AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2017

Dieselskandal Will das Kraftfahrt-Bundesamt Volkswagen schonen?

Geht das Kraftfahrt-Bundesamt zu nachsichtig mit dem VW-Konzern um? Das Vorgehen bei der Prüfung des Porsche Cayenne ist jedenfalls mehr als merkwürdig.

Porsche Cayenne bei Abgasuntersuchung des TÜV Nord
Andreas Teichmann/DER SPIEGEL

Porsche Cayenne bei Abgasuntersuchung des TÜV Nord

Von und


Winter 2013, eine abgelegene Rennstrecke in Südafrika: Wie jedes Jahr testeten der VW-Chef und seine wichtigsten Mitarbeiter die neuen Modelle des Konzerns. Zunächst stieg, wie immer, der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn in einen Wagen und jagte ihn über den Kurs, dann folgten Entwicklungsleiter, Vertriebschefs und andere VW-Größen. Nach jedem Auto wurden positive wie negative Kommentare gesammelt und an die Entwickler weitergeleitet, um mögliche Fehler auszubessern.

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Heft 33/2017
Wie sich das bedrohte Paradies wandelt

Das vermeintlich beste Auto hatten die Verantwortlichen für den Schluss aufgespart. Der Chef sollte den Test mit guter Laune und einem möglichst positiven Gesamteindruck der Fahrzeugflotte verlassen. In jenem Februar war es ein Audi A8, zwölf Zylinder, 500 PS. Die absolute Oberklasse.

Doch Winterkorn zeigte sich wenig begeistert. Dem Auto fehle Dynamik und Spritzigkeit, soll er genörgelt haben. So berichten es Teilnehmer.

Der damalige Chef von VW war berüchtigt für seine harschen Urteile. Dennoch ist diese Episode aus Afrika ein besonderes Ereignis, sie könnte dem inzwischen entlassenen Konzernlenker, seinem ehemaligen Arbeitgeber VW und sogar Verkehrsminister Alexander Dobrindt sowie dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) noch sehr viel Ärger bereiten.

Denn der Wagen, genauer gesagt: sein Getriebe, steht heute, fast vier Jahre später, im Mittelpunkt intensiver Ermittlungen. Die Luxuslimousine A8 hat nämlich in ihrem Getriebe eine Software verbaut, die offenbar Illegales tut. Und die Entwicklung dieses Programms geht wohl auf jenen Februar des Jahres 2013 zurück.

Teilnehmer des Fahrtests berichten, der Wagen, mit dem Winterkorn in Afrika über den Asphalt raste, sei damals mit einem umweltfreundlichen Fahrmodus ausgestattet gewesen, der relativ wenig klimaschädliches CO2 ausstößt. Dieses Programm hatte aber auch eine in den Augen des damaligen VW-Bosses negative Eigenschaft: Es verhinderte eine Leistung, die man von einem Auto erwarten kann, für das die Kunden mehr als 100.000 Euro bezahlen müssen.

Ehemaliger VW-Chef Martin Winterkorn (Archivbild)
REUTERS

Ehemaliger VW-Chef Martin Winterkorn (Archivbild)

Die Reaktion auf Winterkorns Kritik findet sich im Abschlussdokument der Veranstaltung, ein als "vertraulich" gestempeltes "Abschlussprotokoll", das dem SPIEGEL vorliegt. Darin stellte der heutige VW-Motorenentwickler Axel Eiser eine heikle Frage: "Wann wird es das zyklusoptimierte Schaltprogramm geben? Das Schaltprogramm soll so ausgelegt werden, dass es auf der Rolle zu 100 Prozent aktiv ist, vor Kunden in 0,01 Prozent."

Mit diesem Getriebe stattete Audi später seine Nobellimousine A8 aus, außerdem wurde es in diversen SUVs des Volkswagen-Konzerns eingesetzt: im VW Touareg, im Q7 und Q5 von Audi - und im Porsche Cayenne.

Nach Hinweisen eines Insiders liehen sich Redakteure des SPIEGEL im Frühjahr einen Cayenne mit einem solchen Getriebe aus. Mithilfe des Softwareexperten Felix Domke konnten sie einen Laptop so mit dem Computersystem des Wagens verbinden, dass man dem Schaltprogramm bei der Arbeit zusehen konnte. Auf vielen Hundert Kilometern Testfahrt fiel auf: Der Wagen verfügte über zwei Schaltprogramme. Ein Warm-up-Programm, das unmittelbar nach dem Start aktiv ist und so lange aktiv bleibt, wie der Wagen keinen Beschleunigungskräften oder Lenkbewegungen ausgesetzt wird. Das entspricht dem Test auf den Rollen im Labor.

Sobald der Wagen jedoch aus einer Parklücke heraus- oder einen Hang hinauffährt, nehmen die Sensoren des Wagens die Beschleunigungskräfte wahr. Der Cayenne schaltet dann in einen anderen Modus - einen deutlich schmutzigeren.

Das belegte ein Test, den der SPIEGEL mit dem Porsche-Geländewagen vom TÜV Nord in Essen durchführen ließ. Vor dem Test vorn mit zwei Wagenhebern angehoben, suggerierte man dem Cayenne, sich auf einem Hang zu befinden, er schaltete auf Straßenbetrieb und stieß fast dreimal mehr Stickoxide aus als zuvor. Der Diesel hätte damit die Zulassung nie bekommen. Auch die CO2-Werte des Wagens waren deutlich erhöht (SPIEGEL 24/2017).

Verkerhsminister Dobrindt
DPA

Verkerhsminister Dobrindt

Mit den Ergebnissen konfrontiert, wiegelten Porsche und der Mutterkonzern VW im Juni ab: Man könne die Messdaten des SPIEGEL nicht nachvollziehen, lautete die Antwort. Es müsse sich um eine Verkettung unglücklicher Faktoren gehandelt haben.

