AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2017

Menschendrohnen Mit dem Flieger zur Arbeit

Stress im Stau? Können Sie vergessen. Das lang versprochene fliegende Auto dürfte bald abheben. Weltweit tüfteln Ingenieure an Senkrechtstartern für jedermann - Science Fiction wird real.

Li­li­um-Flug­ge­rät (Computer­si­mu­la­ti­on)
Lilium Aviation

Li­li­um-Flug­ge­rät (Computer­si­mu­la­ti­on)

Von Marco Evers


Diese Zukunft beginnt gefährlich früh. Schon im Juli will die technikverliebte Wüstenstadt Dubai ein Fluggerät in Betrieb nehmen, das bisher Science-Fiction-Filmen vorbehalten war.

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Heft 10/2017
Wie viel Putin steckt in Trump?

Einsteigen, Tür schließen, auf dem Bildschirm eines der programmierten Ziele aussuchen - und dann nichts weiter, als auf "Start" tippen: Vollautomatisch und leise hebt die "Ehang 184" senkrecht ab, eine eiförmige Einmanndrohne mit acht Rotoren, acht Elektromotoren und allerhand Elektrohirn.

Im Nu soll das Lufttaxi eine Höhe von bis zu 1000 Metern erreichen und mit 60 Stundenkilometern über alle Staus und Hindernisse hinwegsausen, ehe es am Zielort wieder in den Vertikalmodus übergeht und Sekunden später dank seiner Landekameras sanft aufsetzt. Kann das funktionieren?

Dubais Verantwortliche weisen Zweifel zurück. Die emissionsfreie Menschendrohne habe sich bereits vor Ort in Flugtests bewährt. Sie könne bei Wind und Wüstenhitze fliegen, bei Tag und Nacht, nur nicht während eines Gewitters. Ein Kontrollzentrum am Boden solle den Betrieb überwachen, und wie der chinesische Hersteller versichert, drohe ohnehin kaum Gefahr: Alle kritischen Systeme seien mehrfach ausgelegt, bei einer Fehlfunktion lande die Flugmaschine einfach bei nächster Gelegenheit.

Wie viele Menschendrohnen Dubai bestellen wird, hat das Emirat noch nicht verraten. Fest steht: Die ersten Passagiere werden Mut und Gottvertrauen brauchen, Dubai auch.

Schlagzeilen wie "Windbö - Drohne kracht in Hochhaus, wieder ein Toter" könnten an dem hypermodernen Image kratzen, in dem sich Dubai gern sonnt. Dennoch: Bis 2030, das hat sich die Stadt vorgenommen, soll hier jede vierte Fahrt führerlos erledigt werden, in vollautomatischen U-Bahnen, die jetzt schon im Einsatz sind, selbstfahrenden Autos und eben in selbstfliegenden Flugmaschinen.

So ehrgeizig das erscheinen mag - Aufbruchstimmung und Selbstbewusstsein sind derzeit überreichlich vorhanden in den Werkshallen von Luftfahrttüftlern weltweit. "Schon im nächsten Jahrzehnt", sagte kürzlich Airbus-Chef Thomas Enders im SPIEGEL-Gespräch, werde man solche autonomen Stadtflieger "hinkriegen können". Das Ganze sei "nichts Geringeres als eine Revolution".

Möglich wird sie, weil in jüngster Zeit eine Reihe von Schlüsseltechnologien zur Marktreife gelangt ist, darunter immer bessere Sensoren, kostengünstige Systeme für künstliche Intelligenz, Avionik und Präzisionsnavigation, effiziente Elektroantriebe, Lithium-Ionen-Batterien und Verbundwerkstoffe für den ultraleichten Kabinenbau.

Ob das alles schon reicht für die Revolution, weiß niemand; gleichwohl haben sich jetzt viele dieser Zukunft verschrieben. Milliardäre und Visionäre, Großkonzerne und Garagenschrauber - sie alle arbeiten an einer neuen Ära der Individualmobilität ohne Straße, Stau und Stress.

VTOL-Flieger (für "vertical take-off and landing", gesprochen: wi-tol) sollen hochgradig automatisiert wie Riesengrashüpfer in den Städten umherspringen, Hauptausfallstraßen entlasten und Einfamilienhäuser auf dem Land direkt mit innerstädtischen Bürogebäuden verbinden. Das oberste Deck des Parkhauses, so der Kern der Idee, soll in Zukunft vor allem dieses sein: Flugplatz für den ganz normalen urbanen Individualluftverkehr, Taxistand für den Hopser nach Hause.

Modell der "Ehang 184"-Drohne in Dubai
AFP

Modell der "Ehang 184"-Drohne in Dubai

Das Konzept mag manchem altbekannt erscheinen. Fliegende Autos sind ein mindestens hundert Jahre altes Fortschrittsversprechen, auf das die genervten Pendler dieser Welt bisher vergebens warten. Jetzt aber scheint etwas Optimismus durchaus angebracht - interessante Kandidaten für den Durchbruch gibt es zur Genüge.

