AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2017

Gladbeck-Geiselnehmer Was passiert, wenn Degowski draußen wieder an die falschen Leute gerät, Frau Anwältin?

Dieter Degowski, der Geiselnehmer von Gladbeck, kommt bald wieder frei. Seine Anwältin Lisa Grüter über sein neues Leben unter falschem Namen.

Geiselnehmer Degowski 1988: Das Stigma loswerden
AP/ DPA

Geiselnehmer Degowski 1988: Das Stigma loswerden

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SPIEGEL: Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner hielten 1988 die Republik in Atem, als sie nach einem Banküberfall mit ihren Geiseln quer durch Deutschland fuhren und zwei von ihnen töteten. Wie hat Degowski aufgenommen, dass er bald freikommen soll?

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Heft 42/2017
SPIEGEL-Gespräch mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Grüter: Ich habe Herrn Degowski seit der Entscheidung noch nicht gesehen. Aber schon in der Anhörung vor Gericht kristallisierte sich heraus, dass es so kommen würde. Da war er unglaublich erleichtert. Herr Degowski weiß jetzt, wie es für ihn weitergeht. Das war zuletzt das größte Problem: dass er sich auf eine Entlassung vorbereitet hat, von der er nicht wusste, ob sie überhaupt kommt.

SPIEGEL: Wann ist es so weit?

Grüter: Wohl Anfang 2018. Immer vorausgesetzt natürlich, die Staatsanwaltschaft legt nicht noch Rechtsmittel ein. Aber wann genau, wollen wir nicht sagen, um ihn vor der Öffentlichkeit zu schützen.

SPIEGEL: Wie geht es ihm?

Grüter: Er ist jetzt 61, das macht sich bemerkbar. Aber seitdem er die Hoffnung hat, dass er doch noch mal rauskommt, geht es ihm richtig gut. Als ich ihn 2011 kennenlernte, war er in einem Zustand totaler Hoffnungslosigkeit. Die Anstalt hatte nichts unternommen, um ihn auf eine Entlassung vorzubereiten. Es hieß: Du bist eine Person der Zeitgeschichte, wir rühren keinen Finger dafür, dass du rauskommst.

SPIEGEL: Wäre Degowski schon frei, wenn sein Verbrechen nicht immer noch so bekannt wäre?

Grüter: Ich denke schon. Es wollte wohl keiner die Verantwortung dafür übernehmen, dass ein Gefangener entlassen wird, der so im Fokus der Öffentlichkeit steht.

SPIEGEL: Wie kam Bewegung in den Fall?

Grüter: 2013 stellte der Essener Gutachter Norbert Leygraf klar, dass von Herrn Degowski keine Gefahr mehr ausgehe, dass er eine gute Prognose habe und nichts in seiner Persönlichkeit gegen eine Entlassung spreche. Auch das Landgericht Arnsberg meinte, dass er in den nächsten zwei, drei Jahren auf freien Fuß kommen sollte.

Rechtsanwältin Grüter: "Er ist reifer geworden"
Bastian Bochinski

Rechtsanwältin Grüter: "Er ist reifer geworden"

SPIEGEL: Jetzt gibt es ein neues Gutachten.

Grüter: Selten habe ich eines gelesen, das so klar eine gute Prognose enthielt. Herr Degowski war 1988 auch nur Mitläufer.

SPIEGEL: Auf einem legendären Foto hält er einem Opfer die Waffe an den Hals, eine Geisel erschoss er selbst - ein "Mitläufer" ist etwas anderes.

Grüter: Er wurde ja auch entsprechend verurteilt. Aber ohne einen wie Rösner wäre er niemals so gefährlich geworden...

SPIEGEL: ...weshalb Rösner kaum mit seiner vorzeitigen Entlassung rechnen kann. Aber was passiert, wenn Degowski draußen wieder an die falschen Leute gerät?

Grüter: Er ist älter geworden, reifer. Er hat gelernt, sich an positiven Vorbildern zu orientieren, nicht kriminellen.

