AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2017

Wie tickt der Wähler? "Solches Toben und Wüten, so viel Hass - das habe ich noch nie erlebt"

In Tiefeninterviews hat Stephan Grünewald ergründet, was die Bürger vor der Wahl bewegt. Er warnt: "Es rumort in Deutschland."

Demonstranten bei Merkel-Auftritt in Quedlinburg: "Der Bürger ist labil"
Hermann Bredehorst/ DER SPIEGEL

Demonstranten bei Merkel-Auftritt in Quedlinburg: "Der Bürger ist labil"

Ein Interview von


Stephan Grünewald
Michael Englert/ DER SPIEGEL

Stephan Grünewald

Grünewald, 56, schrieb Bestseller wie "Deutschland auf der Couch" und leitet das Rheingold-Institut in Köln, ein auf Tiefeninterviews spezialisiertes Marktforschungsinstitut.


SPIEGEL: Herr Grünewald, das Rheingold-Institut hat vor der Wahl wieder eine Tiefenanalyse der deutschen Befindlichkeit vorgenommen. Wie sind Sie vorgegangen?

Titelbild
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Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

Grünewald: Wir hatten 50 Wähler auf der Couch. 26 in psychologischen Tiefeninterviews und die anderen in drei Gruppendiskussionen. Wir hatten sieben Psychologen, zwei waren im Osten unterwegs. Das ist nicht repräsentativ, aber man erkennt schon Wesenszüge.

SPIEGEL: Was haben Sie herausgefunden?

Grünewald: Das Grundmoment war, dass die Wähler von diesem Wahlkampf total enttäuscht sind. Sie haben das Gefühl, dass nicht auf das eingegangen wird, was sie bewegt, und dass vieles schöngefärbt wird. Wir haben uns gefragt: Was ist denn mit den Leuten los?

SPIEGEL: Was fanden Sie heraus?

Grünewald: In den Tiefeninterviews kam immer nur: Flüchtlingskrise, Flüchtlingskrise, Flüchtlingskrise. Was im Wahlkampf so galant ausgespart wird, ist bei den Wählern immer noch ein wunder Punkt, der von der Politik nicht behandelt worden ist.

SPIEGEL: Was genau ist das Wunde daran?

Grünewald: Die Krise vor zwei Jahren hat die Wähler in ein Dilemma gestürzt, zu dem sie bis heute keine klare Haltung entwickeln können. Mache ich die Tür auf, mache ich sie zu? Einerseits will man die Willkommenskultur leben, dann aber gibt es auch Angst, von den Fremden verschlungen zu werden und dass man das eigene Land nicht wiedererkennt. Man hofft daher, dass die Politik einen Umsetzungsplan, eine kompromisshafte Haltung entwickelt. Doch die gibt es nicht, nun fühlen sich die Wähler alleingelassen.

SPIEGEL: Was ist die Folge?

Grünewald: Der Bürger ist labil, in ihm brodelt und rumort es. Deutschland wird wie ein Vexierbild beschrieben: entweder als marodes, verwahrlostes Land oder als sichere Insel des Wohlstands in einem Meer aus Risiken. Das alles ist kippelig und führt zu emotionalen Ausbrüchen. Ich habe solches Toben und Wüten, so viel Hass unter den Probanden noch nie erlebt.

SPIEGEL: Erwarten Sie also eine zunehmende politische Radikalisierung?

Grünewald: Noch nicht, denn als Reaktion auf die wahrgenommene Verhärtung der Fronten gibt es auch eine Selbstbremsung der Wähler. Wir können es uns, so argumentieren sie, nicht leisten, in eine Polarisierung zu geraten, denn wir sind umzingelt von drei Wüterichen: Trump, Erdogan und Putin. Die Wut wird in digitalen Schattenwelten artikuliert, analog nehmen sich die Leute aber an die Kandare.

SPIEGEL: Ist die Flüchtlingskrise nur ein Symbol für das Unbehagen an der schwierigen Weltlage?

