Der SPIEGEL

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06. Oktober 2017, 18:13 Uhr

Gerhard Schröders Rosneft-Posten

Doris Schröder-Köpf verteidigt ihren Ex-Mann

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Ihre Beziehung zum Altkanzler ist zerbrochen, aber für seinen Job beim russischen Ölkonzern Rosneft hat Doris Schröder-Köpf trotzdem Verständnis. Es gehe ihm um die unzerstörbare Freundschaft zweier Länder.

Schröder-Köpf, 54, hat ein Glas Erdbeermarmelade zum Interview mitgebracht, es trägt ihr Konterfei. Ein Mitarbeiter drückt der SPD-Landtagsabgeordneten noch schnell neue Broschüren in die Hand: Schröder-Köpf befindet sich mitten im Wahlkampf. In den Radionachrichten ist an diesem Tag zu hören, dass Gerhard Schröder, der Altkanzler und ihr Noch-Ehemann, Aufsichtsratsvorsitzender des russischen Ölkonzerns Rosneft geworden ist. Seine neue Lebensgefährtin sei einer der Gründe für die Trennung des Ehepaars gewesen, schrieb Schröder-Köpf kürzlich auf Facebook. Aber das ist privat. Und über Privates möchte sie heute nicht reden.

SPIEGEL: Frau Schröder-Köpf, wie läuft der Wahlkampf in Niedersachsen?

Schröder-Köpf: Gut. Ich bin beinahe jeden Tag auf Märkten in meinem Wahlkreis unterwegs, verteile Informations- und Werbematerial. Mal bei strömendem Regen, bei Kälte. Selten scheint die Sonne. Nachmittags stehen Hausbesuche auf dem Programm. Hannover war im Krieg stark zerstört, in den Nachkriegsbauten gibt es meist keine Aufzüge. Wenn wir da mehrere Stunden lang vier oder fünf Stockwerke hoch- und runterlaufen, weiß man abends, was man getan hat. Aber die Reaktionen der Bürgerinnen und Bürger sind sehr freundlich, viele freuen sich über die Gespräche.

SPIEGEL: Sie sind von Listenplatz 12 für die Landtagswahl vor vier Jahren auf Platz 14 gerutscht. Ist der noch sicher?

Schröder-Köpf: Sicher ist natürlich gar nichts, außer der eigene Tod. Ich würde sagen, meine Ausgangsposition ist gut, besser als damals. Dass ich auf der Liste etwas zurückgefallen bin, liegt daran, dass ein Spitzenmann der niedersächsischen Sozialdemokratie neu auf der Landesliste ist, der Innenminister. Ich habe da gern Platz gemacht...(lacht)

SPIEGEL: ...für Ihren neuen Lebenspartner Boris Pistorius.

Schröder-Köpf: Die Entscheidung hatte nichts mit unserer Beziehung zu tun.

SPIEGEL: Ihre Partei ist bei der Bundestagswahl auf 20,5 Prozent abgestürzt. Belastet Sie das im Landtagswahlkampf?

Schröder-Köpf: Schöner wäre natürlich ein besseres Ergebnis gewesen. Aber nach meiner Wahrnehmung differenzieren die Menschen. Ich habe bereits im Bundestagswahlkampf, wenn ich mit der Kandidatin für meinen Wahlkreis, Yasmin Fahimi, unterwegs war, immer wieder gehört: Für die Wahl am 24. September sieht es ja schlecht aus, aber im Land wird das anders. Die Umfragen belegen das. Die niedersächsische SPD liegt danach etwa gleichauf mit der CDU. Es ist knapp, es ist spannend.

SPIEGEL: War Martin Schulz der richtige SPD-Spitzenkandidat?

Schröder-Köpf: Diese Diskussion hilft jetzt nicht weiter. Die Probleme liegen nicht bei einer Person allein, nicht einmal nur bei der deutschen Sozialdemokratie. Die sozialdemokratischen Parteien sind ja offenkundig in ganz Europa in der Krise - und es gibt kein Limit nach unten, wie man an den französischen Sozialisten sehen kann.

