AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2018

Zerrissene Familie Die Mutter, die ihr Kind zurücklassen musste

Eine Duisburgerin fliegt zu einer Beerdigung in den Libanon. Als sie nach drei Wochen zurück will, erfährt sie: Sie darf wieder einreisen, ihr kleiner Sohn nicht. Wie ist das möglich?

Bana
Stephan Eickershoff/ Funke Foto Services

Bana

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Ein Jahr und zwei Tage nachdem sie ihren Sohn ein letztes Mal auf ihren Armen getragen, nachdem sie ihn am Flughafen von Beirut zurückgelassen hatte, schlafend, damit er es nicht merkte, sitzt Bedriye Bana in ihrem Wohnzimmer in Duisburg und versucht durch das Display ihres Telefons eine Mutter zu sein. Er ist jetzt zweieinhalb, ihr kleiner Junge. Sein Name ist Mohammed Issa. Er steht in einem Wohnzimmer, 4000 Kilometer von seiner Familie entfernt im libanesischen Sidon, einer Stadt, in der drei Tage zuvor eine Autobombe explodierte. Er trägt einen Pullover mit bunten Rennautos darauf und versucht, seiner Mama einen grünen Ball durch das Telefon zu schieben.

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Heft 10/2018
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"Issa, was machst du?", fragt die Mama in das Telefon.

"Komm jetzt", ruft das Kind und läuft zur Tür.

Bana ist 28 Jahre alt, eine höfliche, zierliche Frau mit müden Augen. Sie ist Türkin, aber in Deutschland aufgewachsen, ihr Lebensgefährte stammt aus dem Libanon, auch er wurde in Deutschland groß.

Bana sitzt auf dem Sofa und spricht mit ihrem Sohn, während dessen Schwestern, fünf und sieben Jahre alt, Spielpizza aus Salzteig backen. Es könnte ein normaler Nachmittag sein, in einer normalen Familie, wäre Mohammed, der kleine Bruder, nicht im falschen Land.

Die Reise, auf der Bedriye Bana ihren Sohn verlor, begann mit einem Tod. Ihre Schwiegermutter war verstorben, in Essen, und sie sollte zurückgeführt werden in den Libanon, ihre alte Heimat, das war im Dezember 2016. Bana sagt, diese Frau sei wie eine zweite Mutter für sie gewesen. Sie wollte sie auf ihrem letzten Weg begleiten, und so buchte sie einen Flug nach Beirut, für sich und ihren Sohn.

Bana war zuvor noch nie auf Reisen gewesen, so erzählt sie es. Eine Landesgrenze hat sie nur ein einziges Mal in ihrem Leben überquert, da war sie sechs Jahre alt und kam mit ihren Eltern und Geschwistern als Asylbewerberin aus der türkischen Grenzstadt Mardin in dieses Land. 22 Jahre ist das her, sie erinnert sich nur schwach daran.

Wirklich ankommen in einem deutschen Leben aber konnte Bana nie: Eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis bekam sie in 22 Jahren Deutschland nicht, was laut Ausländerbehörde vor allem auch daran lag, dass sie als Erwachsene nie eine feste Arbeit hatte. Als sie mit Mohammed schwanger war, beantragte Bana eine Verlängerung ihres Aufenthaltstitels, doch sie und später auch ihr Sohn bekamen nur eine sogenannte Fiktionsbescheinigung, eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis, mit der man aber noch reisen kann, so verstand Bedriye Bana es.

Im Dezember 2016 stieg Bana mit ihrem Sohn in Düsseldorf in das Flugzeug in den Libanon. Bei der Einreise zeigte sie die Papiere. Es gab kein Problem. Im Libanon sah Bedriye Bana zum ersten Mal das Meer. Drei Wochen lang trauerte die Familie, es gab viel süßes Baklava.

Am 16. Januar verabschiedete Bana sich am Beiruter Flughafen von ihrer Schwägerin. Sie freute sich auf Duisburg, sie vermisste ihre Töchter. Bana ging zur Passkontrolle, den Kleinen trug sie auf dem Arm. Ein deutscher Beamter vor Ort schaute auf ihre Ausweise. Dann sagte er: "Ihr Sohn darf nicht mitfliegen." Er habe nicht die richtigen Papiere für die Wiedereinreise.

"Nicht ohne meinen Sohn"

Sie habe angefangen zu zittern, sagt Bana, "Meine Zunge war wie festgebunden, ich hatte solche Angst." Wo sie ihren Sohn denn unterbringen solle, fragte sie den Mann.

Das sei ihr Problem, habe er geantwortet. Sie müsse das Ganze mit der Ausländerbehörde in Duisburg klären.

Das Ausländerrecht ist für Laien kaum zu verstehen. Bana war davon ausgegangen, dass sie und ihr Sohn den gleichen Status haben. Doch sie hatte eine Fiktionsbescheinigung nach Paragraf 81 Absatz 4. Damit darf man wieder einreisen. Der Sohn aber hatte eine Bescheinigung nach Paragraf 81 Absatz 3. Damit darf man es nicht. Ein Unterschied, der den Sohn nun von seiner Mutter trennt.

Es gibt ein Video davon, wie der Kleine zum ersten Mal begreift, dass Bana fort ist. Ein verwirrtes Kind, das durch das Haus seiner Tante rennt, von Tür zu Tür. Es ruft nach seiner Mutter.

Die Sachbearbeiterin in der Duisburger Ausländerbehörde habe zu Bana gesagt, sie müsse für ihren Sohn ein Visum beantragen, weil er kein deutscher Staatsbürger sei. Doch der Antrag wurde vom Auswärtigen Amt abgelehnt. Mit der Begründung, dass Bana kein Aufenthaltsrecht habe und damit kein Recht auf Familiennachzug. Seit März 2017 sind sie und ihre Töchter nur noch geduldet. Mit einer Duldung kann Bana nicht mehr reisen und ihren Sohn auch nicht besuchen. Die Ausländerbehörde will die Familie abschieben. Banas Anwalt versucht, dagegen vorzugehen, er klagt auch auf Verlängerung der Aufenthaltserlaubnisse der Mutter und ihrer Kinder. Die Entscheidungen stehen noch aus.

Man kann nun sagen, dass Bana selbst schuld sei, dass die Reise ein Fehler war. Man kann sich aber auch fragen, warum die Behörden es als sinnvoll erachten, eine integrierte Frau nach 22 Jahren abzuschieben und einem Kind wegen der Unwissenheit seiner Mutter die Familie zu nehmen.

Seit Mohammed allein im Libanon ist, schläft er schlecht, er schreit viel, weint, manchmal ist er aggressiv. Die Familie sorgt sich, auch, weil der Junge einen türkischen Pass hat. Was, wenn die Libanesen ihn in die Türkei abschieben? Bana fürchtet, ihr Sohn könne sie vergessen.

In ihrer Verzweiflung startete Bana vor ein paar Wochen eine Petition bei Change.org im Internet, 76.000 Menschen unterschrieben dort für sie. Das gebe ihr Mut, sagt sie. Ihren Sohn bringt es ihr bisher nicht zurück.

Seit September hat Bana eine feste Vollzeitbeschäftigung, sie reinigt Treppen und Büros. Vielleicht, so ihre Hoffnung, erhöht das ihre Chancen auf ein Bleiberecht in ihrem Heimatland Deutschland. Und auf ein Wiedersehen mit ihrem Sohn.



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