07.12.2016

StadtgesprächBreaking Beck

Volker Beck, Bundestagsabgeordneter der Grünen, wird mit der Droge Crystal Meth erwischt. Von Tobias Rapp
Das vorläufige Ende der politischen Karriere des Grünen-Politikers Volker Beck wiegt 0,6 Gramm. Offiziell wird es nie bekannt gegeben, aber es ist wahrscheinlich eine kleine Tüte Methamphetamin-Hydrochlorid, die Beck aus der Tasche fällt, als die Berliner Polizei ihn am 1. März gegen 23 Uhr kontrolliert – Beck kommt aus der Wohnung eines Dealers, die die Polizei überwacht. Nachbarn hatten die Polizei auf die Wohnung hingewiesen. 0,6 Gramm klingt nicht nach sonderlich viel. Wenn man es durch die Nase snieft, reicht es für fünf oder sechs Linien. Allerdings ist Crystal Meth, unter diesem Namen ist es bekannter, eine starke Droge.
Beck, 55, tut das, was ein Politiker unter solchen Umständen machen muss, aber nicht mehr. Er gibt seine politischen Ämter auf, nicht jedoch sein Abgeordnetenmandat im Deutschen Bundestag; er bittet um Entschuldigung. Sein Verhalten sei "dumm" gewesen, sagt er. Was genau er damit meint, sagt er nicht. Zu einem Dealer zu gehen? Sich erwischen zu lassen? Für ein paar Lines die Karriere zu riskieren? Das Vertrauen zu verraten, das viele Wähler in einen der glaubwürdigsten und fähigsten Politiker der Grünen haben? Die Staatsanwaltschaft stellt die Ermittlungen schließlich gegen Zahlung einer Geldauflage von 7000 Euro ein. Beck schweigt und taucht für eine Weile aus der Öffentlichkeit ab.
Methamphetamin hat eine lange Geschichte. 1893 wurde die psychoaktive Flüssigkeit in Japan zum ersten Mal synthetisiert, 1919 kristallisierte ein japanischer Pharmakologe den Feststoff, der heute als Crystal Meth bekannt ist. Die Berliner Temmler-Werke brachten es 1938 unter dem Namen Pervitin in Deutschland als Arzneimittel auf den Markt.
Es gab sogar mit dem Stoff angereicherte Pralinen, genannt "Hausfrauenschokolade". Als der Zweite Weltkrieg begann, bestellte die Wehrmacht Millionen Pillen, insbesondere für Piloten, Fallschirmjäger und Panzerfahrer: Sie gelten als Wachmacher, Angstdämpfer und sollen gut für die Konzentration sein. Wegen möglicher starker Nebenwirkungen wurde das Medikament 1941 verschreibungspflichtig. Adolf Hitler soll Pervitin von seinem Leibarzt verordnet bekommen haben.
Man kann sich Crystal Meth vorstellen wie den berühmten Zaubertrank aus den Asterix-Heften. Für dessen Wirkung hatte sich der Zeichner Albert Uderzo ja ein treffendes Bild einfallen lassen: Wenn Asterix die ersten Schlucke aus seiner Feldflasche nimmt, springt er in die Höhe, Lichtblitze umzucken seinen Kopf, und er bewegt seine Füße, als wären sie Flügel, als würde er gleich abheben. So wirke die erste Linie Crystal Meth, erzählen Konsumenten. Man verliert jede Angst, die Welt beschleunigt sich, die Nackenhaare stellen sich hoch, so gut fühlt es sich an, ihr dabei auf den Fersen zu bleiben. Gedanken jagen durch den Kopf, man glaubt, so klar zu sehen wie nie zuvor.
Die Dealer verkaufen dieses Wunderzeug in Form kleiner Kristalle, die man klein hacken muss, bevor man sie snieft oder raucht. Hergestellt werden sie meist in Tschechien, auch in deutschen Städten gibt es kleine Labore. In der Nähe der Grenze ist es günstig, dort bekommt man das Gramm schon für 40 Euro. In Berlin kann es über 100 Euro kosten.
Crystal Meth hat Nebenwirkungen. Eher geringe schon während des Rauschs, wie Herzrasen oder sinnloses Kiefermalen, mit dem man einen Teil der Energie loswird, die durch den Körper fließt. Man wird fahrig, fängt tausend Dinge an und bringt nichts zu Ende. Das dicke Ende kommt, wenn die Wirkung nachlässt. Für die Euphorie bezahlt man mit Erschöpfung und manchmal mit Depressionen. Der Schlafentzug kann zu Halluzinationen und Psychosen führen. Wer es länger nimmt, zehrt seinen Körper aus, es kann zu Schäden an Herz, Lunge, Leber und Nieren führen.
Die gruseligen Bilder von den zerstörten Gesichtern Crystal-Meth-Abhängiger sind trotzdem nicht repräsentativ. Viele Konsumenten dürften eher dem typischen Besucher eines Technoclubs ähneln: jung, oft männlich und auf der Suche nach jenem besonderen Kick, der mit dem, was die Hippies einst "Drogenexperiment" nannten, nichts mehr zu tun hat. Wer Crystal nimmt, möchte nichts über sich erfahren. Er möchte das Wochenende so weit verlängern, wie es geht. Nicht ins Bett gehen, nicht nach Hause gehen, keine Ruhe geben. Für eine Weile kann man sich durch diese Droge wie ein Superheld fühlen – auch sexuell. Vor allem in der Schwulenszene ist sie auch als Sexdroge beliebt.
Was Volker Beck mit dem Tütchen vorhatte, ist nie geklärt worden. Ob er es zu einer Party mitnehmen wollte oder ob der Aktenberg zu hoch geworden war – niedrig dosiert, kann Methamphetamin die Arbeitsfähigkeit erhöhen. Beck hat sich nie zu seinem Verhältnis zu Crystal Meth geäußert: ob er es nimmt, ob er ein Drogenproblem hat, was er von Methamphetamin hält.
Nur eins ist klar: Crystal Meth, bis jetzt vor allem als die Substanz bekannt, die der Chemielehrer Walter White in der preisgekrönten amerikanischen Fernsehserie "Breaking Bad" kocht, um seine Krebsbehandlung bezahlen zu können, ist auch in Deutschland angekommen. In der Mitte der Gesellschaft.
Von Tobias Rapp

SPIEGEL Chronik 1/2016
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