SPIEGEL: Was sollte die SPD tun?

Schröder-Köpf: Wir müssen neue Antworten auf die Ängste und Fragen der Menschen finden. Auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs haben wir eindrucksvoll erlebt, dass und wie stark sich Menschen in Deutschland engagieren wollen. Wie groß der Wille ist zu helfen und, ja, die Welt ein wenig besser zu machen. Die schwierige Frage ist jetzt: Wie kann man beispielsweise diese Menschen für ein dauerhaftes Engagement in unserer Partei gewinnen? Die vielen Parteieintritte zeigen allerdings, dass etwas in Bewegung gekommen ist, positiv in Bewegung.

SPIEGEL: Noch am Wahlabend verkündete Schulz, die SPD werde in die Opposition gehen. War das richtig?

Schröder-Köpf: Absolut. Da herrscht in Niedersachsen große Einigkeit: Eine Fortsetzung der Großen Koalition kann es bei so einem Ergebnis nicht geben.

SPIEGEL: Hamburgs ehemaliger Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi forderte Schulz' Rücktritt. Zieht die SPD die richtigen Schlüsse aus der Niederlage?

Schröder-Köpf: Solche öffentlichen Ratschläge sind, frei zitiert nach Johannes Rau, immer vor allem Schläge. Die braucht derzeit kein Mensch. Zu Herrn Dohnanyi habe ich mir im Bundestagswahlkampf 2005 eine Meinung gebildet, als er Angela Merkel gegen Gerhard Schröder unterstützt hat. Sie sind offenbar persönlich befreundet. Das geht gar nicht.

SPIEGEL: Ist der Neuanfang mit Andrea Nahles an der Fraktionsspitze das richtige Signal? Die SPD steht offenbar vor einem Linksruck.

Schröder-Köpf: Ich sehe Andrea Nahles vor allem als pragmatische Politikerin. Ein Linksruck würde die Partei auch nicht weiterbringen.

SPIEGEL: Sie haben damals den Begriff Agenda 2010 geprägt. Parteilinken gilt die Reform als Wurzel allen Übels. Sollte sich die SPD jetzt davon distanzieren?

Schröder-Köpf: Einige sehen das so. Ich nicht. In Frankreich gab es keine Agenda-Politik, und die Sozialistische Partei dort liegt auch darnieder. Wir müssen also tiefer gehen und unsere historische Niederlage im Bund gründlich analysieren. Dass die SPD auch an die AfD verloren hat, ist besonders schmerzhaft.

SPIEGEL: An Abgrenzung nach rechts fehlt es nicht. Ihr Parteifreund Johannes Kahrs spricht von "rechtsradikalen Arschlöchern". Andrea Nahles scherzt, ab jetzt gebe es für die Union "in die Fresse". Ist das der richtige Ton?

Schröder-Köpf: Als Mutter dreier Kinder bemühe ich mich natürlich, weitestgehend ohne Kraftausdrücke auszukommen.

SPIEGEL: Welche Rolle wird die AfD, die es als drittstärkste Kraft in den Bundestag geschafft hat, in Niedersachsen spielen?

Schröder-Köpf: Eines unserer Wahlziele ist es, die AfD aus dem Landtag herauszuhalten. Die Partei ist hier besonders zerstritten. Gerade wurde die Spitzenkandidatin aus ihrer eigenen Kreistagsfraktion in Göttingen ausgeschlossen. Die AfD liegt den Umfragen zufolge derzeit bei etwa sechs Prozent. Es wäre besser für unser Land, wenn sie an der Fünfprozenthürde scheitern würde. Auf Bundesebene empfinde ich es als besorgniserregende Zäsur in der Nachkriegsgeschichte, dass im Reichstag wieder Rechtsradikale und Rassisten sitzen.

SPIEGEL: Auch bei den Linken könnte es knapp werden. Sie liegen laut Umfragen bei fünf Prozent. Ohne sie könnte es für Ihre SPD und die Grünen schwierig werden, an der Macht zu bleiben.

