AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2018

Interview mit dem Basketballstar Wie wollen Sie abtreten, Herr Nowitzki?

Eine weitere Saison will Deutschlands erfolgreichster Basketballstar noch in Dallas spielen, dann ist Schluss. Doch er hat schon Pläne für die Zeit danach.

Dirk Nowitzki
Misty Keasler / DER SPIEGEL

Dirk Nowitzki

Von Thilo Neumann


Die Meilensteine einer Weltkarriere gibt es im Fanshop der Dallas Mavericks zu kaufen, Stückpreis 75 Dollar. Bobbleheads heißen die flaschenhohen Plastikfiguren mit wackelndem Kopf, die sich in den Regalen stapeln, zehn Modelle, limitiert auf je 500 Exemplare. Sie sind ein Stück Basketballgeschichte für die Fensterbank, zu Ehren der Mavericks-Legende: Dirk Nowitzki. Die Miniaturen zeigen ihn mit dem Meisterpokal, im All-Star-Trikot, mit der Trophäe für den wertvollsten NBA-Spieler.

Doch auch den größten Superhelden verlassen irgendwann die Kräfte. Nowitzki, 39, schleppt sich an einem Abend im März über das Parkett des American Airlines Center, seiner sportlichen Heimat, es ist seine 20. Saison. Denver ist zu Gast, für die Mavericks ein Spiel ohne Wert, sie stehen im Tabellenkeller, werden die Play-offs verpassen. Dennoch sind 19.000 Zuschauer gekommen, viele tragen Trikots mit der 41, Nowitzkis Nummer. Der trifft fünf Distanzwürfe, holt 17 Punkte. Dallas siegt. Am nächsten Morgen schleicht Nowitzki die Stufen zum Mavericks-Trainingscourt hinab, die Hüfte noch steif vom Spiel. "Only in Dallas" steht auf seinem Shirt, er nippt an einem Becher mit Automatenkaffee.

SPIEGEL: Herr Nowitzki, wie schläft es sich nach einem Sieg?

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Heft 13/2018
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Nowitzki: Besser als nach einer Niederlage. Dann kommen im Bett die Gedanken: Was hätte ich besser machen können? Was wäre passiert, hätte ich den einen Wurf getroffen? Diese ständigen Vorwürfe - das hat sich auch im 20. Jahr meines Profilebens nicht geändert.

SPIEGEL: Wie kommen Sie runter nach einem Spiel?

Nowitzki: Schwer, gestern war ich gegen 23 Uhr zu Hause, habe mich noch kurz mit meiner Frau unterhalten, zu Abend gegessen, ein bisschen Fernsehen geschaut. Um halb eins habe ich mich hingelegt, aber vor zwei Uhr schlafe ich nach so einer Partie nicht ein.

SPIEGEL: Nun ist es zehn Uhr morgens, Sie haben heute kein Training. Warum legen Sie sich einen Interviewtermin auf Ihren freien Tag?

Nowitzki: Es gibt keine freien Tage für mich. Um sieben bin ich aufgestanden, um halb neun habe ich meine Tochter in den Kindergarten gebracht, nachher werde ich allein trainieren. Wenn ich während der Saison einen Tag nur rumliegen würde, frieren mir die Muskeln ein, und es braucht ewig, um wieder reinzukommen. Deswegen komme ich auch an freien Tagen in die Halle.

SPIEGEL: Bald ist es geschafft, am 10. April ist Ihr letztes Saisonspiel.

Nowitzki: Wahnsinn. Es ist schade, wie schnell die Zeit vergeht.

SPIEGEL: Obwohl Sie nicht einmal jedes dritte Spiel gewinnen und keine Chancen mehr auf die Play-offs haben?

Nowitzki: Wenn mich das Spiel nicht mehr packen, ich den Wettbewerb nicht mehr lieben würde, dann wäre es Zeit zu gehen. Aber der Wille zu beißen, es den Jungs zu zeigen, der ist noch da. Es macht weiterhin Spaß, wenn ich hier und da mal einen Ball reinschmeiße.

SPIEGEL: Ihr Beruf als NBA-Profi umfasst aber mehr als Basketball spielen.

Nowitzki: Klar, das ganze Drumherum wird manchmal ein bisschen viel: das Training, die Krafteinheiten, die PR-Termine. Aber daran wird man hier von Anfang an gewöhnt. Beim ersten Spiel 1999 sitze ich nackt in der Umkleide, und auf einmal stehen Journalisten neben mir, weil die nun mal bei der NBA in die Kabine dürfen. Aber in so was wächst man rein. Wie allen NBA-Spielern ist mir zudem festgeschrieben, wie viele Auftritte ich absolvieren muss: Schulbesuche, Charity-Events, Galaabende. Das gehört alles zum Gesamtpaket NBA.

