AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2017

Gespaltenes Amerika Warum eine Kellnerin 450 Dollar Trinkgeld bekam

Plötzlich auf feindlichem Gebiet: Der eingefleischte Trump-Fan Jason White und seine Kumpel gerieten in ein Lokal eingefleischter Trump-Gegner - und an die Kellnerin Rosalynd Harris. Eine bemerkenswerte Begegnung.

Leere Busboys-and-Poets-Filiale während einer Anti-Trump-Protestaktion
AFP

Leere Busboys-and-Poets-Filiale während einer Anti-Trump-Protestaktion

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Eigentlich war die Reise von Jason White, Zahnarzt aus Texas, Verehrer von Donald Trump, bereits beendet, und sie war im Großen und Ganzen so verlaufen, wie er es erwartet hatte. Am Freitag hatte White vor dem Kapitol in Washington gestanden, um den Moment, in dem Trump den Amtseid leistet, nicht vor dem Fernseher, sondern vor Ort zu erleben. Am Samstag hatte White beobachtet, wie die Gegner von Donald Trump durch die Straßen von Washington zogen. Wild, unbeherrscht und obszön, so nahm er sie wahr. Der Tiefpunkt des Tages war die Begegnung mit einer kleinen Gruppe Demonstranten, die ein Kind dabeihatten. Dieses Kind versteckte sich hinter den Erwachsenen, und als es White und dessen Freunde mit ihren roten Trump-Caps sah, sagte das Kind: "Da sind noch mehr von denen" - und zeigte mit dem Finger auf den Zahnarzt, als wäre er ein unberechenbarer Irrer.

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Heft 9/2017
Die Schulz-Debatte: Wie gerecht ist das Land?

Nun, am Montag, war Jason White wieder auf dem Weg zum Flughafen. Was er in Washington erlebt hatte, bestätigte seine Sicht auf Amerika und die Amerikaner. Das Land teilt sich in Gut und Schlecht, und wer nicht dachte wie er, Jason White, stand auf der Seite der Schlechten. Bevor sie aus der Stadt herausfuhren, entschlossen sich White und seine Reisegruppe, noch etwas zu essen. Es war ein Entschluss mit unerwarteten Folgen.

White
privat

White

Der Fahrer des Uber-Autos hielt im historischen Distrikt Washingtons. Es regnete, White eilte über den Bürgersteig, denn er hatte gesehen, dass dort ein Restaurant war. Er hatte nicht gesehen, was für ein Restaurant es war. Er zog die Tür auf, ging hinein und wusste wie seine Mitreisenden sofort, dass dies der falsche Ort war für Leute wie sie.

An den Wänden des Restaurants hingen Plakate, die so aussahen wie jene, die er während der Demonstration gesehen hatte. Sie verdammten in Großbuchstaben Sexismus, Kriegstreiberei, die Unterdrückung der Schwarzen. Eine Frau ging an ihnen vorbei, sie trug ein T-Shirt mit dem Slogan: "Tierschutz ist Sache von Feministinnen."

White stand im "Busboys & Poets" an der 14. Straße, einem Szenetreffpunkt schwarzer Aktivisten. "Wir waren", erzählt White jetzt am Telefon, "auf feindlichem Gebiet."

Was macht man da? Gehen? Bleiben? White und seine Freunde entschlossen sich zu bleiben, sie wollten nicht feige sein.

Sie schoben sich zwischen den Tischen hindurch, verfolgt von Blicken, die nicht freundlich waren. Als sie endlich saßen, sagte White zu einem seiner Freunde: "Nimm das Trump-Cap ab und, nein, häng es nicht über den Stuhl, stopf es in deine Jacke!"

Dann warteten sie darauf, bedient zu werden. White schätzt, dass es fünf Minuten dauerte, fünf lange Minuten, bis sich endlich jemand ihrem Tisch näherte. Es war eine Kellnerin, schwarz und jung. Ihr Name ist Rosalynd Harris, und ihre Körpersprache sagte White: Sie mag uns nicht.

Rosalynd Harris gehörte zu denen, die am Samstag gegen Trump auf die Straße gezogen waren, und sie musste nun eine Entscheidung treffen. Wie sollte sie diese Männer, die jetzt etwas bei ihr bestellen wollten, behandeln? Als politische Gegner, die sie zweifellos waren? Oder als Gäste, die sie ebenfalls waren? Sollte sie die Spaltung Amerikas hier in diesem Restaurant, an diesem Tisch, in diesem Moment noch ein Stück weiter treiben? Oder sollte sie nur ihren Job machen?

Harris wählte Option zwei, setzte ein freundliches Lächeln auf und fragte die Gäste, wie es ihnen gehe, was sie wünschten. So hatte sich Jason White die Begegnung mit dem Feind nicht vorgestellt. Was er bisher für liberales Gesocks gehalten hatte, lächelte ihn jetzt an. Und White machte der Frau, die er vor wenigen Sekunden noch nicht leiden mochte, ein Kompliment. "Ein tolles Lächeln haben Sie", sagte er und blickte auf ihre Zähne, er war ja Zahnarzt.

