AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2017

Verschwörungstheoretiker Alex Jones Der Mann, der Trump die Lügen ins Ohr setzt

Moderator Alex Jones ist Amerikas oberster Verschwörungstheoretiker. Sein mächtigster Zuhörer: US-Präsident Trump. Die Geschichte einer beunruhigenden Allianz.

Propagandist Jones beim Mittagessen
Matthew Mahon / DER SPIEGEL

Propagandist Jones beim Mittagessen

Ein Hausbesuch von


Es ist kurz vor elf Uhr morgens, noch drei Minuten bis zum Start seiner Sendung. Das Studio ist auf 18 Grad heruntergekühlt, aber Alex Jones schwitzt. Er tupft sich die Stirn und geht das Drehbuch des Tages durch.

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Heft 9/2017
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Seine Mitarbeiter haben ein paar prächtige Aufreger gefunden, sagt Jones, Skandale, die längst ans Tageslicht hätten kommen sollen. Angebliche "Geheimpläne" großer Internetkonzerne, konservative Websites zu blockieren. Die "Wahrheit" über die radioaktive Verseuchung in Fukushima. "Jesus", stöhnt Jones. "Wo sollen wir nur anfangen?" Hinter ihm leuchten die Leinwände auf. Ein rotes Lämpchen blinkt. Drei, zwei, eins. Kameras an, Film ab. "Wir sind live", ruft Jones in sein Mikrofon: "Es ist Mittwoch, der 8. Februar 2017, und die Demokraten schmelzen dahin wie eine Bande psychisch kranker Kinder." Nein, Jones ist kein normaler Moderator. Seit mehr als 20 Jahren lebt der Gründer der Plattform Infowars in seiner eigenen Welt. Darin gibt es klare Freunde und klare Feinde, es wimmelt von Intrigen und Skandalen, Vertuschungen und Verschwörungen. Jones ist der Überzeugung, dass sich die globalen Eliten gegen die USA verbündet haben, um das Land zu zerstören. Fünf Tage die Woche verbreitet er diese Botschaft aus Austin, Texas, in seiner "Alex Jones Show". Er erreicht damit über hundert Radiostationen und seine Website Millionen Amerikaner.

Alex Jones, 43, ist der größte Verschwörungstheoretiker der USA. Eine irre Randfigur - das war bislang Jones' Etikett. Nun steht er, wie er sagt, regelmäßig im Kontakt mit dem Präsidenten und flüstert ihm seine Ideen ein. Er sagt: "Trump und ich haben seit der Wahl mehrfach gesprochen. Über die Freiheit und unser gemeinsames Ziel, unsere Gegner zu vernichten." Die Zeiten haben sich geändert in Amerika. Wer eine irre Randfigur war, ist seit November in die Nähe des Mainstreams gerückt, und im Zeitalter der alternativen Fakten werden Menschen mit einem bizarren Weltbild auf einmal zu einflussreichen Medienschaffenden. Das gilt für niemanden so sehr wie für Jones, den Inbegriff von Fake News.

Im Wahlkampf stellte sich Alex Jones entschlossen an Donald Trumps Seite, jetzt ist der Präsident der Vereinigten Staaten sein mächtigster Fan, und Jones verfügt über einen direkten Draht ins Weiße Haus. "Dein Ruf ist fantastisch", schwärmte Trump, als er im Wahlkampf in der Jones-Show zu Gast war. "Was du machst, ist episch - du bist auf dem Niveau von George Washington", revanchierte sich Jones.

Damals schon sorgte für Entsetzen, dass Trump sich ausgerechnet mit Alex Jones verbündete, einem Mann, der im Lauf seines Lebens schon viel verrücktes Zeug von sich gegeben hat. Er glaubt, dass die Regierung über Wetterwaffen verfügt, mit denen sie künstliche Tornados erzeugen kann. Er ist überzeugt, dass die Schwulenehe die Verschwörung eines globalen Geheimbundes ist, "um den Zusammenbruch der Familie zu bewirken" und "Gott abzuschaffen". Er ist sich zu "95 Prozent sicher", dass das World Trade Center am 11. September 2001 nicht durch einen Anschlag zerstört, sondern von der Regierung gesprengt wurde. Das Massaker an der Sandy-Hook-Grundschule im Jahr 2012, bei dem 20 Kinder starben, sei eine "Ente" von Waffengegnern. Es gibt kaum ein Thema, zu dem Jones nicht eine eigene, von keinerlei Fakten gestützte Wahrheit anzubieten hätte.

