07.12.2016

NachrufSchüler und Lehrer

Guido Westerwelle und Hans-Dietrich Genscher haben die FDP und das Land geprägt. Von Ralf Neukirch
Politik und Leben waren bei beiden nicht voneinander zu trennen. "Ich nehme das so, wie es ist. Ich beklage mich nicht, sondern erfreue mich jeden Tag aufs Neue, es bis hierher gebracht zu haben", sagte Hans-Dietrich Genscher im August 2015, wenige Monate vor seinem Tod. Guido Westerwelle drückte es, vom Krebs gezeichnet, in einem SPIEGEL-Gespräch einige Wochen später ähnlich aus: "Ich habe viel erlebt, vieles gesehen und habe nichts versäumt."
Genscher und Westerwelle waren die zwei Politiker, die das Bild der FDP über Jahrzehnte am stärksten geprägt haben. Der eine in der Regierung, als ewiger Außenminister, von dem es hieß, er sei sich auf seinen unzähligen Reisen gelegentlich selbst begegnet. Der andere vor allem als Oppositionsführer, der die Partei zum größten Wahlsieg ihrer Geschichte führte, um dann ihren größten Absturz miterleben zu müssen. Guido Westerwelle erlag am 18. März im Alter von 54 Jahren seinem Krebsleiden. Hans-Dietrich Genscher starb am 31. März, er wurde 89 Jahre alt.
Es ist naheliegend, die beiden vor allem als gegensätzliche Temperamente zu beschreiben: auf der einen Seite Genscher, der zu seiner aktiven Zeit beliebteste deutsche Politiker, der dienstälteste Außenminister der westlichen Welt, ein ruhiger, besonnener, verlässlicher Mann. Auf der anderen Seite der Polarisierer Westerwelle, ein bissiger Oppositionsführer, immer einen Tick zu laut, aggressiv, selbstgerecht, der bei der Bundestagswahl 2009 vom eigenen Erfolg überrollt wurde und das Regieren erst lernte, als es schon zu spät war. Diese Beschreibung ist nicht falsch, aber unvollständig.
Die beiden waren sich, bei allen Unterschieden im Temperament, in vielem sehr ähnlich: in ihrer Leidenschaft für die Politik, in ihrem Verständnis von Liberalismus, in ihrem Blick auf die Rolle Deutschlands in der Welt. Ihr unterschiedlicher Stil verdeckte, dass Genscher und Westerwelle in den grundsätzlichen Fragen einen gemeinsamen Weg gingen.
Westerwelle war noch ein Kind, als Genscher 1969 zunächst Innenminister der sozialliberalen Koalition wurde, die der Bundesrepublik einen Modernisierungsschub bescherte. Seine große Zeit begann, als er 1974 das Auswärtige Amt übernahm. Er galt als gerissener Taktiker, aber er war mehr als das. "Er war auch Visionär, und er konnte politisch um die Ecke sehen, er ahnte das Kommende, und er sah, was anderen noch lange verschlossen blieb", schrieb der Politologe Christian Hacke.
Genscher war der Entspannungspolitiker par excellence. Die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die den Rahmen für ein ständiges Gespräch zwischen der Sowjetunion und ihren europäischen Nachbarn schuf, beförderte er nach Kräften. Er setzte auf den Moskauer Parteichef Michail Gorbatschow, als Bundeskanzler Helmut Kohl diesen noch mit dem NS-Propagandaminister Joseph Goebbels verglich.
Genschers beharrliche Diplomatie trug wesentlich zur friedlichen Vereinigung Deutschlands bei. Der emotionale Höhepunkt seiner politischen Laufbahn war eine Rede auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag im September 1989. Vor den wartenden DDR-Flüchtlingen sagte er: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." Der Rest des Satzes ging im Jubel der Flüchtlinge unter.
Genscher wusste, dass politisch nichts Größeres mehr für ihn kommen würde. 1992 trat er vom Amt des Außenministers zurück. Er schaffte, was nur wenigen Politikern vergönnt ist: einen freiwilligen Rückzug auf dem Höhepunkt seines Ansehens.
Es war eine der Leistungen, für die Westerwelle Genscher bewunderte. Er sprach oft davon, dass er ebenso selbstbestimmt aus der Politik ausscheiden wolle. Für Westerwelle war Genscher der Fixpunkt des politischen Denkens. Er wollte als FDP-Vorsitzender so groß werden wie dieser. Wenn möglich noch größer.
