AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2018

Handelskrieg Wie die USA Deutschlands Wohlstand attackieren

Der US-Präsident macht Ernst. Sein Handelskrieg brüskiert Europäer und Chinesen - und bedroht das deutsche Geschäftsmodell.

US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus: Aberwitzige Vorstellungen
DOULIERY OLIVIER / ABACA / DDP IMAGES

US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus: Aberwitzige Vorstellungen


Von Frank Dohmen, Simon Hage, Alexander Jung, Peter Müller, Christian Reiermann, Christoph Scheuermann, Gerald Traufetter, Marco Wedig und Bernhard Zand

Grün ist die Farbe der Saison. Auf dem Genfer Autosalon präsentiert Ford seinen Mustang, Sonderedition Bullitt, in "Dark Highland Green". Der M8 Gran Coupé von BMW fährt im schimmernden Ton "Salève Vert" vor. Und Porsches neuer 911er sieht aus wie ein lackierter Laubfrosch. Grün wie der Frühling. Grün wie die Hoffnung.

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Heft 11/2018
Depression: Wie gerät man hinein - wie kommt man heraus?

In dieser Woche zeigen die Autohersteller in den Messehallen wieder ihre Attraktionen, doch diesmal fällt es den Managern schwerer als sonst, Zuversicht zu verströmen. Nicht weil ihre Zahlen so schlecht wären, das Gegenteil ist der Fall. Nicht weil der Dieselskandal sie belastet, daran haben sie sich fast gewöhnt. Es brauchte nur einige Buchstaben, um ihnen die Laune zu verderben, verschickt vom mächtigsten Mann der Welt.

Donald Trump hatte am vorigen Wochenende per Twitter Strafsteuern für Autos angekündigt, "die frei in unser Land strömen", wie er beklagte. Zuvor schon hatte der US-Präsident verbreitet, er wolle Importzölle einführen, 25 Prozent auf Stahl, 10 Prozent auf Aluminium, am Donnerstag unterschrieb er das entsprechende Dekret. Mit seinem flinken Daumen versetzte er mal eben große Teile der Automobil- und Metallbranche in Aufruhr.

Macht Trump seine Drohung auch gegenüber der Autoindustrie wahr, würde dies die deutschen Hersteller empfindlich treffen, vor allem Porsche. Die VW-Tochter ist stark vom Erfolg in den USA abhängig, fast jedes vierte Auto verkauft sie in Amerika. Porsche müsste wegen der Strafzölle wohl die Preise erhöhen und sinkende Verkäufe riskieren.

Mit einem Mal sehen sich die Automanager einem Phänomen ausgesetzt, das sie bisher nur aus den Geschichtsbüchern kannten: der Gefahr eines Protektionismus, der zum weltweiten Handelskrieg eskalieren könnte. "Jahrzehntelang wuchsen wir in der festen Gewissheit auf, dass Handel und freie Märkte unseren Wohlstand mehren", sagt Matthias Müller, der Vorstandschef von Volkswagen. "Auf einmal wird diese Gewissheit nun infrage gestellt."

Vor einem Jahr, da war Trump gerade ins Amt gekommen, sorgte der Präsident mit ähnlichen Äußerungen bereits für Aufregung. Damals machte eine deutsche Wirtschaftsdelegation unter Führung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dem neuen Mann im Weißen Haus ihre Aufwartung und erläuterte ihm, dass BMW beispielsweise mehr Autos in den USA herstellt als importiert, damit schien die Gefahr gebannt. Doch nun zeigt sich: Nichts hat sich erledigt, jetzt scheint Trump erst so richtig loszulegen. Argumentieren zwecklos.

Europäer, Asiaten, aber auch die Amerikaner nehmen fassungslos zur Kenntnis, welch aberwitzige Vorstellungen den Präsidenten leiten. "Handelskriege sind gut und leicht zu gewinnen", belehrte Trump die verblüffte Weltöffentlichkeit. Gegen solche Voodoo-Ökonomie wirkt selbst der alte Wall-Street-Slogan "Gier ist gut" kaum mehr anstößig.

