04.12.2013

stadtgesprächZombies Mottenkiste

Jonathan Meese will gern der böse Deutsche mit dem Hitler-Gruß sein.
Die große Sprachlosigkeit der Kunstkritik vor Jonathan Meese hat dessen Erfolg erst möglich gemacht - und diese Ratlosigkeit, Wurstigkeit, Prinzipien- und Kriterienlosigkeit zeigt sich mal wieder, als Meese, der Maler, der Performer, in Kassel wegen "Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen" vor Gericht steht: was leider immer der falsche Ort ist, um über Fragen der Ästhetik, der Kunst und der Moral zu entscheiden.
Die Anklage ist ein Fehler, weil der Freispruch absehbar ist und die Auseinandersetzung mit Meese auf die schiefe Ebene verlagert: Denn bei der Frage, ob Meese öffentlich die Hand zum Hitler-Gruß heben darf, geht es eben nicht um die Freiheit der Kunst - das war das Argument von Jonathan Meese und seinen Anwälten -, es geht vielmehr darum, was gute und was schlechte Kunst ist.
Was passiert also, wenn Meese den Hitler-Gruß macht? Muss man dann wirklich den Staatsanwalt rufen? Warum reicht nicht ein Kunstkritiker, der sagt, wie sinnlos und öde diese Geste ist und wie sehr sie ins Bild eines Künstlers passt, der irgendwann mal kurz die Wahrheit seiner Zeit auf seiner Seite hatte und seitdem wie ein verlorenes Kind herumirrt und verzweifelt versucht, etwas kaputtzuhauen im Gemischtwarenladen der Gegenwart, irgendwas, die Demokratie, den freien Willen, den Individualismus, die Moral, die Meinungsfreiheit.
Er will gern der böse Deutsche mit der schwarzen Adidas-Jacke sein, aber er ist nur ein Künstler in einem Kunstbetrieb, der so mit Geld vollgestopft ist, dass es auch egal ist, was jemand macht, Hauptsache, er verkauft sich gut und passt über den Kamin von FDP-Wählern und Bankvorständen. Gute Kunst verändert den Blick auf die Welt, schlechte Kunst bestätigt diesen Blick. Und das Missverständnis bei Meese lautet nun: Nur weil er immer mal wieder Hitler wie ein Zauberkaninchen aus seinem Zylinder zieht, ist er noch lange kein radikaler oder provokanter oder gefährlicher Künstler.
Meese ist der rasende Stillstand, seit er Ende der neunziger Jahre mit seinen damals noch lustigen, begehbaren, durchkriechbaren Trash-Installationen bekannt wurde. Es waren Müllkippen seiner Biografie, die er da auskippte, es waren Spielzimmer des Horrors, es waren Sandkisten für Zombies - und weil Berlin damals erst langsam zu "Berlin" wurde, weil Kunst das Schmiermittel jener Jahre war, weil alle dabei sein wollten und niemand verstehen wollte, deshalb wurde Meese ein Maskottchen, mit seiner Zottelmähne und seinem Mutterkomplex.
Sein Problem ist: Er hat sich seit damals nicht geändert. Er macht immer noch Zombie-Kunst, nur dass es nicht mehr die Figuren aus dunkel-futuristischen Filmen wie "Zardoz" sind, besudelte Schundmonster, die er zu neuem Leben erweckt - es ist seit ein paar Jahren nur mehr das hässliche, militaristische, grobe, brüllende, marschierende, eisenkreuzgeile, ichvernichtende Deutschland, dessen einer, aber nicht einziger Repräsentant der Mörder Hitler war.
Genau das sei doch der Trick, sagen nun die Apologeten von Meese, die glauben, irgendetwas an Zeitgenossenschaft oder Coolness zu beweisen, wenn sie ihr allgemeines Augenzwinkern auch auf Fragen der Auslöschung ausweiten - Meese "entsorge" die Symbolik und die Sprache des Totalitarismus, indem er zur "Diktatur der Kunst" aufrufe und seinen Hitler-Gruß mache, sagen sie, er "kidnappe" den "Führer" und zwinge ihm seine Worte auf.
Es ist genau umgekehrt. Er holt Ideen, Figuren, Gesten aus der Mottenkiste des dumpfen deutschen Denkens und bringt sie wieder zurück in den Diskurs. Denn was soll ernsthaft der aufklärerische Anspruch solcher Sätze sein: "Kunst ist Ultrarevolution. Kunst ist Totalmetabolismus, Kunst ist die Gesamtheit aller Lebensnotwendigkeiten. Kunst ist die totalste, radikalste und präziseste Gesellschaftsordnung aller Zeiten. Die Diktatur der Kunst wird alle ideologischen Herrschaftssysteme ersetzen, nur Kunst kann die Zukunft beherrschen, denn Kunst ist die Erzmacht ,ZUKUNFT'." Meese, so wirkt es manchmal, ist selbst zum Zombie geworden, begleitet von all den untoten Sätzen, Gedanken, Worten, die er gerufen hat. Er hat damit Karriere gemacht, weil der willenlose Kunstbetrieb es möglich macht: Bayreuth ist die nächste Station seines Wirkens, 2016 wird er dort den "Parsifal" inszenieren, es wird sicher einen "Skandal" geben, irgendjemand wird das Wort "Provokation" verwenden, das Publikum wird sich amüsieren über diesen herrlichen totalitären Quatsch, der nach und nach ins Gemüt und in die Gedanken sickert und ja nie ganz verschwunden ist, sonst gäbe es Meese nicht und auch Meeses Erfolg nicht.
Mit der Freiheit der Kunst hat all das nichts zu tun. Die lehnt der Freiheitsverächter, Rechtsverächter, Demokratieverächter Meese ja ab - wenn er sich nicht gerade vor Gericht darauf beruft.
Von Georg Diez

SPIEGEL Chronik 1/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


SPIEGEL Chronik 1/2013
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 01:02

Panoramavideo aus Kalifornien Was vom Feuer übrig blieb

  • Video "Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten" Video 01:13
    Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten
  • Video "Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen" Video 12:36
    Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen
  • Video "Phantasy-Epos Phantastische Tierwesen 2: Wer stoppt Grindelwald?" Video 01:47
    Phantasy-Epos "Phantastische Tierwesen 2": Wer stoppt Grindelwald?
  • Video "Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere Halos" Video 00:43
    Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere "Halos"
  • Video "Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt" Video 00:54
    Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt
  • Video "Video aus Portugal: Notlandung nach Kontrollverlust" Video 00:55
    Video aus Portugal: Notlandung nach Kontrollverlust
  • Video "Videoaufnahmen: Polizeikontrolle vor Shisha-Bar eskaliert" Video 01:54
    Videoaufnahmen: Polizeikontrolle vor Shisha-Bar eskaliert
  • Video "Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft" Video 02:27
    Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft
  • Video "Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer" Video 01:24
    Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer
  • Video "Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen" Video 13:47
    Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen
  • Video "Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung" Video 01:47
    Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung
  • Video "Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten" Video 00:41
    Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten
  • Video "Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken" Video 01:11
    Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken
  • Video "Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-Aliens" Video 00:38
    Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-"Aliens"
  • Video "Phänomen Trumpy Bear: Commander in Plüsch" Video 01:11
    Phänomen "Trumpy Bear": Commander in Plüsch
  • Video "Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb" Video 01:02
    Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb