AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2017

Abschiebung von Flüchtlingen Die völlig verrückte Asyl-Lotterie

Zwei Afghanen wurden aus Deutschland abgeschoben: Der eine stand kurz vor seiner Hochzeit, der andere saß im Gefängnis. Ihre Schicksale zeigen, wie chaotisch die Abschiebepolitik funktioniert.

Abgeschobener Sayed in Kabul
Johanna-Maria Fritz / DER SPIEGEL

Abgeschobener Sayed in Kabul

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Jemand musste Yaqub Sayeds Namen beliebig ausgewählt haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens festgenommen. Dabei plante Sayed in diesen Tagen gerade seine Hochzeit. "Ich dachte, jetzt habe ich es endlich geschafft", sagt er.

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Heft 33/2017
Wie sich das bedrohte Paradies wandelt

Die Braut, eine Deutsch-Afghanin, ist in Bayern aufgewachsen, eine entfernte Verwandte. Sie arbeitet in Nürnberg im Callcenter einer Telefongesellschaft. Im Juli wollten sie und Sayed sich auf dem Standesamt das Jawort geben.

Sayeds großer Traum vom sicheren Leben, von einer Familie ist zerbrochen an jenem 24. Januar. Er wurde abgeschoben. Jetzt lebt er im Gulsar-Hotel, einer billigen Absteige in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Der süßlich-schwere Geruch nach Müll und verdorbenen Lebensmitteln liegt in der Luft. Vor dem Gästehaus haben Händler ihre Waren auf Holzkarren aufgeschichtet, Salat und Aprikosen. Dazwischen treiben sich Schmuggler, Diebe und Kleinkriminelle herum. Der Polizeidistrikt 5 ist berüchtigt.

Ein Ort der Gestrandeten. Sayed ist nun einer von ihnen.

So wie Mohammad Sarvari, ebenfalls ein Afghane mit deutscher Migrationsgeschichte. Gut fünf Jahre lang lebte der 24-Jährige in Deutschland, bei Bitburg, und er ließ nichts aus, um sich dort unbeliebt zu machen. Sexuelle Nötigung, Diebstahl und Betrug stehen in seinem Strafregister. Die Ausländerbehörde von Rheinland-Pfalz schob Sarvari ab, obgleich SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer eigentlich die Duldung Geflüchteter vom Hindukusch verteidigt.

Die meisten der fast 170.000 Afghanen, die seit Anfang 2015 nach Deutschland geflohen sind, glauben nicht mehr an die Zukunft ihres Landes. Aber nur sehr wenige können tatsächlich nachweisen, individuell politisch verfolgt zu sein. Deshalb werden auch lediglich 0,1 bis 0,2 Prozent von ihnen als Asylberechtigte anerkannt. Immerhin 49 Prozent erhalten Schutz, zum Beispiel als Flüchtling oder weil sie aus von Extremisten beherrschten Provinzen stammen.

Alle anderen sollen die Bundesrepublik wieder verlassen, zumindest in der Theorie. Die meisten von ihnen werden geduldet, immer auf Abruf - auch wenn die Bundesregierung im Juni Abschiebungen nach Afghanistan vorübergehend ausgesetzt hat, nachdem Terroristen die Deutsche Botschaft in Kabul angegriffen hatten und bei einer Explosion über 150 Menschen getötet wurden. Berlin hat die Sicherheitslage in Afghanistan in dieser Woche neu bewertet. Straftäter und sogenannte Gefährder sollen weiterhin deportiert werden. Den anderen bleibt nur abzuwarten, welches Schicksal sie trifft.

Die Deutschen zeigen Menschlichkeit, und doch tun sie sich schwer, wenn es darum geht zu entscheiden, für wen und für wie viele Menschen sie Verantwortung übernehmen wollen und wo ihre Hilfsbereitschaft endet. Die wenigsten sehen eine "große Chance" in den Neuankömmlingen, wie es der Musiker Herbert Grönemeyer sagte, der sich für Flüchtlinge engagiert. Der kleinste gemeinsame Nenner beim Thema Zuwanderung ist ein Asylrecht, das längst nicht mehr zu den aktuellen Verhältnissen passt und durch das sich nun alle Kriegsflüchtlinge und Armutsmigranten zwängen.