Einer derartigen Provokation wollte die EU nicht tatenlos zusehen. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker preschte vor und drohte mit Vergeltungsmaßnahmen. Auf der Liste stehen Jeans, Kosmetika, Motorräder, Orangensaft, Whiskey, Mais: Waren im Wert von rund 2,8 Milliarden Euro, der Zoll könnte 25 Prozent betragen.

Was kommt als Nächstes aus Washington, aus Brüssel, und wie lange bleiben die Chinesen noch ruhig? Sie könnten zum Beispiel den Import von Sojabohnen aus Amerika stoppen, das träfe die dortigen Farmer hart. Oder sie blockieren die Ausfuhr Seltener Erden, spezieller Metalle, die für viele Hightechgeräte unentbehrlich sind; damit hat die Volksrepublik vor einigen Jahren schon einmal ihre Abnehmer aufgeschreckt.

Kanzlerin Merkel mit Daimler-Chef Dieter Zetsche: Aktion, Reaktion, Gegenaktion - und dann folgt die Kettenreaktion
LUO HUANHUAN / XINHUA / SIPA USA

Kanzlerin Merkel mit Daimler-Chef Dieter Zetsche: Aktion, Reaktion, Gegenaktion - und dann folgt die Kettenreaktion

Ein Mechanismus könnte in Gang geraten, der, einmal angestoßen, kaum mehr zu stoppen ist. Aktion, Reaktion, Gegenreaktion - und dann folgt die Kettenreaktion. So wachsen sich einzelne Scharmützel zu einem globalen Handelskrieg aus.

Der Konflikt, der sich hier anbahnt, ist ein Zeichen für die Zeitenwende, in der sich die globale Wirtschaft befindet. Bislang lief die Konjunktur in den meisten Regionen rund, die Welt erlebt die seltene Phase eines synchronen Aufschwungs in den meisten Regionen. Diese bequeme Zeit jedoch dürfte bald vorbei sein.

Die Zinsen steigen, die Verschuldung der öffentlichen Kassen wächst zusehends, sie raubt den Regierungen den Handlungsspielraum, manchen Staaten wird es wohl bald wieder schwerfallen, sich zu refinanzieren. Die Unsicherheit nimmt zu, wie die zunehmenden Kursschwankungen an den Finanzmärkten zeigen. In dieser heiklen Lage bremst der protektionistische Kurs der neuen Populisten und Nationalisten die wirtschaftliche Dynamik, er gefährdet den Wohlstand der Nationen.

Da ist sich die Mehrzahl der Ökonomen ausnahmsweise einig: Zollschranken bremsen das Wachstum, gefährden Arbeitsplätze, und sie treiben die Inflation in die Höhe. Wird ein Handelskrieg entfacht, gibt es keine Gewinner - am meisten aber hätten die Deutschen zu verlieren, sagt der Münchner Ökonom Gabriel Felbermayr. "Es existiert kein anderes Land, das ähnlich stark davon getroffen würde."

Felbermayr, 41, leitet am Ifo-Institut das Zentrum für Außenwirtschaft, ein Volkswirtschaftsprofessor, dunkle Brille, kahler Schädel, an der Aussprache lässt sich seine österreichische Herkunft erkennen. Felbermayr rechnet vor, wie verheerend sich Trumps Wirtschaftspolitik auf die Industrie auswirken könnte.

Jeder vierte Arbeitsplatz hierzulande hänge vom Export ab. In fünf Leitbranchen - Auto, Maschinen, Elektrotechnik, Pharma, Präzisionsinstrumente - gehen drei Viertel der Ausfuhren nach Amerika. "Wenn sich die USA abschotten, bedroht dies das deutsche Geschäftsmodell", sagt der Ökonom. "Dann wackelt alles."

Aber was tun? Wie sieht eine angemessene Antwort auf die Provokationen aus? Darin sind sich die Ökonomen weniger einig.