Grünewald: Ja, denn schon lange vor der Flüchtlingskrise war ein Befremden über die Globalisierung da, auch über die Sicherheitslage auf der Welt.

SPIEGEL: Wie wird Donald Trump wahrgenommen?

Grünewald: Der arbeitet für Merkel. Durch ihn, Putin und Erdogan sieht man sie als diejenige, die die Wüteriche bändigen kann. Auch hier ein Vexierbild: Unsere Kanzlerin ist die Einzige, auf die wir uns verlassen können, also müssen wir uns gut mit ihr stellen.

SPIEGEL: Und ihr Herausforderer?

Grünewald: In die Skepsis rund um Merkel kam im Frühjahr mit Martin Schulz eine Figur, die volksnah und zupackend wirkte. Er wurde als zurückgekehrter Vater erlebt, der endlich die Vätervakanz in der deutschen Politik ausfüllt. Das wurde messianisch überhöht. Der Mensch Schulz konnte diese Erwartungshaltung gar nicht einlösen. Er gilt als lieber Onkel. Der SPD droht bei dieser Wahl ein Desaster.

SPIEGEL: Könnte die AfD besser abschneiden, als wir das heute vermuten?

Grünewald: Die AfD kanalisiert dieses Wüten, aber es fehlt ihr eine Leitfigur. Es war daher ein Fehler, Frau Petry auszubooten. Die beschriebene Selbstbremsung der Wähler führt auch dazu, dass die AfD beschränkt wird.

SPIEGEL: Und die Grünen - schneiden sie gut ab, weil der Klimawandel ein so brisantes Thema ist?

Grünewald: Nein, das wird eine knappe Nummer. Die Leute finden, dass ihre Probleme woanders liegen. Zudem gelten die Grünen als überheblich, weil ihr Kampf für die Natur sich häufig gegen die menschliche Natur richtet.

SPIEGEL: Wie schätzen Ihre Probanden denn ihre persönliche Situation ein?

Grünewald: Gut, aber sie haben auch Mühe, ihren Platz zu finden. Arbeitsplatz, Kitaplatz, Parkplatz, auch das Wohnen ist ein Riesenthema - alles Symbole für den großen Bedarf nach Struktur und Orientierung.

SPIEGEL: Liefert die Kanzlerin denn diese Ordnung?

Grünewald: Zum Teil. Sie wird klar gewinnen, aber es ist trotzdem eher ein halbherziges Treuebekenntnis. Das Bewährte wird noch mal auf Bewährung verlängert.

SPIEGEL: Wenn Linke, SPD und Grüne gemeinsam einen anderen Kandidaten hätten und einen ganz anderen Kurs versprächen: Würde das gut ankommen?

Grünewald: Wir haben mit den Probanden mögliche wünschenswerte Konstellationen durchgespielt - diese kam nie.

SPIEGEL: Sondern?

Grünewald: Merkel mit Lindner. Es gab in den Interviews eine regelrechte Lindner-Verliebtheit. Der FDP-Mann wirkt als moderner Serienheld, ja sogar als 007, der noch etwas bewegen kann. So ergibt sich ein Dream-Team. Die bewährte Merkel und ein kleiner deutscher Macron, der ihr auf die Sprünge hilft. Meine Prognose ist daher ein schwarz-gelber Wahlsieg.



