AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2016

Das Ende der US-Führung Hundert Jahre Angst

Geschichte neigt manchmal zum Pathos. Im Januar 2017, wenn Donald Trump vereidigt wird, feiert das amerikanische Zeitalter seinen 100. Geburtstag. Und wird begraben.

Lan­dung ame­ri­ka­ni­scher Sol­da­ten am 6. Juni 1944 in der Nor­man­die
DER SPIEGEL

Lan­dung ame­ri­ka­ni­scher Sol­da­ten am 6. Juni 1944 in der Nor­man­die

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Auch Geschichte neigt manchmal zum Pathos. Im Januar 2017, wenn Donald Trump als 45. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird, feiert das amerikanische Zeitalter seinen 100. Geburtstag. Und wird begraben.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 46/2016
(wie wir sie kennen)

Im Januar 1917 konstituierte sich der Westen in seiner modernen Form. In Europa tobte der Erste Weltkrieg, in Washington, D.C., stellte Präsident Woodrow Wilson seine Landsleute darauf ein, dass sie Verantwortung für "Frieden und Gerechtigkeit" übernehmen müssten. Im April sagte er: "Die Welt muss zu einem sicheren Ort für die Demokratie gemacht werden." Er erklärte Deutschland den Krieg und schickte Soldaten nach Europa, um den westlichen Demokratien den Sieg zu sichern. Die USA übernahmen die Führung der westlichen Welt. Dies war eine frühe Phase politischer Globalisierung.

Hundert Jahre später: Trump.

Trump, der von der Globalisierung nichts wissen will, Trump, der einen amerikanischen Nationalismus predigt, Abschottung, Teilrückzug aus den Händeln der Welt, null Verantwortung für ein globales Problem wie den Klimawandel. Dazu dieser perverse Wahlkampf, geprägt vom Ressentiment, von Rassismus und Hetze.

Die Würde des Menschen ist das Zentrum des westlichen Projekts. Nach den Revolutionen in Amerika und in Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Menschenrechte erstmals staatlich verbrieft. Sie haben normativen Charakter, wie Heinrich August Winkler herausgearbeitet hat, Autor des Monumentalwerks "Geschichte des Westens". Ein Rassist kann dieses normative Projekt nicht verkörpern. Trump hat weder einen Sinn für fremde Würde noch für die eigene. Als Anführer der westlichen Welt fällt er aus, weil er es nicht sein will und nicht sein kann.

Leere also, Horror Vacui. Was wird mit dem Westen ohne die Führungsmacht USA? Mit Europa? Mit Deutschland? Die Bundesrepublik ist ein Kind des Westens, ein Kind vor allem der USA, mit amerikanischer Großzügigkeit ins Leben gerufen, lange gepäppelt und nun geschockt. Der amerikanische Präsident war gleichzeitig ein bisschen auch unser Präsident, wie sich gerade bei Barack Obama gezeigt hat, ein Präsident des Westens. Der fehlt jetzt, damit müssen wir klarkommen.

Was waren das für 100 Jahre? Die Geschichte des modernen Westens lässt sich auf viele Weisen erzählen, als Heldengeschichte, als Giergeschichte, als Missionsgeschichte, als Angstgeschichte. Hier geht es um 100 Jahre Angst: Angst um die Freiheit vor allem, eine uramerikanische Paranoia, die der Rest des Westens übernahm. Das Wort ist hier nicht negativ gemeint. Angst als Schutzhaltung, gegen die Gefahr. Es gibt gute Ängste, schlechte Ängste.

Die vereinten Demokratien waren unter amerikanischer Führung ziemlich erfolgreich darin, sich der Systemkonkurrenz zu entledigen. Im Ersten Weltkrieg rangen sie die konservativen Kaiserreiche Deutschland und Österreich-Ungarn nieder. Im Zweiten Weltkrieg löschten sie die faschistischen Regime im Deutschen Reich und in Italien aus. Im Kalten Krieg pressten sie der kommunistischen Sowjetunion und ihren Satrapen die Luft ab, bis sie zusammenbrachen.