Felbermayr rät dazu, eine gewisse Härte zu zeigen. Käme Trump mit seinen Zollvorstößen bei Stahl und Aluminium durch, werde er dies auch in anderen Sektoren probieren, vermutet der Ifo-Experte: "Man muss ein deutliches Zeichen setzen, dass man sich nicht alles gefallen lässt." Denn: "Da kann noch einiges mehr kommen."

Sein Kollege Michael Burda, Ökonom an der Berliner Humboldt-Universität, ist anderer Meinung. "Ich würde der EU-Kommission raten, einen versöhnlichen Ton anzuschlagen", sagt der Wissenschaftler. Burda ist Amerikaner, geboren 1959 in New Orleans, an der Harvard-Universität hat er promoviert. Eine Politik des "Tit for Tat", des "Wie du mir, so ich dir", könne die Situation zum Eskalieren bringen, warnt er: "Dann versinken wir in Protektionismus."

Wäre es also sinnvoll, dass Berlin und Brüssel nachgeben, oder sollten die Handelspartner Amerikas besser einen harten Kurs fahren? Von der Antwort hängen Wohl und Wehe der Weltwirtschaft ab - und die Zukunft vieler deutscher Betriebe.

In Senden bei Neu-Ulm befindet sich der Stammsitz der ESTA Absaugtechnik. Das Familienunternehmen, gegründet 1972, baut Maschinen, die Späne, Staub und Warmluft aus Werkstätten absaugen. Rund 200 Mitarbeiter sind hier beschäftigt, sie beliefern 30 Länder der Welt, ein großer Anteil geht in die USA. Vor zwei Jahren gründete ESTA in North Carolina eine Tochterfirma.

Damals war Trump gerade gewählt worden, und Peter Kulitz, Geschäftsführer in zweiter Generation, gehörte zu den wenigen, die dem neuen Präsidenten auch etwas Positives abgewinnen konnten. Er habe Unternehmergeist bewiesen, und er wechsele bestimmt noch vom Wahlkampf- in den Regierungsmodus, dachte Kulitz damals.

Heute sieht der Unternehmer dies anders. "Trumps außergewöhnliche Sprunghaftigkeit hat mich ziemlich ernüchtert", sagt Kulitz. Der Handelskonflikt beunruhigt ihn, er fürchtet, dass sich eine Spirale in Gang setzt. Bisher zahlte sein Unternehmen nur wenig Zölle auf die Maschinen, die sie ausführen. Ginge Trump dazu über, komplette Geräte substanziell zu bezollen, würden auch die Absauganlagen in den USA teurer - für Kulitz ein Schreckensszenario angesichts des harten Wettbewerbs auf dem US-Markt.

Deutsche Exportfirmen haben im Amerikahandel viel zu verlieren. Die USA sind der wichtigste Absatzmarkt für ihre Produkte, der Wert der Güter hat sich seit 1990 beinahe verfünffacht. Fast zehn Prozent aller Waren, die Deutschland ausführt, gehen über den Atlantik. Mehr als 1,5 Millionen Arbeitsplätze hängen direkt und indirekt vom Geschäft mit den Vereinigten Staaten ab.

Allein der Export von Fahrzeugen macht etwa ein Viertel der Ausfuhren aus Deutschland in die USA aus. Knapp 500.000 Autos exportieren deutsche Hersteller nach Amerika - weit mehr aber, rund 800.000 Fahrzeuge, stellen sie an US-Standorten her, für den dortigen Markt oder für Drittmärkte.

BMW hat in Spartanburg rund 10.000 Jobs geschaffen, eine weitere Großinvestition im Volumen von mehr als 600 Millionen Dollar ist in Planung. BMW-Chef Harald Krüger selbst war es, der den US-Präsidenten im vorigen Jahr darauf hinwies. Damals lobte Trump, Krüger mache "einen unglaublichen Job". Aber was sind solche Aussagen wert, wenn er einige Monate später schon zur nächsten Attacke ausholt?

