AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2017

Affäre um Nike-Athleten Just dope it!

Jetzt hat Nike ein Problem. US-Fahnder werfen Spitzensportlern vor, systematisch zu betrügen. Und interne E-Mails zeigen, dass der Sportkonzern und Sponsor die Ermittlungen behindern wollte.

Leichtathlet Rupp
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Leichtathlet Rupp

Von und


Die Geschichte hat alles, was zu einer amerikanischen Heldenerzählung gehört. Sie beginnt auf einem Fußballplatz mit einem blassen Jungen aus Portland, 14 Jahre alt, mit abstehenden Ohren und Überbiss. Mit dem Ball am Fuß ist er nicht gerade überragend, dafür rennt er schneller und mehr als die anderen. Neben dem Platz schaut ihm ein Leichtathletiktrainer zu. Er ist begeistert.

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Heft 10/2017
Wie viel Putin steckt in Trump?

Nach dem Spiel spricht der Coach den Jungen an, wenig später beginnen sie mit dem Lauftraining. Nach und nach stoßen weitere Talente zur Gruppe dazu.

Der Sportartikelhersteller Nike wird Sponsor des Teams, angetrieben von einem Traum: Die Firma wünscht sich, dass ein US-Amerikaner die Goldmedaille im Marathon bei Olympischen Spielen gewinnt. In der Königsdisziplin laufen seit Jahrzehnten meist Kenianer und Äthiopier als Erste über die Ziellinie.

Nike bietet den Läufern alles, was sie für den Erfolg benötigen: Unterwasserlaufbänder und Höhenzelte, in denen die Sportler schlafen, um die Zahl ihrer roten Blutkörperchen zu mehren. Sie haben die besten Trainer, Physiotherapeuten und Ernährungsberater. Die Gruppe bekommt ein eigenes Logo: einen Totenkopf, der von einem Lorbeerkranz eingerahmt ist. Und einen Namen, der sich nach einer Vision anhört. Das Nike Oregon Project, kurz NOP, gibt es seit nun 16 Jahren. Inzwischen ist das Team eine Art Real Madrid der Leichtathletik geworden, eine Mannschaft der Superlative, in der Geld keine Rolle spielt.

Das Trainingszentrum der Sportler liegt in Beaverton im Bundesstaat Oregon, auf dem Gelände des Nike-Hauptquartiers. Der Coach des Teams ist Alberto Salazar.

Neun Athleten gehören zu seiner Mannschaft. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro gewannen die Läufer des NOP vier Medaillen, Matthew Centrowitz holte Gold über 1500 Meter, der Brite Mo Farah wurde Olympiasieger über 5000 und 10.000 Meter.

Der Star der Gruppe ist aber Galen Rupp, der Junge, den Coach Salazar auf dem Fußballplatz entdeckte. Rupp ist der Athlet, der dem Traum nachjagt. Er soll das Marathongold in die USA holen, für seinen Trainer, für Nike, für sein Land. In Rio gewann er Bronze. In drei Jahren, bei den Spielen 2020 in Tokio wird er 34 Jahre alt sein, es ist das beste Läuferalter.

Was kann da noch schiefgehen? Eine ganze Menge, wie sich gerade zeigt. Vor einer Woche ist ein geheimer Bericht der amerikanischen Anti-Doping-Agentur mit brisantem Material über die Läufer aus Oregon aufgetaucht. Die Usada gehört zu den effektivsten Organisationen in der Dopingbekämpfung, ihre Mitarbeiter haben dreiste Betrüger wie den Radstar Lance Armstrong oder die Sprint-Olympiasiegerin Marion Jones überführt.

Im Sommer 2015 sprachen ehemalige Mitglieder des NOP in Interviews erstmals über dubiose Praktiken der Trainingsgruppe. Die Dopingfahnder der Usada nahmen daraufhin die Ermittlungen auf. Sie stellten E-Mails und ärztliche Aufzeichnungen sicher, sie vernahmen mehr als 40 Sportler, Trainer und Wissenschaftler und fassten die Ergebnisse in einem Report zusammen. Die Usada hat ihn für die Ärztekammer in Texas erstellt, da einer der NOP-Mediziner eine Praxis in Houston betreibt.

