AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2017

Befreite IS-Hochburg Rakka Wenn der Leichengeruch endlich verweht

Seit wenigen Wochen ist Rakka vom "Islamischen Staat" befreit, doch viele Straßen sind noch immer vermint und die Häuser menschenleer. Unterwegs mit einem Mann, der das nun ändern will.

Blick aus dem zerstörten Uhrenturm auf Rakka: Mehr als 8000 Minen und Sprengfallen versteckt

Blick aus dem zerstörten Uhrenturm auf Rakka: Mehr als 8000 Minen und Sprengfallen versteckt


Am Dalla-Platz, wo am ersten Checkpoint in der Stadt uniformierte Halbstarke vor einem Feuer aus Spanplatten hocken, bemerkt Abdullah al-Arian, dass der Geruch noch da ist. Der Geruch des "Kalifats", der Geruch der Offensive, der Geruch des Todes.

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Heft 49/2017
Die Kleine Koalition - was sie anrichten und bewirken könnte

Es ist ein Dienstagmorgen im November, Anwalt Arian sitzt in einem Geländewagen und versucht, an Geröllhaufen und Erdwällen vorbei in die Stadt zu kommen, die einmal seine Heimat war. Er fährt hinein in die Zerstörung und den Gestank, nach Rakka, das totenstill und leer in der harten Herbstsonne liegt. Fährt hinein in den Friedhof, der einstmals die syrische Hochburg des "Kalifats" war. Ein grauer Kleinbus folgt dem Geländewagen, darin zwei Pharmazeuten und ein Arzt, sie schauen starr aus den Fenstern.

Auch Arian, ein kleiner Mann in Jeans und Lederjacke, 54 Jahre alt, blickt fassungslos in die Ruinen. Er hat seine Stadt untergehen sehen, erst in der Barbarei des "Islamischen Staates" (IS) und dann im Feuer amerikanischer Bomben. Nun will er sie wiederaufbauen. Ein Mann, der nicht mehr lachen kann, in dessen Gesicht noch immer Schock und Angst stehen.

Je tiefer sie hineinfahren in die Stadt, desto stärker wird der beißend süße Gestank verwesender Leichen. Rakka, einstmals eine lebendige Stadt mit 200.000 Einwohnern in der Kornkammer Syriens, wirkt nun wie ein Zwischenreich. Leben und Tod treffen hier aufeinander. Vergangenheit und Zukunft.

Die eine ist noch nicht vorbei, und die andere kann noch nicht beginnen.

Die Männer im Bus gehören zur Gesundheitskommission des Zivilrats, der nun das Sagen hat in Rakka. Sie suchen Kliniken, in denen der IS seine Kämpfer versorgte. Und sie suchen Material, das sie zum Wiederaufbau des alten staatlichen Krankenhauses verwenden können. Denn es fehlt an allem. Nur in zwei Stadtviertel, eines im Osten und eines im Westen, können die Bewohner seit Kurzem zurückkehren. Der Rest ist vermint, zerstört oder beides.

Rakka, das war das Herz des Bösen, seit der IS im Jahr 2013 hier einfiel. Rakka war de facto die Hauptstadt des "Islamischen Staates". Zentrum von Enthauptungen, Terrorplanung und Unmenschlichkeit. Hier spießten die Vasallen von Abu Bakr al-Baghdadi die Köpfe enthaupteter Regimesoldaten auf die rostigen Zaunspitzen am Naim-Platz. Hier konsolidierte der IS erstmals seine Macht in einer Stadt, bevor er über die Grenzen in den Irak marschierte, Mossul eroberte und das "Kalifat" erschuf, das einmal über mehr als acht Millionen Menschen herrschte.

Der Fall der Stadt am 17. Oktober 2017 wurde zum Sinnbild für den Fall des IS, der heute zumindest militärisch in Syrien und im Irak fast vollständig geschlagen ist. Vier Monate hatte die Schlacht gedauert, mehr als 4450 amerikanische Luftangriffe wurden geflogen. Mehr als 30.000 Männer und Frauen der Syrian Democratic Forces (SDF) kämpften hier, eines Milizenverbunds unter kurdischer Führung. Etwa 270 IS-Kämpfern und 3500 Angehörigen gewährten die Alliierten den Abzug, um die Zerstörung von Rakka beenden zu können.