Wen es trifft, wer ausreisen muss, das ist von seltsamen Faktoren abhängig. Es hat mit dem Bundesland zu tun und mit der richtigen juristischen Beratung. Es geht um die Fähigkeit, sich im deutschen Behördendschungel durchzuschlagen, und es geht um Mathematik.

Um den Gefahrenquotienten ausfindig zu machen, wird die Einwohnerzahl der Herkunftsregion gegen die militärischen Vorfälle und die Opferzahlen ins Verhältnis gesetzt. Daraus errechnen die Beamten die individuelle Gefährdung der Flüchtlinge. "Aber was sagt das wirklich aus über die Situation eines Einzelnen?", fragt der Berliner Anwalt Aarash Spanta, der Hunderte Afghanen vertritt.

Wie zufällig, wie willkürlich die deutsche Asylpolitik oft funktioniert, zeigt das Schicksal von Yaqub Sayed und Mohammad Sarvari. Der eine gehört zu den vielen Flüchtlingen, die versuchen, sich während der langen Asylverfahren zu integrieren; der andere zur Gruppe der Kriminellen und Gefährder. Und beide zählen zur überschaubaren Minderheit jener, die tatsächlich abgeschoben werden. Sie sind die Verlierer einer großen Lotterie, zwei Männer, die die Bundesrepublik tatsächlich verlassen mussten - von zurzeit 15.079 ausreisepflichtigen Afghanen.

In Kabul blickt Yaqub Sayed aus dem verspiegelten Fenster seines Hotelzimmers auf die Compani-Road, eine staubige Straße im Westen Kabuls. Sayed trägt ein weißes afghanisches Hemd und um den Hals ein hellblaues Tuch. Mit seinem weichen Gesicht und dem artigen Rechtsscheitel wirkt er fast noch jungenhaft. Dabei ist Sayed schon 30. Zuletzt war er vor zehn Jahren hier. Bevor er geflohen ist. Die Odyssee nach Europa dauerte sechs Jahre. "Warum ich?", fragt er leise.

Den Papieren nach war alles rechtens an jenem Wintermorgen in Nürnberg. Vier Beamte führten Sayed aus seinem Zimmer in einer Flüchtlingsunterkunft ab. Er war "ausreisepflichtig". So steht es in seinem Ausweisdokument. Sayed hatte zuvor einige Jahre in Dänemark gelebt, bis er vor zwei Jahren auf einem Familienfest seine Braut Hamida kennenlernte. Im Sommer vergangenen Jahres zog er in ihre Stadt, nach Nürnberg. Aber auch in Deutschland wurde wie in Dänemark sein Asylbegehren abgelehnt.

Sayed flehte an diesem Morgen, er erklärte. Es half nichts. 24 Stunden später landete er in einer Chartermaschine in Kabul, gemeinsam mit zwei Dutzend weiteren Abgeschobenen. Im Flieger saßen auch verurteilte Straftäter.

79 Bundespolizisten begleiteten die Passagiere. Drei Sicherheitsbeamte für jeden Deportierten. Sie stellten sicher, dass alles ruhig verlief.

Abschiebungen sind teuer. Um die 15.000 Euro pro Person kostet der Transport nach Afghanistan, inklusive Chartergebühren, Ärzten und Dolmetschern.

Abschiebungen sind schmerzhaft, denn es ist der Moment, in dem sich alle Risiken, alle Investitionen, die einer auf sich nahm, um hierherzukommen, als endgültig vergebens erweisen. Die Hoffnungen und Ersparnisse ganzer Familien stecken in diesen Fluchten.