Der Bericht hat 269 Seiten, auf dem Deckblatt steht "vertraulich". Es geht um Spritzen, Infusionen und Experimente mit Medikamenten. Die Autoren schreiben von "riskanten Prozeduren", mit denen die "Testosteronlevel der Läufer erhöht werden sollten" und die "gegen die Regeln des Sport verstoßen". Dahinter steht der Vorwurf systematischen Dopings. Aus dem amerikanischen Traum scheint schmutzige Wirklichkeit geworden zu sein.

Dem SPIEGEL wurde der Report von der Hackergruppe Fancy Bears zugespielt, zusammen mit Hunderten E-Mails, PDF- und Word-Dokumenten aus den Usada-Ermittlungen: Sie legen das Ausmaß des Betrugs offen.

Vor gut zwei Jahren kam heraus, dass Russland ein ausgeklügeltes Dopingsystem aufgezogen hatte. Der Fall in Oregon zeigt, dass offenbar auch in anderen Teilen der Welt gespritzt, geschluckt und manipuliert wird. Und dass dabei nicht nur Sportler, Trainer und Ärzte mitmachen, sondern wohl auch Sponsoren.

Der Firmensitz von Nike in Beaverton ist eine Kleinstadt. Weiße, helle Bürogebäude, dazwischen Parks, ein See und Sportplätze. Auf dem Nike-Campus befindet sich auch die rote Tartanbahn, auf der die Athleten des NOP ihre Tempoläufe machen. Während sie ihre Runden drehen, steht Alberto Salazar am Rand der Bahn, meistens trägt er eine Schildkappe, in der Hand die Stoppuhr. Salazar, 58, ist in den USA eine Sportlegende, er gewann in den Achtzigerjahren dreimal in Folge den New York Marathon.

Sein berühmtestes Rennen war der Sieg beim Klassiker in Boston 1982. Der Marathon fand in brütender Hitze statt. Salazar trank nur zwei Becher Wasser, im Ziel war er völlig dehydriert, Sanitäter mussten ihm sechs Liter Flüssigkeit in den Körper pumpen. Später lud ihn US-Präsident Ronald Reagan ins Weiße Haus ein.

Trainer Salazar: "Extremer sportlicher Exzess"
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Trainer Salazar: "Extremer sportlicher Exzess"

Salazar trainierte manchmal bis zu 300 Kilometer in der Woche. Sein Körper machte das nicht lange mit, mit Ende zwanzig beendete Salazar seine Karriere. Danach fiel er in ein psychisches Loch, wurde depressiv. "Ich wollte der Beste der Welt sein, aber ich wollte es zu sehr", sagte Salazar, "mein Leben bestand aus extremem sportlichem Exzess, ich ging so weit wie ein Drogenabhängiger oder ein Alkoholiker." Als Sportler war Salazar gnadenlos zu sich selbst, und ähnlich gnadenlos ist er heute offenbar zu seinen Athleten. Ehemalige Sportler des NOP haben der Usada von "extrem harten Laufeinheiten" berichtet. Wer im Training zu früh schlapp mache, sagten sie, werde von Salazar mit Nichtbeachtung bestraft.

Eine Athletin erzählte der Usada, wie sie einmal verletzt gewesen sei. Salazar habe ihr den Rat gegeben, "einfach durch den Schmerz durchzurennen". Auf Anfrage teilt Salazar mit, er würde seine Athleten "niemals dazu bringen, sich selbst zu schädigen".

Die Läufer des NOP verdienen rund 200.000 Dollar im Jahr, ein Traumgehalt für Leichtathleten. Die Stars im Team wie Rupp oder Farah dürften noch viel mehr bekommen. Laut dem Usada-Report entscheidet Salazar, welcher Athlet in seinem Team mitlaufen darf, wessen Vertrag verlängert wird oder wer gehen muss.

