AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2017

Wattpad und Co. Die Zukunft des Lesens

Jugendliche lesen mehr denn je - aber nicht mehr auf Papier. Mit dem Handy stöbern sie durch Portale wie Wattpad oder Hooked, verschlingen Chat-Novellen und schreiben sie fort.

Erfolgsautorin Todd: Hoffen auf den großen Durchbruch
C. Meireis / Starface

Erfolgsautorin Todd: Hoffen auf den großen Durchbruch

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Jenny Rosen führt ein Doppelleben. Tagsüber unterrichtet sie in einer Privatschule bei Frankfurt am Main. Abends ist die 29-jährige Amerikanerin eine gefeierte Starautorin: Leser lieben ihre Romane, fiebern jedem neuen Kapitel millionenfach entgegen, diskutieren nächtelang, ob Alex, die 17-jährige Romanheldin, wirklich ihre Unschuld an Elias verschwenden soll, diesen Sex-Maniac mit der kriminellen Vergangenheit und den unwiderstehlichen grünen Augen.

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Heft 44/2017
Forscher entschlüsseln, wie Persönlichkeit und Intelligenz entstehen

"Soll sie denn nun mit ihm Schluss machen?", fragt Rosen eine Freundin, mit der sie gemeinsam am nächsten Kapitel feilt. Sie sitzen mit Notizblöcken und Rechnern im Café St. Oberholz in Berlin, umgeben von der digitalen Boheme, die hier, umwabert von Espressoduft und freiem WLAN, an Projektskizzen, Hausarbeiten oder Programmcodes feilt.

"Cheater, Faker, Troublemaker" hieß der Auftakt der Romanreihe, die Jenny Rosen berühmt gemacht hat: Mogler, Hochstapler, Nichtsnutz. Mittlerweile ist eine weitere Folge dazugekommen.

Nun ist die Hörbuchversion beim Verlag Hachette erschienen. Dieser Senkrechtstart ist Jenny Rosen ohne Lesungen, Lektoren oder Buchhandlungen gelungen.

Die üblichen Zeremonien der Buchbranche sind ihr zu umständlich und verstaubt, sie zieht den direkten Kontakt zu ihren Lesern vor. Per Handy: auf Wattpad, einer Leseplattform im Netz mit mehr als einer Million Lesern alleine im deutschsprachigen Raum und über 60 Millionen weltweit.

Kaum jemand, der über 30 ist, kennt Wattpad, dabei ist das kanadische Portal längst eine feste Größe in der Unterhaltungsliteratur. Mehr als zwei Millionen Autoren buhlen hier um die Gunst des Publikums, pro Minute kommt Lesestoff für einen ganzen Tag dazu, verschlungen wird er zu über 90 Prozent am Handy. Die meisten Leser sind weiblich und unter 25, sie bezahlen für das kostenlose Lesevergnügen mit ihrer Aufmerksamkeit - in die Romane wird Werbung eingestreut.

Von den Einnahmen bekommen die meisten Autoren wenig bis nichts ab, aber immerhin dürfen sie auf den ganz großen Durchbruch hoffen. So wie die Hobbyautorin Anna Todd aus Los Angeles, deren Handyromanze "After" so beliebt wurde, dass Verlage wie Simon & Schuster oder Heyne ihre Bücher nun mit einer Gesamtauflage von über fünf Millionen verlegen; das Filmstudio Paramount Pictures hat sich die Rechte gesichert.

Rund eine halbe Stunde schmökern Wattpad-Leser pro Sitzung am Handy. Allein im deutschsprachigen Raum macht das 135 Millionen Leseminuten pro Monat - was umgerechnet einer halben Million Büchern entspräche.

Erstaunlicherweise taucht die Handy-Literatur in den Buchmarktstatistiken mit keiner Zeile auf. "Wattpad ist sozusagen das Darknet des Lesens", sagt Ansgar Warner vom Portal E-Book-News.

Traditionalisten beschwören lieber die Langlebigkeit bedruckten Papiers; das digitale Lesen stagniere, heißt es, junge Leser bevorzugten das sinnliche Rascheln beim Umblättern. "Wir werden auch in 20 Jahren noch das klassische Printbuch in der Mehrheit nutzen", prophezeite Alexander Skipis vor zwei Jahren, Hauptgeschäftsführer beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels. "Insofern wird sich zwar einiges geändert haben, letztlich aber vielleicht weniger, als einige heute glauben." Als ginge die Digitalisierung des Buchmarktes wieder vorüber wie ein böser Traum.

"Keine andere Branche scheint mir so wenig über bestimmte Größen ihrer Märkte zu wissen wie die Buchbranche", sagt Steffen Meier, Herausgeber des "Digital Publishing Report".

Die Wissensgesellschaft ist blind für sich selbst: Nicht einmal die Statistiken des Marktforschungsinstituts GfK bilden die Lesegewohnheiten zuverlässig ab, denn sie ignorieren kostenlose E-Books, Bibliotheksangebote oder All-you-can-read-Abos wie Kindle Unlimited und Skoobe.

