AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2017

Dopingforscher erklärt sein Scheitern "Man muss bereit sein zu sagen: Medaillen interessieren uns nicht mehr"

Der Mainzer Sportmediziner Perikles Simon hat jahrelang an führender Stelle gegen Doping gekämpft. Nun gibt er auf. Warum?

Russischer Skeleton-Athlet Alexander Tretjakow 2014 in Sotschi
DPA

Russischer Skeleton-Athlet Alexander Tretjakow 2014 in Sotschi

Ein Interview von und Thilo Neumann


Simon, 44, leitet an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz die Abteilung für Sportmedizin. Der Dopingforscher war unter anderem auch für die Welt-Anti-Doping-Agentur tätig.

Markus Hintzen / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Herr Professor Simon, das IOC tat sich lange Zeit schwer, das staatliche Dopingsystem in Russland zu bestrafen, es sanktioniert jetzt einzelne russische Athleten. Wird der Konflikt auf dem Rücken der Sportler ausgetragen?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 50/2017
Wie der Onlinehandel unser Leben revolutioniert

Simon: Ja, diese Vorgehensweise ist schlimm, es wird an der falschen Stelle bestraft. Der Athlet ist das letzte kleine Rädchen, das von einem Riesenstellwerk gedreht wird. Was hätte ein russischer Sportler denn wirklich tun können, wenn er in diesem System gedopt wurde? Ich denke, man müsste stattdessen schauen, was russischen Sportverbänden als sinnvolle Strafe aufgebürdet werden kann.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

Simon: Den Entzug von Wettbewerben.

SPIEGEL: Keine internationalen Sportveranstaltungen mehr in Russland?

Simon: Selbstverständlich. Das ist es doch, warum sie überhaupt dieses Betrugssystem aufgesetzt haben. Die maximale Prävention wäre gewesen, die Olympischen Spiele gar nicht erst in Sotschi stattfinden zu lassen. Es ist doch offensichtlich, dass das russische Sportsystem als überführter Serientäter bestraft werden muss. Folglich muss verhindert werden, dass es sich mit Sportveranstaltungen und sportlichen Erfolgen brüstet. Im Umkehrschluss heißt das eben nicht, einzelne Sportler zu sperren. Vielleicht sollte man sogar alle Russen bei internationalen Wettkämpfen unter bestimmten Voraussetzungen starten lassen: keine Spiele in Russland, Ausladung aller russischen Trainer und Funktionäre, kein Abspielen der russischen Hymne. Das ist die logische Konsequenz.

SPIEGEL: Wäre der Entzug der Fußball-WM 2018 ein probates Mittel?

Simon: Ja, absolut. Ich verstehe gar nicht, wie man auf eine andere Idee kommen kann. Ich bin fassungslos.

SPIEGEL: Viele Experten fordern dennoch IOC-Präsident Thomas Bach auf, alle russischen Athleten von den Spielen in Pyeongchang auszuschließen.

Simon: Sehen Sie, es ist doch schon problematisch, dass man sich jetzt so exzessiv um einzelne russische Athleten kümmert. In der Zwischenzeit kann das System außerhalb von Russland so weiterlaufen wie bisher. Wir müssen uns eher Gedanken machen, wie wir unsere Anti-Doping-Bemühungen insgesamt optimieren können. Das Kernproblem war doch, dass das russische Betrugssystem so lange florieren konnte. Was dort geschah, war ja nicht mal Hightechdoping, das sich nicht nachweisen ließ. Wenn man kritisch resümiert, was passiert ist, dann wird man sehen, dass es sehr, sehr viele Versäumnisse aufseiten der Anti-Doping-Institutionen gab und wenige in Russland selbst.

SPIEGEL: Russland ist kein Einzelfall?

Simon: Alle wissen, dass die Russen nicht die Einzigen sind, die dopen. Das russische System kann ich mir in sehr vielen Ländern dieser Welt vorstellen, vielleicht sogar in den meisten. Es macht keinen Sinn, sich auf Russland zu fokussieren und danach zu sagen: Mensch, jetzt ist das russische Problem gelöst, nun kümmern wir uns um das äthiopische, das kenianische oder das deutsche System. Nein, wir müssen insgesamt überlegen: Warum gab es dieses grandiose Scheitern auf allen Kanälen?