SPIEGEL: Was motiviert Sie noch?

Nowitzki: Wir frotzeln viel. In so einer Männerumkleide geht alles, da muss man seine Gefühle am Eingang abgeben. Wir machen uns gegenseitig über alles lustig, über die Schuhe des anderen, über die Frisur. So versuche ich, in die Gänge zu kommen.

SPIEGEL: Sie sprechen von Kameradschaft. Aber die NBA ist ein Milliardengeschäft. Teamkollegen verließen Dallas, weil sie woanders mehr Geld bekamen. Ihre Meistermannschaft von 2011 zerfiel, anstatt gemeinsam wieder anzugreifen.

Nowitzki: Dass es nicht nur um Basketball geht, musste ich früh lernen. Als ich nach Dallas kam, bildete ich mit Steve Nash und Michael Finley das Führungstrio. Wir dachten, wir würden unsere gesamte Karriere zusammen spielen, super Freunde sein, gemeinsam Erfolg haben. 2004 bekam Steve dann ein Angebot aus Phoenix. Ich war mir sicher, dass die Mavericks nachziehen und er in Dallas bleibt. Eines Morgens rief mich Steve dann an: Dirk, ich habe gerade in Phoenix zugesagt, die wollen mich unbedingt. Tja, dann war er weg. Für mich war das bitter. Ein Jahr später wechselte Michael Finley zu den San Antonio Spurs, das war auch ein Hammer.

SPIEGEL: Nash und Finley haben längst ihre Karrieren beendet. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Nowitzki: Wenn ich mal sagen würde: Och nö, jetzt muss ich zum Spiel, dann müsste ich aufhören. Ich habe mit Basketball angefangen, weil es mich gepackt hat. Der Spaß hat für mich immer im Vordergrund gestanden. Wenn der mal weg ist, dann ist die Zeit gekommen.

SPIEGEL: Wann wird das sein?

Nowitzki: So wie es aussieht, versuche ich nächste Saison auf jeden Fall noch zu spielen. Ich habe im letzten Sommer einen Zweijahresvertrag unterschrieben, wollte aber erst mal abwarten, wie die aktuelle Saison verläuft.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Und?

Nowitzki: Wenn die Saison so zu Ende läuft wie bisher, und der Körper spielt einigermaßen mit, wüsste ich nicht, warum ich nicht weitermachen sollte. Bislang habe ich nur ein Spiel ausgesetzt, das ist schon toll in meinem Alter. Ich gehe fest davon aus, dass ich nächste Saison noch spiele.

SPIEGEL: Kobe Bryant, der 20 Jahre lang für die Los Angeles Lakers spielte, zelebrierte seine Abschiedssaison. Tim Duncan von den San Antonio Spurs verkündete in einer kurzen Mitteilung seinen Rücktritt. Wie wollen Sie abtreten?

Nowitzki: Ich hoffe, dass ich einen Mittelweg finde. Wenn ich nächste Saison zurückkomme, dann wird das wohl mein letztes Jahr sein ...

SPIEGEL: ... was dann auch jeder wissen wird. Dann wird es eine Abschiedstournee wie bei Bryant.

Nowitzki: Nun, ich würde das Ende einfach offenlassen. Wenn es nächstes Jahr noch mal so läuft wie jetzt - wer weiß, vielleicht komme ich dann mit 41 noch mal zurück? Ich werde mich diesen Sommer hinsetzen, auf meinen Körper hören, mich mit meiner Familie beraten. Unsere Älteste wird nächstes Jahr eingeschult, und ich habe bereits so viel verpasst.

SPIEGEL: Wie stellen Sie sich die ersten Wochen als Basketballrentner vor?

Nowitzki: Ich glaube, zunächst werde ich erleichtert sein, nicht mehr diesen permanenten Druck zu haben, mich im Sommer fit halten zu müssen, etwa beim Karibikurlaub mit den Kindern: Du musst was tun, früh raus, musst einen Strandlauf machen, Krafttraining - diese Freiheit, machen zu können, was ich will, darauf freue ich mich. Ski fahren etwa, das durfte ich die letzten 20 Jahre nicht.

SPIEGEL: Was kommt danach?