"Wenn unser Exportmodell beschränkt wird", sagt Krüger heute, dann müsse BMW künftig wohl "anders handeln". Soll heißen: Seine Geduld ist begrenzt.

Der Autokonzern trifft bereits konkrete Vorkehrungen für einen möglichen Handelskrieg, er stockt seinen Stab von Steuer- und Zollexperten auf. Außerdem kontaktieren die Münchner jetzt regelmäßig Lindsay Graham, republikanischer Parteikollege Trumps und Senator aus South Carolina, wo sich das BMW-Werk befindet. Graham hat sich bereits offen gegen Trump und dessen Strafzölle gestellt.

Zudem prüft das Unternehmen einen Schritt, der bislang kaum denkbar schien: Die Produktion des Geländewagens X5, bislang ein Privileg des US-Werks, könnte künftig verstärkt im wichtigsten Exportmarkt China erfolgen. Das Kalkül: Sollte auch China mit Strafzöllen reagieren, dann sichert sich BMW einen Platz im asiatischen Wachstumsmarkt. Wenn es so käme, würden die USA Opfer ihres eigenen Protektionismus.

Auch in der Stahlbranche kann die Verhängung von Zöllen zu ungeahnten Effekten führen. Die deutsche Schwerindustrie fürchtet weniger die direkten Konsequenzen, wenn Amerika Stahlimporte um 25 Prozent verteuert; dieses Geschäft spielt für Konzerne wie Thyssenkrupp oder Salzgitter keine entscheidende Rolle.

Viel gefährlicher wäre ein Nebeneffekt: Die US-Zölle könnten die Warenströme im Stahlhandel umlenken. Seit Jahren ist der globale Markt aus dem Gleichgewicht, die Produzenten stellen jährlich 1,6 Milliarden Tonnen Rohstahl her, gebraucht werden aber nur rund 900 Millionen. Besonders China trägt zu diesem Missverhältnis bei. Billige Energie und niedrige Löhne versetzen die Stahlkocher dort in die Lage, ihre Produkte zu Spottpreisen in aller Welt anzubieten. Schotten die USA nun ihre Märkte ab, flösse noch mehr Billigstahl aus Fernost in die EU als bisher schon. In diesem Fall "droht Europa zum Abfallkübel der Welt zu werden", sagt Wolfgang Eder, Chef des österreichischen Stahlkonzerns Voestalpine.

Am Dienstag machten Verbandsvertreter und Vorstände von Thyssenkrupp, ArcelorMittal und der Georgsmarienhütte deshalb bei Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig (SPD) ihre Aufwartung. Machnig ist so etwas wie der Handelsbeauftragte der geschäftsführenden Bundesregierung. Die Stahllobbyisten haben ein Positionspapier formuliert, darin warnen sie, dass die Importe in die EU binnen weniger Monate um bis zu 40 Prozent steigen könnten: "Dies würde unmittelbar zu einer erneuten Eskalation der Importkrise in Europa führen."

Stahlproduktion bei Thyssenkrupp in Duisburg: "Europa droht zum Abfallkübel der Welt zu werden"
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Stahlproduktion bei Thyssenkrupp in Duisburg: "Europa droht zum Abfallkübel der Welt zu werden"

Die Stahlvertreter rufen zudem die EU auf, bei der Welthandelsorganisation WTO gegen die Maßnahmen der US-Regierung zu klagen. Sie wissen aber auch, wie wenig erfolgversprechend ein solches Vorgehen ist. Bis zur letztinstanzlichen Entscheidung kann es Jahre dauern. Außerdem unterminieren die Amerikaner gegenwärtig das Schiedsgericht, indem sie frei werdende Stellen dort nicht nachbesetzen. Es ist möglich, dass das Gremium bald nicht mehr handlungsfähig sein wird.

