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18. Februar 2013, 00:01 Uhr

Essay

Einer von mir

Von Dirk Kurbjuweit

Schriftsteller werden oft gefragt: Was in Ihrem Roman sind Sie selbst? Die Antwort: alles.

Als unsere Anwältin mir sagte, der Rechtsstaat würde uns wohl nicht helfen, aber sie könne uns eine Pistole besorgen, war dies das Ende der Wirklichkeit. Fortan lebten wir im Reich des Unvorstellbaren.

Die Wirklichkeit ist kein endloser Raum, sondern hat Grenzen. Meine Wirklichkeit war damals, vor zehn Jahren, das normale Leben, Familie, Beruf, Freunde, Bücher, ein ziviles, bürgerliches Leben, abgesichert durch Rechtsstaat und Demokratie. Dann brach ein Stalker in unseren Alltag ein, Herr T., der Mann, der in der Wohnung unter uns lebte, der erst freundlich war und dann zudringlich und dann böse invasiv, mit Drohungen, Anzeigen, Briefen, Auflauern. Wir waren uns nicht sicher, ob er es auf meine Frau abgesehen hatte oder auf unsere Kinder. Wir gingen einige Monate lang durch die Hölle.

Aber das war noch Wirklichkeit. Das kann passieren, man hört davon, ein Stalker zählt zum Vorstellbaren in unserer Welt, und für Notlagen gibt es den Rechtsstaat. Wer im Recht ist, dem wird geholfen. Das ist unser aller Abkommen mit dem Staat. Wir verzichten auf Gewalt, überlassen den Behörden das Gewaltmonopol, dafür schützen uns Polizei und Justiz, wenn wir bedroht werden.

Ich ging zuversichtlich zur Polizei, ging zuversichtlich zu unserer Anwältin, um Recht und Gesetz für uns arbeiten zu lassen. Aber mir wurde gesagt, dass man leider nichts tun könne. Zweimal bekam ich mehr oder weniger offen den Rat, mir mit einer Pistole selbst zu helfen. Ich wollte meine Familie schützen und stand vor der Frage: schießen oder nicht.

Wenn so etwas passiert, fällt schnell der Satz: Das ist wie im Film. Oder: Das ist wie im Roman. Film und Roman sind klassische Erweiterungsräume für die Wirklichkeit. Der Rückgriff auf fiktionale Welten verknüpft das Unvorstellbare mit dem Gesehenen oder Gelesenen. Damit wird es paradoxerweise realer, also wieder vorstellbar und weniger unheimlich.

Die Frage nach der Authentizität

Damals lebte ich in einem Roman, und so habe ich das tatsächlich gesehen. Fast alle Gedanken und viele Gespräche und Erlebnisse waren komplett anders als in der Welt vor dem Stalker, als lebten wir jetzt zwischen Buchdeckeln und nicht in der Realität. Nach acht Jahren habe ich dann tatsächlich den Roman "Angst" begonnen, dem diese Ereignisse zugrunde liegen. Nun gibt es die Wirklichkeit von damals, die mir fiktional vorkam, und die Fiktion, die auf der Wirklichkeit gründet, ohne mit ihr identisch zu sein.

Schriftliche Erzählungen stehen immer in einem komplexen Verhältnis zur Wirklichkeit, ob es nun Reportagen sind, Sachbücher, Romane oder Notizen auf Facebook. Mit der Verschriftlichung entsteht eine Version der Realität, die einen Anspruch auf Gültigkeit erhebt, ohne letztendlich gültig sein zu können, gültig im Sinne von wahr. All diese Genres nähern sich der Wahrheit nur an, auf verschiedene Weise.

In meinem ersten Roman kommt eine Frau vor, die es mag, Sex mit Spülhandschuhen zu haben. Bei meiner ersten Lesung mit meinem ersten Roman war die erste Frage aus dem Publikum, ob ich auch Sex mit Spülhandschuhen mag. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Einfach nein zu sagen schien mir unangebracht. Ich fand nicht, dass der Roman einen Abgleich mit der Wirklichkeit braucht. Nach sieben Romanen und ungezählten Lesungen und Interviews weiß ich, dass eines der Hauptinteressen des literarischen Betriebs die Frage ist: Was in diesem Buch sind Sie selbst? Die Antwort ist einfach: alles. Jedem Wort liegt eine Entscheidung von mir zugrunde, eine Entscheidung, die aus meinem Gemüt kommt. Aber das ist nicht gemeint. Gemeint ist: Was davon haben Sie selbst erlebt?