Er arbeite mit "Nötigung" und "Abhängigkeiten", schreiben die Ermittler. An manchen Stellen liest sich ihr Bericht wie eine Erzählung aus dem Inneren einer Sekte. Salazar soll seinen Sportlern verbieten, über die Mittel und Medikamente zu sprechen, die sie einnehmen. Auch untereinander sollen sie sich nicht darüber unterhalten dürfen. Und das offensichtlich aus gutem Grund.

Ein ehemaliger Läufer des NOP erzählte den Dopingfahndern, dass Salazar bei sich zu Hause "einen Kellerraum voller Nahrungsergänzungsmittel" habe. Der Coach pflege seinen Vorrat an Aminosäuren, Testosteronboostern und Mitteln zur Gewichtsreduktion - Pillen und Pulver, die er großzügig an seine Sportler verteilt haben soll.

Salazar erklärt, er wollte vermeiden, dass seine Athleten Nahrungsergänzungsmittel nehmen, die mit verbotenen Substanzen verunreinigt sind. Er habe die Mittel testen lassen und sie dann "aus Sicherheitsgründen" bei sich aufbewahrt.

Bei jedem Dopingtest müssen Athleten ein Formular ausfüllen, die "Declaration of Use" (DOU). Darin geben sie an, welche Präparate sie in den vergangenen sieben Tagen eingenommen haben. Die DOU-Protokolle von mehreren Läufern aus Oregon decken sich ziemlich gut mit dem Bericht über Salazars Kellerraum.

Danach schluckt Galen Rupp Calciumtabletten, Eisentabletten, Zinktabletten, Vitamin C, D und E, außerdem nimmt er das Asthmamittel Advair, gleichzeitig noch Combivent, ein Medikament, das die Atemwege erweitert. Und Cytomel, mit dem man sein Gewicht reduzieren kann. Er behandle damit Erkrankungen, teilt Rupp auf Anfrage mit, er leide an Asthma und Schilddrüsenunterfunktion.

Seine Teamkollegin Shannon Rowbury, die bei den Spielen in Rio Vierte über 1500 Meter wurde, listet in ihrer DOU vom 23. Mai 2016 35 Tabletten, Sprays und Pülverchen auf. Laut ihrem Protokoll nimmt sie ein Allergiemittel, es heißt Montelukast, außerdem noch ein Magnesiumspray, Molkenprodukte, ein Glukosegetränk, Schmerz- und Schlafmittel. In Oregon gebe es viele Blüten- und Gräserpollen, teilt Rowbury mit, daher nehme sie Allergiepräparate. Sie mache nichts Verbotenes.

Die Mittel und Medikamente der DOU sind in der Regel erlaubt. Aber die Pharmamengen, die die Läufer aus Oregon regelmäßig konsumieren, zeugen davon, welches Gedankengut im NOP herrscht.

Coach Salazar sei "besessen vom Testosteronlevel seiner Athleten", heißt es im Usada-Report. Er führe riskante Experimente durch, um bei seinen Sportlern die Produktion des Hormons zu erhöhen. Mit Vitamin D zum Beispiel. Die empfohlene Dosis für Erwachsene liegt bei 600 IE pro Tag, IE steht für Internationale Einheit. Die Pillen, die Salazar seinen Läufern gibt, enthalten laut Usada 50.000 IE. Er halte die Athleten an, sie mehrmals pro Woche zu schlucken.

Wenn Salazar von Medien nach seinem Erfolgsgeheimnis gefragt wird, sagt er, dass er die Sportwissenschaft nutze wie kein anderer. Dass er dabei die Grenzen des Erlaubten auslotet, sie wohl auch zu überschreiten bereit ist, erwähnt er nicht.

Im Januar 2011 stieß Salazar auf eine Studie britischer Forscher. Es ging um ein neues Nahrungsergänzungsmittel namens Nutramet, das L-Carnitin enthält, eine Aminosäurenverbindung, die an der Energieproduktion in Muskelzellen beteiligt ist. Die Wissenschaftler behaupteten, L-Carnitin könne Ausdauersportlern einen Schub für den Schlussspurt geben. In dem Aufsatz war die Rede von einer Leistungssteigerung um bis zu elf Prozent.

