04.12.2013

Griechenland„Es ist Zeit, Angst zu haben“

Der Mord an einem linken Musiker verändert das Land. Nun geht die Regierung gegen Rechtsradikale und Neonazis vor, die es bis ins Parlament geschafft haben.
Konstantinos Georgousis, ein studierter Anthropologe, will als Abschlussarbeit für die Londoner Film- und Fernsehschule eigentlich "keinen richtig politischen Film machen", sondern "nur die dunkle Seite des Menschen beobachten". Heraus kommt aber ein politischer Film mit dunklen Seiten, ein erschreckendes Dokument über die rechtsradikale Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) und ihre Anhänger.
Sechs Wochen lang begleitet der 33-jährige Jungfilmer Kandidaten und Unterstützer und nimmt auf, was sie so sagen. Zum Beispiel fragt ein kleiner Junge vor laufender Kamera seinen Vater, einen Kandidaten der Rechten, ob er seinen Freund zum Spielen mit nach oben in die Wohnung nehmen dürfe.
Ist er Grieche?, fragt der Vater.
Bist du Grieche?, fragt der Kleine seinen Freund.
Ich bin Albaner, antwortet der Junge.
Dann such dir einen anderen zum Spielen, sagt der Vater.
Nächste Szene. Gemeinsam mit Gesinnungsfreunden sitzt der Vater vor einem Café in der Sonne. Die Stimmung ist gut, sie reden über Ausländer in Athen, die Kamera läuft. "Wir sind bereit, die Öfen zu öffnen", sagt einer und grinst. "Wir machen Lampen aus ihrer Haut", ergänzt ein anderer: "Es ist Zeit, Angst zu haben."
Die Dialoge stammen aus dem Sommer 2012, es ist Wahlkampf. Georgousis darf die Rechtsextremisten begleiten und ungeschützt ihre O-Töne mitdrehen. So entsteht eines der ganz seltenen Originaldokumente über die Neonazis. "Ich musste gar nicht investigativ vorgehen, ich musste mich nur zusammennehmen, um mich total passiv zu verhalten", erzählt Georgousis. "Ich ahnte, dass so was passieren könnte, aber das habe ich mir nicht vorgestellt."
Im Oktober 2013 hat seine Abschlussarbeit in Athen Premiere. Wer sie sieht, fragt sich, wie die Griechen nicht voraussehen konnten, was passieren würde.
Bei der Wahl im Juni 2012 kam die Morgenröte im Sog der Finanzkrise auf 6,92 Prozent und zog überraschend mit 18 Abgeordneten ins Parlament ein. Vier Jahre zuvor dümpelte sie bei 0,5 Prozent, jetzt ist sie politisch salonfähig. Kaum jemand möchte sich daran erinnern, womit Parteichef Nikos Michaloliakos bereits 2005, wie "Le Monde Diplomatique" schrieb, gedroht hatte: "Wenn wir einmal stark sind, werden wir keine Gnade zeigen. Dann wird es nicht mehr demokratisch zugehen."
Wie ernst die Ankündigungen zu nehmen sind, zeigt sich seit dem Aufgehen der Morgenröte im Parlament. Rassistische Hasstiraden gegen Ausländer sind der Anfang. Darauf folgen Überfälle auf Flüchtlinge und Schwule, Gewalt gegen Geschäfte und Marktstände ausländischer Betreiber, Drohungen gegen Ladenbesitzer, Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser. Sogenannte Sturmtruppen, wie sie sich in Anlehnung an die SA der Nationalsozialisten nennen, versuchen, mit Einschüchterung und Gewalt einzelne Athener Stadtviertel von Ausländern zu "säubern", ihre Aktionen finden Nachahmer in vielen anderen Städten. Oftmals werden die Taten von Abgeordneten der Morgenröte angeführt.
Die renommierte Tageszeitung "Ta Nea" fühlt sich an "Weimarer Verhältnisse" erinnert. Die Athener Politikprofessorin Vassiliki Georgiadou, die mit Kollegen seit Jahren die Goldene Morgenröte erforscht, warnt davor, dass die Rechten "offen Hitler und den Nationalsozialismus verehren" und "mit Gewalt die parlamentarische Demokratie bekämpfen".
Die Gewalt gegen Sachen steigert sich systematisch zur Gewalt gegen Menschen. In einer TV-Talkshow ohrfeigt Parteisprecher Ilias Kasidiaris, ein ehemaliger Elitesoldat, eine Kommunistin. Bei Angriffen auf der Straße werden Hunderte Ausländer zum Teil schwer verletzt, mindestens vier Tote gingen seit 2012 auf das Konto der Neonazis, heißt es in einem Bericht der unabhängigen Ombudsstelle an das Parlament. 19 internationale Hilfsorganisationen, die in Griechenland tätig sind, protestieren gegen die zunehmende Gewaltwelle, der Europarat mischt sich ein, ohne Erfolg.
Bis zum 18. September. In den frühen Morgenstunden dieses Mittwochs wird ein junger Grieche, ein bekannter Musiker, von einem Mitglied der Chrysi Avgi mit Messerstichen getötet.
Es ist kurz nach Mitternacht, als Pavlos Fyssas mit drei Freunden ein Café im Stadtteil Amfiali in Piräus verlässt. Der Sänger ist unter seinem Künstlernamen "Killah P" ein heimlicher Star der heimatlichen HipHop-Szene, er ist linker Polit-Aktivist und ruft öffentlich zum Widerstand gegen die neuen Nazis auf.