Und Abschiebungen produzieren Bilder, die politisch gewollt sind, zur Abschreckung neuer Flüchtlinge. Und zur Beruhigung von Bürgern, denen der Staat seine Handlungskraft beweisen will. Die Innenminister von Bund und Ländern brauchen solche Bilder, damit es nicht wieder heißt, sie hätten nichts getan, wenn ein Flüchtling durchdreht und, wie zuletzt in Hamburg, zum Gewalttäter wird.

Ein solches Bild, eine solche Geschichte sollte wohl auch Mohammad Sarvari liefern. Wenn es stimmt, was das Amtsgericht Wittlich zuletzt über ihn schrieb, würde wohl kein Land einen wie ihn gern aufnehmen, weder die Bundesrepublik noch Afghanistan: "Aufgrund der Persönlichkeitsstruktur des Verurteilten ist ein erzieherischer Erfolg durch die Einwirkung des Jugendstrafvollzugs nicht mehr zu erwarten", heißt es da. Sarvari hat geklaut, betrogen, geschlagen. Fast endlos reihen sich in seiner Akte die Delikte aneinander.

In der Nacht vom 17. Februar 2013 hatte sich Sarvari in der Trierer Innenstadt mit Bekannten zu einem Besäufnis getroffen. Nach einigen Flaschen Wodka und Raki fiel Sarvari über das Opfer her, eine der jungen Frauen in der Gruppe, die irgendwann selbst durch den Alkohol fast ohne Besinnung war und sich kaum noch wehren konnte.

Im Juni 2015 wurde Sarvari deshalb zu einem Jahr und sieben Monaten Jugendstrafe verurteilt, zunächst auf Bewährung.

Deportierter Sarvari
Johanna-Maria Fritz / DER SPIEGEL

Deportierter Sarvari

Der junge Afghane trägt jetzt ein schwarzes Gewand. Am Nacken ist eine grobe Tätowierung zu sehen. "Life is bad" steht da in dicker blauer Tinte. Als Häftling hat er sich den Spruch in die Haut stechen lassen. Die Akten, die seine kriminelle Karriere in der Bundesrepublik dokumentieren, liegen vor ihm. Ursprünglich stammt Sarvari aus Jalrez, einem Distrikt in der Wardak-Provinz, 70 Kilometer westlich von Kabul. Sein Vater kämpfte Anfang der Neunzigerjahre in einer Miliz gegen Gulbuddin Hekmatjar, einen berüchtigten Islamisten-Kommandeur. Es waren die Jahre des Bürgerkriegs; Sarvari war zwei Jahre alt, als sein Vater in einen Hinterhalt geriet und erschossen wurde.

Die Mutter floh. Bis heute ist sie nicht wieder aufgetaucht. Das einzige Kind des Paares wuchs deshalb bei der Großmutter auf. Eine Schule hat Sarvari nie besucht. Vor acht Jahren verkaufte seine Großmutter die wenigen Ländereien der Familie und beauftragte einen Schlepper, den Enkel sicher nach Deutschland zu bringen. Kurz darauf starb auch die Großmutter. Ein Killer erschoss sie in Jalrez auf dem Feld.

Sarvari war 18 Jahre alt, als ein Schmuggler ihn im Sommer 2011 bei einer Polizeistation in Kaiserslautern abgab. Heute ist er ein groß gewachsener Mann mit starken Händen und glanzlosem Blick. Seine Jahre in Deutschland hat er in Asylbewerberheimen verbracht.

Sarvari spricht ein einfaches Deutsch. Er baut die Sätze falsch, bricht mittendrin ab. "Ich wollte lernen, aber was ich an einem Tag lernte, war am nächsten Tag vergessen", sagt er.

Der 24-Jährige sitzt im zweiten Stockwerk eines kleinen Lehmhauses in einer engen Gasse im Westteil von Kabul. Es ist ein hübsches Haus, weiß gekalkt mit gelben, kunstvoll geschnitzten Fensterrahmen aus Holz. Im Innenhof steht eine Wendeltreppe. Grünpflanzen ranken sich um das Geländer. Im Erdgeschoss gackern ein paar Hühner.