Trump ist selbst anfällig für Lügen, Erfindungen und Halbwahrheiten. Deshalb ist seine Symbiose mit Jones eine beunruhigende Angelegenheit. Die beiden teilen die Leidenschaft, die komplexe Welt der Politik auf simple Gedanken herunterzubrechen. Beide sprechen ein Publikum an, das auf den Kongress in Washington vermutlich verzichten könnte. Sie lieben rohe Emotion und Tabubrüche, hassen die großen Medienhäuser und Fernsehsender sowie das republikanische Establishment. "Wir sind zwei Heilige des gleichen Zeitgeists", sagt Alex Jones.

Seitdem Trump den etablierten Medien den Krieg erklärt hat, fühlt sich Jones als journalistische Avantgarde. In Washington fürchten manche, dass sich seine dunkle Gedankenwelt im Regierungsalltag niederschlagen wird. Als Trump kürzlich über Millionen illegale Wählerstimmen fantasierte und der Presse vorwarf, nicht ausreichend über Terroranschläge zu berichten, hörten viele schon Alex Jones sprechen. Denn er war einer der Ersten, die diese Theorien verbreiteten. Das Gleiche gilt für die wissenschaftlich unhaltbare Behauptung, an die auch Trump glaubt, dass Impfungen zu Autismus führten.

Alex Jones - grobe Statur, massiger Körper, rundes Gesicht mit spitzem Kinn - nimmt sich für das Gespräch viel Zeit, nutzt die Pausen der Sendung zum Small Talk, reicht Wasser und spricht über seine drei Kinder. "Es ist schwer abzuschalten", sagt er. "Ich sehe überall Propaganda." Jones' Studio liegt in einem Industriegebiet am Stadtrand von Austin. Wo genau, darf aus Sicherheitsgründen nirgends stehen. Kameras überwachen den Eingang, die Fenster sind mit schwarzen Jalousien verhängt, Gäste müssen Verschwiegenheitserklärungen unterschreiben. In Austin kennt ihn jeder. Wenn er auf die Straße geht, zeigen die Leute auf ihn oder fragen nach Unterschriften. Jones fürchtet um seine Sicherheit, er hat einen Bodyguard eingestellt. Man wisse ja nie.

Am Eingang des Studios hängt ein Schild: "Freiheit oder Tod". Im Flur steht ein Wasserspender mit der Aufschrift "Liberale Tränen". Jones' Reich ist riesig. Es gibt vier Studios, so modern ausgerüstet, als wären sie Teil eines nationalen Kabelsenders. Es gibt eine Halle, in der Werbevideos gedreht werden, Großraumbüros und Entspannungszonen mit Tischtennisplatte und einarmigen Banditen. Jones nennt seine Büros das "zentraltexanische Kommandozentrum und Herz des Widerstands".

Erstmals in seinem Leben ist Jones ein klein bisschen zuversichtlich, sagt er, dass der Untergang Amerikas doch abgewendet werden könne. Das Beunruhigende daran ist, dass Alex Jones sein Unternehmen neuerdings als eine Art propagandistischen Arm des Präsidenten versteht, der das Fußvolk des Oberbefehlshabers für die Rettung des Vaterlandes mobilisiert. Das kann gefährlicher sein, als nur ein paar haltlose Verschwörungstheorien zu streuen.

Im Verbund mit rechtsnationalen Seiten wie Breitbart News, Gateway Pundit oder LifeZette, die ebenfalls über gute Zugänge ins Weiße Haus verfügen, sieht sich Alex Jones als Teil einer Art rechter Front, gemeinsam wollen sie die Macht der traditionellen Medien brechen. Über den Präsidenten spricht Jones wie von einem Führer. Die ersten Wochen seiner Amtszeit sieht er als "totalen Sieg".

Das Einreisedekret? Die Abschiebungen? Trumps Traum vom Polizeistaat? Alles bestens. Härte, darauf kommt es aus seiner Sicht jetzt an.