Sieger der Geschichte, Stand Anfang der Neunzigerjahre: der Westen.

Was hatte ihn so stark gemacht? Es war einerseits die Freiheit selbst. Die Marktwirtschaft war den staatlich weit stärker gelenkten Wirtschaftsformen deutlich überlegen. Im freien Spiel der Kräfte entwickelten sich die besseren Produkte, der größere Wohlstand und damit die Kraft, Kriege und Rüstungswettläufe zu gewinnen.

Zudem war die Angst um die Freiheit ein starker Kitt in den Gesellschaften. Zwar wurde gestritten, demonstriert, geschmollt, zwar wollten manche lieber rot als tot sein, aber es gelang immer, eine Mehrheit für den westlichen Grundkonsens zu gewinnen: Wir erhalten unsere Freiheiten nach innen und außen und bauen sie womöglich weiter aus. Dieser Gedanke hielt auch die Staaten zusammen. Unter amerikanischer Führung, unter dem amerikanischen Nuklearschutzschirm waren sie stark und halbwegs einig, als "der Westen".

Die Neunzigerjahre waren die glücklichste Zeit des Westens. Die demokratische Welt hatte sich stark vergrößert, die Angst um die Freiheit schien für alle Zeiten vertrieben, denn es gab keine größere Macht mehr, von der die Freiheit herausgefordert wurde.

Bis es am 11. September 2001 wieder losging. Kriegerische Islamisten attackierten die Hauptstadt der Freiheit, New York, und das Pentagon in Washington, D.C. Seitdem reißt der Terror nicht mehr ab.

Mehr denn je regiert die Angst, aber das ist nicht nur die Angst vor dem Terror. Es ist auch weniger die Angst um die Freiheit, so wie früher, es ist die Angst vor der Freiheit. Darin liegt der Paradigmenwechsel, der Donald Trump den Weg ins Weiße Haus geebnet hat. In den westlichen Gesellschaften gibt es beide Ängste immer gleichzeitig. Die Freiheit wird genossen und gefürchtet, die Freiheit wird verteidigt und bekämpft, die Freiheit wird ausgedehnt und beschränkt. Es ist nur die Frage, welche Angst in einer Gesellschaft dominiert, welche Strömung regiert.

Die Angst vor der Freiheit kann viele Ausprägungen haben. Es gibt auch eine Angst vor der eigenen Freiheit, aber meist ist es die Angst vor der Freiheit der anderen. Der französische Existenzialist Jean-Paul Sartre hat gesagt: Die Hölle, das sind die anderen. Wenn sie frei sind, könnte man ergänzen.

Wenn sie so frei sind, Grenzen zu überschreiten und sich neue Heimatländer zu suchen. Wenn sie so frei sind, ihre Waren zu exportieren und damit in Konkurrenz zu den Waren anderer Länder zu treten. Wenn sie so frei sind, für ihre Gleichberechtigung zu kämpfen, als Frauen, als Homosexuelle, als Nichtweiße. Die weißen Männer gelten als Trumps Königsmacher, vor allem ältere weiße Männer. In dieser Gruppe hat er eine besonders hohe Wählerquote.

Es war ohne Frage ein Fehler, diese Männer und die Frauen, die genauso denken, mit ihren Ängsten allein zu lassen. Nicht genug darauf einzugehen. Lang schwelende Ängste erzeugen Wut, vor allem auf die, denen unterstellt wird, sie täten nichts gegen die Ängste, das Establishment also, in der Politik, in den Medien. Mit dem Internet hat diese Wut erstmals einen Resonanzraum, sie schafft es in eine größere Öffentlichkeit hinein und bestärkt die Ängstlichen, Wütenden. Als sich Donald Trump zum obersten Wutbürger aufschwang, fand er die Zustimmung, die er brauchte, um Präsident zu werden. Nun wird erwartet, dass er Freiheiten einschränkt: den Freihandel, die Zuwanderung. Viele Amerikaner, vor allem Angehörige von Minderheiten, haben wieder Angst um die Freiheit, aber diesmal kommt die Bedrohung von innen. Sie fürchten, dass ihre Lebensweisen und Kulturen unter Trump wieder stärker diskriminiert werden.