Aber kann sich eine Stadt von einer solchen Vergangenheit erholen?

Abdullah al-Arian, der Anwalt, ist davon überzeugt. Mit vier weiteren Frauen und Männern steht er dem Zivilrat, dem Raqqa Civil Council (RCC), vor. Der Rat hat die Kontrolle über die Ruinenstadt übernommen, nachdem der IS vertrieben worden ist. Nun plant er in 14 Komitees den Wiederaufbau.

Aber Rakka steht auch für die Probleme der Zukunft. Schon heißt es in Damaskus, dass man nicht ruhen werde, bis man auch die Ruinenstadt, bis man ganz Syrien wieder kontrolliert. Und so zeichnen sich die nächsten Kämpfe ab, zwischen dem Regime des Diktators Baschar al-Assad und den kurdischen Truppen, die bisher auf ihre Verbündeten aus den USA zählen konnten - aber bald vielleicht schon nicht mehr.

Die Wagen fahren nun langsamer, die Krater auf den Straßen werden häufiger und tiefer. Kein Haus, das nicht schwer beschädigt oder vollständig zerstört ist.

Arian wird nervös. 8000 Minen und Sprengfallen, so schätzen sie beim RCC, gibt es noch in der Stadt. In Privathäusern, im Geröll, an den Toten. Tausend Leichen, so Schätzungen, sollen noch unter den Ruinen liegen. Tausende wurden in Gärten verscharrt. Krankheiten wie Leishmaniose, eine parasitäre Infektionskrankheit, die Haut und Fleisch zerfrisst, und Hepatitis A breiten sich aus.

Aber derzeit sind die Minen das größte Problem für Abdullah al-Arian. Denn es gibt nur drei kleine Räumungsteams. Wenn nicht mehr Hilfe komme, sagt Arian, werde die Stadt in einem halben Jahr noch nicht wieder betretbar, geschweige denn bewohnbar sein.

Laut dem vom Rat erstellten Emergency Response Plan sollen nach der Minenräumung die Gebäude mit Chemikalien ausgewaschen, dann die Leichen entfernt werden. Im nächsten Schritt gilt es, die Toten aus den Gärten zu bergen und sie tiefer zu vergraben. Anschließend sind Wasser- und Stromversorgung dran.

Erst dann können Krankenhäuser und Schulen eröffnet werden. Gerade Schulen seien wichtig, so Arian, um dem Schaden entgegenzuwirken, den der IS in den Köpfen der Kinder angerichtet hat. Dann müsse es um Vergebung gehen.

Die Wagen irren weiter durch die Trümmerschluchten, umkurven Krater, groß wie Einfamilienhäuser. An Kreuzungen verwehren ihnen junge kurdische Kämpfer der Syrian Democratic Forces die Weiterfahrt. Immer wieder finden sie neue Sprengsätze an den provisorisch geräumten Straßen. Immer wieder fallen Schüsse in der Stadt. Groß ist die Angst vor Schläferzellen. Im Zweifelsfall schießen die jungen Kämpfer lieber, als ein Risiko einzugehen. Immer wieder gibt es Angriffe. Von IS-Männern, die nicht als solche erkennbar sind, SDF-Uniformen tragen und Bomben in ihren Motorrädern verstecken.

Die Stadt - eine farblose, menschenleere Ödnis. Auf den Straßen zerkrümelter Teer, den es aus den Einschlagskratern wie Kiesel verstreut hat. Schwärme von Fliegen schweben über den Ruinen. Abdullah al-Arian wird den Geruch der Toten nicht mehr aus der Nase bekommen, bis er spät am Abend ins Bett gehen wird.

Vor einer Metzgerei weht eine zerfetzte Markise im Wind, im Geröll vor einem Laden liegen ein paar kleine Kanister Sonnenblumenöl. Eisenstreben ragen aus dem Boden wie wirre Haare. Betonbrocken hängen an Stahlträgern, die aus den Skeletten der Häuser ragen, schwarz von Ruß.