Nowitzki: Wenn dieser erste Sommer vorbei ist und es eigentlich Zeit wäre, sich auf die Saison vorzubereiten, dann realisierst du wohl zum ersten Mal, dass da nichts mehr ist. Und dann wird es schwer. Ich habe mich mit einigen Leuten unterhalten, die bereits aufgehört haben. Steve Nash hat mir zum Beispiel erzählt, er sei zwei Jahre lang gestrauchelt, weil er den Sport so vermisst hat. Aber ich bin mir sicher, dass mich meine Kinder auf Trab halten werden. Bald gehen ja die ganzen Freizeitaktivitäten los, Ballett, Basketball oder Fußball, da werde ich als Papa am Start sein.

SPIEGEL: Wie sind Ihre langfristigen Pläne?

Nowitzki: Ich werde kein Autoverkäufer.

SPIEGEL: Passt auch nicht zu Ihnen.

Nowitzki: Wahrscheinlich werde ich dem Basketball erhalten bleiben. Der Sport war immer meine große Liebe, hat mir viel ermöglicht in den letzten 30 Jahren. Davon möchte ich etwas zurückgeben. Vielleicht als so was, was Holger Geschwindner mit mir gemacht hat: dass ich als Individualtrainer talentierten Kids meine Erfahrungen weitergebe.

SPIEGEL: Freuen Sie sich darauf, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen?

Nowitzki: Ich glaube, dass ich auch das vermissen werde. Ich war zwar nie jemand, der das Rampenlicht gesucht hat. Aber ich denke schon, dass man sich in all der Zeit einfach sehr daran gewöhnt hat. Einige meiner Freunde, die bereits aufgehört haben, haben mir bestätigt: Es kratzt schon am Ego, nicht mehr überall erkannt zu werden.

SPIEGEL: Damit Sie nicht vergessen werden, wollen Ihnen die Mavericks wohl eine Statue vor die Halle stellen.

Nowitzki: Das ist schon komisch. Aber auch eine Riesenehre, wenn man bedenkt, was man geleistet haben muss, um so etwas zu bekommen. Vor allem wenn man überlegt, wie es angefangen hat damals in Würzburg. Dieser lange, dünne Typ aus einer kleinen deutschen Stadt. Ist doch Wahnsinn. Jetzt sitzen wir 27 Jahre später in Dallas und sagen: Der bekommt vielleicht eine Statue hingestellt. Surreal.

SPIEGEL: Fans himmeln Sie an. Wie nehmen Sie das wahr - gilt diese Zuneigung dem Menschen Dirk Nowitzki oder einer Kunstfigur, die Sie darstellen?

Nowitzki: Im Endeffekt ist es natürlich der Basketballer Dirk Nowitzki und nicht etwa der dreifache Familienvater, der seine Kinder morgens durch die Gegend fährt. Durch die Meisterschaft 2011 wurde dieser Zuspruch noch mal auf ein ganz neues Level gehoben. Vorher hieß es: Der ist ein guter Spieler, vielleicht sogar der beste der Mavericks-Geschichte. Aber ist er wirklich derjenige, der uns die erste Meisterschaft bringen kann? Danach hieß es dann: Der Dirk hat uns etwas geliefert, das es noch nie gab in Dallas. Seitdem höre ich überall: Thanks for 2011. Ich sitze beim Essen in San Francisco, und es läuft zufällig jemand aus Dallas vorbei: Thanks for 2011. Das hat sich eingebrannt bei den Leuten.

SPIEGEL: Die Fans schätzen Ihre Loyalität zu den Mavericks. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass der ehemalige Geschäftsführer des Teams über Jahre hinweg mehrere Mitarbeiterinnen sexuell belästigt haben soll. Hat das Ihre Beziehung zum Verein beeinflusst?

Nowitzki: Ich war schockiert und frustriert, dass so etwas offenbar über einen solch langen Zeitraum stattgefunden hat - ein Schlag für alle Beteiligten. Es ist keine schöne Zeit für die Mavericks, aber für mich bedeutet Loyalität, in Höhen wie in Tiefen zusammenzustehen. Als ich vor fast 20 Jahren hierherkam, waren Fans und Verein sehr loyal mit mir, auch wenn es eigentlich keinen Grund gab, da ich zu Beginn nicht gut gespielt habe. Das will ich zurückgeben.

Nowitzki, SPIEGEL-Redakteur Neumann: "In einen Rausch gespielt"
Misty Keasler / DER SPIEGEL

Nowitzki, SPIEGEL-Redakteur Neumann: "In einen Rausch gespielt"

SPIEGEL: Sie selbst haben es meist geschafft, Ihr Privatleben aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, anders als andere deutsche Sportgrößen wie Boris Becker oder Franz Beckenbauer. Wie ist Ihnen das gelungen?