SPIEGEL: Sie haben vor einigen Monaten Ihre Mitarbeit im Kampf gegen Doping eingestellt. Sie haben dabei bekannt gemacht, dass eine von Ihnen mitverfasste Studie, nach der rund 40 Prozent der Teilnehmer an der Leichtathletik-WM 2011 gedopt waren, vom internationalen Verband zurückgehalten worden war. Hätte Sie das Ergebnis der Untersuchung nicht motivieren müssen, jetzt erst recht gegen Manipulationen im Sport zu kämpfen?

DER SPIEGEL

Simon: Ich könnte immer weiter forschen. Aber an der Grundaussage, dass rund die Hälfte aller Spitzenathleten gegen die Regeln verstoßen, würde sich hierdurch nichts ändern. Das war die Schlüsselaussage; die ist jetzt raus, und weltweit bestätigen viele Experten, dass die Zahlen ihren Erkenntnissen entsprechen. Auch die Substanzen, mit der die Athleten dopen, sind aus anderen Quellen hinlänglich bekannt. Es gibt also keinen Forschungsbedarf mehr für mich.

SPIEGEL: Hatten Sie damit gerechnet, dass die Funktionäre anders auf Ihre Studie reagieren würden?

Simon: Unsere Ergebnisse lagen vor den Olympischen Spielen 2012 in London vor. Aber die Anstrengungen, die Freiheit der Wissenschaft einzuschränken, waren enorm. Und sie waren erfolgreich. Ich musste erkennen, dass es keinen Sinn mehr ergibt, dort weiter mitzuarbeiten.

SPIEGEL: Trotzdem haben Sie für die Welt-Anti-Doping-Agentur über Gendoping geforscht.

Simon: Dabei ist mir letztlich klar geworden, dass es zurzeit sinnlos ist, über diesen Extrembereich des Hightechdopings nachzudenken. Die Vielfältigkeit, selbst mit alten Ladenhütern zu dopen und damit das Testsystem zu umgehen, ist auch ohne die neuen Methoden exorbitant.

SPIEGEL: Weltweit werden jährlich gut 350 Millionen Dollar ausgegeben, um Athleten auf Doping zu testen. Alles umsonst?

Simon: Viele Jahre dachte ich, das Testsystem sei eigentlich ganz in Ordnung. Dann ergab unsere Studie, wie viele Athleten dopen; erwischt wird davon nur ein Bruchteil. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel für die Schwäche des Systems: Die Trainingskontrollen sind angeblich das schärfste Schwert des Anti-Doping-Kampfs. Doch zuletzt wurden damit viel weniger Sportler überführt als durch Wettkampfkontrollen. Da läuft doch irgendetwas massiv falsch. Statt diesem Aspekt ernsthaft nachzugehen, schönt man jetzt indirekt die Daten, indem man die genauen Vergleiche der beiden Kontrollarten nicht mehr veröffentlicht.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

Simon: Die Athleten werden durch die Trainingskontrollen extrem in ihren Freiheitsrechten eingeschränkt, weil sie zum Beispiel im Vorhinein ihre Aufenthaltsorte angeben und umfangreich für Kontrollen zur Verfügung stehen müssen. Wenn bei diesem gigantischen Aufwand unverhältnismäßig wenige überführt werden können und keine Sorgfalt im Umgang mit den Daten der Athleten besteht, gibt es nur eine Konsequenz: Die Trainingskontrollen gehören bis auf Weiteres abgeschafft.

SPIEGEL: Anti-Doping-Kämpfer rufen bisher eher nach immer mehr und immer feineren Kontrollen.

Simon: Ich habe mich auch viele Jahre damit beruhigt: Wir können alles nachweisen. Aber Laboranalysen allein sind sinnlos, obwohl dort das meiste Geld hinwandert. Ich komme damit zum Beispiel nicht an die Hintermänner heran und schon gar nicht an die korrupten Funktionäre. Alle Kontrollen gehören auf den Prüfstand und müssen dort zurückgefahren werden, wo sie die Athleten nur belasten, ohne dem sauberen Sport zu helfen. Ein Großteil des Geldes sollte lieber für präventive Maßnahmen unter jungen Sportlern verwendet werden. Aus Studien haben wir Anzeichen dafür, dass die Dopingquote unter Jugendlichen sinkt, wenn es klare pädagogische Konzepte gibt.

SPIEGEL: Sie haben jahrelang den Anti-Doping-Kampf mitbestritten. Waren Sie naiv?