Arian steigt für einen Moment aus dem Wagen aus. Auf dem Boden feiner Staub, in den sich seine Schritte pressen. Er hört nur die Rufe der Rauchschwalben und einer Krähe, er beißt sich auf die Unterlippe. "Nie", sagt er, und seine Stimme zittert leicht, "hätte ich gedacht, einmal allein in meiner Stadt zu sein." Der hohle Klang zweier Stahlstreben, die sich aus einer zerborstenen Laterne winden und die der Wind gegen ein zerfetztes Wellblechrollo schlägt, lässt ihn aufschrecken. Dann ist es wieder still, bis in der Ferne ein Schuss fällt.

Sie fahren weiter. Navigiert wird mithilfe der Auskünfte der Kämpfer, die an Kreuzungen auf zerschlissenen Sofas hocken. Handynetze gibt es nicht.

Ein Krankenwagen mit Erlanger Kennzeichen und spanischem Schriftzug biegt um eine Ecke. Der Arzt Akif Kobane steigt aus, er trägt grüne Chirurgenkleidung. Im Schulterhalfter eine Neun-Millimeter-Pistole. Kobane leitete die Erste-Hilfe-Teams im Osten der Stadt während der Schlacht. "Folgt mir", ruft er, der Arzt will die Delegation zu den IS-Kliniken führen.

Anwalt Arian im Büro des Zivilrats: "Allein in meiner Stadt"

Anwalt Arian im Büro des Zivilrats: "Allein in meiner Stadt"

Die Kolonne biegt von der Tall-Abjad-Straße in eine kleine Gasse ab. Das Geröll reicht von beiden Seiten bis an die Wagen heran, kratzt am Lack. Dann halten sie.

Doktor Kobane steigt in einen Hauseingang. Aus einer dreckverkrusteten roten Wolldecke auf der Straße ragen verweste Füße. Mit jedem Schritt wird Abdullah al-Arian zögerlicher, wird die Angst ein bisschen größer. Er tritt auf eine zerborstene Tür, schaut, zuckt kaum merklich zusammen, als sein Fuß durch die dünne Spanplatte sackt, und schaut nach links in einen Raum, in dem sich selbst gebaute Mörsergranaten in der Größe von Barhockern stapeln. Zündkabel ragen aus den Spitzen.

Man habe baseballgroße Bomben in die Räume geworfen, noch während die letzte Schlacht um das Stadion geschlagen wurde, erzählt Kobane. Die kleinen Sprengstoffbälle sollten, so der Arzt, im Erdgeschoss alle noch vorhandenen Minen und Sprengfallen ausgelöst haben.

Arian geht weiter, seine Füße treten in zerrissene Jacken, in zerfetzte Matratzen, zersplitterte Türen und Schutt. Er zögert, doch Kobane eilt voran. Zu ihrer Rechten liegen Hunderte schwere Artilleriegeschosse. Arian und seine drei Kollegen der Gesundheitskommission folgen ins Innere der Klinik, die der IS im Keller des zerbombten Hauses betrieben hat.

Kanister mit Kochsalzlösung stehen in einer Ecke. Russische Schmerzmittel, iranische Wundsalben, Mullbinden, Spritzen liegen herum. Die Tragen könne man wieder benutzen, sagt einer. Und die Klimaanlage, ein anderer.

Dann gehen sie die Treppen wieder hinauf, in den Hof. Alles ist grau. Arian hat Angst. Doch Angst kann ihn nicht mehr aufhalten, er hatte zu lange Zeit, sich an sie zu gewöhnen. Zwei Jahre und acht Monate lebte er in Rakka unter der Terrorherrschaft des IS.

Es war Heiligabend 2013, als der Albtraum begann. Die Nächte waren kalt geworden. Nur selten gab es Strom für die Elektroheizungen. Als Arian am Weihnachtsmorgen in sein Büro fahren wollte, war die Stadt schwarz geworden. Die ersten Fahnen des IS wehten in den Straßen. Vor dem Stadion, das später einmal zum Foltergefängnis des IS werde sollte, hielt ihn ein junger bärtiger Kämpfer an. "Fahr nach Hause, Scheich", sagte er. In diesem Augenblick wusste Arian, dass der Untergang begonnen hatte.