Vor dem Café werden die vier Linken von zehn schwarzgekleideten Gestalten mit militärischem Aussehen erwartet, das ergeben die Ermittlungen. Der Musiker und seine Freunde können zunächst fliehen, bis ihnen ein Auto den Weg versperrt. Der Fahrer zieht ein Messer und sticht Fyssas mehrmals in die Brust.
Bevor der junge Sänger im Krankenhaus stirbt, kann er den Täter noch namentlich identifizieren. Er heißt Giorgos Roupakis und gesteht die Tat gegenüber der Polizei. Er offenbart sich als Mitglied der Goldenen Morgenröte, seine Frau versucht, vor der drohenden Hausdurchsuchung noch schnell belastendes Nazi-Propagandamaterial und Parteipapiere zu beseitigen.
Zehntausende demonstrieren in den folgenden Tagen überall im Land gegen die Rechtsextremen und fordern, "dem Faschismus den Weg zu versperren", wie es Staatspräsident Karolos Papoulias formuliert. Endlich reagiert also auch die Politik. Monatelang hatte sich die Regierung nicht einmal auf einen Entwurf des eigenen Justizministers verständigen können, der Rassismus und rassistisch motivierte Gewalttaten unter scharfe Strafe stellen wollte.
Jetzt geht alles sehr schnell, auch mit dem Gesetz. Premierminister Antonis Samaras kündigt an, seine Regierung werde die "Nachfahren der Nazis" daran hindern, "die griechische Gesellschaft zu vergiften". Die staatlichen Sicherheitsbehörden gehen massiv gegen die Köpfe der Nazis vor. "Es brauchte wohl erst einen toten Griechen, um uns aufzuwecken", sagt Dimitris Psarras, der Autor des "Schwarzbuchs der Goldenen Morgenröte".
Zum ersten Mal seit der Militärjunta, die in Athen bis 1974 herrschte, wird ein Parteichef verhaftet: Parteigründer Michaloliakos, den seine Mitglieder gern "Führer" rufen, wird Ende September medienwirksam in Handschellen abgeführt. Auch der Abgeordnete Jannis Lagos, ein Scharfmacher, wird festgesetzt, Parteivize Christos Pappas flüchtet erst und stellt sich dann doch. Weitere Abgeordnete werden kurzzeitig festgenommen, gegen mehr als die Hälfte der Fraktionsmitglieder ermittelt die Justiz, ihre parlamentarische Immunität wird aufgehoben.
Der Geheimdienst stellt den Ermittlern abgehörte Telefonate zur Verfügung, die so etwas wie eine Befehlskette belegen sollen. Der Täter ruft nach dem Messerangriff seinen Chef der örtlichen Morgenröte an, der informiert den Abgeordneten Lagos und der wiederum seinen "Führer", so lassen die Behörden verlauten.
Die Ankläger ermitteln wegen "Bildung einer kriminellen Vereinigung" und werfen führenden Köpfen der Morgenröte neben rassistischen Gewaltdelikten auch Schutzgelderpressung und Geldwäsche vor. Die Partei weist offiziell alle Vorwürfe von sich.
Vor allem aber bewahrheitet sich, was Kritiker und Opfer schon seit langem behauptet haben: eine enge Kollaboration der Rechtsradikalen mit Polizeiführern und staatlichen Dienststellen. Leitende Polizeioffiziere, unter anderem in der Spezialeinheit zur Extremistenbekämpfung, müssen ihren Dienst quittieren oder werden suspendiert. Etliche Polizeibeamte werden versetzt und angeklagt. Dutzende Polizisten sollen nach dem Bericht der Ombudsstelle sogar direkt in rassistische Gewalttaten verwickelt gewesen sein.
Auch die rechtskonservative Partei von Premier Samaras sieht sich massiven Vorwürfen ausgesetzt. "Die Regierung versteckte sich lange hinter dem Mythos der zwei Extreme - Rechte wie Linke seien gleich gefährlich", begründet Autor Psarras die zögerliche Haltung. "Dadurch fühlten sich die Neonazis sicher, sie wurden immer stärker, die Gewalt eskalierte."
Die Vorsicht der Regierung beruht auch auf zu großer Nähe zu den Extremisten, das erweist sich jetzt. "Ich beschimpfe keine Patrioten, ich beschimpfe keine Nationalisten, ich bewahre meine Munition für den wahren Gegner auf", postet ausgerechnet Failos Kranidiotis, ein enger Berater von Premier Samaras, in sozialen Netzwerken. Er und der zweite enge Vertraute des Regierungschefs, Chrysanthos Lazaridis, zählen zu den Initiatoren von "Netz 21", einem einflussreichen nationalistischen Netzwerk, das über Parteigrenzen hinweg Gleichgesinnte vereint.
Viel zu lange hat die Regierung die Drohungen der Rechten, deren Führer Hitler als "eine historische Persönlichkeit" huldigten und Auschwitz als "eine Lüge" diffamierten, nicht richtig ernst genommen.
Mit seiner Filmdokumentation "The Cleaners" hat Georgousis enormen Erfolg. Damit eröffnet am 1. Oktober in Athen das CineDoc-Festival, beim Filmfest in Sarajevo bekommt er einen Sonderpreis, und auch beim Filmfestival in Amsterdam erregt er Aufsehen. Die Stärke der Doku liegt darin, dass sich der Autor jedes Kommentars enthält.
Er lässt die Morgenröte reden. Ihre Mitglieder sagen, was sie denken. Und sie tun, was sie angedroht haben.
Von Manfred Ertel

SPIEGEL Chronik 1/2013
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