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Seite 1
mxmchn 06.09.2017
1. Widerspruch pur.
Sollten die Ergebnisse dieser Studie die realen Verhältnisse in ihrer Tendenz wirklich abbilden, wäre dies ein klarer Beleg nicht nur für die absolute politische Desorientierung größerer Teile der Wählerschaft, sondern für eine zunehmende fundamentale Unfähigkeit, politische Zusammenhänge überhaupt zu begreifen. Einerseits die Globalisierung zu fürchten, andererseits jedoch ausgerechnet die Konstellation zu bevorzugen, die wie keine andere für Marktkonformität der Gesellschaft und Ausrichtung der Regierung an den Verwertungsinteressen des Kapitals steht - das neoliberale Dreamteam Merkel/Lindner - spricht Bände. Das wäre nicht nur komplett geschichtsvergessen (Finanzkrise? Klientelpolitik? Vermögensschere? TTIP? War da was?), das wäre auch nicht mehr leichtfertig, das offenbarte zumindest für den Fall, dass die Ergebnisse tatsächlich repräsentativ sind, ein Ausmaß an politischer - sorry - Verblödung, dessen Ursachen wirklich dringend zu klären wären. Denn mit Leuten, die ohne mit der Wimper zu zucken aus einem diffusen Bauchgefühl heraus massiv gegen zuvor formulierte grundlegende Interessen wählen, lässt sich längerfristig keine Demokratie, die diesen Namen verdient, veranstalten. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob auf einer äußerst dürftigen empirischen Basis (50 ausführliche Interviews) auch nur halbwegs verlässliche Schlüsse gezogen werden können. Aber immerhin entspricht das - in jedem Fall interessante - Ergebnis ja in etwa den aktuellen Umfragen.
agt69 06.09.2017
2. Symbole?
Arbeitsplatz und Wohnen sind also Symbole für Struktur und Ordnung? Ich würde eher sagen, dass das die Grundlagen für ein menschenwürdiges Leben sind. Wenn diese Grundlagen schon schwer zu bekommen sind, oder die Preise dafür - wie für Wohnungen in deutschen Großstädten - in immer astronomischere Höhen klettern, dann wird der Wähler verständlicherweise nervös.
Worldwatch 06.09.2017
3. Eine Repräsentative Demokratie ...
... die nicht repräsentativ sein will, ruft wütende Reaktionen im Souverän hervor. Es wird Zeit auch auf Bundesebene direkte Demokratie zu ermöglichen. Vier Jahre legislativer Zeit sind für, in dieser Zeit unkorrigiert, nachhaltig schwerwiegende Fehler zu lang für Staat und Staatsvolk. Es braucht daher das Korrekturinstrument des Volksentscheid wie Volksbegehren.
schnapporatz 06.09.2017
4. Bürger labil...
Regierung debil, kann man da nur sagen. Die Parteien haben versagt. Insbesondere SPD und Grünen haben in der Vergangenheit viel zu oft das Gegenteil dessen gemacht, was sie dem Bürger zuvor hoch und heilig versprochen haben. (Soziale Gerechtigkeit, Mitbestimmungsmöglichkeiten etc.) An charakterstarken Persönlichkeiten kommt auch nichts mehr nach. Einzig mehr Direktdemokratie, auch auf Bundesebene, könnte jetzt noch helfen. Aber sowas muß erst hart der Politik abgerungen werden. Freiwillig werden die alten Parteien wohl nie ihre Macht beschränken und (endlich) ein passendes Volksabstimmungsgesetz nach Artikel 20/2 GG verabschieden. Dafür brauchen wir Protestparteien und den Protest auf der Straße.
sojetztja 06.09.2017
5.
Natürlich rumort es in Deutschland und ich kann das teilweise auch verstehen. Und ich hoffe inständig, dass unsere großen, demokratischen Parteien endlich kapieren, dass man sich mit den Sorgen der Bürger ernsthaft auseinandersetzen muss, wenn man nicht will, dass es hier so läuft wie in Polen, Ungarn, Türkei etc.. Dort sind längst die Hetzer, Kraftmeier und Kriegstreiber an der Macht und basteln an ihren Diktaturen. Die gehen alle nach Plan F vor. Demokratie/Gewaltenteilung aushöhlen, eigene Macht sichern, Gegnern das Maul stopfen, nationalistische Töne bedienen, dazu außenpolitisch den starken Mann spielen - siehe jetzt wieder Polen mit ihren Reparationsforderungen - , um dem Volk vorzugaukeln, "man ist wieder wer". Wenn es so weitergeht, stehen uns schlimme Zeiten bevor & Nordkorea wird unser kleinstes Problem sein (halte ich ohnehin aus europäischer Sicht im Moment noch für einen Nebenschauplatz, wenn man sich betrachtet, was für Zündler wir vor der eigenen Haustür haben).
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