Ein alter Freund von Sarvaris Vater hat den Rückkehrer aufgenommen. Der Schreiner Shamsuddin ist ein drahtiges Männchen mit freundlichen Augen.

Shamsuddin zeigt Bilder aus Sarvaris Kindertagen in Jalrez. Das Haus der Sarvaris war ein Lehmhaus mit breitem Flachdach, Blumen darauf. Mohammads Vater ist zu sehen mit dem zweijährigen Sohn. Heute sieht er dem Vater zum Verwechseln ähnlich. "Leider ist er nicht so schlau wie der", sagt Shamsuddin.

Sarvari als Kleinkiind

Sarvari als Kleinkiind

Als Dreijähriger sei Mohammad einmal vom Dach gefallen. 17 Tage habe er im Koma gelegen. "Danach war der Junge nicht mehr derselbe", sagt der Schreiner.

Shamsuddin bot dem jungen Sarvari das Gästezimmer der Familie an, im Erdgeschoss, er versorgt ihn mit Essen. Ab und zu gibt er ihm ein paar kleine Scheine. Davon kauft Mohammad Telefoneinheiten für sein Handy. "Die sind immer sofort wieder weg", sagt der alte Handwerker. Mohammad chatte mit irgendwelchen Bekannten in Deutschland. Andere Freunde habe er nicht.

"Siehst du nicht, dass dieses Haus ein Schutz ist, den Gott dir gewährt?", fragt Shamsuddin seinen Schützling. Sarvari stiert dann betreten auf den Boden und schweigt. Er hat keinerlei Plan, wie sein Leben hier weitergehen könnte.

Shamsuddin wollte Sarvari ein kleines Geschäft auf dem Basar einrichten. Doch dann passierte, was in Afghanistan immer geschehen kann. Die Vergangenheit kehrte zurück.

In Mohammads Heimatdorf im Distrikt Jalrez hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Sarvari zurück ist aus Deutschland. Die Leute sagen, er sei gekommen, um seinen ermordeten Vater zu rächen, aber auch, dass sie ihm zuvorkommen und ihn töten würden.

"Mohammad weiß nicht einmal, was Blutrache bedeutet", sagt Shamsuddin. Doch Hekmatjars Kommandeure seien heute so gefährlich wie damals. Tatsächlich kehrte Hekmatjar, der alte Kämpfer, erst kürzlich aus seinem Versteck in die Hauptstadt zurück, nach langen Verhandlungen mit der Regierung.

Sarvari wagt sich jetzt kaum noch aus dem Haus. Meist liegt er dösend im Gästezimmer. Die Idee mit dem Geschäft auf dem Basar, das Sarvari ein Auskommen sichern könnte, hat sein Gastgeber Shamsuddin verworfen.

"Nehmt Mohammad nach Deutschland zurück", bittet Shamsuddin. Der Junge sei eine Gefahr für die ganze Familie geworden, zehn Personen in diesem Haus, die jetzt wegen Sarvari zum Ziel werden könnten.

"Wissen Sie von der sexuellen Nötigung, dem Raub?"

"Er wird sich bessern", beschwört Shamsuddin.

Das wollte auch Sarvaris Pflichtverteidiger in Trier, Thomas Ehrmann, glauben. Er hat Sarvari im Vergewaltigungsprozess vertreten. Der 64-jährige Anwalt gehört zu den Überzeugungstätern seiner Branche, seit er im Studium mit Exiliranern zu tun hatte, die erst vor dem Schah-Regime und später vor den Mullahs geflohen waren. Im Fall Sarvari kommt aber selbst der wohlmeinende Jurist an Grenzen: "Der gehört nicht zu denen, die unseren Schutz verdienen", sagt Ehrmann.