Nowitzki: Ich weiß es nicht. Vielleicht war mein Leben zu langweilig. Wenn ich mal verreist bin, war ich oft mit Holger unterwegs - wirklich aufregend ist das wohl nicht für Paparazzi, mich mit dem alten Mann in Australien beim Bergsteigen zu fotografieren.

SPIEGEL: Haben Sie Sorge, dass Ihre Kinder aufgrund Ihres Namens nicht so aufwachsen können wie Sie einst?

Nowitzki: Letztes Jahr hatte meine Frau einen Freund zu Besuch, einen Künstler, die sind ja etwas gefühliger. Der sah die Vitrine bei uns, in der ein paar Trophäen von mir ausgestellt sind, und sagte nur: Das ist aber nicht leicht für eure Kinder, so aufzuwachsen, oder? Ich habe zunächst überhaupt nicht kapiert, was er damit meinte.

SPIEGEL: Der Druck, es dem Vater gleichtun zu müssen.

Nowitzki: So habe ich das nie gesehen. Mein Vater war Handballspieler, bei uns stand auch immer sein Pokal als Würzburgs bester Sportler rum, meine Mutter hatte Trophäen aus ihrer Zeit als Basketball-Nationalspielerin. Mich hat das nie gestört. Meine Kinder sollen machen, worauf sie Lust haben.

SPIEGEL: Sie treffen diese Saison den Dreipunktewurf besser als je zuvor in Ihrer Karriere. Woran liegt das?

Nowitzki: Das überrascht mich selbst, vor allem weil es zu Saisonbeginn gar nicht gut lief. Ich habe mich schlecht bewegt, meine Beine waren schwer, da gab es einige frustrierende Abende. Im November, Dezember ging es dann aufwärts. Man muss mit Selbstvertrauen da herangehen, denn ich bin nicht mehr der Volume Shooter von früher ...

SPIEGEL: ... der sich in jedem Spiel 15 oder mehr Würfe nimmt ...

Nowitzki: ... sondern es kann sein, dass ich an einem Abend nur fünf oder sechs Versuche bekomme - da will ich natürlich das Maximale rausholen.

SPIEGEL: Sie erzielen derzeit regelmäßig neue Bestmarken, klettern in NBA-Ranglisten nach oben. In Amerika werden diese persönlichen Meilensteine groß gefeiert. Wie wichtig sind sie Ihnen?

Nowitzki: Die meisten Sachen bekomme ich gar nicht mit, manchmal kriege ich es erst nach einem Spiel gesagt, was ich erreicht habe. Die 30000 Punkte waren aber schon ein Riesending.

SPIEGEL: Ihr 30.000. Karrierepunkt, am 7. März 2017: eine Marke, die zuvor nur fünf Spieler erreicht hatten.

Nowitzki: Das werde ich nie vergessen. Dabei ging der Tag nicht gut los. Ich wusste, ich brauche 20 Punkte, um die 30.000 zu knacken. Als ich morgens zum Wurftraining kam, sah ich, dass die Mavericks bereits auf allen Sitzen T-Shirts ausgelegt hatten mit "30K". Da habe ich gesagt: Packt die Shirts wieder ein. Ich hatte die Wochen davor keinen guten Rhythmus gehabt, oft nur wenig Punkte erzielt.

SPIEGEL: Am Abend lagen die T-Shirts dennoch auf den Plätzen.

Nowitzki: Nach dem Wurftraining rief man mich an: Mach dir keinen Druck, es ist eben die "30.000er-Woche". Schaffst du es heute nicht, schaffst du es beim nächsten Mal, und die Zuschauer bringen die Shirts einfach wieder mit.

SPIEGEL: Der Druck war weg.

Nowitzki: Ich habe mich in einen Rausch gespielt, im zweiten Viertel hatte ich die 20 Punkte. Danach hat mich die Mannschaft mit einer Party überrascht, alte Weggefährten waren da, das war Wahnsinn.

SPIEGEL: 30.000 Punkte, NBA-Champion, wertvollster Spieler der Liga, Olympiateilnehmer. Gibt es etwas, das Sie in Ihrer Karriere ärgert?