Simon: Ich glaube schon. Je länger ich in dem System drin war, desto klarer sah ich, wo es überall klemmt. Was ich von einigen Experten über Betrugstechniken zu hören bekam, ist schon sehr beeindruckend.

SPIEGEL: Haben Sie irgendetwas erreicht?

Simon: Tatsächlich nichts. Und das ist vielleicht die ganz entscheidende Erkenntnis: nichts, außer vielleicht Kontraproduktives, weil ich das System in Teilen mitgestützt habe. Ich denke, die Nationale Anti-Doping-Agentur hat durch die Bereitstellung von Informationsmaterial zur Dopingprävention für ein paar Hunderttausend Euro mehr erreicht als die Anti-Doping-Forschung und die Kontrollen.

SPIEGEL: Was ärgert Sie am meisten?

Simon: Es ist unglaublich schwer, in diesem Sportsystem unabhängig zu agieren. Ich war einer der Protagonisten, habe mitgespielt und war beseelt von der Auffassung, alles richtig gemacht zu haben, etwa bei der Entwicklung eines Gendoping-Nachweises. Aber am Ende muss man erkennen: Was soll der Mist? Das dient nur dazu zu lavieren, dass es hunderttausend bessere Möglichkeiten für den Athleten gibt, der sich dopen möchte.

SPIEGEL: Die wenigsten Sportler dopen nur aus eigenem Antrieb. Sie brauchen Helfer, etwa ihre Kollegen aus der Sportmedizin.

Simon: Als Sportmediziner bin ich auch dafür da, die Leistung der Sportler zu optimieren. Manche Kollegen haben hierfür Arznei- und Dopingmittel empfohlen oder eingesetzt und haben sich das berufsethisch schöngeredet. Als Sportmediziner gibt es für mich aber einen sehr guten Grund, Doping abzulehnen: weil ich davon ausgehen muss, dass die Pharmaka den Athleten früher oder später schädigen.

SPIEGEL: Warum machen sich Sportmediziner zum Mittäter?

Simon: Ich hatte interessante Gespräche mit Trainern aus dem Nachwuchsbereich. Die schauen sich die Zeiten und Weiten an, die Athleten erreichen müssen, um international in den Endkampf zu kommen. Sie stellen fest, dass unter ihren Athleten die Motivation schwindet, weil die Normen schier unerreichbar erscheinen. Und an diesem Punkt nimmt dann häufig das Schicksal seinen Lauf, wenn jetzt Athleten und Trainer pharmakologische Unterstützung angeboten bekommen. Das muss dann nicht unbedingt ein Arzt sein, der das macht.

SPIEGEL: Funktionäre sprechen sich immer wieder gegen Doping aus. Warum halten Sie den Kampf gegen die Manipulation dennoch für gescheitert?

Simon: Weil sich nichts Grundlegendes ändert: Nehmen Sie die Vorgaben des Bundesinnenministeriums, das in Deutschland für den Spitzensport zuständig ist. Das will mindestes ein Drittel mehr Medaillen. Die Leute, die das umsetzen, verstehen die Botschaft: Die brauchen keine weiteren exakten Einsatzbefehle mehr von oben. Die ziehen zum Teil ihr persönliches Elixier daraus, dieses Ziel zu erreichen. Aber wie soll ich die 30 Prozent Zuwachs aus dem Hut zaubern, wenn die Athleten schon bisher gut motiviert waren und beste Trainingsmöglichkeiten hatten?

SPIEGEL: Wen sehen Sie in der Pflicht?

Simon: Zunächst muss man bereit sein zu sagen: Die Medaillenausbeute interessiert uns nicht mehr.

SPIEGEL: Sie meinen die Politik?

Simon: Nein, man kann der Politik nicht isoliert den Vorwurf machen. Die Medien haben auch ein Interesse daran. Die Werbewirtschaft. Die Zuschauer. Aber genau an der Stelle können wir ansetzen. Denn: Wollen wir ein 100-Meter-Finale, bei dem am Ende der Sieger von den Geschlagenen umarmt wird, obwohl jeder weiß, dass er ein notorischer Serientäter ist?

SPIEGEL: Was kann der Verbraucher tun?

Simon: Tatsächlich sehr wenig, denn der Verbraucher wird sich nur seinem Wissensstand gemäß verhalten. Deshalb müssen wir bei den Medien anfangen. Es müsste mehr darüber berichtet werden, wie Leistungen zustande kommen. Erst dann könnte der Verbraucher mündig entscheiden, was er wirklich sehen will. Solange er im Sportteil den Medaillenspiegel sieht, wird er sagen: Innenminister de Maizière hat recht, wir brauchen ein Drittel mehr Medaillen!