Sarvaris Akte ist fast einen halben Meter dick. Bewährungshelfer, Sozialämter, Ärzte versuchten sich an seiner Eingliederung in die deutsche Gesellschaft. Manchmal spielte er den einen gegen den anderen aus. Vor dem Richter, der ihm sogar nach der sexuellen Nötigung noch eine Chance zur Bewährung geben wollte, zeigte Sarvari Einsicht, ließ sich dann aber gleich krankschreiben, um keine Sozialstunden leisten zu müssen. "Irgendwann habe ich das Telefon nicht mehr abgenommen, wenn Sarvari anrief", sagt Ehrmann.

Warum hat der junge Afghane die vielen Chancen nicht wahrgenommen, die ihm geboten wurden? Die Sprachkurse, die Gelegenheiten, sich zu bewähren? Sarvari zuckt die Achseln. "So viele Arbeitsstunden, ich hatte kein Geld, das machte mich krank", sagt er. Am Ende landete er im Gefängnis.

Berlin drängt Kabul, ausgewiesene Asylbewerber wieder zurückzunehmen. In der Vereinbarung dazu zwischen Deutschland und Afghanistan ist von "Würde" die Rede und von "Reintegration".

In der Praxis stehen dann ein paar Beamte als Empfangskomitee am Flughafen. Die Rückkehrer erhalten jeder 20 Euro, sie dürfen sich 14 Tage lang in einem Gästehaus aufhalten, bis ihr Transport in die Heimatorte organisiert wird. Ein paar Männer wollen auch die kleinen Anschubfinanzierungen nutzen, um ein eigenes Unternehmen zu gründen, oder ein Jobtraining machen. Ob dies zum Anfang einer neuen Existenz führt, ist nicht bekannt.

Einige Abgeschobene trauen sich gar nicht zurück zur Familie. Sie gelten als Versager. Sie konnten die Hoffnungen nicht erfüllen, die in sie gesetzt worden waren, und sie haben das Geld durchgebracht, das die Schlepper kosteten.

Masood Ahmadi von der Internationalen Organisation für Migration in Kabul hat fast alle getroffen, die Europa dieses Jahr zwangsweise auf diesem Weg verlassen mussten, insgesamt 235 Afghanen. Die meisten kamen aus Deutschland, einige aus Schweden, Norwegen, Österreich, Finnland. "Sie sind enttäuscht, unter Stress, wütend", sagt Ahmadi. Manche kamen die Gangway im Schlafanzug herunter, weil sie morgens aus dem Bett geholt und sofort abgeschoben worden waren.

Wenn Abschiebungen einmal beschlossen oder vollzogen sind, ist es schwierig, sie noch zu verhindern oder rückgängig zu machen. Für die Deportierten gibt es ein Wiedereinreiseverbot für die Bundesrepublik von bis zu zehn Jahren. Erfolg gibt es nur manchmal, wenn Deutsche sich für einen Betroffenen einsetzen, Lobbygruppen mobilisieren und vor Gericht gehen.

Für Mohammad Sarvari ist das keine Perspektive, er muss als ein Beleg einer konsequenten Abschiebepolitik herhalten. Aber was ist mit Yaqub Sayed, dem verhinderten Bräutigam?

In Nürnberg rätselt Hamida Hashemi, warum es ausgerechnet den Mann getroffen hat, den sie heiraten will. Hashemi ist eine zarte Person mit dunklen Haaren. Sie lebt mit ihrer Schwester in einem Zwei-Zimmer-Apartment im Ortsteil Langwasser. Erst kürzlich feierte sie mit Sayed noch Geburtstag, mit Kerzen und Torte. Hashemi war glücklich.

Verlobte Sayed, Hashemi im November 2016

Verlobte Sayed, Hashemi im November 2016

Und nun? Sie hat einen Anwalt eingeschaltet, um ihren Verlobten zurückzuholen. Der Jurist konnte nichts ausrichten bisher. Hashemi, 32, würde Sayed auch gern in Kabul besuchen. Aber sie fürchtet das fremde Land, das einmal die Heimat ihrer Familie war. Ihre Eltern brachten sie als Säugling nach Deutschland.