Rosalynd Harris
privat

Rosalynd Harris

Es waren kluge Entscheidungen. Von Rosalynd Harris. Von Jason White. Beide entschieden sich gegen die Wut, gegen das in Amerika zurzeit vorherrschende Gefühl.

Was folgte, neben der Bestellung, war ein freundliches Gespräch, nicht über Politik, sondern über dies und das, eher ein Geplauder, so erinnert sich Jason White heute. Entscheidend war nicht der Inhalt, sondern der Ton.

Rosalynd Harris sagte später über White: "Ich habe liberale Freunde, die engstirniger sind als dieser Gast." White war von der Begegnung so beeindruckt, dass er seine Gefühle schriftlich festhielt, gleich hier im Restaurant, auf der Rechnung. Er schrieb: "Wir mögen aus unterschiedlichen Kulturen stammen und unsere Meinungsverschiedenheiten haben, aber wenn jeder so nett, so freundlich wäre wie Sie, könnte unser Land wieder zusammenwachsen."

Dann erhöhte er den Rechnungsbetrag. Von 72,60 Dollar auf 522,60 Dollar.

White gab 450 Dollar Trinkgeld. Der Betrag ist nicht zufällig gewählt. Er dachte dabei an Donald Trump, seinen Präsidenten, den 45. der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Summe versteht Jason White auch als Ermahnung an Trump, von einem seiner Unterstützer.

Trump soll sich Andersdenkenden gegenüber anständig verhalten, und wenn er nicht weiß, wie das geht, soll er einfach an die Kellnerin Rosalynd Harris denken.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
aggro_aggro 01.03.2017
1. Inflation?
Wie sieht das eigentlich mit der Inflation in den USA aus? Immer wieder tauchen in amerikanischen Geschichten Beträge auf, die Europäer sprachlos machen. Ja, die Einkommensunterschiede sind in den USA größer, die Menschen haben außerdem mehr netto vom brutto (was sie in Bereichen ausgeben müssen, die in Europa inkl. sind). Aber 450 Dollar Trinkgeld für ein politische Geste.... oder 2500 Dollar für einen Monat Kindergarten in New York... oder 16 Dollar für einen Smoothie in Malibu... oder Wohngeldzuschüsse für Arbeitnehmer mit sechsstelligem Gehalt in San Francisco... irgendwie scheinen Geldbeträge dort manchmal etwas anderes zu bedeuten als in Europa.
surtur 01.03.2017
2. Journalistische Freiheiten
Ich möchte jetzt nicht einen Artikel zerfleddern, der mit besten Absichten geschrieben wurde. Vor allem da die Botschaft durchaus Hoffnung gibt. Aber ich habe den Eindruck das der Autor an manchen Stellen die Tatsachen etwas "optimiert" hat. So schreibt er Beispielsweise: ,,...Was er in Washington erlebt hatte, bestätigte seine Sicht auf Amerika und die Amerikaner. Das Land teilt sich in Gut und Schlecht, und wer nicht dachte wie er, Jason White, stand auf der Seite der Schlechten....`` Wenn man sich aber die Abschnitte vorher anschaut und den Artikel in der Washington Post hat White ja eher die umgekehrte Erfahrung gemacht. Die Gegner von Trump waren die mit der Sicht, das sich das Land in Gut und Schlecht teilt und wer nicht denkt wie die Gegner von Trump, steht auf der Seite der Schlechten. Weiter geht es mit dem letzten Abschnitt: ,,...Die Summe versteht Jason White auch als Ermahnung an Trump, von einem seiner Unterstützer. Trump soll sich Andersdenkenden gegenüber anständig verhalten...`` Das findet sich in keiner mir verfügbaren Quelle. Auch nicht in der Washington Post, die ja immerhin ein Interview mit White geführt hat. Das einzige was White erwähnt ist, dass er nicht komplett mit Trumps Rhetorik übereinstimmt und Trump seiner Meinung nach zu oft unüberlegte Aussagen macht. Alles in allem habe ich bei dem Artikel den Eindruck, dass er (künstlich) die Botschaft vermitteln möchte, dass ein sturer, mit Vorurteilen beladener, Trump Beführworter von einer charmanten Kellnerin eines besseren belehrt und geläutert wurde und voller Dankbarkeit eine exorbitantes Trinkgeld gegeben hat. Dabei dürfte es eher so gewesen sein, dass die Realität (marodierende Demonstranten in Washington) Jason Whites Befürchtungen über die Demonstranten bestätigt hat und eine Kellnerin in dazu gebracht hat wieder an das Gute in ihnen zu glauben. Die Ironie daran ist ja, dass die Kellnerin umunwunden zugibt, selber Vorurteile gegenüber White gehabt zu haben. Wer sich übrigens über den aktuellen Status der "Annäherung" informieren möchte kann sich die Diskussion unter der, im Artikel, verlinkten Meldung auf Twitter anschauen. Ich befürchte das politische Feld in den USA hat noch einen langen Weg vor sich.
epicentre 02.03.2017
3. Warum Geld ausgeben??
Der Artikel ist übernommen aus der Washington Post, wo er kostenlos abrufbar ist. Warum soll ich hier jetzt Geld ausgeben auf Spiegel online?
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