Salazar war elektrisiert.

Der Trainer nahm Kontakt zum Hersteller auf. Er schaffte es, die Firma zu überreden: Salazar und seine Läufer bekamen das Mittel als Erste, noch bevor es auf dem Markt zu haben war.

Wenig später verfasste Salazar eine E-Mail an seine Athleten: "Hi Marathonläufer aus dem Oregon Project, das großartigste Nahrungsergänzungsmittel ist auf dem Weg zu uns." In einer anderen E-Mail schrieb er: "Ich bringe morgen eine Box mit dem neuen Sportgetränk mit, das für uns aus Großbritannien an Nike geschickt wurde. Ich habe genug für sechs Monate, ihr müsst sofort damit anfangen."

Salazar hatte vom Hersteller erfahren, dass das L-Carnitin bis zu vier Monate genommen werden muss, bevor es wirkt. Dem Coach dauerte das zu lange, er beriet sich mit Doktor Jeffrey Brown, dem Teamarzt aus Houston. Salazar kam auf eine Idee: Könne man den Läufern L-Carnitin nicht per Infusion einflößen? Der Arzt hatte Bedenken. "Es könnte Probleme mit der Bauchspeicheldrüse geben", schrieb Brown an Salazar. Die Antwort des Trainers: "Wir haben nichts zu verlieren." Auch einigen Athleten gefiel die Idee mit den Infusionen nicht. Salazar tippte los: "Ich glaube, dass ihr dadurch einen Vorteil von zwei bis drei Minuten bekommen könnt." Mail absenden, alle Zweifel weggewischt.

Salazar entschied, dass ein Kotrainer die erste Infusion bekommen sollte, als Probelauf. Das Ergebnis war in Salazars Sinn. Am 1. Dezember 2011 meldete er sich per E-Mail bei Lance Armstrong, der sich damals als Triathlet versuchte und mit dem NOP trainierte: "Lance, ruf mich an. Wir haben es getestet, und es ist wirklich unfassbar." Er setzte auch mehrere Nike-Manager in Kopie, etwa den damaligen Firmenchef Tom Clarke.

Laut dem Usada-Bericht sollen von 2011 an mindestens fünf Läufer des Nike Oregon Projects L-Carnitin-Infusionen bekommen haben, darunter auch Rupp. In dem Report heißt es, die Sportler seien "Versuchskaninchen" gewesen.

Salazar weist den Vorwurf zurück: "Ich führe keine Experimente an meinen Athleten durch." Er habe die Usada im Voraus kontaktiert, um sicherzustellen, "dass alles mit den Regeln vereinbar" ist.

Die Wada, die Welt-Anti-Doping-Agentur, schreibt fest, welche Substanzen und Methoden für Leistungssportler verboten sind. L-Carnitin steht zwar nicht auf der Dopingliste, allerdings sind Infusionen und Spritzen von mehr als 50 Millilitern generell nicht erlaubt.

Die Recherchen der Usada ergaben, dass eine Apotheke in der Nähe von Houston die entsprechenden Infusionsbeutel für die Läufer hergestellt hatte. Die Fahnder sind im Besitz eines Formulars aus der Apotheke vom 4. Januar 2012, danach wurden vier 100-Milliliter-Beutel mit L-Carnitin vorbereitet. Am darauffolgenden Tag bekam Rupp von seinem Arzt eine Infusion.

Die Ermittler halten es für "sehr wahrscheinlich", dass Rupp von Brown "eine Infusion von mehr als 50 Millilitern L-Carnitin" erhalten hat. Beide hätten damit "gegen die Anti-Doping-Regeln verstoßen". Rupp müsste gesperrt werden.

Der Läufer erklärt, man habe sich bei den Infusionen an den Wada-Code gehalten. Brown lässt über seinen Anwalt ausrichten, dass er "keinem Athleten eine Infusion von mehr als 50 Millilitern L-Carnitin verabreicht" habe. Der SPIEGEL sei auf "Fake News" reingefallen.