Verkehrsminister Dobrindt wies seine Prüfer vom Kraftfahrt-Bundesamt an, den Cayenne aufgrund der SPIEGEL-Messungen erneut zu prüfen. In Absprache mit den SPIEGEL-Redakteuren wurden Tests vereinbart, zu denen als neutraler Sachverständiger auch der Computerexperte Domke geladen werden sollte.

Doch schon bei einem Vorbereitungsgespräch mit den SPIEGEL-Redakteuren entwickelten die Ministerialen eine sehr klare Vorstellung davon, was sich bei den Messungen beim TÜV Nord im elektronischen Gehirn des Cayenne abgespielt haben könnte. Und das hatte nichts mit dem Getriebeprogramm zu tun, über das sich die VW-Oberen in Afrika ausgetauscht hatten.

Vielmehr präsentierten sie Erklärungen, die zu diesem Zeitpunkt auch bereits bei Porsche und VW kursierten. Der Sportwagenbauer hatte die SPIEGEL-Geschichte und die dazu ausgestrahlten Fernsehbilder direkt nach dem Erscheinen analysiert und eine eigene Version der hohen Stickoxidwerte erarbeitet. Demnach sei beim TÜV in Essen eine andere, vom Getriebe unabhängige Abschaltvorrichtung ausgelöst worden. Das sei geschehen, weil der Wagen mit angeschalteter Zündung einige Meter zum Prüfstand gerollt worden sei. Auch diese Abschalteinrichtung sei illegal, weil sie in die Abgasreinigung des Autos eingreife.

Diese Erklärung hat aber einen entscheidenden Vorteil: Die Anzahl der betroffenen Fahrzeuge ist deutlich geringer.

Das KBA und das Ministerium schienen sich dieser Sichtweise zu diesem Zeitpunkt bereits angeschlossen zu haben. Aber aufgrund welcher Fakten? Tests mit eigenen Fahrzeugen sollten ja erst in den nächsten Wochen gemacht werden.

Ob diese noch stattfanden, ist nicht bekannt. Jedenfalls wurde Domke zu keinem Test eingeladen, Messergebnisse wurden nicht veröffentlicht.

Als Verkehrsminister Dobrindt Ende Juli vor die Presse trat und den Rückruf und Verkaufsstopp des Cayenne Diesel verkündete, behauptete er, Messungen der Prüfer hätten das KBA auf die Fährte gebracht.

Für den VW-Konzern wäre das Auffliegen eines illegalen Getriebeschaltprogrammes vom sauberen in den schmutzigen Zustand der GAU: Das Problem würde dann nicht nur 21.500 Luxus-SUVs von Porsche betreffen, sondern Hunderttausende Fahrzeuge unterschiedlicher Modelle, von Audi, VW und Porsche. Dann handelte es sich um einen bislang noch unentdeckten Mechanismus, der nicht nur den Ausstoß von Stickoxiden negativ beeinflussen würde, sondern auch den Verbrauch beziehungsweise den CO2-Ausstoß der Fahrzeuge.

Doch das KBA hat offenbar kein großes Interesse daran, dieser Spur weiter nachzugehen. Will das Amt den VW-Konzern schonen?

Schon vor der Veröffentlichung des SPIEGEL hatte das KBA den Porsche Cayenne gemessen und nichts gefunden. Diese Messungen wurden nach Informationen des SPIEGEL in Kooperation mit Ingenieuren von VW vorgenommen. War das vielleicht ein Grund, warum jetzt nichts auffiel?

Winterkorns Anwalt wollte sich ebenso wenig zu den Vorgängen äußern wie das Verkehrsministerium in Berlin. Porsche räumt ein, man habe dem KBA nach dem SPIEGEL-Test "aktiv Ergebnisse interner Untersuchungen offengelegt". Und darin dargelegt, dass die "Unregelmäßigkeiten nicht mit der Getriebesteuerung" in Zusammenhang gestanden hätten. Die beanstandeten Mängel bringe man, wie vom Verkehrsministerium verlangt, in Ordnung.

Die Parlamentarier, die den Untersuchungsausschuss zur Dieselaffäre geleitet haben, werden sich mit solchen Erklärungen nicht zufriedengeben. Kirsten Lühmann von der SPD fordert Aufklärung, warum trotz Nachfragen des Ausschusses Vertreter des KBA und des Ministeriums stets behaupteten, mit der Drei-Liter-Maschine vom Cayenne und anderen Fahrzeugen des VW-Konzerns sei alles in Ordnung. "Uns kommt das im Lichte der Messungen des SPIEGEL und der nun erfolgten Rückrufaktion des Verkehrsministers alles sehr sonderbar vor", sagt Lühmann. Sie vermutet, dass die Behörden erst handelten, als es wegen der SPIEGEL-Messungen nicht mehr anders ging.

Es gibt aber auch Hinweise, wonach VW die heikle Getriebesoftware durch inzwischen eingespielte Updates abgeschwächt oder beseitigt haben könnte. Aufklären könnte das Blendwerk die US-Umweltbehörde, sie ist VW auf den Fersen - und sie hat ihre Hartnäckigkeit bereits einmal unter Beweis gestellt, als sie die Dieselaffäre vor zwei Jahren ins Rollen brachte.

Porsche selbst will darauf offenbar nicht mehr warten. Im Unternehmen diskutieren die Chefs ernsthaft, sich aus der Dieselproduktion und damit von den ungeliebten Audi-Motoren komplett zu verabschieden - möglicherweise bereits in diesem Jahr.



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