Es ist die Frage nach der Wirklichkeit, nach der Authentizität. Als Schriftsteller kann man darauf keine eindeutige Antwort geben. Man kennt die Antwort nicht, weil Schriftsteller zu sein auch heißt, sich über Konzepte der Wirklichkeit verunsichern zu lassen. Es ist leicht, in einer Talkshow zu sagen, einen Stalker hat es wirklich gegeben in meinem Leben. Aber bin ich deshalb Randolph Tiefenthaler, der Protagonist meines Romans?

Der Schriftsteller Michael Köhlmeier hat kürzlich gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen" gesagt: "Ist die Figur einmal da, gehe ich ihr neugierig hinterher." So erlebe ich das auch, habe es aber nicht so schön sagen können. Hätte ich ein Sachbuch geschrieben, wäre ich meinem Ich gefolgt. In der Entwicklung eines Romans folge ich Randolph Tiefenthaler, der als Ich beginnt, sich aber allmählich selbständig macht.

"Schreiben ist eine interne Ermittlung der Seele"

Wer einen Roman aus dem eigenen Leben schreibt, entscheidet sich gegen die Wahrheit, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Ein Leben ist kein Roman, auch wenn es spannend ist. Ein Roman entsteht nicht über das Erinnern, sondern über das Erzählen. Die Erinnerung schafft einen Rahmen, aber vor jedem Satz steht nicht die Frage: Was ist passiert?, sondern die Frage: Was braucht die Erzählung? Erst im Triumph des Erzählens über das Erlebte entsteht Literatur. So erfindet sich Tiefenthaler das Leben, aus dem er gut erzählen kann. Kommt ihm die Wirklichkeit in die Quere, schiebt er sie beiseite.

Dabei schafft der Schriftsteller im besten Fall eine Erzählung, die wirklicher sein kann als ein Bericht aus dem wahren Leben. "Schreiben ist eine interne Ermittlung der Seele", hat Salman Rushdie dem SPIEGEL zu seinem Buch "Joseph Anton" gesagt. Intern, aber öffentlich. Um das auszuhalten, gibt es verschiedene Mittel. Rushdies Buch ist eine Autobiografie, geschrieben in der dritten Person. Er konnte so leichter über sich Sätze schreiben, die ihm weh taten, unsympathische Seiten offenbaren.

Ein Roman muss beim Schreiben weh tun, sonst hat er keine Kraft. Das jedoch ist für viele Schriftsteller, auch für mich, nur erträglich, wenn wir unsere Wirklichkeit in die Fiktion versetzen, das Eigene nicht im Eigenen lassen, sondern uns entfremden und mit dem Ausgedachten vermischen. Bin ich Randolph Tiefenthaler? Nein. Er ist einer von mir. Er ist auch der, über den ich sagen kann, was mir weh tut. Aber ich würde nicht bekennen, an welcher Stelle im Roman. So wird die Fiktion zur Möglichkeit, die ganze Wahrheit zu sagen.

Ein häufig genannter Grund für das Schreiben aus dem eigenen Leben ist die Therapie. Bei mir war das nicht so. Der Stalker ist eines natürlichen Todes gestorben, die Ereignisse liegen lange zurück, sie sind verarbeitet. Bei der Arbeit am Roman bin ich in die Hölle zurückgekehrt, aber nicht aus Gründen der Heilung, sondern als Teufel. Ich habe die Hölle neu ausgestattet und darüber bestimmt, wer wie leidet.

Der Roman braucht mehr Plausibilität als das Leben

Die große Frage war damals: Wie helfen wir uns gegen Herrn T., da uns der Staat nicht hilft? Ich fragte das einmal einen Polizisten, in einem Moment größter Verzweiflung: Was würden Sie jetzt tun? Er sah mich an und schwieg, und während er so schwieg, wanderte seine Hand auf seine Dienstpistole und blieb dort liegen. Erst die Anwältin, dann der Polizist. Aber da war ich selbst schon so weit, über eine gewaltsame Lösung nachzudenken.

Die Pistole war eine Möglichkeit. Sie spukte mir durch den Kopf, und manchmal hatte ich sie in Gedanken in der Hand und habe abgedrückt, zu meinem eigenen Erschrecken. Selbstjustiz fand und finde ich zutiefst falsch. Tiefenthaler nimmt meine Gedanken von damals auf, trifft aber eine andere Entscheidung als ich. Er holt sich die Pistole in sein Leben, und schließlich fällt ein Schuss. Ich will nicht verhehlen, dass es einen Anflug von Genugtuung gab, als ich das für ihn aufgeschrieben hatte. Hilflosigkeit ist eine Schmach. Ich war damals als Mann gefordert, der seine Familie schützen soll, konnte und wollte es aber nicht so tun, wie es Männer in Filmen tun. Tiefenthaler hat mich nicht rehabilitiert, nicht gerächt, aber er hat für mich die Folgen einer solchen Tat erlebt. Wie erwartet, kam er nicht gut klar damit. So wurde die Fiktion zum Trost.