Das ganze Drama zeigt sich in diesem Satz: Das, was den Westen ausmacht, die Freiheit, wird als bedrohlich empfunden. Fundamentaler kann eine Krise nicht sein. Sie hat längst auch die europäischen Demokratien erfasst, auch hier machen sich Angst und Wut breit, aus den gleichen Gründen wie in den USA: Zuwanderung, Globalisierung, insbesondere Freihandel. Aber offenbar haben in Sachen TTIP die Amerikaner, vor denen die Europäer Angst haben, noch mehr Angst vor den Europäern, die nun keine Angst mehr haben müssen, so wenig wie die Amerikaner. Trump wird TTIP wohl stoppen.

In Westeuropa konnten die Angst- und Wutbürger allerdings noch keinen ihrer Repräsentanten ins Amt eines Staats- oder Regierungschefs hieven. Bei der Präsidentenwahl in Österreich Anfang Dezember wird das vielleicht zum ersten Mal gelingen.

Lange kam es auf Amerika an. Aber das Land der Freien wird sich als Führungsmacht der freien Welt verabschieden - wenn Trump so regiert, wie er es im Wahlkampf angekündigt hat. Dann kommt es auf Europa an. Der Kontinent muss dem Populismus widerstehen, durch eine kluge Mischung aus: die Ängste ernst nehmen, der Wut entgegentreten, ohne die Freiheiten zu beschränken.

Und Europa muss endlich der Europäischen Union ein größeres Gewicht geben. Das wurde schon tausendmal gesagt, geschrieben, aber vielleicht hilft der Trump-Schock, es endlich umzusetzen.

Leider ist Europa in der schlechtesten Verfassung seit Jahrzehnten. Die Briten steigen aus, auch aus Angst vor der Freiheit der anderen, der Niederlassungsfreiheit. Viele Regierungen betonen das Trennende, nicht das Gemeinsame. Die Staaten driften auseinander.

In gewisser Weise konnten sie sich das leisten. In den 100 Jahren, in denen die USA die Schutz- und Führungsmacht des Westens waren, haben die Verbündeten recht bequem gelebt. Sie konnten die europäische Idee mit halbem Herzen verfolgen, denn da waren ja noch die Amerikaner, mit denen jeder sein Sonderverhältnis pflegte, auf deren Waffen und Entschlossenheit sich jeder für den Notfall verließ. Demnächst werden sich die Europäer wohl selbst um die Sicherheit ihres Kontinents kümmern müssen, und das in den Zeiten eines Wladimir Putin, eines Recep Tayyip Erdogan, eines "Islamischen Staats", der in Europas Nachbarschaft liegt.

Es gibt große Aufgaben für den Anführer des Westens minus Amerika. Es sind Aufgaben für Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin. Sie vertritt ein starkes Land, sie hat ein moralisches Fundament, wie sich in der Flüchtlingskrise zeigte, sie muss ja kein Woodrow Wilson sein, aber zu einer entschlossenen Anführerin Europas sollte sie jetzt werden. Sonst hätte sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt.