Es ist verblüffend, wie viel Material die Ermittler über das Nike Oregon Project gesammelt haben, wie detailliert die Dopingjäger über die Leistungsoptimierung der Läufer Bescheid wissen. Seit Jahren, auch das zeigt ihr Report, soll Salazar auf Schilddrüsenhormone schwören. Die Mittel heißen Levoxyl, Thyroxin und Cytomel. Brown soll den Athleten die Medikamente verschrieben haben, obwohl sie gar nicht unter einer Schilddrüsenerkrankung leiden würden.

Die Mittel seien zu "einer Art Gaspedal für Salazar" geworden. Damit versuche er, "die Läufer hochzudrehen, ihnen bei der Regeneration nach harten Trainingseinheiten zu helfen oder sie auf wichtige Wettkämpfe vorzubereiten". Salazar weist das zurück. Wer eine Schilddrüsenerkrankung habe, bei dem müsse "der Normalzustand" wiederhergestellt werden, es gehe "nicht darum, jemanden besser als normal zu machen".

Salazar, so scheint es, ist Trainer, Arzt und Apotheker in Personalunion. Er entscheidet offenbar, wann die Athleten Präparate nehmen sollen, und legt die Dosen fest. Am 20. Dezember 2011 schrieb er eine E-Mail an Rupp: "Nimm heute Nacht eine ganze Levoxyl extra, und fange morgen mit Cytomel an. Ich habe Cytomel, wenn du es nicht hast, ruf mich an, und ich fahre zu dir und bringe es vorbei."

Die Mittel stehen nicht auf der Dopingliste. Ein Fehler, glaubt der Sportwissenschaftler Perikles Simon, ein renommierter Dopingexperte von der Universität Mainz: "Schilddrüsenhormone erhöhen den Stoffwechsel, sie haben im Leistungssport nichts verloren."

Der SPIEGEL hat ihm E-Mails von Salazar vorgelegt. "Dieser Trainer betätigt sich als Alchemist, Drogenbeschaffer und Hormonpanscher am Athleten", sagt Simon, "er gehört unmittelbar gesperrt, da gibt es keinen Grund für ein Zögern." Für die Usada ist die Sache komplizierter. In ihrem Vorhaben, die Läufer aus Oregon zu überführen, haben sich die Dopingjäger mit einem mächtigen Gegner angelegt: Nike, dem größten Sportartikelkonzern der Welt, Umsatz: 29 Milliarden Euro.

Nike-Gründer Knight: Mächtiger Gegner
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Nike-Gründer Knight: Mächtiger Gegner

Das Oregon Project ist für Nike kein gewöhnliches Sportsponsoring. Die Idee, ein Eliteteam aus Läufern aufzubauen, stammt von Phil Knight persönlich, dem Mann, der das Unternehmen 1964 gründete. Knight, 79, hat den Chefposten abgegeben, aber er kontrolliert noch immer, wer bei Nike das Sagen hat. Knight war auf dem College ein begabter Mittelstreckenläufer. Salazar und er wurden Kumpel, wenn der Trainer heute etwas für seine Läufer braucht, wählt er Knights Nummer.

Nike hat in den vergangenen 15 Jahren seinen Umsatz mehr als verdreifacht, was auch an globalen Werbefiguren wie Michael Jordan, Roger Federer und Ronaldo liegt. Knights Ziel ist es, einen Läufer zu produzieren, der ähnlich vergöttert wird wie die Sportikonen, eine Marathonlegende des 21. Jahrhunderts.

Mit dem NOP will er die Wurzeln der Marke dort verankern, wo sie einst begonnen hat zu wachsen. Wird sich Knight, einer der reichsten Menschen der Welt, dieses Vorhaben von nervigen Dopingfahndern kaputt machen lassen? Dokumente zeigen, dass der Konzern den Ermittlern das Leben so schwer wie möglich gemacht hat. Im Juni 2015 baten die Fahnder Salazar, ihnen alle Aufzeichnungen, Dokumente und E-Mails zukommen zu lassen, in denen die Wörter "Testosteron", "Testoboost" oder "Testo" vorkommen. Salazar weigerte sich. Sein Anwalt richtete der Usada aus, dass die E-Mails seines Mandanten auf dem Server von Nike lägen und im Besitz der Firma seien. Da könne man nichts machen, sorry.