SPIEGEL: Vor der Haft hatte er ein Alkoholproblem. Und nun?

Grüter: Das ist vorbei. Bei seinen Ausgängen war Alkohol jedenfalls nie ein Thema.

SPIEGEL: Wie ist Degowski auf die Freilassung vorbereitet worden?

Grüter: Erst hatte er Ausgänge, auch unbegleitete, später Langzeiturlaube für drei, vier Tage. Alles ging glatt.

SPIEGEL: Wo soll er jetzt leben? Seine Schwester hat 2013 gesagt: bei ihr nicht.

Grüter: Das muss er auch nicht, weil er auf eigenen Beinen steht.

SPIEGEL: Die Justizvollzugsanstalt wird ihn nicht einfach auf die Straße stellen.

Grüter: Nein. Er wird auch nicht allein in einer Sozialwohnung sitzen. Mehr will ich dazu nicht sagen. Aber er hat ein dichtes Netz für die Zeit nach der Entlassung. Bewährungshelfer, Sozialarbeiter - es ist alles sehr gut vorbereitet. Es ist auch dafür gesorgt, dass er etwas zu tun hat, was Struktur in seinen Tag bringt.

SPIEGEL: Eine normale Arbeitsstelle?

Grüter: Es wird etwas Ehrenamtliches sein.

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SPIEGEL: Wovon wird er leben?

Grüter: Er hat in der Haft gearbeitet. Er hat Anspruch auf Arbeitslosengeld.

SPIEGEL: Wie knüpft man ein soziales Netz für einen so prominenten Gefangenen?

Grüter: Es hat lange gedauert, bis die Verantwortlichen es geschafft haben, auf Herrn Degowski einen Blick zu bekommen wie auf jeden anderen Gefangenen auch. Aber von dem Moment an haben sie sich wirklich für ihn ins Zeug gelegt.

SPIEGEL: Degowski erhielt einen neuen Namen. Laut einem Intelligenztest liegt sein IQ nur bei 79, im unteren Normbereich. Schafft er es, sich nicht zu verplappern?

Grüter: Ich denke schon. Er weiß ja, worum es jetzt geht. Und dazu gehört eben auch, mit einer Legende zu leben.

SPIEGEL: Hat er das geübt?

Grüter: Davon gehe ich aus. Er hatte schon Gelegenheit, sich bei Ausgängen an seinen neuen Namen zu gewöhnen.

SPIEGEL: Hat Degowski sich optisch so verändert, dass man ihn nicht wiedererkennt?

Grüter: Ich habe ihn selbst schon bei Ausgängen begleitet und nicht erlebt, dass ihn jemand erkannt hätte.

SPIEGEL: "Bild" ist ihm auf den Fersen.

Grüter: Die haben ihn bei einem Ausgang gestellt und auf einer Parkbank abfotografiert. Ich hoffe, das Interesse an ihm lässt nach. Wenn nicht, muss er damit leben. Es geht ja auch nicht darum, dass keiner erfahren darf, wer er ist. Den Menschen, die sich um ihn kümmern, ist seine Identität sowieso bekannt. Mit dem neuen Namen ist er einfach nur dieses Stigma los, dass er sich mit Degowski vorstellen muss, dem Namen, der so viele Erinnerungen weckt.

SPIEGEL: Was sagen Sie Menschen, die sich über die bevorstehende Freilassung des Mörders empören?

Grüter: Auch wenn es für die Angehörigen der Opfer oft unerträglich ist - jeder Verurteilte hat das Recht auf Resozialisierung.

SPIEGEL: Glauben Sie, er bereut?

Grüter: Ja, er kann das vielleicht nicht so gut ausdrücken, aber ich halte seine Reue für echt. Er ist dankbar dafür, dass er von der Gesellschaft noch eine Chance bekommt. Deshalb will er ja jetzt etwas zurückgeben, mit ehrenamtlicher Arbeit.



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