In Deutschland sind gleich zwei Pioniere am Start. In Karlsruhe entwickelt ein Start-up den "Volocopter", einen hubschrauberartigen Zweisitzer mit 18 Rotoren. Per Joystick soll das Fluggerät kinderleicht zu bedienen sein, die Computer an Bord ignorieren jeden Befehl, der zum Absturz führen könnte.

Der Volocopter ist bereits Realität: Vor einem Jahr hob er zum pilotierten Erstflug ab. Derzeit läuft die weitere Flugerprobung, die alsbald zur Musterzulassung als Ultraleichtflugzeug führen soll. In zehn Jahren, so brüstet sich die junge Firma, werde sie jährlich 10.000 Stück verkaufen, vielleicht sogar 20.000. Der Preis könne dann bei rund 100.000 Euro liegen.

In Gilching am Rande des Sonderflughafens Oberpfaffenhofen haben vier junge Gründer Lilium Aviation aus der Taufe gehoben. Ihnen schwebt ein batteriebetriebenes Luftgefährt vor, das auf seinen Tragflächen gleich 36 schwenkbare Rotoren hat und zwei Personen 300 Kilometer weit tragen soll. Der Erstflug des Senkrechtstarters liegt allerdings in weiter Ferne, derzeit hat die zwei Jahre alte Firma wenig mehr vorzuweisen als ein kleines Flugmodell und schöne Computerbilder.

Immerhin aber verfügen die Entwickler über die wichtigsten Ingredienzen des Erfolgs: Ideen, Mut und Geld. Der Mitbegründer von Skype, Niklas Zennström, hat über seine Investmentfirma Atomico zehn Millionen Euro in Lilium Aviation gesteckt. Unterstützung bieten auch der Risikokapitalgeber Frank Thelen und die europäische Weltraumagentur Esa.

Auch Airbus hat sich von der derzeitigen VTOL-Manie infizieren lassen. Im Silicon Valley hat der Konzern eine Innovationsschmiede namens A3 gegründet. Weit, weit weg soll sie Ideen zur Geburt verhelfen, die von den gesetzten Luftfahrtingenieuren in Toulouse oder Hamburg sofort als gaga verworfen würden.

Das Gesellenstück von A3 wird "Vahana" heißen, ein vollautomatisch fliegender Einsitzer mit acht Rotoren auf Kippflügeln. Er soll senkrecht starten und landen, sich an einen vorher eingestellten Flugplan halten, Hindernissen oder Gegenverkehr perfekt ausweichen können. Der Erstflug ist für Ende dieses Jahres geplant, 2020 soll das Produkt fertig sein.

Die Serienfertigung, glaubt A3-Chef Rodin Lyasoff, könne um das Jahr 2026 beginnen. Ein einziger Klick auf der App, so die Idee, soll dann ausreichen, schon kommt eine "Vahana" angeflogen, um ihren Passagier abzuholen. An den Zukunftsaussichten für diese Art von Flugzeug zweifelt Lyasoff nicht: VTOL-Flieger würden in kaum zehn Jahren "das städtische Reisen für Millionen Menschen revolutionieren".

Im Silicon Valley sehen das offenbar viele so. Start-ups wie Joby Aviation, Zee.Aero und Kitty Hawk brüten VTOL-Projekte für den Stadtgebrauch aus, und zumindest die beiden letzteren haben einen sehr potenten Geldgeber: Google-Mitbegründer Larry Page. Der Milliardär hat viele Millionen in beide Firmen investiert; allein Zee.Aero, der mit Abstand größte VTOL-Entwickler, hat mehr als hundert Mitarbeiter. Beide arbeiten unter äußerster Geheimhaltung, Journalisten werden nicht vorgelassen. Wie weit die Tüftler sind, lässt sich daher nur erraten.

Vom Zee.Aero-Flieger gibt es ein heimlich geschossenes, undeutliches Foto sowie den Bericht des Fotografen, der gesehen haben will, wie es auf dem Flughafen von Hollister, Kalifornien, senkrecht gelandet sei. Auf diesem Flugplatz unterhält Zee.Aero einen eigenen Hangar.

Kitty Hawk scheint ebenfalls schon ein Produkt zu erproben, die Firma sucht auf ihrer Website nach einem Flugversuchsingenieur in Vollzeit. Gründer von Kitty Hawk ist Sebastian Thrun - jener aus Deutschland stammende Robotikprofessor und Privatpilot, der das selbstfahrende Google-Auto maßgeblich entwickelt hat.

Und eine weitere Silicon-Valley-Größe mischt mit: Der erfolgreiche Fahrdienstvermittler Uber will mit Lufttaxis zur Stelle sein, sobald die Technologie wirklich brauchbar wird. Gerade hat der Konzern Mark Moore angeheuert, einen Nasa-Ingenieur, der sich seit Jahrzehnten mit experimentellen Flugzeugen beschäftigt.