Die Ermittler wandten sich daraufhin an den Konzern. Es begann ein Streit zwischen den Anwälten von Nike und der Usada. Nike teilte den Ermittlern mit, man habe nichts gegen eine Kooperation, allerdings wolle man mit der Usada "einen Vertrag über Geheimhaltungsbestimmungen" abschließen.

Die Verhandlungen waren zäh, sie zogen sich über Wochen. Am 21. Januar 2016 reichte es dem Usada-Anwalt William Bock, in einer E-Mail an einen Nike-Vertreter machte er sich Luft: "Würden wir auf die Forderungen von Nike eingehen, hätte Nike die Möglichkeit, unsere Ermittlungen zu stören oder zu verzögern. Nike hätte auch die einseitige Kontrolle über Dokumente, die bereits im Besitz der Usada sind, und könnte uns verbieten, diese in einer Anhörung einzusetzen."

Offenbar war der Konzern nicht nur bemüht, die Dopingermittlungen gegen seine Läufer zu behindern, Nike versuchte auch, die Hoheit über das Verfahren zu erlangen. Nike erhebe "unverschämte Ansprüche", schimpfte Usada-Mann Bock. Das Unternehmen verdiene einen Haufen Geld, weil die Stars Werbung für Nike-Schuhe machten. Sauberen Sport wolle die Firma aber nicht unterstützen.

Nike weist die Anschuldigungen zurück. Man habe die Ermittlungen "nicht behindert" und würde "Doping nicht tolerieren", sagt ein Firmensprecher. Nike habe der Usada auch "Tausende Seiten an Dokumenten" überlassen. Das stimmt. Allerdings geht aus internen E-Mails der Usada hervor, dass die Ermittler die Unterlagen für "dürftig" und "längst nicht ausreichend" hielten.

Am Ende bleibt der Usada nur, die Läufer aus Oregon zur Dopingkontrolle zu bitten. So oft wie möglich. Rupp musste in der vergangenen Saison 14-mal antreten, Centrowitz 17-mal. Beide gaben dabei auch Proben ab, die die Dopingfahnder misstrauisch machten.

Am 14. Januar 2016 empfing der Usada-Wissenschaftsdirektor Matthew Fedoruk eine E-Mail aus seiner Abteilung für Testergebnisse. Bei Rupp habe man "einen erhöhten T/E-Wert im Vergleich zu früheren Proben" festgestellt, schrieb eine Usada-Mitarbeiterin. Ein stark ungleiches Verhältnis zwischen Testosteron und Epitestosteron gilt als Hinweis auf Doping. Fedoruk ordnete weitere Untersuchungen an. Was dabei herauskam, ist nicht bekannt. Rupp teilt mit, niemals Testosteron genommen zu haben.

Wenige Wochen vor den Spielen in Rio diskutierten die Usada-Mitarbeiter in einem internen E-Mail-Verkehr über eine Dopingprobe, die Centrowitz abgegeben hatte. Es ging um den Hämoglobingehalt und um Retikulozyten. "Sein Blutprofil ist verdächtig", schrieb ein Usada-Wissenschaftler am 15. Juni 2016. Die Fahnder einigten sich darauf, Centrowitz "in den kommenden zwei Wochen" ein weiteres Mal testen zu lassen. Ob das geschehen ist, geht aus den E-Mails nicht hervor.

Fest steht: Zwei Monate später wurde Centrowitz in Rio Olympiasieger. Im Finale über 1500 Meter war er so überlegen, dass er das Läuferfeld vom Startschuss bis ins Ziel anführte. Centrowitz erklärt, er sei von der Usada bezüglich der Dopingprobe nie kontaktiert worden. Er habe sich "einem sauberen Sport verschrieben".

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Usada gegen Nike - die schärfsten Dopingjäger gegen die Weltfirma -, wie dieser Kampf ausgehen wird, ist ungewiss. Auf Anfrage teilt die Usada mit, dass man zum Nike Oregon Project derzeit keinen Kommentar abgebe. "Die Ermittlungen dauern an", sagt ein Sprecher.

