05.12.2012

In einem schwarzen Loch

Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilt Verena Becker, aber der Mord an Siegfried Buback ist auch nach diesem Urteil nicht geklärt. Wird er es je sein?
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Am 6. Juli verkündet das Oberlandesgericht Stuttgart sein Urteil in einem Fall, der 35 Jahre zurückliegt und weiter Rätsel aufgibt. Wegen Beihilfe zum Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinen beiden Begleitern am 7. April 1977 bekommt Verena Becker vier Jahre Gefängnis, von denen aber zweieinhalb wieder abgezogen werden, weil sie bereits eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßt hat. Ins Gefängnis muss die 59 Jahre alte, chronisch kranke Heilpraktikerin wohl nicht mehr.
Ein kompliziertes Urteil, so kompliziert wie viele Verfahren gegen Mitglieder der Roten Armee Fraktion.
Die RAF hat von 1970 bis 1993 einen Privatkrieg gegen die Bundesrepublik geführt und eine Blutspur durchs Land gezogen, weil sie es für richtig befand, Repräsentanten des "Imperialismus" umzubringen.
Auch nach diesem Urteil sind die Umstände der Morde von Karlsruhe nicht aufgeklärt: Wer steuerte das Suzuki-Motorrad, auf dem sich zwei Terroristen der RAF der Dienstlimousine von Siegfried Buback näherten? Wer schoss vom Soziussitz aus mit der Heckler-&-Koch-Maschinenpistole mindestens 15-mal in den Mercedes? Wer fuhr den Fluchtwagen?
Das Oberlandesgericht verhandelt 97 Tage lang, hört 165 Zeugen und 8 Sachverständige. Dass es überhaupt zu diesem wohl letzten großen RAF-Prozess kommt, dafür ist nicht zuletzt der ehemalige Terrorist Peter-Jürgen Boock verantwortlich.
Anfang 2007 hört er im Radio ein Interview mit dem Göttinger Chemieprofessor Michael Buback. Dabei sagt der Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts: "Ich will wissen, wer meinen Vater erschossen hat." Boock ruft ihn an und sagt unter anderem: "Christian Klar war es meines Wissens nicht." Er vermute, dass Stefan Wisniewski der Schütze gewesen sei.
Kurz darauf, im April 2007, enthüllt der SPIEGEL, dass Verena Becker ab Herbst 1981 beim Verfassungsschutz ausgesagt hat. Dabei gab auch sie zu Protokoll, Wisniewski sei der Todesschütze. Er sei zusammen mit Günter Sonnenberg und Christian Klar in Karlsruhe unterwegs gewesen.
Knut Folkerts, der als Buback-Mörder zu lebenslänglich verurteilt worden war, erklärt im SPIEGEL, dass er zum Zeitpunkt des Attentats in Köln gewesen sei. Silke Maier-Witt sagt, dass Folkerts sie am Tag der Tat nach Amsterdam gefahren habe.
Nun gibt Michael Buback keine Ruhe mehr. Er stellt Privatermittlungen an, studiert alte Zeitungsartikel und Urteile, trifft sich mit Augenzeugen des Mordes. Bald ist er überzeugt davon, dass Verena Becker die Todesschützin war. Der Staat schütze sie, weil sie Informantin des Verfassungsschutzes gewesen sei. Eine Verschwörung gegen die Wahrheitsfindung. Das ist jetzt seine Wahrheit.
Die Bundesanwaltschaft, die schon gegen Stefan Wisniewski Ermittlungen aufgenommen hat, beginnt nun damit, auch gegen Becker zu ermitteln. DNA-Tests ergeben, dass ihr Speichel an Kuverts klebt, mit denen die RAF nach dem Karlsruher Attentat Bekennerschreiben verschickt hat. Dazu finden Bundesanwälte in ihrer Wohnung Notizen, aus denen hervorgeht, dass der Buback-Mord sie noch beschäftigt und belastet. Boock beschreibt sie bei seiner Vernehmung als Scharfmacherin der RAF.
