AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2017

SPIEGEL-Leitartikel zu Nordkorea Trump spielt mit dem Feuer

So leichtfertig hat noch kein US-Präsident gezündelt. Der Konflikt mit Kim Jong Un lässt befürchten: Der unberechenbarere Akteur sitzt nicht in Nordkorea, sondern in einem Golfklub in den USA.

Trump beim Sicherheitsbriefing in seinem Golfklub (10. August 2017)
AFP

Trump beim Sicherheitsbriefing in seinem Golfklub (10. August 2017)

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Neulich versetzte Donald Trump seine Militärs mit einem Tweet in Aufregung. Es war frühmorgens, er schrieb: "Nehmen Sie zur Kenntnis: Die US-Regierung wird es nach Konsultationen mit meinen Generälen und Militärexperten weder akzeptieren noch erlauben..."

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Heft 33/2017
Wie sich das bedrohte Paradies wandelt

Mitarbeiter im US-Verteidigungsministerium wurden plötzlich sehr nervös, als sie die Nachricht sahen. Kündigte der Präsident da gerade einen Militärschlag an? Gegen Nordkorea? Neun Minuten später folgte der nächste Tweet, die Auflösung: Der Präsident wollte Transsexuellen den Armeedienst verbieten.

Diese Anekdote erzählt viel darüber, wie wenig Vertrauen selbst enge Mitarbeiter in den amerikanischen Präsidenten haben. Er ist ein impulsiver Mann, der über keinerlei außenpolitische Erfahrung verfügt. Das zeigen auch Trumps Drohungen gegen Nordkorea, die diese Woche die Angst vor einem Krieg schürten. Trump sprach von "Feuer und Zorn, wie es die Welt noch nicht gesehen hat", eine biblisch anmutende Rhetorik. So leichtfertig hat noch kein US-Präsident gezündelt, aus gutem Grund. Wenn die USA sich auf das gleiche sprachliche Niveau begeben wie Nordkoreas Diktator Kim Jong Un, erhöhen sie nicht nur dessen Prestige, sondern auch die Kriegsgefahr.

Der nordkoreanische Herrscher, dessen abgeschottetes Reich nun zum globalen Sicherheitsrisiko geworden ist, ist kein Verrückter. Er folgt einem Kalkül.

Sein oberstes Ziel ist es, sein mörderisches Regime zu erhalten. Dabei sind die Atomwaffen seine Lebensversicherung, sie sollen ihm zudem internationalen Respekt verschaffen. Nordkorea könnte bald in der Lage sein, Los Angeles oder gar New York mit nuklear bewaffneten Langstreckenraketen zu erreichen. Die Besorgnis der Amerikaner ist also verständlich, allerdings sind Trumps Handlungsmöglichkeiten begrenzt. Denn eine militärische Lösung gibt es nicht.

Zwar ist immer wieder die Rede von einem "Enthauptungsschlag", mit dem die USA die nordkoreanischen Atomwaffen ausschalten könnten. Doch selbst wenn dabei wider Erwarten das gesamte nukleare Arsenal ausgeschaltet würde, müsste die Welt mit einem Vergeltungsschlag rechnen. Pjöngjang, so fürchten die Strategen, würde mit einem Artillerieangriff auf die südkoreanische Hauptstadt Seoul reagieren. Das könnte den Tod von Millionen Menschen bedeuten, China könnte in den Krieg hineingezogen werden, die Folgen wären unkalkulierbar. Das wissen auch Trumps Berater.

Seit Monaten fordert Trump die chinesische Führung per Twitter auf, den Konflikt zu lösen. Doch das ist Wunschdenken. Zwar ist Peking verärgert über Kim, noch größer aber ist dort die Angst, dass das nordkoreanische Regime zusammenbricht und es zu einer Wiedervereinigung mit dem US-Verbündeten im Süden kommt. Die Chinesen haben ihren Druck zuletzt erhöht, aber sie könnten sicherlich mehr tun, auch als Vermittler. Doch selbst wenn sie wollten - sie können Kim seine Atomwaffen nicht entreißen.

Protestplakat gegen Trump und Kim
David Corio / Redferns

Protestplakat gegen Trump und Kim

Den USA bleibt daher nur ein Mittel aus dem Kalten Krieg: Abschreckung. Sie müssen eine glaubwürdige militärische Drohkulisse aufbauen, ausdrückliche Sicherheitsgarantien für Südkorea und Japan aussprechen und härtere wirtschaftliche Sanktionen durchsetzen. Gleichzeitig können die USA und ihre Verbündeten Angebote machen. Sie können diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen in Aussicht stellen, wenn Pjöngjang Zugeständnisse macht.

Eine solche Mischung aus militärischem und wirtschaftlichem Druck kann dazu führen, dass das Regime eines Tages kollabiert oder zu echten Verhandlungen bereit ist. Dafür aber braucht es einen langen Atem. Die geeignete Antwort auf Kim Jong Un ist deshalb nicht "Feuer und Zorn", sondern etwas sehr viel Komplizierteres: Druck und Diplomatie.

Die gute Nachricht ist: An einem Krieg hat niemand ein Interesse - rational betrachtet. Die schlechte lautet, dass man sich leider nicht darauf verlassen kann, dass immer alle Akteure rational handeln. Zu einer Eskalation kommt es meist dann, wenn beide Seiten falsch kalkulieren. Nichts wäre schlimmer, als versehentlich in einen Krieg zu schlittern. Aus diesem Grund sind Trumps eskalierende Worte so gefährlich.

Es ist zwar ratsam, ihn weniger an seinen Worten als an seinen Taten zu messen - er hat sich schon oft drastisch geäußert, dann aber doch auf seine Berater gehört. Dennoch lässt seine Rhetorik befürchten, der unberechenbare Akteur in diesem Konflikt sei nicht der nordkoreanische Diktator, sondern der amerikanische Präsident.



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