09.12.2015

Heldin des Alltags – Swetlana AlexijewitschDie Erzählerin Russlands

Swetlana Alexijewitsch ist müde, als sie am 10. Oktober, zwei Tage nach der Ankündigung, sie werde den Nobelpreis für Literatur bekommen, in Berlin eintrifft. Sie ist oft müde, weil sie bei der Arbeit an ihren Büchern nie Rücksicht auf ihre Gesundheit genommen hat, sie hat in Tschernobyl recherchiert und in Kriegsgebieten. Das merkt sie nun. "Ich bin sehr glücklich", sagt sie ihrem deutschen Verleger, als er sie nach dem Nobelpreis fragt. "Und überwältigt von einem Ansturm komplexer Gefühle. Freude natürlich. Aber auch Beunruhigung. Die gewaltigen Schatten von Iwan Bunin, Boris Pasternak und Alexander Solschenizyn sind erwacht."
Bunin, Pasternak, Solschenizyn. Die drei russischen Romanciers, die vor Alexijewitsch den Nobelpreis bekommen haben. Alle geprägt von den politischen Wirren ihrer Zeit, wie Alexijewitsch. Und verwurzelt in der großen russischen Erzähltradition. Alexijewitsch, Jahrgang 1948, schreibt anders. Bevor sie sich an ein Buch setzt, spricht sie mit Hunderten Menschen, nimmt deren Stimmen auf, protokolliert, was sie sagen. Daraus komponiert sie dann ihre vielstimmigen Doku-Romane. Sie haben die Macht großer Chorwerke.
Eine "Chronik der roten Seele" hat sie ihr Werk selbst einmal genannt, eine Geschichte des sowjetischen Menschen. Sie ist ihm durch den Zweiten Weltkrieg gefolgt, in zwei Büchern, in denen es um die Geschichten der kämpfenden Frauen der Roten Armee geht und um die der Kinder im Krieg. "Zinkjungen", das Afghanistan-Buch, lässt Soldaten und ihre Mütter vom Morden und Sterben in einem sinnlosen Krieg erzählen. Und schließlich Tschernobyl. Alexijewitsch war bei den Aufräumarbeiten an der Reaktorruine und hat dort die Männer und Frauen aufgesucht, die sich in einem Akt des späten sowjetischen Heldentums verstrahlen ließen – die meisten waren bald darauf tot. Manchmal taucht ein Protagonist nur für ein paar Sätze auf. Manchmal bleibt er für ein paar Seiten.
Wahrscheinlich ist sie deshalb für den weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko wie für Wladimir Putin so unangenehm. Für Putin ist das Ende der Sowjetunion die "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts". Er hat seine Politik darauf ausgelegt, die Schmach dieses Auseinanderbrechens vergessen zu machen. Russland soll wieder eine Weltmacht sein. Deshalb muss alles dem Begriff der "Größe" untergeordnet werden. Das Zarenreich war groß, die Sowjetunion war groß, und heute ist Russland groß. Aber diese Größe ist ohne Lügen nicht zu haben.
Gegen diese Lügen stehen die Bücher von Alexijewitsch. Weil es ihr um die ganze Erfahrung des sowjetischen Menschen geht. In "Secondhand-Zeit", ihrem letzten Buch, gibt sie den Dissidenten der Tauwetterzeit und deren Ängsten genauso Platz wie dem Geheimdienstschlächter, der Zehntausende Menschen ermordet hat; dem Mädchen, das in der sibirischen Verbannung aufwächst und in einem Kinderheim zur Kommunistin erzogen wird, wie seiner Mutter, die im Gulag gefangen ist; dem linientreuen Kommunisten, der in den Dreißigern beinahe einer Säuberung zum Opfer gefallen wäre, im Krieg gegen die Deutschen kämpft, ausgezeichnet wird und vor Glück weint, als die Partei ihn wieder aufnimmt – obwohl der Geheimdienst seine Frau ermordet hat.
Swetlana Alexijewitsch arbeitet langsam. Für jedes Buch hat sie Jahre gebraucht. "Der längere Abschnitt meines Wegs liegt hinter mir, doch viel Arbeit und neue Gabelungen warten noch auf mich. Nun kann ich mich nicht ausruhen." Sie sitzt an einem Buch über das Altern und einem über die Liebe. Bislang konnte sie das im Schatten der Literaturgeschichte und der großen Wahrnehmung machen. Das ist nun vorbei. Sie ist die Erzählerin Russlands geworden.
Von Tobias Rapp

SPIEGEL Chronik 1/2015
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