Schröder-Köpf: Wir kämpfen für die Fortsetzung der rot-grünen Koalition in Niedersachsen. Und ich bin überzeugt, dass wir das schaffen können. Es gibt im Land keine Wechselstimmung.

SPIEGEL: Bis zur Landtagswahl am 15. Oktober sind Sie noch Migrationsbeauftragte der rot-grünen Landesregierung. Was sind Ihre Pläne für die Zeit danach?

Schröder-Köpf: Das kommt auf die Koalitionskonstellation und die entsprechenden Verhandlungen an. Wir sind guter Hoffnung, weiterhin den Ministerpräsidenten zu stellen. Und für Stephan Weil stehen die Themen Migration, Integration und Demografie weit oben auf der Liste. Ich will gern weiter in diesem Bereich arbeiten, es gibt auch noch viel zu tun: Der Integrationsprozess hat ja erst begonnen und wird viele Jahre dauern. Wir müssen zum Beispiel unser Schulsystem noch weiter verbessern. Wir bauen bereits Schulsozialarbeit aus, weil wir wissen, dass es nicht ausreicht, nur Deutschunterricht zu erteilen. Viele Kinder schleppen allergrößte Belastungen wie Kriegserlebnisse und Traumata mit sich.

SPIEGEL: Wenn Ihr Name fällt, geht es oft auch um den Altkanzler Gerhard Schröder. Ist es für Sie als Politikerin schwer, aus seinem Schatten zu treten?

Schröder-Köpf: Die Wahrnehmung außerhalb von Niedersachsen mag so sein. Hier im Land ist das kaum noch ein Thema. Da haben mich die Menschen als SPD-Politikerin und Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe - übrigens ein Ehrenamt - kennengelernt. Als eine Person, die mit feurigem Herzen bei der Sache ist. Aber natürlich werde ich manchmal von älteren Genossinnen und Genossen auf ihn angesprochen: Gerd Schröder hat Niedersachsen mitgeprägt und große Spuren hinterlassen. Viele Menschen haben sehr positive Erinnerungen an ihn.

SPIEGEL: Hat er Sie im Wahlkampf unterstützt?

Schröder-Köpf: Nein, das habe ich auch nicht erwartet. Manuela Schwesig, seit kurzer Zeit Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, wird mich im Wahlkreis besuchen. Ich bin froh, von ihr Unterstützung zu bekommen. Eine starke Frau.

SPIEGEL: Gerhard Schröder ist seit Kurzem Aufsichtsratsvorsitzender des russischen Ölkonzerns Rosneft. Schon sein Engagement für Gazprom war umstritten. Hat er seine Seele verkauft?

Schröder-Köpf: Im Gegenteil. Ich weiß, dass ihm eine unzerstörbare Freundschaft zwischen Russland und Deutschland sehr am Herzen liegt. Er hat immer in langen Linien gelebt und gearbeitet. Ganz anders als die jetzige Kanzlerin, die mal für und mal gegen Atomausstieg, mal für mal gegen Flüchtlinge ist. Er bleibt - auch und gerade was Russland angeht - sich und seiner Politik treu. Das mag auch an der unglaublichen Herzenswärme liegen, mit der wir in Russland aufgenommen wurden. In einem Land, auf dessen Boden Deutsche so unvorstellbares Leid angerichtet haben.

SPIEGEL: Verklären Sie Gerhard Schröders Russlandengagement nicht? Sein Freund Wladimir Putin verwandelt das Land zusehends in eine Autokratie, und Ihr Noch-Ehemann wird üppige Aufsichtsratsbezüge beziehen.

Schröder-Köpf: In der Außenpolitik gibt es zwei Denkschulen. Eine sagt, man muss alles immer und überall kritisieren und dabei ganz laut sein. Die Anhänger der anderen Denkschule sagen: Das ist kein guter Weg. Die Sozialdemokratie hat eigentlich immer die Position des Wandels durch Annäherung vertreten, wie sie Gerhard Schröder lebt - eine Politik des Gesprächeführens, des Austausches. Das war übrigens auch die Haltung, die Hans-Dietrich Genscher bis zu seinem Tod für den Umgang mit Russland empfohlen hat.

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