Von Kaiser, Simone
Manchmal dauert es nur wenige Sekunden, um eine unbekannte Kleinstadt zu einem weltweiten Synonym zu machen. Als Oberbürgermeister Bernhard Fritz einst das Grußwort für die Homepage seiner Stadt formulierte, hatte er lange überlegt. Er dachte an die Fachwerkhäuser und die örtlichen Firmen mit Weltruf, den hohen Wohn- und Freizeitwert. Und um das alles zusammenzufassen, schrieb er schließlich den Satz: "Winnenden ist mit seinen rund 28000 Einwohnern eine Stadt mit vielen Gesichtern."
Seit dem 11. März hat eines dieser Gesichter alle anderen verdrängt. Das des 17-jährigen Berufsschülers Tim K. Bei einem Amoklauf an der Albertville-Realschule und seiner anschließenden Flucht erschießt der Jugendliche an diesem Mittwochvormittag wahllos 15 Menschen, nimmt eine Geisel, bevor er sich am Ende mit einer Kugel in die Stirn selbst richtet.
Nach 15 Amtsjahren liegen nun auf dem Schreibtisch von Bernhard Fritz drei Briefe. Abgeschickt von den Bürgermeister-Kollegen aus Littleton, Erfurt, Emsdetten. "Die Narben werden nie ganz verheilen", steht da zum Beispiel geschrieben. Es sind Zeilen, die Fritz realisieren lassen, dass auch der Name Winnenden von nun an ein Synonym ist. Für eine Stadt in Trauer. Für eine Stadt der Fragen.
Warum tötete er? Woher hatte Tim K. Waffe und Munition? Was sind das für Eltern, die nicht mitbekommen, wenn ihr Kind einen Massenmord plant? Wer war dieser Tim K. mit dem bleichen Teenagergesicht und der braven Brille? Selbst Gerichtsgutachter können da nur vage Antworten bieten.
Experten unterscheiden zwischen zwei Typen von Amokläufern. Dem lauten, aggressiven, oft schon vor der Tat gewalttätigen und in jeder Hinsicht auffälligen Typ. Und dem eher stillen, zurückhaltenden, introvertierten Täter - wie Tim. Im Nachhinein wird er von Nachbarn, Schulkameraden, Lehrern am häufigsten mit dem Attribut "unauffällig" charakterisiert.
Tim K. wächst gut behütet im Elternhaus auf, in der kleinen schwäbischen Gemeinde Weiler zum Stein, 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart gelegen. Der Vater ist selbständig, die Mutter Hausfrau, die Schwester drei Jahre jünger als der Erstgeborene. Seit dem Realschulabschluss besucht der Teenager das Berufskolleg einer kaufmännischen Privatschule in Waiblingen, seine Leistungen sind durchschnittlich. Beim Tischtennis erringt er "in der Jugend beachtliche Erfolge. Am Vereinsleben nimmt er aber kaum teil", heißt es später in einem Ermittlungsbericht der Polizei. Zuletzt ist er Mitglied in einem Armwrestling-Club und ein passabler Pokerspieler. In sportlichen Dingen gilt der Junge als überaus ehrgeizig.
Am Morgen des 11. März isst Tim K. ein Stück Rührkuchen, trinkt einen Kakao. Dann fährt er zu seiner alten Schule in Winnenden und beginnt zu morden. Im ersten Stock, in Klassenzimmer 305, erschießt er drei Schülerinnen und verletzt vier Schüler, zwei Schülerinnen und eine Lehrerin zum Teil schwer. In Klassenzimmer 301 tötet er fünf Schülerinnen und einen Schüler. Als drei Referendarinnen, durch den Lärm beunruhigt, ins Obergeschoss eilen, zielt Tim auf sie und trifft zwei von ihnen tödlich. Als er durch die geschlossene Tür des Chemiesaals schießt, tötet er eine weitere Referendarin.
Viele seiner Opfer hat Tim mit gezielten Kopfschüssen regelrecht exekutiert, kaum eines von ihnen kannte er persönlich.
Als die Polizei in das Schulgebäude eindringt, schießt der 17-Jährige auch auf die Beamten. Er flüchtet über die Hintertreppe, den Schulhof, vorbei am Sportplatz, zum angrenzenden Zentrum für Psychiatrie. Dort tötet er einen 56-jährigen Handwerker des Krankenhauses - mit insgesamt neun Schüssen. Auf einem Parkplatz vor der Klinik steigt er in ein Auto und nimmt den Fahrer Igor W., 41, als Geisel. Etwa zwei Stunden und 15 Minuten dauert die Fahrt mit vorgehaltener Waffe.