Infowars-Gründer Jones in seinem Studio
Matthew Mahon / DER SPIEGEL

Infowars-Gründer Jones in seinem Studio

Seine hundertprozentige Identifikation mit Trump war schon im Wahlkampf tagtäglich zu beobachten. Über Monate überzog er die Demokraten mit Hasstiraden. Im Oktober waren Clinton und Obama dran. Clinton sei "eine elende, psychopathische Dämonin aus der Hölle", rief er in seiner Show. Er habe gehört, "Obama und Clinton riechen nach Schwefel".

Der Satz machte innerhalb weniger Stunden Karriere. Clinton thematisierte Jones, Obama machte sich darüber bei einem Auftritt lustig, er schnüffelte an seiner Hand und grinste. Die Szene wurde zum Internethit, verlieh Jones aber auch massive Aufmerksamkeit.

Jones ist nicht verrückt. Er ist belesen, kann recherchieren und versteht etwas von internationaler Politik. Wenn das Mikrofon aus ist, doziert er manchmal so trocken, als wäre er ein Beamter der EU-Kommission. Wenn das Mikrofon an ist, schlüpft er in seine Rolle und wird zur Furie.

Jones wuchs in einem Vorort von Dallas auf, der Vater war Zahnarzt, die Mutter Hausfrau. Über die John Birch Society, eine extrem rechte, antikommunistische Organisation, näherte er sich nach der Highschool der Verschwörungswelt. Im Radio testete er seine Thesen. Nachdem im April 1995 ein Rechtsradikaler einen Anschlag auf ein Bundesgebäude in Oklahoma City verübte, warf er der Regierung vor, involviert gewesen zu sein. In Austin wurde er bekannt, ein lokaler Sender gab ihm eine eigene Show. 1999 gründete er die Website Infowars.

Jones' Aufstieg ist ein Beispiel dafür, wie das Internet die amerikanische Medienlandschaft revolutioniert und zum Teil auch vergiftet hat. Aus kleinen Nischenprodukten sind teils beachtliche Apparate erwachsen. Etablierte Marken kämpfen ums Überleben, alternative Plattformen wie Breitbart News, Newsmax oder eben Infowars schaffen sich ihre eigenen Welten. Es sind Echokammern des Hasses, die zur Heimat all jener werden, die in der komplizierten Welt auf der Suche nach einfachen Antworten sind.

Alles ist in dieser Welt zu finden, für jede verrückte These werden Indizien verbreitet. Clinton eine Mörderin? Liegt aus Jones' Sicht nahe, weil sie als Außenministerin den Libyenkrieg mitverantwortete. Die Regierung vergiftet das Trinkwasser? Nun ja, wer Fluorid zusetze, spiele mit der Gesundheit der Bürger. "Jones ist so effektiv, weil er eine klare Theorie hat, wie die Welt funktioniert, und sämtliche Fakten so zurechtbiegt, dass sie in diese Theorie passen", sagt Professor Mark Fenster von der Universität Florida, der seit Jahren zu Verschwörungstheorien forscht.

Alles, was Jones sagt, jagen seine Helfer durch mehrere Kanäle. Täglich schalteten bis zu drei Millionen Hörer ein, behauptet Jones. Gut acht Millionen Menschen besuchen nach Angaben des Reichweitenmessers Quantcast pro Monat Infowars. Seinen YouTube-Kanal haben knapp zwei Millionen abonniert, seiner Facebook-Seite folgen mehr als eine Million. "Ich bin mit den Leuten praktisch in einem Wohnzimmer", sagt Jones. "Es ist, als ob wir am Lagerfeuer zusammensäßen." Er beschäftigt mehr als 60 Mitarbeiter. Studenten, Journalisten, Aktivisten, IT-Spezialisten, Social-Media-Experten. Sie helfen dem Moderator, seine Show vorzubereiten. Und sie schreiben Storys für die Website Infowars.com. Nicht alles dort ist Unsinn. Es gibt stinklangweilige Meldungen von Nachrichtenagenturen über neueste Umfrageergebnisse und eigene Analysen über aktuelle Entwicklungen in Washington. Aber es gibt auch Meldungen über ein "satanisches Ritual" von Lady Gaga beim Super Bowl. Und über Planspiele der CIA, Trump zu ermorden.