Ein Problem des Romans ist, dass er mehr Plausibilität braucht als das Leben. In einer Reportage kann man jede Geschichte aus der Wirklichkeit erzählen, selbst die abstruse. Sie wird glaubwürdig durch die Recherche, also durch die Annahme des Lesers, dass der Reporter tief in die Realität eingedrungen ist, dass deshalb stimmt, was er schreibt. Eine fiktionale Erzählung dagegen muss einleuchten. Das ist auch ein Paradox: Die Fiktion soll wirklich wirken, während die Wirklichkeit unwirklich wirken darf, solange sie gut belegt ist.

Die vielen Versionen vom eigenen Leben

Ein Kriterium für die Plausibilität von Romanen ist, dass es nicht viele unwahrscheinliche Zufälle geben darf. In meinem Leben gibt es einen solchen Zufall: Ich bin mit Waffen aufgewachsen und habe als Kind schießen gelernt. Als mir die Anwältin eine Pistole anbot, schien sich ein Kreis zu schließen, als wäre mein Leben auf diesen einen Schuss hinausgelaufen. Aber ist das nicht ein bisschen dicke als Geschichte, wirkt das nicht sehr gewollt in einem Roman? In dem Moment, als mein Leben zum Roman wurde, war der kaum zu erzählen. Randolph Tiefenthaler hat aber entschieden, dass er als Kind schießen gelernt haben will. Meinetwegen. Ich konnte ihm ein bisschen erzählen, was das bedeutet.

Interessant ist, dass im Moment ziemlich viele Leute von ihrem eigenen Dasein berichten, auf Facebook oder Twitter. In diesen Live-Tickern aus dem Alltag kann jeder das Gefühl ausleben, eine große Erzählung zu sein. Bislang war dies vor allem die Anmaßung von Leuten wie mir, Schriftstellern.

Der Unterschied dieser Berichte in den sozialen Netzwerken zur Reportage ist, dass sich der Blick vor allem nach innen wendet, auf die eigene Person, nicht nach außen. Der Unterschied zum Roman ist, dass auf Facebook fast nur vom gelungenen Leben berichtet wird. Nichts tut hier weh, man gibt sich munter und zeigt ein affirmatives Verhältnis zum Geschehen. "Im Restaurant Seeblick gewesen, schöner Abend." Der Roman erzählt dagegen mehr von Widrigkeiten und dem Misslingen. Wie seltsam wäre es gewesen, hätten wir auf Facebook live von Herrn T. berichtet: "Er versucht jetzt, über die Gartentür in unsere Wohnung einzudringen."

Der Unterschied zur Reportage und zum Roman ist, dass die Selbsterzählungen auf Facebook meist nicht über sich hinausweisen. Das soll nicht heißen, dass schlecht ist, was dort passiert, oder gar falsch. Es ist nur eine andere Version der Wirklichkeit, hübscher, ich-hafter, atomisiert. Im Prinzip funktioniert es umgekehrt zum Roman: Der will über den fiktionalisierten Einzelfall aus dem Leben und Denken von vielen erzählen. Auf Facebook spiegelt sich in den Berichten der vielen die Normalität des Einzelnen.

So ändert sich gerade das verschriftlichte Bild der Wirklichkeit. Reportage und Roman behandeln eher das Auffällige, Ereignisreiche. Die sozialen Netzwerke berichten oft vom Alltag. Insofern sind sie realistischer als das zugespitzte Dasein, das sich in Zeitungen, Magazinen oder Romanen präsentiert. Als ich bei der Arbeit an "Angst" meine Tagebucheinträge aus jener Zeit las, war ich überrascht, wie viel Alltag es in unserer Hölle gab, wie das Leben einfach so weiterging.

Heute ist es für mich manchmal schwierig auseinanderzuhalten, was ich erlebt habe und was Randolph Tiefenthaler. Hämmerte er zornig gegen die Tür von Herrn T. oder ich? Einmal? Zweimal? Dreimal? Und was habe ich ihm dabei angedroht? Da mein Tagebuch Lücken hat, kann ich es nicht mehr mit Gewissheit sagen. Wirklichkeit ist eine fragile Angelegenheit, und die Erinnerung ist auch nur eine Selbsterzählung auf wackliger Grundlage. Es gibt im eigenen Kopf nicht eine Version vom eigenen Leben, sondern viele.

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