Machnig betrachtet die angedrohten Strafzölle als Attentat auf den ökonomischen Weltfrieden, man dürfe das nicht einfach so hinnehmen. "Es ist klug, dass die EU über Reaktionen diskutiert", sagt er. "Wir wollen keinen Handelskrieg, aber wenn die USA Maßnahmen beschließen, muss es eine gemeinsame europäische Antwort geben." Auf der Konferenz der Handelsminister vergangene Woche in Sofia, bei der Machnig die Bundesregierung vertrat, herrschte jedenfalls grimmige Entschlossenheit. Für den Fall amerikanischer Strafzölle sollten "angemessene Gegenmaßnahmen getroffen werden".

Machnig war häufig in Washington, er kennt die Akteure gut. "Im Weißen Haus findet ein Kampf der Denkschulen statt", sagt der SPD-Mann: Freihändler gegen Protektionisten. Deren prominenteste Vertreter sind ausgerechnet für Handel zuständig: Wirtschaftsminister Wilbur Ross und der Handelsbeauftragte George Lighthizer.

Die moderaten Kräfte in Washington sind dagegen auf dem Rückzug, Leute wie der Wirtschaftsberater Gary Cohn, ein ehemaliger Goldman-Sachs-Manager: Er kündigte am Dienstag seinen Abgang an. Und Paul Ryan, der Sprecher des Repräsentantenhauses, bislang ein entschlossener Unterstützer des Präsidenten, warnte ausdrücklich vor einem Handelskrieg und appellierte an ihn, "diesen Plan nicht weiter zu unterstützen". Damit bleiben nicht mehr viele übrig, die Trumps schlimmste Impulse bändigen können.

Der Handelskrieg, den Trump ankündigte, kam unerwartet, aber nicht völlig überraschend. Seit Jahrzehnten giftet Trump gegen eine US-Handelspolitik, die aus seiner Sicht allen nutzt, nur nicht den USA. Er ist überzeugt davon, dass China, Kanada, Mexiko und die EU den Vereinigten Staaten bewusst Schaden zufügen, indem sie überproportional stark von internationalen Abkommen profitierten.

Mit verschränkten Armen saß Trump am vergangenen Donnerstag im Cabinet Room des Weißen Hauses und sagte: "Die Welthandelsorganisation ist ein Desaster für unser Land." Um ihn herum hatten die Chefs von großen Stahl- und Aluminiumproduzenten des Landes Platz genommen; US Steel, Nucor, United Aluminium. Sie nickten. Die WTO sei gut für China und andere, sagte Trump, aber nicht gut für die USA. Dann sprach er die Drohung mit den Strafzöllen aus.

Dass er dies ausgerechnet jetzt tut, ist kein Zufall. Seine Regierung steckt gerade mitten in den Verhandlungen zu einem veränderten Freihandelsabkommen mit Kanada und Mexiko, beides Stahllieferanten der USA. Vor wenigen Tagen trafen sich die Unterhändler der drei Länder in Mexiko-Stadt, um zu erkunden, ob und wie sich dieses sogenannte Nafta-Abkommen verbessern ließe. Bislang sind sich die Parteien nicht einig geworden, Mexiko und Kanada lehnen es ab, das Paket völlig neu aufzuschnüren. Wenn sie mit ihm eine Vereinbarung erzielten, so Trump, könne er sie jedoch von den Aufschlägen befreien.

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Innenpolitisch nutzt dem Präsidenten die Drohung mit einem Handelskrieg vor allem mittelfristig in den Zwischenwahlen Anfang November. Solange er sich als Mann der Fünfziger- und Sechzigerjahre inszenieren kann, als die Stahl- und Aluminiumindustrie in den USA geblüht haben, ist ihm die Zustimmung vieler Wähler im sogenannten Rostgürtel sicher. Auf Twitter schrieb Trump: "Ohne Stahl und Aluminium ist ein Land nicht das, was es sein sollte." Immer wieder nennt er die US-Handelspolitik eine "Schande".

Es ist die Beschwerde eines Mannes, der sich von Neidern und übelmeinenden Konkurrenten umzingelt sieht, die sich, so sieht er das, zu seinem Nachteil bereichern wollen. Trump begreift Politik als Nullsummenspiel. Wenn andere mehr bekommen, hat er weniger, das ist sein Dogma. Dahinter steckt die Furcht, am Ende als Verlierer dazustehen, als Opfer. Amerika sei "von praktisch jedem Land der Welt abgezockt worden", klagt er.

