07.12.2016

IdoleEhrensache

Franz Beckenbauers Absturz geht weiter: mit einem Strafverfahren in der Schweiz.
Im Mai 1945 hatten die Deutschen nicht nur den Krieg verloren, sondern auch ihr Pathos. Joseph Goebbels mit seinen hohlen Hymnen, die "Wochenschau" mit ihren singenden Siegesmeldungen, das reichte für die nächsten tausend Jahre. Das Leben in unpathetischen Zeiten brachte es mit sich, dass die Deutschen auch keine Denkmäler mehr bauten, nur noch Mahnmale (aber auch das erst später, am besten, man erinnerte sich erst mal gar nicht mehr).
Nur bei einer Sache feierten sie schon seit dem Sieg bei der Weltmeisterschaft 1954 weiter hemmungslos ihre Helden, da konnte ihnen die Verehrung und Verklärung gar nicht weit genug gehen: im Fußball. Und so baute die "Bild"-Zeitung am 7. Juli 2000 dem allerübergrößten deutschen Fußballhelden ein Denkmal auf Seite eins. Auf dem Sockel stand: "Dem deutschen Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer zu Dank und ewiger Erinnerung".
Es war der Tag, nachdem Franz Beckenbauer die Fußballweltmeisterschaft 2006 ins Land geholt hatte. Jenes Sommermärchen, das Deutschland in eine schwarz-rot-goldene Wohlfühlzone verwandelte und der Welt da draußen erklärte, dass wir Deutschen gar keine Panzerbrigade sind, wie alle immer dachten, sondern eine Partygesellschaft.
15 Jahre lang stand Franz Beckenbauer auf diesem Sockel, und er stand dort nicht schlecht: nicht nur als Weltmeisterschaftsorganisator, sondern auch als Fußballweltmeister 1974 und Trainer-Weltmeister 1990 und als Mann von Welt, spätestens seit er sich 1977 bei Cosmos New York mit dem großen Pelé fotografieren ließ. Nackt, unter der Dusche, so, als wäre das die natürlichste Sache überhaupt.
Beckenbauer war der Mann, vor dessen Denkmal sich so ziemlich alle Deutschen versammeln konnten. Er war: der gute Deutsche. Der perfekte Deutsche. Der lässige Deutsche. Der ganz andere Deutsche. Aber dann kommt dieses verfluchte Jahr, von Oktober 2015 bis September 2016. Und in nur einem Jahr kippt der Kaiser vom Sockel.
Seitdem ist klar, dass man hierzulande besser gar keine Denkmäler mehr baut. Auch nicht für Fußballer. Schon gar nicht für Fußballer, die noch leben. Denn vom Sockel stößt Beckenbauer sich in diesem Jahr auch selbst. Erst mit seinen fahrigen, fahrlässigen Kommentaren zu all den Enthüllungen. Und am Ende mit seinem Schweigen, als er persönlich nichts mehr zu sagen hat, weil er für nichts mehr eine gute Erklärung hat.
Der Sturz eines Kaisers beginnt im Oktober 2015 mit einer Enthüllung des SPIEGEL. 6,7 Millionen Euro sind plötzlich aufgetaucht, in alten Papieren und Notizen des Organisationskomitees (OK) für die WM 2006. Diese Zahl verfolgt Beckenbauer bis heute, denn Beckenbauer war der OK-Chef. 2005 hatte sein Komitee das Geld an Robert Louis-Dreyfus gezahlt. Es ging aber nicht direkt an den Franzosen, der bis 2001 Adidas-Chef war. Es nahm einen verschlungenen Weg, über die Fifa, und auch der Zweck war sorgfältig getarnt. Angeblich, so die offizielle Version, wollte der Deutsche Fußball-Bund davon eine WM-Eröffnungsfeier mitfinanzieren. Das war gelogen und vom tatsächlichen Empfänger Louis-Dreyfus keine Rede.
Das alles stank nach einem schmutzigen Geschäft, erst recht, als sich herausstellte, dass damit ein alter Kredit zurückgezahlt wurde. Louis-Dreyfus hatte das Geld 2002 Beckenbauer geliehen. Wofür aber hatte der OK-Chef damals so viel Geld gebraucht? Den Zuschlag für die WM hatte Deutschland längst. Aber hatten die Deutschen die WM in einem so korrupten Verband wie der Fifa bekommen können, ohne sich Stimmen zu kaufen? Und wenn für die Stimmen schon nicht vorher gezahlt wurde, dann vielleicht hinterher, als Dankeschön?
Schon da nimmt die Aura des Kaisers den ersten Schaden. Zurücktreten müssen zwar andere, DFB-Chef Wolfgang Niersbach, Generalsekretär Helmut Sandrock; der Vizegeneralsekretär Stefan Hans wird sogar gefeuert. Beckenbauer, der kein Amt mehr hat, kann von nichts zurücktreten. Aber die Vorstellung, in die sich die Deutschen verliebt hatten, ihr Franz könne allein durch sein Charisma, irgendwo zwischen Staatsmann und Sonnyboy, eine WM herbeilächeln, verliert sich von Tag zu Tag mehr in den Wirren der Affäre.
Noch schlimmer wird es für Beckenbauer, als ein Vertrag mit dem durch und durch schmierigen Fifa-Funktionär Jack Warner auftaucht, den Beckenbauer im Jahr 2000 kurz vor der WM-Entscheidung unterschrieben hatte. Darin hatten die Deutschen dem Mann aus der Karibik Millionen versprochen, großteils für seinen Verband, aber auch Geld für ihn persönlich. Zwar wurde der Vertrag am Ende nicht umgesetzt, aber das konnte Warner ja nicht ahnen, als er in geheimer Wahl über die WM 2006 abstimmte.
