Leitartikel zu Trumps Kriegsdrohungen Lust am Untergang

Warum militärisches Eingreifen des Westens in Syrien nicht sinnvoll ist.

US-Zerstörer
U.S. Navy

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Mag sein, dass dieser Tweet einmal in die Geschichte eingehen wird wie die Kriegserklärung des deutschen Kaiserreichs vom 1. August 1914 oder die Emser Depesche von 1870. Als ein Dokument, das die Historiker analysieren, wenn sie den Weg in die Katastrophe nachzeichnen.

Aber vielleicht geht ja auch alles noch einmal gut. Vielleicht wird sich Wladimir Putin nicht provozieren lassen.

Und darin liegt dann auch der ganze Irrsinn dieser Tage: dass die größte Hoffnung für den Weltfrieden ausgerechnet auf dem Kremlherrscher ruht. Dem Mann im Weißen Haus traut man Besonnenheit nicht mehr zu.

Zu oft hat Donald Trump getan, was aller gelernten Vernunft fundamental entgegensteht, die ultimative Unvernunft, auch jetzt wieder: Er hat auf Russlands Drohungen mit der größtmöglichen Eskalation reagiert. "Russland, mach dich bereit", eine Kriegsdrohung in 223 Zeichen, gespenstisch, weil sie zugleich ein wenig so klang, als ginge es um das neueste Computerkriegsspiel: "Schön und neu und ›smart‹!" Spielen wir eine Runde.

In der Nacht zum Samstag ließ Trump nun Taten folgen: Die USA haben zusammen mit Frankreich und Großbritannien Ziele in Syrien bombardiert.

Manche hoffen, dass Trumps Unberechenbarkeit einen Sinn haben könnte, schließlich könnte sie den Gegner verwirren und in die Defensive drängen, aber das ist Unsinn, der vergebliche Versuch, dem Chaos an der Spitze der Supermacht einen Sinn abzugewinnen, weil es so beruhigend wäre, wenn es ihn gäbe. Doch hinter der Bereitschaft zu eskalieren steht keine höhere Rationalität, sondern die Lust an Zerstörung und Untergang. Wer wüsste das besser als wir Deutschen.

So vieles ist anders als vor einem Jahr, als Trump nach dem Chemiewaffenangriff auf Chan Scheichun zum ersten Mal Baschar al-Assads Stellungen attackierte und die Kanzlerin das als "nachvollziehbar" kommentierte. Seitdem sind aus Trumps Umgebung fast alle Stimmen der Mäßigung verschwunden, fast alle Vernünftigen gefeuert oder gegangen, der amerikanische Präsident ist jetzt umgeben von Scharfmachern, Skandalen und Niederlagen: den Russland-Ermittlungen, der Stormy-Daniels-Affäre, den jüngsten Wahlniederlagen der Republikaner. Das Verhältnis zu Russland ist noch eisiger geworden durch den Fall Skripal und die Ausweisung von Dutzenden Diplomaten, dazu die letzte Runde von US-Sanktionen, die Russlands Börse in den Keller schickte. Und noch etwas ist anders: Trump hat dieses Mal Verbündete. Frankreich, möglicherweise Großbritannien, Saudi-Arabien und Israel stehen an seiner Seite - gegen die Allianz aus Syrien, Russland und Iran.

Der Einsatz ist also viel höher, gleichzeitig hat der Westen keinen Einfluss mehr auf den Ausgang des Krieges in Syrien und so gut wie keinen darauf, wie es in dem Land danach weitergeht. Trump hatte erst vor wenigen Tagen den Rückzug der US-Truppen aus Syrien angekündigt. Es gibt keine Strategie für den Nahen Osten, nicht in Washington und nicht in Europa. Die Möglichkeiten des Westens sind zusammengeschrumpft auf diese eine Option: ein Zeichen zu setzen. Das ist kein Konzept, nichts, was die Bezeichnung Politik verdiente.

Kriegsverbrechen, die nicht geahndet werden, sind das größte moralische Dilemma der Außenpolitik. Als Zeitgenossen machen wir uns schuldig, wenn wir nicht eingreifen, wenn ein Herrscher sein Volk massakriert. Die Strafaktion gegen Assad und sein Militär ist angemessen. Aber in dieser Weltlage sind die Risiken zu hoch. Der Nutzen einer solchen Aktion gegen die Gefahr des Weltenbrands - das steht in keinem Verhältnis.

Russland profitiert nun davon, dass es den Preis in die Höhe getrieben hat. Trumps Drohungen sind sogar nützlich für Putin, innenpolitisch sowieso, aber sie dienen auch Russlands Ansehen im Westen. Putin hat ein feines Gespür für die Befindlichkeiten westlicher Gesellschaften. "Wir beteiligen uns nicht an Twitter-Diplomatie", so der Kreml. Plötzlich erscheint Moskau als die Stimme der Vernunft.

Deutschland wird sich nicht an einem militärischen Vorgehen in Syrien beteiligen, und das ist richtig so. Aber auch schwierig: Nachdem Angela Merkels Regierungen jahrelang Deutschlands gewachsene Verantwortung in der Welt beschworen haben, steht das größte und mächtigste Land der EU wieder da, wo es eigentlich nicht mehr stehen wollte: an der Seitenlinie. Deutschland kommt in diesem Weltgeschehen schlicht nicht vor. Die Kanzlerin könnte daher zumindest diplomatisch aktiv werden, könnte mäßigend auf unseren Verbündeten in Paris einwirken, der seinen guten Draht zu Trump zelebriert. Oder zu verhindern versuchen, dass der US-Präsident an allen Fronten eskaliert: Frankreichs Unterstützung in Syrien gegen Washingtons Unterstützung für das Atomabkommen mit Iran, das wäre, um mit Trump zu sprechen, ein Deal.



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