In dieser Allgemeinheit ist die Aussage sicher falsch, doch sie verbirgt ein Körnchen Wahrheit. Die Amerikaner verlangen auf importierte Autos zum Beispiel nur 2,5 Prozent Zoll, Europa dagegen schlägt 10 Prozent auf jedes Fahrzeug auf, das aus den USA geliefert wird. So wurde es in der Uruguay-Runde verhandelt, der Welthandelsrunde, die 1994 abgeschlossen wurde. Klagt Trump also zu Recht?

Vergleicht man die Zollprofile der USA und EU miteinander, ergibt sich kein eindeutiges Bild. Die Amerikaner erheben bei einer Reihe von Gütern niedrigere Zölle, bei Milchprodukten oder eben auch bei Autos. In anderen Positionen dagegen verlangen sie höhere Tarife, bei Mineralölprodukten oder Textilien.

Über alle Industriegüter hinweg betrachtet, liegen die Zölle auf einem ähnlichen Niveau: Die USA nehmen im Schnitt 3,2 Prozent, die Europäer 3,9 Prozent. Dieser Unterschied sei aber zu vernachlässigen, sagt der Kieler Ökonom Rolf Langhammer: "Schon ein kleiner Sprung im Wechselkurs kann ihn aufheben."

Auch Trumps Vorwurf, Deutschland überschwemme die Welt mit Waren, führe selbst aber nicht genügend Güter ein, erweist sie bei näherer Betrachtung als fragwürdig. Zwar existiert im Austausch von Waren ein deutliches Gefälle, bei den Dienstleistungen allerdings hält es sich die Waage. Und digitale Serviceleistungen schlagen sich in der Handelsbilanz gar nicht erst nieder. Genau diese Geschäfte jedoch sind die Domäne amerikanischer Hightechkonzerne wie Google oder Facebook.

"Wir betasten einen Elefanten mit verbundenen Augen", bedauert Ökonom Langhammer die begrenzte Aussagefähigkeit der amtlichen Statistik. Man nehme nur einen kleinen Teil des Dienstleistungssektors wahr, erkenne aber nicht das große Ganze.

Um solche Feinheiten der Außenhandelsbilanz schert Trump sich nicht, massive Kritik betrachtet er gern als Bestätigung. Trump weiß, dass seine Parteifreunde gegen Zölle sind. Er weiß aber auch, dass er seine größten Erfolge genau dann erzielt, wenn er die Vernachlässigten gegen das Washingtoner Establishment aufpeitscht und sich gegen die Elite in beiden Parteien stellt. Unter denjenigen, die dem Präsidenten derzeit am lautesten zujubeln, sind die Mitglieder der Stahlgewerkschaften, die bislang eher den Demokraten zugewandt waren. Auch das nutzt dem Mann im Weißen Haus im Vorfeld der Kongresswahlen im November.

Nun sollte man meinen, die Amerikaner hätten ihre Lektion gelernt. Die Geschichte ist voll von Beispielen protektionistischer Initiativen. Sie demonstrieren, dass sie in der Regel mehr Schaden anrichten, als dass sie Vorteile bringen.

Der Smoot-Hawley-Act von 1930, nach zwei Politikern aus Utah und Oregon benannt, hob die Zölle von rund 20.000 ausländischen Gütern drastisch an, auf bis zu 60 Prozent, so sollten vor allem US-Agrarprodukte geschützt werden. Mehr als tausend Wirtschaftsprofessoren unterschrieben eine Petition gegen das Gesetz. Doch der ökonomische Nationalismus war stärker, die Konsequenz desaströs: Die ausländischen Regierungen erhöhten ihrerseits die Zölle. In den folgenden Jahren verlor der US-Außenhandel zwei Drittel seines Volumens.