Smartphone mit Wattpad-Serienroman
Hilmar Schmundt / DER SPIEGEL

Smartphone mit Wattpad-Serienroman

Auch der Wattpad-Gründer Allen Lau wusste anfänglich nicht, ob seine Idee verfangen würde. Lau, ein schmaler Endvierziger, wuchs in Hongkong auf und verdiente dann in Toronto Geld mit der Entwicklung von Computerspielen. In seiner Freizeit hackte der Science-Fiction-Fan sein Nokia-Handy, um "Moby Dick" daraufzuladen, und baute eine Website mit kostenlosen Büchern. Kaum jemand verirrte sich dorthin, die monatlichen Werbeeinnahmen reichten für einen Kaffee. 2007 hatte er es satt, er wollte aufgeben.

Dann kam das iPhone auf den Markt. Laus App kam gut an, aber anders als gedacht: Die Leser stürzten sich auf eine recht simple Vampirstory - vor allem, um darüber zu tratschen. Also baute Lau seine Plattform um: zu einem Plaudersalon. Bald zählte Wattpad fünf Millionen Nutzer.

Kulturpessimisten mag das überraschen, aber junge Leute lesen heute mehr denn je - nur eben weniger im Buch als am Bildschirm. Das hat auch eine groß angelegte Studie von Andrea Lunsford bestätigt. Die Anglistin von der Stanford University hatte die Lektüregewohnheiten von fast 15.000 Studenten untersucht - inklusive Mails.

Sogar Margaret Atwood, die gerade mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hat ein paar Storys auf Wattpad veröffentlicht. Sie sieht in der Plattform ein futuristisches Ermächtigungswerkzeug für eine zukünftige Generation von Schriftstellern und Lesern.

Auf den ersten Blick verwundert das, denn viele Amateurstorys holpern so dahin, oft bedienen sie Stereotypen: Rehäugige Jungfrau rettet bösen Buben vor sich selbst, seufz, Happy End.

Weibliche Figuren werden gern als schwach und passiv beschrieben, männliche als stark und aktiv, und zwar gleichermaßen von männlichen wie weiblichen Autoren. Das fand ein Team um den Stanford-Informatiker Ethan Fast bei der Analyse von 600.000 Wattpad-Storys heraus. Die Schmachtfetzen erweisen sich als Fundgrube für die Leserforschung: An ihnen lässt sich ergründen, was in den Köpfen des Publikums vor sich geht.

Dabei sind die Leserkommentare mindestens so aufschlussreich wie die Romane selbst. In Jenny Rosens Werk zum Beispiel entfachten schon die allerersten Sätze ein hundertfaches Kommentargewitter. Wann immer der Macho Elias einen plumpen Spruch bringt, wird er wild beschimpft; Leserinnen tauschen sich aus über eigene Erfahrungen, Ängste und Lesetipps. Und himmeln ihrerseits in den Marginalien die weibliche Hauptfigur an: "Ich liebe dich, Mädchen, wir sollten beste Freundinnen sein, zur Hölle mit dem Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit."

Die meisten Wattpad-Autoren studieren die Kommentare genau, und wenn die Leser einer geplanten Plot-Entwicklung auf die Schliche kommen, steuern sie um.

"Jeden Tag generieren wir zwei Milliarden Datenpunkte", schwärmt Allen Lau: "Wir erkennen an den vielen Millionen Kommentaren genau, welche Textpassage wie viele Kommentare generiert und wo die Leser anbeißen oder aussteigen."

Wattpad hat mittlerweile über hundert Mitarbeiter. Und droht selbst überholt zu werden durch noch atemlosere Leseangebote. Hooked etwa ist eine App, die Handyromanzen noch stärker atomisiert, bis sie nur noch aus Chatdialogen bestehen. Der Name ist Programm, er bedeutet "süchtig". Die Leser fühlen sich, als schnüffelten sie in fremden SMS-Protokollen. Bis nach ein paar Zeilen, wenn sie Blut geleckt haben, eine Zahlungsaufforderung aufpoppt. Literatur als Voyeurismus, Spannungsbögen als Druckmittel, Erzähler als Erpresser.

Inzwischen musste Wattpad nachziehen und startete mit Tap eine eigene Chat-Literatur-App.

Auch Allen Lau veröffentlicht immer mal wieder auf Wattpad; mal Poesie, mal Science-Fiction. Bislang mit mäßigem Erfolg, immer wieder korrigieren besserwisserische Leser sein fehlerhaftes Englisch.

Vor allem schreibt Lau aber am nächsten Kapitel von Wattpad. Er will den Computer in eine Erzählmaschine verwandeln. Sein Plan: Eine künstliche Intelligenz soll vorhersagen können, ob eine Story floppt oder fliegt. "Bald könnte unsere Software Autoren beraten", sagt er. "Das wäre wie eine automatische Rechtschreibprüfung auf Steroiden. Es ginge nicht um richtige Kommas, sondern um bessere Plots."

Je nach Präferenz, so fabuliert er weiter, bekäme bald jeder Leser eine personalisierte Fassung auf sich zugeschrieben: "Die Autoren müssten in Zukunft nur noch das Grundgerüst skizzieren, dann könnte das System daraus Tausende Varianten generieren, mit unterschiedlichen Namen und Orten und Szenen."

Robo-Autoren, die im Akkord Geschichten ausspucken? Bisweilen wirkt die wunderbare Erzählmaschine des Allen Lau selbst wie Science-Fiction.

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