07.12.2016

NachrufFür immer Sohn

Er war einer der größten Schauspieler, die Deutschland hatte, doch Götz George haderte zeitlebens mit seinem Vaterland. Von Alexander Kühn
So ist das leider in komplizierten Beziehungen: Man kann nicht miteinander, auch nicht ohne den anderen, am Ende hilft oft nur Distanz. Götz George und die Deutschen, das war ein schwieriges, zeitweise so verkorkstes Verhältnis, dass sich George in den Neunzigerjahren zusehends nach Sardinien verzog. Ein Haus hoch überm Meer, ein sardischer Alm-Öhi. George mähte Gras, beschnitt Bäume, tauchte, wanderte und kehrte nur zum Arbeiten in die Heimat zurück.
Meldete sich ein Sender oder eine Zeitschrift mit der Idee, ihm bei einer Gala einen Preis zu überreichen, lehnte er zunächst ab – um sich unter der Bedingung, er dürfe den Laudator auswählen, doch eine Zusage abzuringen, verbunden mit der Ankündigung, nach erfolgter Ehrung sofort wieder zu verschwinden. Am Ende war es häufig so, dass er mit dem Feiern nicht mehr aufhören wollte, gerührt von dem Wohlwollen, das ihm entgegenschlug.
War es Liebe? Geschätzt haben die Deutschen ihn, vermutlich auch verehrt. Wirklich verstanden haben sie George nie. Er wiederum beklagte, sie gingen anders als Franzosen oder Italiener nicht pfleglich mit ihren großen Schauspielern um. Zur Niederlage wurde für ihn ein Auftritt bei "Wetten, dass ..?", wo er den Moderator Thomas Gottschalk anranzte, dessen flache Fragen er nicht ertrug – und ausgepfiffen wurde. Noch mehr hatte ihn aber die Demütigung durch eine Exfreundin verletzt, die im "Stern" über ihn ausgepackt hatte.
Geliebt haben die Deutschen schon eher Horst Schimanski, von Biedermännern abgesehen, die sich empörten, wenn George als "Tatort"-Kommissar mal wieder "Scheiße" sagte. Feuilletonisten sahen in dem Schmuddelbullen die einzig wahre Opposition zu Helmut Kohl, Leute auf der Straße sprachen George ganz selbstverständlich mit dem Namen seiner berühmtesten Rolle an, auch so ein Missverständnis. Der Kumpel aller Deutschen wollte er nie sein. Dabei war George kein Menschenfeind. "Verklemmt" nannte er sich selbst. "Meine Triebfeder ist Angst."
George bellte, maulte, haspelte sich durch seine Filme. Ihm zum ersten Mal gegenüberzustehen irritierte. Nicht, weil er kleiner war, als der Bildschirm suggerierte; das ist häufig so bei Filmgiganten, auch Sylvester Stallone wirkt verglichen mit Rocky wie ein Wicht. Paradox war vielmehr, dass dieser Mann, so durchtrainiert er war, etwas Zerbrechliches an sich hatte. Ein Bär mit dünnem Fell. Es war im Sommer 2013, George empfing in einem Hotelzimmer in Köln, die Stimme leise, sein Blick sagte: Seien Sie nicht grob. Er trug ein rosafarbenes Hemd, eine Brille und anstatt des gewohnten Vollbarts wieder Schnauzer wie früher. George wirkte onkelhaft, auch durch das, was er sagte. Er schimpfte über Leute, die auf ihr Smartphone starren, und vertrat die These, heutige Künstler reichten an jene früherer Zeiten nicht heran, gleich ob Schauspieler oder Maler. Der ewige Unverstandene verstand die Welt nicht mehr.
Es ging um viel an jenem Tag, um den Mann, den er am meisten verehrte: seinen Vater. Heinrich George war einer der größten Stars der Nazizeit und fürs Regime einer der dienlichsten. Er wirkte in Propagandafilmen mit und ließ sich von Joseph Goebbels als Intendant des Berliner Schiller-Theaters einsetzen. Nach dem Krieg sperrten ihn die Russen ins ehemalige KZ Sachsenhausen, wo der einst stattliche Mann 1946 entkräftet starb. Ein Menschenleben später war nun ein Film über ihn entstanden, Götz George spielte Heinrich, am Drehbuch hatte er entscheidend mitgewirkt. Er saß vor einem als Sohn und als Verteidiger seines Vaters: "Der musste mitschwimmen, um nicht unterzugehen. Wenn ein Mensch mit 52 Jahren sterben muss, dann hat er bezahlt." Einwände ließ er nicht gelten.