Jones finanziert seine Firma zu zwei Dritteln über die Vermarktung eigener Produkte. Er verkauft Zahncreme und Gehirnpillen, schusssichere Westen und Gewehre, Schlafmittel und Potenztropfen. Die Werbepausen in seiner Sendung sind voll von seinen eigenen Produkten, und das Geschäft läuft gut. Wer ans Ende der Welt glaubt, kann sich hier eindecken.

Porträts von Ronald Reagan und Trump im Infowars-Studio
Matthew Mahon / DER SPIEGEL

Porträts von Ronald Reagan und Trump im Infowars-Studio

So verheißungsvoll die Ära Trump ihm nun erscheint, sie könnte sich auch als Problem herausstellen. Nicht alle in seinem Umfeld halten seinen Treueschwur für richtig. Regierungen waren für Jones bislang stets eine Chiffre des Bösen. Eine dunkle Macht. Mit dem Hass auf Washington züchtete er sich sein Publikum. Jetzt spricht er über Trump, als wäre er sein Propagandaminister. Das könnte bei einem Teil seiner Fans zu Enttäuschungen führen.

Es ist jetzt kurz vor zwölf Uhr, die Show ist in der Werbepause. Jones ist genervt. Trump ist gerade unter Druck wegen seines Einreisedekrets, was Jones nicht verstehen kann, denn er glaubt, der Präsident wolle nur "radikale muslimische Horden" vom Land fernhalten. "Ich wollte in der Show eigentlich gleich ein paar Enthauptungsvideos zeigen. Damit mal alle sehen, was diese Islamisten für Barbaren sind", sagt er. "Aber ich glaube, ich mache was anderes." Die Kamera geht wieder an. "Es gibt eine Milliarde Sunniten", ruft Jones ins Mikrofon. "Das sind die Leute, die Shoppingmalls attackieren. Das sind die Leute, die Schwule von Gebäuden schmeißen. Das sind die Leute, die Säure auf die Gesichter von Frauen gießen." Hinter ihm auf den Leinwänden laufen Bilder von entstellten Frauen ab. Die Nasen fehlen. Stirn und Wangen sind verätzt. "Da habt ihr eure Schönheiten", ruft er.

Jones macht es fassungslos, dass nicht alle Amerikaner seine Panik vor den "Dschihadisten" teilen. Aus seiner Sicht ist diese Gefahr so groß, dass er gerade am liebsten überhaupt niemanden mehr in die USA einreisen lassen würde.

"Und jetzt kommen Sie mir nicht mit der Freiheitsstatue", sagt Jones während einer Sendungspause. "Sie ist ein Symbol der Propaganda. Wir sollten mal aufhören, ihr zu huldigen und uns wegen dieses verdammten Symbols immer vor irgendwelchen Drittweltstaatlern zu verneigen, die hier mit Tuberkulose und Lepra auftauchen."

Als Nächstes möchte Jones in Washington ein Büro eröffnen. "Vielleicht zehn Leute" werde er einstellen, um über das Weiße Haus zu berichten, sagt er, fast wie ein traditionelles Medium. Dabei soll ihm Roger Stone helfen, ein radikaler Berater des Präsidenten, der den Expräsidenten Bill Clinton in einem Buch als Serienvergewaltiger bezeichnet hat, wofür es keine Belege gibt. Die beiden haben einen Deal geschlossen, seit einigen Wochen moderiert Stone eine Stunde pro Woche die Jones-Show. "Die Elite mag über seine Ansichten lachen", sagt Stone. "Aber Alex Jones erreicht Millionen Menschen, sie sind die Fußsoldaten in der Trump-Revolution." Es ist Nachmittag, Jones läuft durch das Studio. Der Adrenalinpegel ist hoch, der Blutzucker niedrig. Er muss jetzt mal was essen. Auf den Tisch im Konferenzraum haben seine Leute Grillplatten gestellt. Hühnchen, Rind, Würste. "Gutes Barbecue", sagt Jones. "Schon probiert?" Er häuft sich das Essen auf einen Plastikteller, dann zieht er plötzlich sein Hemd aus, er erklärt nicht, warum. Mit nacktem Oberkörper sitzt er da und schaufelt Fleisch in sich hinein. Eine Karikatur von Männlichkeit, aber auch eine Machtdemonstration gegenüber dem Reporter, den er vor sich hat. Er kann tun, was er will.

Dann steht Jones auf und hält sich eine Wurst an den Schritt. "Willst du lutschen?", fragt er.



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