Er kam diesem Ziel näher, als es ihm die meisten zugetraut hätten. Zwei Jahre nach Genschers Rückzug stieg Westerwelle zum Generalsekretär der FDP auf. 2001 stürzte er den glücklosen Parteichef Wolfgang Gerhardt und ließ sich zum FDP-Vorsitzenden wählen – eine Position, die Genscher über zehn Jahre lang innegehabt hatte. Westerwelle kam nahezu auf die gleiche Zeit.
Der Beginn seiner Amtszeit wurde von einem Fehler überschattet, der ihn zeitlebens verfolgte. Westerwelle wollte Politik als Unterhaltung inszenieren. Er erklärte die FDP zur Spaßpartei, in Talkshows trat er mit einer gelben 18 auf den Schuhsohlen auf.
Der Spaß war vorbei, als Westerwelle, mitgerissen vom nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden Jürgen Möllemann, mit einem Populismus der Mitte liebäugelte, der auch vor antisemitischen Untertönen nicht zurückschreckt. Westerwelle träumte von einer Protestpartei nach dem Vorbild des niederländischen Rechtsliberalen Pim Fortuyn. Es war Genscher, der ihn schließlich zur Räson brachte. Der junge FDP-Chef distanzierte sich von Möllemann, der aus der Partei austrat und später bei einem Fallschirmsprung starb.
Das Image des Spaßpolitikers hing Westerwelle noch nach, als er die FDP bei der Bundestagswahl 2009 zurück in die Regierung führte – mit 14,6 Prozent der Stimmen. Ein solches Ergebnis hatte Genscher nie erreicht. Es war ein großer Triumph, der Moment, als Westerwelle endgültig aus dem Schatten Genschers treten wollte. Dass ihm dies nicht gelang, dazu hat Genscher unwillentlich beigetragen. Er überzeugte Westerwelle davon, in der neuen Regierung Außenminister zu werden. Hatte er nicht selbst die besten Erfahrungen damit gemacht?
Das Auswärtige Amt entsprach weder Westerwelles Temperament, noch passte es zum neuen Profil der FDP. Das Finanzministerium wäre die bessere Wahl gewesen. Doch Westerwelle folgte Genschers Rat, auch weil er sich danach sehnte, von den Deutschen nicht nur respektiert, sondern wie Genscher geliebt zu werden.
Er scheiterte, weil er sein zentrales Wahlversprechen, die Steuern radikal zu senken, nicht durchsetzen konnte. Außerdem nahm er sein neues Amt nicht ernst. Selten habe "ein deutscher Berufspolitiker seine eigenen Erfolge so schnell durch Ignoranz und Fehler" verspielt wie Westerwelle, schrieb die "Frankfurter Allgemeine". Nach einer Serie von Niederlagen bei Landtagswahlen musste er 2011 den Parteivorsitz niederlegen. Erst danach gewann Westerwelle einige Statur als Minister. Seine "Kultur der militärischen Zurückhaltung" war ausdrücklich als Fortsetzung der Außenpolitik Genschers konzipiert. Westerwelle verwehrte den Verbündeten Hilfe beim Einsatz in Libyen. Er weigerte sich, Deutschland an der Vernichtung syrischer Chemiewaffen zu beteiligen. Doch was bei Genscher noch als kluge Zurückhaltung galt, wirkte nun wie die Flucht aus der Verantwortung.
Genscher war ein Mann, den die Deutschen als Politiker liebten. Er müsse sich dauernd neue gelbe Pullover besorgen, weil die als Andenken so begehrt seien, erzählte Genscher einmal. Über den Privatmann wussten die Bürger wenig. Die fragwürdigen Beziehungen, die er nach seiner Amtszeit zu Autokraten wie dem weißrussischen Präsidenten Lukaschenko pflegte, interessierten sie nicht. Er war in ihren Augen der ewige Außenminister.
Westerwelle hat sich nach dieser Form der Zuneigung gesehnt. Es gehört zur Tragik seines Lebens, dass sich die Deutschen ihm erst nahe fühlten, als er schon sterbenskrank war. Die offene und unerschrockene Art, wie er mit seinem Krebsleiden umging, bewegte die Leute. Sie sahen auf einmal hinter dem Politiker den Menschen. Die Abneigung, die viele ihm entgegengebracht hatten, verwandelte sich in Respekt.
Mit dem Tod von Genscher und Westerwelle findet nicht nur eine Epoche des Liberalismus in Deutschland ihren Abschluss. Beide Politiker haben ihre Partei und das Land im Guten und manchmal auch im Schlechten geprägt. Mit ihnen geht ein Stück westdeutscher Geschichte zu Ende.
Von Ralf Neukirch

SPIEGEL Chronik 1/2016
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