Die Männer des IS verhängten eine Ausgangssperre, und als Arian eine Woche später das Haus wieder verließ, um bei Verwandten im Süden der Stadt etwas Brot zu holen, war Rakka zu einem Schlachthaus geworden. Es war nicht mehr die Stadt, die er für die Gärten am Euphratufer liebte, in denen er manchmal bei alten Freunden zwischen Obstbäumen die Nächte verbracht hatte. Nicht mehr die Stadt vom SC Al-Shabab, für den er als Libero gespielt hatte. Der IS hatte die Woche genutzt, um seine in der Stadt verbliebenen Feinde auszuschalten. Die Leichen von Kämpfern anderer Milizen säumten die Straßen.


Fotoslider: Impressionen aus Assads Reich - ein Fotograf erzählt

Arian und einige Freunde formten Zellen des stillen Widerstands. Trafen sich in Wohnungen, lasen Gedichte, Historiker, Rechtsgelehrte, Philosophen. Lasen auch Gandhi. Wenn die neuen Herrscher Verdummung predigten, dann wollten sie das Wissen am Leben erhalten.

Sie hackten einen Satellitenreceiver, trafen sich heimlich, um die Spiele der großen europäischen Ligen zu sehen. Satellitenfernsehen war streng verboten. Sie alle hätten sterben können. Für Bücher und Fußball.

Draußen köpfte der IS vier Spieler seines Vereins wegen vermutlicher Kontakte zu den Kurden.

Arian zog sich weiter zurück, um sich zu schützen. Seine Frau verließ fast nie das Haus.

Draußen wurden die Katzen immer dicker. Sie fraßen die Leichen, die auf den Straßen lagen.

Seine Frau flehte ihn an zu fliehen, zu den Söhnen, die Arian nach Saudi-Arabien geschickt hatte. Sein Ausharren sei Widerstand, sagte er ihr. Er konnte seine Stadt nicht verlassen, er, einer ihrer bekanntesten Anwälte, der früher die Bewohner Rakkas vor Gericht gegenüber den Schergen des Regimes vertreten hatte.

Draußen zogen ihm die jungen IS-Kämpfer am Bart. "Ungläubiger!", schrien sie und schwenkten die Maschinengewehre. Und lachten. Draußen hingen Männer an Kreuzen. Draußen starben seine Freunde, weil sie ihre Wut nicht mehr kontrollieren, verbergen konnten. Und irgendwann konnte er das Innere nicht mehr vor dem Draußen schützen, irgendwann merkte Arian, dass er zu zerbrechen drohte.

Am 9. August 2016 geht er zu seinem Nachbarn. Er klopft. Sein Nachbar, ein saudi-arabischer IS-Kommandeur, öffnet die Tür. Arian weiß um den Streit unter den Frauen des Kommandeurs, er weiß, dass dieser gern ein weiteres Haus für seine Zweitfrau hätte. Du kannst, sagt er, mein Haus haben. Ich brauche dafür Passierscheine. Er müsse, lügt er, nach Saudi-Arabien, zu einer Operation.

Kämpfer der von Kurden geführten SDF: Angst vor Schläferzellen

Kämpfer der von Kurden geführten SDF: Angst vor Schläferzellen

Am Tag darauf verlässt er mit seiner Frau Rakka. Fährt durch die Checkpoints hindurch nach Norden, bis er die ersten Stellungen der kurdisch-arabischen Truppen erreicht, die Rakka befreien wollen. Dann fährt er mit seiner Frau zu deren Familie nach Tall Abjad im Norden des Landes. Nach zehn Tagen tritt er dem Zivilrat von Rakka bei. Die SDF haben gerade die Stadt Manbidsch zurückerobert. Er hofft, bald nach Rakka zurückkehren zu können.

Der RCC residiert bis heute in Ain Issa, einem kleinen Ort 73 Kilometer nördlich der Stadt. Dieser Tage ist er dabei, seinen Sitz nach Rakka zu verlegen, genauer gesagt nach Mischlab, dem einzigen Bezirk im Osten der Stadt, in den bereits Menschen zurückkehren konnten. Es ist der Versuch, eine neue Zukunft möglich zu machen, inmitten der stinkenden Vergangenheit.