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Seite 1
arrache-coeur 15.11.2016
1.
"Im Januar 2017, wenn Donald Trump vereidigt wird, feiert das amerikanische Zeitalter seinen 100. Geburtstag. Und wird begraben." - Die Vorbereitungen für das "amerikanische Zeitalter" begannen bereits vor mehr als 150 Jahren, und der Zenit des AZ wurde bereits vor Obama überschritten. Trump jetzt als Auslöser des Anfangs vom Ende zu bezeichnen, ist historischer Unsinn. Das AZ kann durchaus noch ein paar Jahrzehnte bestehen, und falls die USA etwas geschickter agieren als bisher, noch einige Zeit länger. Anstatt mit irgendwelchen Schuldzuweisungen in Richtung Trump von den naheliegenden Problemen abzulenken, sollten sich die Verantwortlichen besser um das gerade auseinander brechende Konstrukt Europa sorgen. Natürlich trug auch hier die USA mit ihrer vielschichtigen weltweiten Interventionspolitik zur aktuellen Situation entscheidend bei. Dass viele europäische Politiker und andere mit ihrer Vorliebe für Clinton und der damit verbundenen Weiterführung dieser US-Interventionspolitik direkt und indirekt zum Niedergang des Konstrukts Europa beitragen, sollte zu denken geben.
consei 16.11.2016
2. Sehr guter Essay
Ich glaube nicht, dass die europäische Idee in ihrer jetzigen Ausführung auf lange Sicht funktionieren kann. Es gibt zwei verschiedene Richtungen in die wir gehen können: Entweder man resigniert, und wir fallen zurück in die Zeit in ein multinationales Europa, oder wir gehen zwei Schritte nach vorn Richtung Union. Je länger wir zögern, desto unwahrscheinlicher wird die zweite (fortschrittliche) Alternative. Ich bin froh, dass Angela Merkel eine Verfechterin der Europäischen Idee ist, sie ist sich ihrer Schlüsselrolle sicherlich bewusst.
Thomas Schröter 16.11.2016
3. Seit 150 Jahren verhindern USA deutsch-russische Allianzen
so zumindest George Friedman in seiner Rede in Chicago. Warum sollte sich das jetzt ändern?
andi987 16.11.2016
4.
In dem Zeitpunkt seines größten Erfolges Anfang der 90er hat der Westen die entscheidenden Fehler gemacht. Diese sind erstens die Vernachlässigung der eigenen Bevölkerung zugunsten von weltweiten Expansionsplänen (Globalisierung) und zweitens eine völlig desolate Bevölkerungspolitik die auf Einwanderung anstatt auf hohe Geburtenraten der einheimischen Bevölkerung setzt. Nun erhalten die Staaten völlig zu recht die Quittung. Die eigene Bevölkerung ist zahlenmäßig zu klein um für die Freiheit einzustehen und zudem zu recht stocksauer aufgrund der schlechten Behandlung in der Vergangenheit. Die zugewanderten haben andere Interessen als die Verteidigung der Freiheit. Diese wollen vor allem Macht und Einfluss für sich und ihre Ursprungsländer. Dem Westen bleibt nichts anderes übrig als diese Probleme anzugehen um dann in 20-30 Jahren wieder schlagkräftig zu sein und zu versuchen die Zwischenzeit möglichst unbeschadet zu übersehen.
Korf 16.11.2016
5.
"... in Washington, D.C., stellte Präsident Woodrow Wilson seine Landsleute darauf ein, dass sie Verantwortung für 'Frieden und Gerechtigkeit' übernehmen müssten. Im April sagte er: 'Die Welt muss zu einem sicheren Ort für die Demokratie gemacht werden.' Er erklärte Deutschland den Krieg und schickte Soldaten nach Europa, um den westlichen Demokratien den Sieg zu sichern. ..." Herr Kubjuweit, das klingt hübsch, hat aber mit der Wirklichkeit herzlich wenig zu tun. Wenn dem tatsächlich so wäre, weshalb haben dann 100 Jahre amerikanischer Interventionismus die Welt nicht sicherer und besser gemacht? Nein, Amerika ging es seit dieser Frühphase um die Sicherung von Einflusssphären, sonst nichts. Wirtschaftliche Eliten waren damals wie heute die treibenden Kräfte hinter dem globalen Aktionismus der USA, dessen wahre Absichten solche leeren Worthülsen nur schlecht überdecken konnten.
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