SPIEGEL: Glauben Sie ernsthaft, der Zuschauer könnte sportmüde werden, wenn er die Wahrheit kennt?

Simon: Ich denke, man kann von der Geschichte Olympias lernen. In der Antike galt während der Spiele der olympische Friede - damals hätte sich niemand vorstellen können, dass Olympia einmal verschwinden könnte. Und dennoch verschwand es bis zu seiner Wiederentdeckung irgendwann für mehr als tausend Jahre. Auch heute ist das jederzeit wieder möglich. An dem Punkt sind wir angekommen. Es wird immer schwieriger, die Spiele in westlichen Industrienationen auszutragen, weil das IOC Auflagen vorgibt, die für freie Gesellschaften schwer zu handhaben sind. Das IOC will hofiert werden und Sonderrechte eingeräumt bekommen. Das stammt aus einer Zeit, in der man den Sport als Stellvertreterkrieg brauchte und geschätzt hat. Aber diese Ära ist zumindest hier in Europa vorbei.

SPIEGEL: Wie lange geben Sie der olympischen Bewegung noch?

Simon: Das IOC besitzt viel Geld, damit lässt sich ein solcher Prozess hinauszögern. Was aber nicht verhindert werden kann, ist, dass sich die Bevölkerung zunehmend abwendet. Schon heute schauen die Jüngeren doch lieber "Germany's Next Topmodel".

SPIEGEL: In einigen Wochen finden in Südkorea die Winterspiele statt. Hat das IOC aus Sotschi gelernt, sehen wir saubere Athleten?

Simon: Sie können Pharmaka nur leicht modifiziert einnehmen, sodass sie bei der Analyse nicht mehr auffallen. All die Dopingsubstanzen, die seit Jahrzehnten verdammt zu sein schienen, sind wieder als Abwandlung auf dem Markt: Aufputschmittel, die Fußballspieler früher nehmen konnten, ohne sich Sorgen machen zu müssen. Testosteron, das heute nur eingeschränkt nachweisbar ist, wenn es nicht wie üblich aus einem pflanzlichen, sondern aus einem tierischen Gerüst hochsynthetisiert wird. Das Gleiche gilt für Epitestosteron.

SPIEGEL: Fällt den Dopern nichts Neues ein?

Simon: Doch natürlich, modernste Peptidhormone kommen zum Einsatz, die stehen noch nicht mal auf der Dopingliste. Aber fast ebenso gut ist es, alte Pharmaka wieder rauszukramen, die keiner mehr auf dem Radar hat, aber klar dopingwirksam sind. Die Wirkung schon bekannter Dopingmittel kann durch die Zugabe anderer Medikamente verstärkt werden - dadurch werden Sportler kurzfristig leistungsfähiger, und sie können mit diesen Mitteln unter der detektierbaren Schwelle dopen. All dieses Wissen hat sich in einer atemberaubenden Geschwindigkeit kumuliert.

SPIEGEL: Sind die Deutschen sauber?

Simon: Seit einigen Jahren fahren deutsche Sportler häufig ins Trainingslager nach Florida. Angeblich weil dort die Trainingsbedingungen so gut sind. Als ich das gehört habe, ist mir schlecht geworden. Denn dort kommt man seit einigen Jahren leicht an IGF-1 heran, ein wachstumsförderndes Insulinhormon und gängiges Dopingmittel. Seitdem befinden sich die Zeiten der besten 100-Meter-Sprinter im Sturzflug. Man weiß aber, wie gefährlich solche Präparate sein können.

SPIEGEL: Gehen Sie davon aus, dass gemäß Ihrer Studie auch in Pyeongchang 40 Prozent aller Teilnehmer gegen Dopingregeln verstoßen werden?

Simon: Ich persönlich glaube, dass die Quote an Falschspielern höher liegt, vielleicht bei 60 Prozent. Aber: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die anderen 40 Prozent mithalten können, obwohl sie ungedopt sind. Und ich kann nicht mal mit Sicherheit sagen, ob die sauberen Sportler nicht sogar eine bessere Chance haben in bestimmten Disziplinen - schließlich wird mit Dopingmitteln in erster Linie unkompetenter Unfug getrieben.

SPIEGEL: Herr Professor Simon, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



© DER SPIEGEL 50/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.