Arian schaut aus dem Fenster seines Geländewagens. Dann sagt er unvermittelt: "Die Kraft des Lebens wird stärker sein als die Kraft des Todes."

Mischlab ist der einzige Ort in Rakka, an dem es so etwas wie normales Leben gibt. Nur wenige Tausend Menschen, schätzt Arian, sind zurückgekehrt, seitdem das Viertel eine Woche zuvor von den SDF freigegeben wurde. In Mischlab wird von morgens früh bis zum Beginn der Ausgangssperre um fünf gearbeitet. Es war eines der ersten Viertel, die vom IS zurückerobert wurden. Die Zerstörung ist im Vergleich zum Rest der Stadt eher gering.

Bewohner des Viertels Mischlab: Der einzige Ort, an dem es normales Leben gibt

Bewohner des Viertels Mischlab: Der einzige Ort, an dem es normales Leben gibt

Hier kann man sehen, wie sehr der Zivilrat versucht, die Köpfe und Herzen der sunnitischen Araber zu gewinnen, den Menschen zu helfen. Täglich beraten sich die Stammesführer mit dem Rat, werden Mütter angehört, deren Söhne sich für den IS in die Luft sprengten, werden IS-Gefangene begnadigt, um ihre Stämme von den guten Absichten zu überzeugen. Und tatsächlich sagen die meisten in Rakka, dass es gut sei, dass die Syrian Democratic Forces hier seien. Die Kurden, so hört man oft, sorgten in ihren Gebieten wenigstens für Sicherheit.

Denn auch innerhalb der von den SDF kontrollierten Gebieten gibt es Konflikte zwischen Arabern und Kurden. Erst vor Kurzem kam es in der Stadt Manbidsch zu Auseinandersetzungen zwischen beiden Gruppen. Um solche Vorfälle in Rakka zu vermeiden, sind fast alle Mitglieder des RCC Araber. Es ist ein Rat von Technokraten. Anwälte, Ärzte, Ingenieure und Politiker stellen die Mehrheit. Hinzu kommen Stammesführer und religiöse Würdenträger. Sobald die Stadt wieder bewohnbar ist, sollen die Bürger selbst entscheiden, ob sie Teil des kurdischen Selbstverwaltungsgebiets Rojava werden möchten.

An der Hauptstraße in Mischlab stehen Männer in den Ruinen. Fegen, werfen Steine hinaus, rühren Beton an. Bulldozer zerteilen die meterhohen Erdwälle, die der IS als Barriere aufgebaut hat. Wassertankwagen füllen provisorische Speicher auf. An einer Wand steht noch das englische Graffito eines IS-Kämpfers: "Look at the stars, you'll see me there."

Hinter den Schutthaufen eröffnen erste Läden. Die Schneiderin des Viertels, die aus dem Lächeln gar nicht mehr herauskommt, reißt einen Sichtschutz aus ihrem Fenster, den der IS sie hat installieren lassen, damit kein Passant versehentlich eine unverschleierte Frau sehen muss.

Aktivist Arian in einer ehemaligen IS-Klinik in Rakka: "Wir haben hier für die Welt gekämpft"

Aktivist Arian in einer ehemaligen IS-Klinik in Rakka: "Wir haben hier für die Welt gekämpft"

Daneben steht vor ihrem Laden eine Modehändlerin, der die IS-Schergen erst verboten, Kosmetika und Reizwäsche zu verkaufen, um später von ihr genau das für ihre Frauen und Sexsklavinnen zu verlangen. Gegenüber der Apotheker, der aus Sorge um seinen Vater 2014 nach Rakka zurückgekehrt war und die Stadt dann nicht mehr verlassen durfte. Er hat auf dem Boden Säcke voller Medikamente ausgeleert, die er noch finden konnte. Siebenmal saß er im Gefängnis unter dem IS. Meist weil er rauchte. Immer wieder wurde er von den Kämpfern bedroht, wenn er ihnen keine Opioide gab.

Die Delegation hält vor einem Stützpunkt der kurdischen Miliz YPG. Arian und seine Kollegen gehen hinein zu den SDF-Kommandeuren, die hier ihren Stab eingerichtet haben. Sie brauchen ein Minenräumteam, um eine alte Fachklinik an der Stadtmauer durchsuchen zu können. Ein paar Tage zuvor haben sie eine kleine Drohne in eines der oberen Stockwerke fliegen lassen und mehrere Sprengladungen entdeckt.