Während Polizeihelikopter über der Region kreisen und Schulen im ganzen Landkreis verbarrikadiert werden, legt Tim mit seiner Geisel rund 130 Kilometer zurück, lässt sich ziellos über Stuttgart, die A 81 Richtung Böblingen, dann auf einer Bundesstraße weiter nach Tübingen und über Metzingen zurück gen Norden chauffieren.
Die Schreckensfahrt endet erst, als die Geisel das Auto geistesgegenwärtig auf den Grünstreifen einer Autobahnauffahrt bei Wendlingen lenken kann und mit dem Autoschlüssel flieht. Der Amokschütze läuft in das nahe gelegene Industriegebiet. Bei einem Schusswechsel mit der Polizei wird er von zwei Kugeln am Bein getroffen. Kurze Zeit macht es den Eindruck, als würde der Verletzte aufgeben wollen. Tim sackt zusammen, setzt sich auf den Boden, legt die Waffe neben sich. Als sich ihm jedoch ein Beamter nähert, greift er wieder nach seiner Pistole, schießt und flüchtet in ein Autohaus.
Dort will er sich ein neues Fahrzeug beschaffen. Er erschießt einen Angestellten und einen Kunden, die sich gerade in einem Verkaufsgespräch befinden. Dann flieht er in den Firmenhof des Autohauses und von dort auf das Nachbargrundstück eines Industriebetriebs. Als er auf ein vorbeifahrendes Zivilfahrzeug schießt, verletzt er zwei Polizeibeamte schwer.
Es gibt ein Video, das die letzten Sekunden von Tim K. dokumentiert. Ganz ruhig steht er da. Er wirkt gelassen. Es knallen erneut Schüsse, wie Peitschenhiebe. Dann setzt Tim K. sich die Waffe an den Kopf und drückt ein letztes Mal ab. Mit Kugel Nummer 113 endet um 12.30 Uhr der Alptraum von Winnenden.
Ein Amoklauf ist eine besondere Form von Suizid. Gleich einem makabren Finale möchte der Lebensmüde möglichst spektakulär möglichst viele Menschen mit sich in den Tod reißen. Nicht nur in Winnenden fragen sich daher nach dem 11. März viele: Wäre der Selbstmord von Tim K. zu verhindern gewesen?
Der junge Mann hatte im Internet zu Amoktaten und Massenmördern recherchiert. Auf seinem Rechner findet man Ego-Shooter-Spiele sowie Pornobilder, auf denen Männer von Frauen gefesselt und gequält werden. Seine Sammlung von Softair-Waffen ist sein ganzer Stolz.
Im Frühjahr 2008 vertraut sich der damals 16-Jährige seiner Mutter an und legt ihr einen Artikel über bipolare Störungen vor, den er im Netz recherchiert hatte. Dies sei vielleicht der Grund für seine schlechten schulischen Leistungen, vermutet Tim. Offenbar ein Hilferuf.
Einer Therapeutin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Weinsberg berichtet Tim daraufhin von Stimmungsschwankungen und dem Wunsch, Menschen umzubringen. Manchmal habe er "so eine Wut, so einen Hass auf die Menschheit". Sie diagnostiziert nach insgesamt fünf Sitzungen "Verdacht auf atypischen Autismus" und fügt als Differentialdiagnose "Zwanghafte Persönlichkeitsstörung und Spielsucht" der Akte Tim K. hinzu.
Doch die Therapeutin glaubt auch, knapp ein halbes Jahr vor dem tödlichen Amoklauf, dass bei dem verstörten Jugendlichen keine akute Eigen- oder Fremdgefährdung vorliege.
Die Expertin, so gibt sie später der Polizei zu Protokoll, will die Eltern von Tim dennoch über seine "aggressiven beziehungsweise fremdaggressiven Gedanken" informiert haben. Diese bestreiten vehement, von den Tötungsphantasien gewusst zu haben.
Anders als Ermittler und Politiker zunächst vorschnell behaupteten, finden sich keine Hinweise darauf, dass Tim K. die konkrete Tat in irgendeiner Form vorher angekündigt hatte.