Der Usada-Report ist als "Zwischenbericht" gekennzeichnet, ob es irgendwann einen Abschlussbericht geben wird, wollen die Ermittler auch nicht sagen. Offene Fragen gibt es genug.

So ist zum Beispiel seit längerer Zeit bekannt, dass Salazar häufig Androgel bei sich trägt, eine Testosteronsalbe, die man auf den Körper auftragen muss. Der Trainer behauptet, er leide unter Hypogonadismus, einer Störung der Hoden. Die Krankheit sei eine Spätfolge seines harten Trainings als Marathonläufer, er sei auf das Medikament angewiesen.

Allerdings ist es auch Trainern nicht erlaubt, Substanzen zu nehmen, die auf der Dopingliste stehen. Es sei denn, die Betreuer haben eine "vertretbare Rechtfertigung" dafür, so steht es im Wada-Code. Salazar hat der Usada im Frühjahr 2016 mehrere Schreiben seiner Ärzte vorgelegt, allerdings kaufen ihm die Fahnder die Geschichte mit den Folgeschäden nicht ab. Sie glauben an einen ganz anderen Zusammenhang.

Ehemalige Athleten von Salazar haben ausgesagt, dass der Trainer vor wichtigen Wettkämpfen eine "gängige Praxis" habe. Kurz vor dem Start gebe er Rupp eine Massage. Die anderen Läufer hätten sich über die Behandlungen immer gewundert, weil Nike dafür extra professionelle Masseure angestellt hat. Salazar würde aber darauf bestehen, Rupp persönlich zu massieren.

Der Trainer und sein Läufer bestreiten, Testosteronsalben einzusetzen. "Das Oregon Projekt wird Doping niemals erlauben", sagt Salazar. Für ihn ist die Sache damit erledigt: "Hoffentlich konzentrieren sich ab jetzt wieder alle auf die vielen wunderbaren Leistungen, die meine Athleten durch harte Arbeit und Talent erreicht haben."

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arrache-coeur 05.03.2017
1.
"Die Firma wünscht sich, dass ein US-Amerikaner die Goldmedaille im Marathon bei Olympischen Spielen gewinnt." - Das sagt doch eigentlich alles. In den USA wird zwar wohl nicht staatliches, aber kommerziell gefördertes Doping unterstützt. "Jetzt hat Nike ein Problem. US-Fahnder werfen Spitzensportlern vor, systematisch zu betrügen. Und interne E-Mails zeigen, dass der Sportkonzern und Sponsor die Ermittlungen behindern wollte." - Systematischer Betrug, das wurde doch bisher seitens US-Amerikanern vor Allem den Russen vorgeworfen. Nun befinden sich kommerziell unterstützte US-amerikanische Sportler offensichtlich auf derselben unteren Schiene wie möglicherweise staatlich unterstützte russische Sportler. Wird nun auch ein gruppenweiter Ausschluss gefordert, wie es bei russischen Sportverbänden gefordert und teils auch durchgeführt wurde? Falls nicht, muss die Frage geklärt werden, inwieweit staatliches Doping schlechter als privatrechtliches kommerzielles Doping sein sollte.
Worldwatch 05.03.2017
2. Spitzensport?
Spritzensport?! Und, egal wo. Lösen wir uns doch von der -gern geglaubten- Illusion, dass all die übermenschlich erscheinenden Sportleistungen hartem Training allein zu Schulden seien. Es ist wie bei den Geheimdiensten; es wird halt gemacht, was irgendwie geht, respektive machbar erscheint. Die Freude am sog. Spitzensport aber, ist längst der Desillusionierungen gewichen. Misstrauen hingegen stets dabei, wenn -scheinbar- fantastische Rekorde gebrochen werden. Mein Ekel vor den Betrügern, wie aber aufrichtiges Bedauern der ?echten?, düpierten Sportler wächst. Ich mag den modernen Chemiesport nicht mehr sehen.
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