AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2017

Trumps USA "Sie sind untauglich für die Einreise in die Vereinigten Staaten"

Prince Kojo Hilton aus Ghana war als Redner zu einem Afrikakongress in Los Angeles eingeladen. Doch sein Visumsantrag wurde in der US-Botschaft abgelehnt - und wie ihm erging es allen Teilnehmern aus Afrika. Warum?

Prince Kojo Hilton

Prince Kojo Hilton

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Der Tag, an dem Prince Kojo Hilton in den Sog von Donald Trumps Politik geriet, begann für ihn noch im Dunkeln. Er war früh aufgestanden an diesem Montag im März, gegen fünf Uhr. Er stand vor dem Spiegel in seinem Haus in Accra, der Hauptstadt Ghanas, kämmte sich den Bart, zog geputzte Schuhe an, ein traditionelles Hemd. Er sah wirklich unternehmerisch aus, fand er.

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Heft 20/2017
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Er packte seine Dokumente zusammen, den Reisepass. Um sechs Uhr stieg er ins Taxi und machte sich auf den Weg zur US-amerikanischen Botschaft.

Klar, so Hilton, hatte er von Trumps Einreiseverbot für Bürger muslimischer Staaten gehört. Doch er hatte nichts zu befürchten, dachte er. Mehr als 70 Prozent der Menschen in Ghana sind Christen.

Hilton ist 35 Jahre alt, Sohn einer Näherin und ziemlich bekannt in seinem Land. Mit vier Jahren fing er an zu zeichnen, erst Cartoons, dann malte er Plakate von "James Bond"-Filmen ab und von seinem größten Kindheitshelden: Jean-Claude Van Damme. Seine Mutter sorgte sich, weil er in Bildwelten verschwand, statt Mathe-Hausaufgaben zu machen. Doch mit 15 Jahren bekam ihr Sohn erste Aufträge vom Staatstheater, als Kulissenmaler, und da hörte sie auf, sich um ihn zu sorgen. Heute trägt Hilton gern Herrenhüte und tritt in Fernsehshows auf, ein freundlicher Mann. Er arbeitet als Art-Direktor für Filme, als Bühnenbildner, dreht Musikvideos. 2014 entdeckten ihn die Macher der Netflix-Serie "Sense8" und engagierten ihn als Set-Designer. Das war sein größter Moment.

Dann kam die Einladung nach Amerika.

Die Veranstalter eines Wirtschaftskongresses für afrikanische und amerikanische Geschäftsleute waren auf ihn aufmerksam geworden. Sie luden ihn als Redner an die University of Southern California in Los Angeles ein. Unternehmer aus Nigeria, Südafrika, Uganda würden teilnehmen, Investmentbanker, Agraringeineure, Ölfirmen hatten zugesagt.

Und amerikanische Investoren. Für Hilton eine große Sache. Er wollte die Veranstaltung nutzen, um Partner für sein neuestes Projekt zu finden: eine Kunsthochschule für Ghana.

Das Hotel war gebucht, der Flug musste nur bestätigt werden. Jetzt fehlte ihm noch das Visum. Hilton stellte sich in die Schlange vor der Botschaft in Accra. Er hielt die Einladung der Veranstalter in den Händen, das Kongressprogramm, in dem auch sein Name stand, Kontoauszüge, seine Firmenpapiere. Um 7.30 Uhr wurde er in ein Büro geführt, dort saß ein älterer Beamter.

Er fragte: "Sind Sie verheiratet?"

Hilton antwortete: "Nein."

"Haben Sie Kinder?"

"Eine Tochter."

Der Mann verließ den Raum, kam wieder rein. Dann sagte er: "Sie sind untauglich für die Einreise in die Vereinigten Staaten."

Wenig später an diesem Montag begann bei Mary Flowers in Kalifornien das Telefon zu klingeln.

Flowers ist die Veranstalterin des Kongresses, eine Geschäftsfrau, die sich auf afrikanische Märkte spezialisiert hat. Vor vier Jahren hat sie den Kongress in Los Angeles ins Leben gerufen, weil sie der Überzeugung ist, dass ihre Landsleute keine Ahnung von Afrika haben - und deshalb beiden Seiten Geschäftschancen entgehen.

Flowers sieht beim Gedanken an Afrika vor allem Potenzial, erzählt sie. Sie spricht von wachsenden Märkten, grüner Energie, von Agrarentwicklung und Infrastruktur. Die meisten Amerikaner aber, sagt sie, sähen stattdessen "einen Dschungel vor sich, in dem sich die Menschen von Ast zu Ast schwingen". Sie denken nicht an erfolgreiche Geschäftsleute wie Hilton. Flowers will das ändern.