Beckenbauer gerät im Herbst 2015 so unter Druck, dass er jenes denkwürdige Interview in der "Süddeutschen Zeitung" gibt: Er habe einfach immer nur unterschrieben, was man ihm vorgelegt habe. Alles. Ungelesen. Und überhaupt sei seine Erinnerung gerade nicht mehr die beste.
Jahrzehntelang hatten die Fußballfans genau das an ihm geliebt, diese Leichtigkeit, mit der er über die Dinge hinwegging, auf dem Platz an seinen Gegnern vorbei und später über die Widersprüche und Kleinkariertheiten des Lebens hinweg. Jetzt aber ließ man das dem Kaiser nicht mehr durchgehen. Immer weniger Menschen wollten hinter dem Denkmal für einen Mann stehen, der mit seinen absurd anmutenden Erklärungen den gesunden Menschenverstand beleidigt. Denn seit wann unterschrieb man solch ein wichtiges Papier wie den Warner-Vertrag, ohne zu wissen, was man tut? Erst recht, wenn der Zweck dieser Unterschrift so auf der Hand lag – Warner für die deutsche Bewerbung zu gewinnen? Und wenn Beckenbauer es wirklich nicht wusste, war er dann nicht selbst schuld?
So beginnt dann das Annus horribilis 2016, es startet mit einem Untersuchungsbericht der Kanzlei Freshfields, vorgelegt im März. Und wieder staunen die Deutschen, was Beckenbauer bisher alles vergessen zu haben schien, denn von vielen Dingen in dem Report hatte er nie etwas erwähnt.
Gesagt hatte er doch, dass er mit den Zahlungen von Louis-Dreyfus nichts zu tun gehabt habe. Jetzt kommt heraus: Die zehn Millionen Schweizer Franken, umgerechnet jene 6,7 Millionen Euro, hatte Louis-Dreyfus auf ein Konto von Beckenbauers Anwälten in der Schweiz überwiesen. Vier Millionen Franken gingen gleich weiter an eine Firma des korrupten Katarers Mohamed Bin Hammam, der 2000 im WM-Entscheidungskomitee der Fifa saß. Warum? Das ist ein Rätsel bis heute. Die restlichen sechs Millionen Franken landeten auf einem Konto Beckenbauers. Sie ersetzten ihm genau jene sechs Millionen, die seine Anwälte schon vorher an Bin Hammam überwiesen hatten. Und davon will Beckenbauer nichts gemerkt haben? Von sechs Millionen Franken, die auf seinem Konto landeten? Wieder hatte Beckenbauer keine gute Antwort.
Ohnehin ließen Beckenbauers Widerstandskräfte spürbar nach: Sein Sohn Stephan war 2015 mit nur 46 Jahren gestorben; jetzt im September 2016 muss Beckenbauer ins Krankenhaus und sich am Herzen operieren lassen. Noch im selben Monat kommt aber die nächste SPIEGEL-Enthüllung. Sie lässt nun auch die Achtung all derer vor dem Kaiser sinken, die ihn immer noch als Opfer sehen wollten, als Mann, der in einem schmutzigen Umfeld nun mal nicht völlig sauber habe bleiben können.
Beckenbauer hatte immer behauptet, gratis für die deutsche WM gearbeitet zu haben – ein Ehrenmann im Ehrenamt für eine Ehrensache. Und jetzt das: 5,5 Millionen Euro kassierte er 2005 und 2006 vom DFB, das Geld stammte aus einem Sponsorenvertrag des staatlichen Wettanbieters Oddset mit dem WM-Organisationskomitee. 5,5 Millionen in die eigene Tasche, und das bei all den Beteuerungen, mit der WM kein Geld verdient zu haben, das ist nun ein Maß an Scheinheiligkeit, für das Denkmäler gestürzt gehören.
Gut möglich, dass es Beckenbauer inzwischen auch egal ist. Er hat es danach nicht noch mal mit einem menschelnden Interview versucht; schon das erste hat mehr geschadet als genutzt. Jetzt, wo der Ruf ruiniert ist, könnte schweigen ohnehin besser sein als reden, aus juristischen Gründen. Denn auch das hat das Jahr Beckenbauer gebracht: ein Strafverfahren in der Schweiz, das erste in der Sommermärchen-Affäre gegen ihn persönlich. Es geht um Geldwäsche, Betrug, Veruntreuung, unter anderem, es geht um harte, nackte, nüchterne Vorwürfe, bestritten von Beckenbauers Anwälten. So endet das nun mal in unpathetischen Zeiten wie diesen. Auch der größte deutsche Fußballer ist kein Volksheld mehr.

Wofür aber hatte der OK-Chef damals so viel Geld gebraucht?

Er war: der gute Deutsche. Der perfekte Deutsche. Der lässige Deutsche.

Jetzt, wo der Ruf ruiniert ist, könnte schweigen ohnehin besser sein als reden.

Vier Millionen Franken gingen gleich weiter an eine Firma des korrupten Katarers Bin Hammam.

Von Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

SPIEGEL Chronik 1/2016
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