in vielen Fällen so sein, doch "derzeit hängen wir vom Wohlwollen des Arbeitgebers ab", sagt Florian Mayer, Fertigungstechniker bei Airbus. "Da ist man in einer Bittstellerrolle."

Tanja Steinau ist seit 1995 Disponentin in der Ersatzteilversorgung beim Hamburger Gabelstapler-Hersteller Still, seit der Geburt ihrer Tochter arbeitet sie Teilzeit. Damit sie irgendwann wieder zur Vollzeit zurückkehren kann, hat sie ihre Stelle nicht fest auf Teilzeit umgeschrieben. "Das bedeutet aber, dass ich Jahresverträge bekomme, und das ist natürlich unsicher." Sicherheit, in die Vollzeit zurückzukehren, gebe es trotzdem nicht. "Einigen Kollegen ist das auch nicht gelungen, andere hatten Glück", sagt sie. "Wenn die Forderungen durchkommen, würde sich das ändern."

Mehr Geld oder mehr Freizeit - und mehr Flexibilität auch aufseiten der Arbeitnehmer: Das sind die Streitfragen in diesem Tarifkonflikt. Und deshalb reicht er weit über die Metallindustrie hinaus.

Die flexible Arbeitswelt, angetrieben und beschleunigt durch Digitalisierung und technischen Fortschritt, stellt die Tarifparteien vor grundsätzliche Fragen: Wer bestimmt darüber, wie die flexiblen Arbeitszeiten der Beschäftigten auszusehen haben? Droht eine Spaltung der Belegschaften? Die einen können aufgrund ihrer Tätigkeit mehr oder weniger frei ihre Arbeitszeiten einteilen, die anderen werden flexibilisiert, weil ihre Arbeit an die Laufzeiten von Maschinen und rigide Arbeitsabläufe gekoppelt ist.

In der Metallindustrie reichen die vertraglichen Arbeitszeiten je nach Tätigkeit von 32 bis über 40 Stunden, häufig im selben Betrieb. In der Realität ist die 35-Stunden-Woche eher eine Leitlinie.

Die tatsächlichen Arbeitszeiten liegen höher, im Schnitt aller Vollzeitbeschäftigten sogar bei 43,5 Stunden - knapp fünf Stunden mehr als vertraglich vereinbart. Das ergab eine Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin unter 20.000 Erwerbstätigen. Rund jeder fünfte arbeitet regelmäßig Schicht.

Zugleich aber hat sich in der Gesellschaft das Verhältnis zu Geld und Arbeit gewandelt. Im vergangenen Jahr schloss die Eisenbahngewerkschaft EVG einen Tarifvertrag mit der Deutschen Bahn AG. Dieser sah eine Tariferhöhung in zwei Stufen vor. Für die zweite Stufe ab Januar 2018 konnten sich die Beschäftigten zwischen 2,6 Prozent mehr Lohn und mehr Freizeit entscheiden. 56 Prozent wählten sechs Tage mehr Urlaub im Jahr.

Für die Arbeitgeber ist das ein Problem: In Zeiten des demografischen Wandels werden Fachkräfte zunehmend knapp - und viele Qualifizierte wollen auch noch weniger arbeiten. Zumindest aber wollen sie flexiblere Arbeitszeiten, über die sie auch selbst bestimmen können.

Die Gewerkschaft hat im kommenden Tarifkonflikt deshalb den Zeitgeist auf ihrer Seite. "Das Modell Vollzeit plus, Überstunden plus, Flexibilisierung plus, Leistungsverdichtung ohne Ende ist überholt und geht an den Bedürfnissen der Menschen vorbei. Sie wollen Arbeitszeiten, die zum Leben passen", sagt IG-Metall-Vorsitzender Hofmann.