Kein Wunder, dass "George" zu einer Liebeserklärung geraten war. Neben den gespielten zeigte der Film auch dokumentarische Szenen, in denen der Sohn seinem Vater nachspürt. Während der Dreharbeiten habe er vor Erschöpfung gezittert, erzählte George, und am Ende kaum noch geschlafen. Als er in Sachsenhausen stand, in der Pathologie, wo Heinrich Georges Leichnam gelegen hatte, sei ihm "kotzübel" gewesen. "Warum muss ein Mensch von dieser Statur in einem weiß gekachelten, widerwärtigen, abstoßenden Raum umkommen?"
Einen Film über den Vater zu drehen, diese Idee hatten schon viele an ihn herangetragen. Jetzt erst fühlte er sich reif dafür. Mit fast 75 spielte er, der stets 15 Jahre jünger wirkte, als er war, den Vater, der mit Anfang fünfzig starb. Als Junge hatte er seine Mutter nach einem Auftritt beim Schultheater gefragt: War ich so gut wie Heinrich? Nun war er Heinrich. Berta Drews, die Mutter, war ebenfalls eine berühmte Darstellerin gewesen. Beide schleppte er zeitlebens mit sich herum, gedanklich wie auch als Fotos, die er sich bei Dreharbeiten in die Garderobe stellte. Von außen war nicht immer klar, ob George, der ewige Sohn, für die Eltern spielte oder gegen sie an.
Schon als Jugendlicher stand er vor der Kamera. "Der Schatz im Silbersee" machte ihn im Alter von 24 Jahren zum Teeniestar. In der Karl-May-Verfilmung spielt er einen Draufgänger, dessen Vater bei einem Überfall ermordet wird. Der junge Mann zeigt keine Gefühle, das tun Cowboys nicht, sondern sinnt auf Rache. Die meiste Energie verwendet er allerdings darauf, den Schatz im Silbersee zu finden und seinen persönlichen Schatz, die schöne Karin Dor, aus den Händen der Banditen zu befreien. Winnetou und Old Shatterhand helfen ihm dabei.
In dieser Rolle verließ George sich ganz auf seine Körperlichkeit, nichts anderes war gefragt. Ein Sprung aufs galoppierende Pferd, Faustkämpfe, nackter Oberkörper. Mehr Mann ging kaum, und männlicher war damals niemand im heldenarmen deutschen Kino. Was anfangen mit so einem Kraftkerl? Produzent Artur Brauner wollte ihn zu einem zweiten Belmondo aufbauen, doch Regisseur Jean-Luc Godard, der es richten sollte, zog nicht mit. Auch der deutsche Film der 68er hatte keine Verwendung für ihn, die jungen Regisseure rebellierten gegen das alte Kino, dessen Held er war. George wandte sich dem Fernsehen zu. In der ZDF-Serie "Diamantendetektiv Dick Donald" gab er einen dauersmarten James-Bond-Verschnitt und blieb unter seinen Möglichkeiten.
Eine frühe Ausnahme war 1977 seine Darstellung des KZ-Kommandanten Rudolf Höß im Kinofilm "Aus einem deutschen Leben". George zeigte Höß nicht als Bestie, sondern als Mensch. Ein Ansatz, mit dem er sich 1995 im "Totmacher" auch dem Serienmörder Fritz Haarmann annäherte, der angesichts seiner Gräueltaten in Tränen ausbricht. Eine Rolle, die Georges Ausnahmestellung festigte. Welch großer Komödiant er war, förderte der Regisseur Helmut Dietl zutage. In "Schtonk!" ließ er George den "Stern"-Reporter mit Nazitick spielen, in "Rossini" einen neurotischen Filmemacher, der mit Dietl viel gemeinsam hatte. Selten war deutscher Film so witzig und böse zugleich. Zum Triumph von Georges Alterswerk geriet schließlich seine Darstellung eines demenzkranken Rentners in "Mein Vater".
In Dreharbeiten schmiss er sich wie ein Ringer in den nächsten Kampf. Zeitlebens erledigte er seine Stunts selbst. Mehrmals trug er Verletzungen davon, Zehen erfroren, er stürzte lebensbedrohlich, spuckte Blut, doch meist spielte er weiter, als wäre nichts geschehen. Er wollte nicht vor anderen leiden, das war so bis zum Schluss. Als er erfuhr, dass er Krebs hatte, bat er selbst langjährige Freunde, ihn nicht im Krankenhaus zu besuchen. Götz George starb am 19. Juni im Alter von 77 Jahren, seine Familie verbreitete die Nachricht erst eine Woche später. Zu den Videos, die daraufhin im Netz geteilt wurden, gehörte auch eines, das seine Himmelfahrt zeigt. Es ist das Finale von Georges letztem "Tatort" aus dem Jahr 1991. Da hängt Schimanski, der genug hat vom Polizeidienst, an einem Flugdrachen, hoch über deutschen Dächern, und schreit sich aus dem Leib, was ihm gerade durch den Kopf geht: "Scheißeee!"
Von Alexander Kühn

SPIEGEL Chronik 1/2016
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