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Offenbar soll Moore für seinen neuen Arbeitgeber zunächst keine eigenen Flugmaschinen bauen, vielmehr soll er helfen, das Feld zu bereiten für das anbrechende VTOL-Zeitalter. Technische Hürden gelten längst nicht mehr als das größte Problem für die urbane Fliegerei, mindestens so schwierig sind die regulatorischen Erfordernisse.

Bevor ein solches Fluggerät erstmals im kommerziellen Taxidienst abheben darf, müssten zahlreiche Gesetze geändert oder neu geschrieben werden. Bisher zum Beispiel dürfen auch VTOL-Flugzeuge nur von Flugplätzen aus starten, nicht von Parkplätzen. Die Luftaufsichtsbehörden und Hersteller müssen sich zudem auf Zulassungskriterien für die neuartigen Produkte einigen; allein dieser Prozess dürfte viele Jahre dauern.

Ungeklärt ist auch, welche Art von Flugverkehrskontrolle nötig wäre, sollten wirklich Massen von Senkrechtstartern durch die Städte sausen. Wünschenswert wäre ein vollautomatisiertes System, das zugleich den in Kürze wohl explodierenden Drohnenverkehr zu regeln vermag.

Die Vordenker von Uber halten kommerziell betriebene VTOL-Flieger durchaus für eine wirtschaftliche Alternative zum eigenen Auto. Sobald die Großserienproduktion in Gang komme, so schreiben sie in einer Analyse, könne ein 15-minütiger Flug in einem schnellen Lufttaxi schon für 21 Dollar angeboten werden.

Der Passagier werde sich damit eine Fahrt von hundert Kilometern im Pkw ersparen.



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Ein_denkender_Querulant 07.03.2017
1. Energieverschwendung ohne Gleichen
Herrlich, während wir "Sozioökoromantiker" mit zig Milliarden Investition eine EE-Stromversorgung aufbauen und tunlichst mit Rad oder Öffizs den Nahverkehr erledigen, träumen die alten Verschwender von Flugfahrzeugen für die obere Million. Es ist heute schon ein Drama, dass jährlich knapp 100 Millionen Autos produziert und betrieben werden. Aber gut, seit Trumps Glauben an Verschwörungstheorien gibt es ja keinen anthropogenen Klimawandel mehr und wir sollen uns "die Welt wieder zu Untertan machen", streng nach alttestamentarischer Aussage. Es ist zum k...... Auch wenn die Technik an sich witzig ist und mit Batterien und extrem viel EE natürlich wieder auch ökologisch anders zu bewerten.
berndsp 07.03.2017
2. Schöne neue Welt
In zwanzig Jahren wird es also keinen privaten Garten oder Balkon mehr geben und es wird ein ständiges brummen und summen in der Luft liegen. Zur Abhilfe sitzen wir mit Occulus Rift und Noise Cancelling Kopfhører in der Sonne. Fehlt nur der Schutz vor den zerschredderten Vögelresten die überall niederregnen. Aber das wird ja nur ein vorübergehendes Problem sein.
brille000 07.03.2017
3. Emmissionsfreie Menschendrohne?
Die alte Lügenmähr von der "sauberen" Energie. Auch gern in Verbindung mit Elektroautos benutzt. Emmissionsfrei ist das ganze unterm Strich aber halt nunmal nicht. Die Sachen, die die Umwelt belasten entstehen halt "nur" an anderer Stelle, nämlich da, wo der Strom für das Aufladen der Akkus erzeugt wird und das geschieht heutzutage grösstenteils noch durch Verbrennen fossiler Stoffe. Wozu die Bekloppten in Dubai noch so fähig sind (und nur weil sie die entsprechenden Mengen an Erdöl und Erdgas verkaufen), das kann man in vielen Artikeln nachlesen.
bekassine 07.03.2017
4. Na prima, neben Autoverkehr, Rasenmähern,
Laubbläsern, Rasentrimmern, Heckenscheren nun also noch den Lärm von oben. Ein ökologischer Irrsinn der besonders stupiden Art. Bis die ersten Dinger vom Himmel stürzen, weil der Stau in der Luft nicht auf sich warten lassen wird. Ich zitiere gerne Liebermann: "Ich kann gar nicht so viel fressen...."
karin_mainz 07.03.2017
5.
Zitat von bekassineLaubbläsern, Rasentrimmern, Heckenscheren nun also noch den Lärm von oben. Ein ökologischer Irrsinn der besonders stupiden Art. Bis die ersten Dinger vom Himmel stürzen, weil der Stau in der Luft nicht auf sich warten lassen wird. Ich zitiere gerne Liebermann: "Ich kann gar nicht so viel fressen...."
Wenn es wirklich kommen sollte, wird es ziemlich teuer werden, also ein Luxusspielzeug für Betuchte. In der Masse und zu niedriegen Preisen ist ein Betrieb wirtschaftlich nicht möglich, insofern beunruhigt mich das rein gar nicht. Eine nette Studie und Spielzeug, mehr nicht.
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