Die Gewerkschaft rechnet, wie die Arbeitgeber, mit einer harten Tarifrunde. "Teile der Arbeitgeber sind extrem rückwärtsgewandt", sagt Hofmann, "die wollen sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, Verantwortung zu übernehmen." Wer von "Stilllegungsprämie" bei Kindererziehung oder "Freizeitausgleich" spreche, habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

Richtig Fahrt wird die Auseinandersetzung erst nach Ende der Friedenspflicht zum Jahreswechsel aufnehmen. In der zweiten Januarwoche wird die IG Metall zu Warnstreiks aufrufen, wenn in den Verhandlungen keine Fortschritte erzielt sein sollten. Und dafür spricht vieles.

Bei den Arbeitgebern wirkt das Trauma des Kampfes um die 35-Stunden-Woche noch immer nach. Aus Protest verließen damals viele Unternehmen den Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Auch jetzt gibt es schon erste Austritte, 25 Anträge lagen zu Beginn der Woche bereits vor, über 50 Firmen haben damit gedroht. Sie wollen sich nicht den drohenden Tarifvereinbarungen unterwerfen, viele wollen sich auch dem möglichen Arbeitskampf entziehen.

Dabei hatte die Arbeitszeitverkürzung, aus heutiger Sicht betrachtet, durchaus positive Seiten, die Flexibilisierung, die mit ihr einherging, legte den Grundstein für den Erfolg der deutschen Industrie heute. Seither gibt es Arbeitszeitkonten, neue Schichtmodelle, variable Arbeitszeiten für Mitarbeiter in ein und demselben Betrieb.

Der Preis aber war hoch. Die 35-Stunden-Woche löste eine brutale Rationalisierungswelle und eine Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland aus.

Hofmann ist trotz des zu erwartenden Widerstands zuversichtlich, dass sich seine Gewerkschaft am Ende durchsetzen wird: "Angesichts der blendenden Auftragslage haben die Unternehmen kein Interesse an einer langen Auseinandersetzung - und wir auch nicht."

Doch auch die IG Metall muss beweisen, dass sie ihre Mitglieder hinter sich hat. Ob die bereit sind, nicht nur für mehr Geld, sondern auch für Teilzeit zu streiken - und auf einen Teil der möglichen Lohnerhöhung zu verzichten, um für andere einen Lohnzuschuss zu erkämpfen. Sophia Kielhorn, Betriebsratsvorsitzende bei Airbus in Hamburg, ist dennoch "überzeugt davon, dass wir unsere Mitglieder mobilisieren können".

Ganz gleich, wie solidarisch die Arbeitnehmer hinter ihrer Gewerkschaft stehen und wie hart der Widerstand der Arbeitgeber auch sein mag: Ohne eine wie auch immer geartete Arbeitszeitverkürzung kann die IG Metall am Ende keinen Tarifvertrag unterzeichnen.

Eine mögliche Kompromisslinie, zumindest aus Sicht der Gewerkschaft: Die IG Metall will das Recht zur Rückkehr aus Teil- in Vollzeit zwar im Manteltarifvertrag verankern. Es müsste aber nicht vom ersten Geltungstag des Tarifvertrags an in Kraft treten, stattdessen könnte eine Übergangsfrist vereinbart werden. Damit bestünde die Möglichkeit, passende Lösungen für die Umsetzung in den Betrieben selbst zu finden.

"Wenn die IG Metall den Manteltarifvertrag kündigt", warnt dagegen Gesamtmetall-Präsident Dulger, "öffnet sie die Büchse der Pandora. Dann wird die Tarifrunde unheimlich schwer beherrschbar." Der Manteltarifvertrag enthält in jedem Bezirk eigene, sehr spezifische Regelungen, einige könnten davon im Gegenzug von Arbeitgeberseite infrage gestellt werden.

Dennoch: Einen Streik wollen beide Seiten vermeiden. "Das Schwierige an einem Streik ist nicht, ihn anzufangen, sondern ihn zu beenden", sagt Dulger.

Der Arbeitskampf im Jahr 1984 dauerte sieben Wochen.



© DER SPIEGEL 46/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.