Drei Tage vor der Veranstaltung meldete sich eine Delegation, die aus Nigeria anreisen sollte: Der Gruppe war die Einreise verweigert worden. Dann riefen Teilnehmer aus Uganda an, aus dem Senegal: Nicht ein Visum wurde ausgestellt. Flowers war Probleme gewohnt, schon in den vergangenen Jahren waren Visa verwehrt worden. Aber diesmal traf es 100 Prozent ihrer afrikanischen Gäste.

Es gibt keine Beweise, aber Flowers glaubt nicht an einen Zufall. Sie vermutet, dass die US-Botschaften Anweisung aus Washington erhalten haben, Visumanträge mehrheitlich abzulehnen. Oder zumindest, dass sich die Beamten dazu ermutigt fühlten durch den neuen Präsidenten, in vorauseilendem Gehorsam.

Trump hatte in der Woche zuvor sein zweites Einreiseverbot erlassen, nachdem das erste gerichtlich gestoppt worden war: Bürger aus Iran, dem Jemen, Libyen, Somalia, Syrien und dem Sudan sollten nicht mehr in die USA einreisen dürfen - auch dieses Ansinnen wurde gestoppt. Trump sagt, er wolle das Land vor Terroristen schützen. Auch vor ghanaischen Kulturschaffenden, wie es scheint.

Flowers und ihre Gäste warten bis heute auf eine Begründung. Sie schäme sich für den Präsidenten, sagt sie, jeden Tag. Prince Kojo Hilton sagt, er habe fast geweint.

Am 16. März begann der Afrikakongress ohne einen einzigen Teilnehmer aus Afrika. Ein paar Geschäftsleute aus der afrikanischen Diaspora konnten kommen, aus Großbritannien, Dubai, den USA.

Doch es fehlten mehrere Redner, Stuhlreihen blieben leer, alles in allem eine traurige Veranstaltung. Sie überlege jetzt, den Kongress ins Ausland zu verlegen, sagt Flowers. Nach Dubai vielleicht, irgendwohin, wo man gute Geschäftsleute zu schätzen weiß.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
JaguarCat 03.08.2017
1. Kongresse gehen auch woanders
Wenn die USA sich abschotten wollen, dann bittesehr. Solche Kongresse kann man auch in Europa oder Asien stattfinden lassen. Die Erkenntnisse daraus kommen dann auch zuerst diesen Ländern zugute und halt nicht mehr den USA.
larsmach 03.08.2017
2. Ausgerechnet Ghana..!
Ausgerechnet Ghana - das afrikanische Musterland in Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit usw., das Barack Obama seinerzeit (zu Recht!) zugunsten von Kenia besucht hat.
tomwessel85 03.08.2017
3.
Viele tun jetzt überrascht, aber im Gegensatz zu Deutschland ist die Einreise in die USA kein Menschenrecht.
donquixxote 03.08.2017
4. Leicht redet es sich als priviligierter Europäer
Zitat von tomwessel85Viele tun jetzt überrascht, aber im Gegensatz zu Deutschland ist die Einreise in die USA kein Menschenrecht.
Wir Europäer haben ja fast keine Reisebeschränkung. In die USA kommen wir ohne Probleme für Kongresse oder Urlaub. Es mag Sie kalt lassen, dass es Menschen aus anderen Ländern nicht so ergeht; mich nciht. Es geht schon an, dass ein jedes Land seine Bestimmungen hat für die Einreise. Und das Menschen aus Entwicklungsländern mit einem Grundverdacht belegt werden, sie wollten im Reiseziel untertauchen, damit muss man leben. Aber wenn man alle nötigen Papiere vorlegt, die Beweisen, dass man ein reiches Leben als Kulturschaffender im eigenen Land hat und sowohl familiär als auch beruflich keine Interesse am Untertauchen besteht, dann sollte man auch die Möglichkeit haben zu einem Kongress zu fahren.Darum geht es in diesem Artikel. Um nichts anderes.
Stäffelesrutscher 03.08.2017
5.
Zitat von tomwessel85Viele tun jetzt überrascht, aber im Gegensatz zu Deutschland ist die Einreise in die USA kein Menschenrecht.
Ich zerstöre ja ungern Ihre Vorurteile, aber auch Deutschland hat schon ausländischen Kongressteilnehmern das Visum verweigert. Das wird gerne aus politischen Gründen gemacht, wenn der verhinderte Gast etwas über deutsche Verbrechen in aller Welt berichten könnte.
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