Die neue Hauptverhandlung gegen Verena Becker beginnt am 30. September 2010 im Mehrzweckgebäude in Stuttgart-Stammheim. Hier wurde Becker schon einmal verurteilt, zu lebenslänglich. Im Mai 1977, keine vier Wochen nach dem Buback-Mord, fiel sie mit Günter Sonnenberg in Singen einer Rentnerin auf; die beiden schossen auf zwei Polizisten, die sie überprüften, und verletzten sie.
Die Bundesanwaltschaft legt sich in der neuen Anklage gegen Becker darauf fest, dass drei RAF-Männer das Mordkommando bildeten: Knut Folkerts, Günter Sonnenberg und Christian Klar. Das ist ihre Wahrheit.
Die Wahrheitsfindung ist zusätzlich erschwert, weil der Bundesinnenminister die Verfassungsschutzakte über Beckers Aussagen aus den frühen achtziger Jahren und ihre Begnadigung im Jahr 1989 durch Bundespräsident Weizsäcker nicht freigibt.
Von 14 ehemaligen Terroristen, die als Zeugen vorgeladen sind, verweigern 8 die Aussage; darunter diejenigen, die über das RAF-Kommando von Karlsruhe Bescheid wissen müssen. Die Bundesanwaltschaft droht Beugehaft an, aber das führt nur dazu, dass die untereinander zum Teil böse zerstrittenen acht die Reihen wieder schließen.
Michael Buback, der zum Vortrag seines 192 Seiten langen Plädoyers zwei Verhandlungstage braucht, stützt sich auf Zeugen wie einen ehemaligen Reporter der "Bild"-Zeitung. Der hat gesagt, dass ein Abteilungsleiter des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz ihm vertraulich erzählt habe, Becker sei die Todesschützin gewesen - allerdings ist der Verfassungsschützer 1991 gestorben. Andere Zeugen - wie sollte das auch nach über 30 Jahren anders sein - erinnern sich nur noch vage an den Tathergang oder verwickeln sich in Widersprüche.
Verena Becker bricht nach 88 Verhandlungstagen ihr Schweigen und trägt eine Erklärung vor. "Sie wollen wissen, wer Ihren Vater getötet hat", wendet sie sich an Buback. "Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Denn ich war nicht dabei." Diese Version der Wahrheit bekräftigt ein ehemaliges RAF-Mitglied gegenüber SPIEGEL ONLINE: Becker sei am Tag des Buback-Attentats in Bagdad gewesen, um dort mit einem Palästinenserführer zu reden.
Auch in diesem langen, schwierigen Prozess wird die Wahrheit über den Mord von Karlsruhe nicht gefunden. Aber wie dann? Die ehemaligen Terroristen sind alt geworden. Sie haben viele Jahre unter harten Haftbedingungen im Gefängnis verbracht. Solange sie befürchten müssen, dass sie wieder vor Gericht und vielleicht auch wieder im Gefängnis landen, werden sie kaum erzählen, wie es wirklich war und wer es wirklich war. Darauf haben jedoch nicht nur die Angehörigen der Ermordeten ein Anrecht, sondern auch die Öffentlichkeit. Denn nicht nur das Attentat auf Siegfried Buback ist weiterhin ungeklärt, sondern auch die Morde an Alfred Herrhausen und Karl-Heinz Beckurts, an Detlev Karsten Rohwedder oder Ernst Zimmermann.
Die RAF ist wie ein Gespenst aus einer anderen Zeit, das noch immer herumspukt.
Vielleicht würden die ehemaligen RAF-Mitglieder mehr erzählen als nur, wer es nicht war, wenn sie wüssten, dass sie nicht wieder ins Gefängnis müssen - Wahrheit gegen Freiheit. Doch darauf kann sich der Staat nicht einlassen.
Und so bleiben viele RAF-Morde womöglich auf ewig ein schwarzes Loch in der deutschen Geschichte.
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1. Nebenkläger Michael Buback
2. Mordopfer am Tatort in Karlsruhe
3. Ex-Terrorist Boock
4. Angeklagte Becker
Von Michael Sontheimer

SPIEGEL Chronik 1/2012
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