Viele Jahrzehnte später, im März 2002, führte der damalige US-Präsident George W. Bush Zölle von bis zu 30 Prozent auf Stahl ein, das Ausland reagierte mit Vergeltungsmaßnahmen. Die Ausgaben für die Aktion übertrafen ihren Nutzen bei Weitem. Der Präsident hob die Zölle schon 20 Monate nach Einführung wieder auf.

Bushs Nachfolger Barack Obama führte eine Importsteuer ein: 35 Prozent auf Autoreifen, die aus China eingeführt wurden. Zwar entstanden in der Folge rund 1200 neue Arbeitsplätze in der US-Reifenindustrie, doch jeder neue Job war extrem teuer bezahlt: mit rund 900.000 Dollar, wie eine Studie des Peterson-Instituts ergab.

Trump ist also beileibe nicht der erste amerikanische Präsident, der solche Instrumente einsetzen will. Aber kein anderer verhält sich so maßlos und ist so unberechenbar in Wort und Tat.

Die Welt ist beunruhigt, am meisten vielleicht die Regierung in China. Die Volksrepublik ist die größte Handelsnation der Erde, seit fünf Jahren schon, China exportiert Waren im Wert von mehr als 2000 Milliarden Dollar pro Jahr, fast ebenso viel importiert es. Ein globaler Handelskrieg würde die Supermacht hart treffen. Etwa 18 Prozent der Exporte Chinas gehen in die USA.

Schon im Wahlkampf hatte der Präsidentschaftskandidat Donald Trump kein Land so hart angegriffen wie China. Peking stehle amerikanische Arbeitsplätze, manipuliere seine Währung, ja "vergewaltige" die USA: "Es ist der größte Diebstahl in der Geschichte der Welt." Wenn er die Wahl gewinne, werde er Strafzölle von bis zu 45 Prozent auf chinesische Produkte erheben.

Trump gewann die Wahl, Peking sammelte bereits die Truppen für einen Handelskrieg und führte in der Staatspresse seine Waffen vor: den größten Automarkt der Welt, den am schnellsten wachsenden Luftfahrtsektor, die Millionen von Apple-, Starbucks- und McDonald's-Kunden, selbst die 330.000 chinesischen Studenten an US-Hochschulen.

Plakat mit Porträt von Chinas Präsident Xi in Peking: Die asiatische Supermacht würde hart getroffen - 18 Prozent der Exporte gehen in die USA
AP

Plakat mit Porträt von Chinas Präsident Xi in Peking: Die asiatische Supermacht würde hart getroffen - 18 Prozent der Exporte gehen in die USA

Doch die Schlacht um den Welthandel wurde erst einmal verschoben. Trump lud Chinas Präsidenten Xi Jinping nach Florida ein, flog seinerseits nach Peking und zeigte sich von seinem Gastgeber beeindruckt. Er mache nicht Peking verantwortlich für das klaffende Loch in der Handelsbilanz zwischen den USA und China, sagte er. "Wer kann ein Land schon dafür beschuldigen, dass es ein anderes Land zum Vorteil seiner eigenen Bürger ausnutzt?"

Nun also startet Washington erneut einen Angriff, auch wenn Trump diesmal China nur am Rande erwähnte. Am vergangenen Wochenende war Xis engster Wirtschaftsberater Liu He eigens nach Washington gereist, um Spannungen abzubauen; auch die chinesische Presse ist zurückhaltender als noch vor einem Jahr, ein Zeichen für die Sorge, die Trumps Kurs in Peking weckt.

Rhetorisch hat sich China zu einem Verteidiger des Freihandels aufgeschwungen. "Protektionismus zu betreiben ist, als wenn man sich in einem dunklen Raum verbarrikadiert", sagte Xi 2017 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos: "Wind und Regen mögen ausgesperrt bleiben, ebenso aber auch Licht und Luft."