Kurz darauf wird beschlossen, die Klinik doch nicht zu betreten. Das Risiko ist zu groß.

Arian steigt wieder in den Geländewagen. Alle gäben sich große Mühe, sagt er, so gut wie möglich zu helfen. Aber die Mittel seien knapp. Die USA hätten zwar mit ihren Luftschlägen die Vertreibung des IS erst ermöglicht, aber sie hätten dabei auch die Stadt zerstört. Nun haben sie dem Rat ein paar gebrauchte Trucks gespendet, Nahrung für das Flüchtlingscamp bei Ain Issa und ein paar Medikamente. "Mehr nicht", sagt Arian.

"Wir wollen keine Hilfslieferungen. Wir wollen Unterstützung dafür, unsere Stadt wiederaufzubauen. Wir haben hier für die Welt gekämpft." Nun müsse die Welt ihnen helfen, aus Rakka, dem Symbol des Schreckens, wieder eine Stadt zu machen.

Bisher aber, so Arian, sei kein Geld angekommen.

Er will nicht glauben, dass die USA sie hängen lassen. Er will nicht glauben, dass all seine Sorgen bald schon wieder zweitrangig sein werden, weil die nächsten Schlachten nahen, weil Assad, unterstützt von Russen und Iranern, den Norden zurückerobern will.

Das amerikanische Außenministerium will Rakka "stabilisieren", aber kein Nation-Building betreiben. Die US-Entscheider haben klargemacht, dass sie nicht vorhaben, die Zerstörung, die ihre Bomben angerichtet haben, wieder zu beheben.

Im RCC denken sie, dass ein föderales System für ganz Syrien das Beste sei. Sie wissen aber auch, dass die Entscheidung darüber nicht bei den Bürgern liegt, nicht bei ihnen und auch nicht bei Assad. Die Entscheidung über ihre Zukunft werde außerhalb der Landesgrenzen getroffen werden, sagen sie.

Jenseits der Grenzen Rojavas ist Baschar al-Assads militärische Stärke so groß wie lange nicht mehr. Die Rebellen sind marginalisiert, der IS ist weitgehend geschlagen. In einem Text in "Foreign Affairs" schrieb der ehemalige US-Botschafter in Syrien, Robert Ford, kürzlich, dass Assad wahrscheinlich Erfolg haben werde mit seinem Plan, das ganze Land zurückzuerobern. Es wäre seiner Meinung nach ein Fehler, sollten die USA zugunsten der Kurden eingreifen, falls es zu Kämpfen zwischen ihnen und dem Regime käme.

Ein Sieg Assads wäre das Ende der Pläne des Abdullah al-Arian. Das Ende des Zivilrats. Das Ende einer kurzen Freiheit.

Wenige Tage später verkünden die USA, die Waffenlieferungen an die SDF einstellen zu wollen.

Als die beiden Wagen Rakka verlassen, liegen die Felder trocken und staubig neben der Straße. Die meisten Bewässerungskanäle sind zerbombt. Im Westen, wo die Sonne nun fast untergeht, liegt eine Pumpstation. Vermint. 50.000 Hektar vertrocknete Felder, sagt Arian. Er schaut stumm und traurig in die staubige Ebene, die Rakka nun umgibt. Zelte, Kamele und Minenwarnschilder säumen die Straße.

Rakka ist befreit. Für was die Stadt aber einmal stehen wird, ob es ihr gelingt, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, ist unklar. Früher, sagt Arian, während es dunkel wird, sei Rakka nicht mal im Wetterbericht erwähnt worden. Es wäre ihm am liebsten, wenn das wieder so werden würde.

Im Video: Die Zeit nach Daesh Wenige Wochen ist es her, seit der "Islamische Staat" aus Rakka vertrieben wurde. Jetzt beginnen in der Stadt die Aufräumarbeiten. Zwischen Trümmern, Minen und Toten lebt auch der Apotheker Ibrahim Sham. Er beschreibt, worunter die Menschen nun vor allem leiden.



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