Die Familie K., bis zum Mordtag eng in das Gemeinde- und Vereinsleben eingebunden, schreibt in einem Brief an die Hinterbliebenen des Amoklaufs: "Immer und immer wieder fragen wir uns, wieso dies geschehen konnte. Bis zu dem furchtbaren Geschehen waren auch wir eine ganz normale Familie. Wir hätten Tim so etwas nie zugetraut und kannten ihn anders. Wir sind bestürzt und stehen weinend und stumm vor der unfassbaren Tragödie."
Hilflosigkeit ist das vorherrschende Gefühl in den Tagen und Wochen nach der grausamen Tat, reflexartig werden Verantwortliche für das Unbegreifliche gesucht. Es wird über das Verbot von Killerspielen am Computer diskutiert, über den Einfluss der Massenmedien, von denen sich die Einwohner Winnendens schnell überrollt fühlen. Und es entbrennt eine hitzige Debatte über eine Verschärfung des Waffenrechts.
Bundesweit werden die Bürger aufgerufen, Waffen bei der Polizei abzugeben. Eine Amnestie für die Abgabe illegaler Waffen wird beschlossen. Tausende nutzen die Möglichkeit, etwa die Erbwaffe des Großvaters vom Dachboden straffrei loszuwerden.
"Wir sind bereit, für Veränderungen in unserer Gesellschaft zu kämpfen", erklären die Angehörigen der Opfer von Winnenden, die sich zu einem "Aktionsbündnis Amoklauf" zusammenschließen. Sie glauben: "Wenn nicht jetzt was bewegt wird, wird der Amoklauf in Winnenden zu den unzähligen Amokläufen in Deutschland addiert, und die Politik wird allmählich zum Tagesgeschäft übergehen."
Nicht nur die Angehörigen der Opfer fordern strengere Kontrollen und Zugangsbestimmungen zu den geschätzt rund 30 Millionen legalen und illegalen Schusswaffen in deutschen Haushalten. Die Deutschen fragen sich: Muss ein Sportschütze wie der Vater von Tim im Keller seines Einfamilienhauses 13 erlaubnispflichtige Waffen unterschiedlichster Kaliber und dazu Tausende Schuss scharfer Munition lagern? Schließlich ist nicht zu leugnen: Tim K. fand den Zugang zu Waffen über die eigene Familie.
Wiederholt trainierten Vater und Sohn gemeinsam im Schützenverein. Die später bei der Tat verwendete Munition kaufte Tim wohl im Beisein seines Vaters. Und die Tatwaffe, eine Beretta 92, Kaliber neun Millimeter, entwendete der jugendliche Amokschütze aus dem elterlichen Schlafzimmer - wo die tödliche Waffe unverschlossen herumlag, im Kleiderschrank, hinter einem Stapel Pullover. Die Staatsanwaltschaft eröffnet deshalb fünf Tage nach der Tat gegen den Vater ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung.
Selbst die Kanzlerin ist unter dem Eindruck der Trauerfeier für die Opfer von Winnenden zunächst nicht abgeneigt, in Sachen Waffenrecht nachzubessern. Doch die Diskussion um die geplante Gesetzesänderung verkommt zur Farce. Letztlich kapituliert die Politik auch nach Winnenden vor der Lobby Hunderttausender deutscher Schützen und Jäger. Zwar wird die Altersgrenze für das Schießen mit großkalibrigen Waffen im Sportverein von 14 auf 18 Jahre angehoben. Zudem dürfen die zuständigen Behörden nun unangekündigt die korrekte Aufbewahrung der Waffen in Privathaushalten kontrollieren - theoretisch. Ein nationales elektronisches Waffenregister ist in Planung. Doch das Register beispielsweise ist nur ein mittelfristiges Ziel, für regelmäßige Kontrollen fehlen den lokalen Behörden schlicht das Geld und das Personal.
So bleibt am Ende Deutschland, auch nach 16 Toten in Winnenden, ein Land, in dem Jugendlichen wegen der Hautkrebsgefahr der Besuch eines Solariums verboten ist. In dem aber Schützenverbände in Schulgebäuden Schießstände betreiben dürfen. Als wäre es eben Schicksal, immer wieder mit einem Amoklauf leben zu müssen.
Als wäre es unvermeidlich, dass sich alle paar Jahre eine weitere Stadt in die Liste der Synonyme wie Littleton, Erfurt, Emsdetten und Winnenden einordnen muss.
SIMONE KAISER
SPIEGEL Jahres-Chronik 54/2009
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