In Wahrheit verhält sich China selbst protektionistisch, westliche Unternehmen klagen stärker denn je über mangelnden Marktzugang. In den meisten Branchen zwingt Peking ausländische Firmen, in Gemeinschaftsunternehmen mit chinesischen Partnern einzutreten. Vor allem in lukrativen Sektoren können Ausländer oft nur um kleine Projekte mitbieten, zum Beispiel beim neuen Hochgeschwindigkeitszug "Fuxing", der auf deutschem und japanischem Know-how beruht. Deutschen Studenten fällt es schwer, auch nur ein Praktikum in einer chinesischen Firma zu bekommen.

Solche subtilen Hindernisse setzen Staaten und Unternehmen im Handel inzwischen überall auf der Welt verstärkt ein. Sie stellen eine neue Form des Protektionismus dar. Die klassische Zollpolitik hatte in den vergangenen Jahrzehnten dagegen an Bedeutung verloren, das Niveau ist stetig gesunken, es liegt weltweit im Schnitt bei knapp acht Prozent. Das ist etwa halb so hoch wie Mitte der Neunzigerjahre und ein Drittel dessen, was 1947 an den Grenzen kassiert wurde: Damals erreichten die Zölle im Mittel 22 Prozent.

Das schien alles lange her zu sein - bis zur Twitter-Tirade des vorigen Wochenendes. Bewegt sich in Zeiten von Trump der Welthandel also zurück in die Zukunft?

Mehrere Szenarien sind denkbar. Das erste: Trumps Äußerung erweisen sich nur als Rhetorik, und es geschieht nichts oder zumindest nicht viel. Das kann sein, allerdings ist es schwer vorstellbar, dass nach solchen Attacken die Regierungen weltweit so einfach ins normale Geschäft zurückkehren werden.

Das zweite: Die USA isolieren sich, während Europa und Asien näher zusammenrücken. Dafür gibt es Hinweise, zum Beispiel das Freihandelsabkommen, das die EU mit Japan im vergangenen Jahr abgeschlossen hat. Andererseits: Amerika kann sich kaum aus dem globalen Zusammenhang herausnehmen, dafür ist es zu bedeutend. Ein Viertel der globalen Nachfrage nach Wirtschaftsgütern geht von den Vereinigten Staaten aus.

So bleibt das dritte, das düstere Szenario, die Möglichkeit eines Handelskrieges. Eine solche Auseinandersetzung würde das Ende einer Ära markieren, der Ära des liberalen Welthandels, wie er sich seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat - und zugleich den Beginn einer postglobalen Ordnung.

Es steht viel auf dem Spiel. In Brüssel ist die Anspannung besonders zu spüren, ein Handelskrieg mit den USA ist das Letzte, was die im Inneren zerrissene Gemeinschaft jetzt noch brauchen kann.

Im zwölften Stock des Parlamentsbaus beugt sich Bernd Lange über die klein gedruckten Listen mit den möglichen Vergeltungsmaßnahmen. Der SPD-Europaparlamentarier ist Vorsitzender des Handelsausschusses, in dieser Woche tagten die Parlamentarier wegen Trumps Ankündigung gleich mehrfach.

Handelsexperte Lange schaut sich die sogenannten Zolllinien in den Papieren an, darin sind die Produkte aufgelistet, die die EU mit Zöllen belegen könnte. Für Whiskey gibt es gleich mehrere Zolllinien, je nach Sorte, der potenzielle Schaden für die USA liegt bei rund einer halben Milliarde Euro.

Weitere Einträge betreffen Motorboote über und unter 7,5 Meter Länge, auch bei Motorrädern gibt es zwei Kategorien, kleinere mit unter 800 Kubikzentimetern und größere darüber. Hier schaut Lange besonders genau hin, privat fährt er eine BMW R 1200 RS.

Am liebsten würde der Handelsexperte die Listen wieder in der Schublade verschwinden lassen. Noch hat Lange die Hoffnung nicht aufgegeben, dass der Konflikt beizulegen ist. "Mal sehen, ob wir dazu gezwungen sind, sie einzusetzen", sagt er.

Entschieden wird darüber nicht in Brüssel, sondern in Washington. Donald Trump hat das Smartphone in der Hand.



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