Etwa 5000 Kilometer weiter östlich sitzt ihr Verlobter in seinem Hotelzimmer auf einem Fußbodenkissen. Es dient ihm gleichzeitig als Matratze. Die Nacht hier im Gulsar, zu Deutsch "Blumengarten", kostet zwei Euro. Doch selbst die hat Sayed nicht.

Er habe versucht, einen Job zu finden, sagt Sayed, als Elektriker. Ohne Erfolg. Ein Freund seines verstorbenen Vaters hatte ihm einmal gezeigt, wie man Generatoren repariert. Damals, 2003, wagten sich die Soldaten der US-geführten Koalition gerade in die ländlichen Gebiete im Süden vor, auch nach Gardez, nahe der pakistanischen Grenze. Dort ist Sayeds Heimat. Es hieß, jetzt würde der Wiederaufbau beginnen.

Die Arbeit mit Generatoren der US-Soldaten war ein einträgliches Geschäft, eine gute Zeit. Auch Baufirmen und internationale Hilfsorganisationen in Pakistan benötigten technische Unterstützung.

In der Clan-Gesellschaft von Afghanistan ist es ungewöhnlich, dass ein junger Mann der einzig Übriggebliebene seiner Familie ist. Sayeds Schwester war früh nach Dänemark verheiratet worden. Der Vater starb vor zehn Jahren an Leberkrebs, ein Jahr später erlag die Mutter einem Herzinfarkt. Ohne Angehörige fehlt Afghanen die Lebensgrundlage. Der Staat bietet seinen Bürgern keine Sozialleistungen. Die Sippe ist die Lebensversicherung.

Sayed entschloss sich fortzugehen, als die Taliban begannen, ihm Briefe zu schicken. Die Extremisten drohten und forderten ihn auf, die Zusammenarbeit mit den Ausländern einzustellen.

Gardez ist ein paschtunisch geprägtes Gebiet, die meisten Taliban sind Paschtunen. Die Sayeds wiederum zählten zur Minderheit der überwiegend schiitischen Hazara. Yaqub Sayed konnte die Drohungen nicht ignorieren. Er beschloss, nach Dänemark aufzubrechen, zu seiner Schwester.

Die Ersparnisse reichten nur für eine einfache Schleusung, zu Fuß, mit dem Bus, mit einem Boot. Die türkische Küstenwache hatte kein Schmiergeld erhalten. Dreimal wurden die illegalen Passagiere auf der Überfahrt entdeckt und wieder zurückgeschickt. Die Heirat in Bayern sollte Sayeds jahrelange Odyssee beenden.

Welche anderen Chancen hat einer wie er sonst in Europa? Und welche Verantwortung hat auch Europa, das sich eingemischt hat in seinem Land, in einen Krieg, der bis heute keinen Frieden brachte?

Die Regierung in Berlin würde das Thema Flüchtlinge am liebsten ausblenden, weil Rechte und Populisten damit Stimmung machen. Die Bundestagswahl steht an. Gerade deshalb braucht es Diskussionen, über ein Einwanderungsgesetz zum Beispiel, das qualifizierte und integrationswillige Menschen im Land hält, zusätzlich zum Asylgesetz und zu einer großzügigen Aufnahmequote für humanitäre Fälle. Das erlaubte einem Land auch, die Grenzen seiner Hilfsbereitschaft zu definieren. Schicksale müssten dann nicht durch eine Lotterie entschieden werden.

Für Yaqub Sayed käme all das zu spät. Als er wegen seiner Verlobten nach Nürnberg zog, rechnete er nicht mit einer schnellen Abschiebung; Sayed dachte, er habe genügend Zeit, die Papiere fürs Standesamt zusammenzutragen.

Doch jemand in der bayerischen Ausländerbehörde musste seinen Namen beliebig ausgewählt haben. Damit war sein Schicksal besiegelt.



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