Nowitzki: Jedes Ausscheiden in den Play-offs war frustrierend. So was bleibt hängen. Du kämpfst dich in die Play-offs, gewinnst über 50 Spiele in der Saison und scheiterst am Ende. 2006, als wir im Finale gegen Miami mit 2:0 vorne lagen und dann vier Spiele in Folge verloren, war vielleicht das schlimmste Aus. Mit der Nationalmannschaft wären wir fast zu Olympia 2000 nach Sydney gefahren.

SPIEGEL: Im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Russland verwarfen Sie kurz vor Schluss einen Dreier.

Nowitzki: Ich sehe die Situation noch heute vor mir. Es gibt einige Riesenenttäuschungen in meiner Karriere, ich wäre gerne in Sydney dabei gewesen, in Athen 2004, in London 2012. Aber solche Tiefen machen die Höhen umso besser. Deswegen hatte ich bei Olympia in Peking 2008 so eine unglaubliche Zeit, es hatte sich einfach aufgestaut. Wenn man zehn Jahre auf was hinarbeitet und dann die Früchte erntet, das ist schon Wahnsinn. Als unsere Qualifikation geschafft war, habe ich noch auf dem Platz angefangen zu heulen.

SPIEGEL: Sie trugen bei der Eröffnungsfeier die deutsche Fahne. War das schöner als die Meisterschaft in Dallas?

Nowitzki: Das ist so, als wenn ich mich entscheiden müsste, welches von meinen drei Kindern ich am liebsten mag. Schwer zu sagen.

SPIEGEL: Es hätte auch peinlich werden können, etwa, wenn Sie sich mit der Fahne verheddert hätten.

Nowitzki: Das ist der einzige Tipp, den sie mir damals gegeben haben: Schwing das Ding nicht so rum wie beim Karnevalsverein. Aber ich kann gar nicht sagen, warum das so toll war. Ich weiß nur noch, wie ich damals im Olympiastadion in diesem Tunnel stand, kurz bevor wir rausmarschiert sind, hinter mir über 200 deutsche Sportler. Und alle fangen an zu singen: "Dirk, wir wollen die Fahne sehen!" Wie ich mich umdrehe und die Fahne schwenke vor unserer ganzen Delegation, der Hall in dem Tunnel - da kriege ich heute noch Gänsehaut. Schade nur, dass alles so schnell vorbei war.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Nowitzki: Na ja, die Runde durch das Stadion hat vielleicht zwei Minuten gedauert, die Spiele vergingen wie im Flug. Nach Peking saß ich zu Hause in Würzburg und habe mich gefragt: Das war es schon? Da fiel ich in ein Motivationsloch. Dasselbe war nach der Meisterschaft 2011, es war fast ein bisschen deprimierend. Da hast du so lange auf ein Ziel hingearbeitet, bist endlich dort angekommen, und dann ist alles so schnell vorbei.

SPIEGEL: Ihnen bleiben viele Trophäen. Wo ist eigentlich Ihr Meisterschaftsring?

Nowitzki: Hier in Dallas. Meine Mutter wollte den haben, aber der liegt bei mir im Safe. In Würzburg steht meine Trophäe für den wichtigsten Spieler der Saison.

SPIEGEL: Herr Nowitzki, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Die Lust am Spiel, auch eine Woche später ist sie sichtbar. Nowitzki steht in schwarzem T-Shirt und blauen Sneakers im Madison Square Garden von New York, er flachst mit seinen Mitspielern. In knapp einer Stunde beginnt das Auswärtsspiel bei den Knicks, der Hallen-DJ spielt Ace of Base, Eurodance aus den Neunzigern, Retro, es passt zum blonden Schlaks in Dreiviertelhosen. Nowitzki trifft in Serie, hinter dem Korb versammeln sich Landsleute und Dallas-Fans, schwenken Deutschlandfahnen, machen Handyfotos, rufen seinen Namen. Als der Hallensprecher "Number 41 from Wörtsbörg, Germany" aufruft, jubelt die Menge, fast, als wäre der Deutsche einer der Ihren.

Das Resümee zieht er in Badelatschen, knapp drei Stunden später. "Ich werde es vermissen, hier zu spielen", sagt Nowitzki in der Gästekabine nach dem 110:97-Sieg. "Ich mag das fachkundige Publikum in New York." 13 Punkte hat er erzielt. Ob er noch einmal zurückkehren wird in den Garden, nächste Saison vielleicht? "I hope so", sagt Nowitzki den Journalisten und lächelt milde. Ein offenes Ende.

Im Video: "Gefeiert wie ein Halbgott" - SPIEGEL-Redakteur Thilo Neumann erzählt von seiner Begegnung mit Dirk Nowitzki

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