AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2017

Elektroautos Kein Anschluss unter diesem Parkplatz

Das größte Ärgernis für die Besitzer von Elektroautos: Es gibt kaum Ladestellen. Wie lässt sich das ändern?

E-Auto-Fahrer Degenfelder an öffentlicher Ladestation in Pullach: "Beinahe unmöglich, an Stoff zu kommen"
Dieter Mayr/ DER SPIEGEL

E-Auto-Fahrer Degenfelder an öffentlicher Ladestation in Pullach: "Beinahe unmöglich, an Stoff zu kommen"

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Alle zwei Wochen fährt Thomas Degenfelder zu McDonald's. Nicht weil er Hamburger und Pommes so gern mag: Degenfelder lädt dort die Batterien seines Elektroautos auf.

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Heft 38/2017
Eine Gebrauchsanweisung

Die Strom-Tankstelle auf dem Parkplatz der Fast-Food-Kette im Münchner Stadtteil Solln ist eine von nur drei Ladestationen in einem Umkreis, in dem fast 100.000 Bürger leben. "Es ist beinahe unmöglich, hier an Stoff zu kommen", sagt Degenfelder.

Gern würde er seinen Renault Zoe dort laden, wo er einen Stellplatz gemietet hat, in einer benachbarten Tiefgarage. Doch die Gemeinschaft der Eigentümer sperrt sich gegen die Installation einer Ladestation. Degenfelder wäre sogar bereit, die Kosten von rund 2000 Euro für Gerät und Einbau weitgehend zu übernehmen - vergebens. "Eine Mentalitätsfrage", sagt er, "die wollen das einfach nicht."

Mit solchen Problemen kämpfen zurzeit viele E-Auto-Pioniere. Sie möchten ihr Fahrzeug bequem zu Hause über Nacht an eine sogenannte Wallbox hängen, aber die Vermieter stellen sich quer. Selbst wenn ihnen die Stellfläche gehört, scheitert eine Installation vielfach am Veto der Miteigentümer.

Die Folge: Kaum einer der schätzungsweise vier Millionen Parkplätze, die den rund neun Millionen Eigentumswohnungen hierzulande zuzurechnen sind, ist mit einer Steckdose ausgestattet. Damit fehlt einem Großteil der Bevölkerung in Deutschland ein entscheidender Anreiz zum Umstieg auf ein Elektroauto.

Zwar belohnt der Staat den Kauf mit einer Prämie von bis zu 4000 Euro, er gewährt sogar eine Befreiung von der Kfz-Steuer für zehn Jahre. Und dennoch: Wer mag sich schon ein E-Mobil zulegen, wenn er regelmäßig viel Zeit für den Besuch einer Ladestation opfern muss? Und die im Zweifel dann noch gerade besetzt ist?

Auch der Dieselgipfel vergangene Woche in Berlin hat keine befriedigende Antwort auf die Frage gegeben, wie sich die Ladehemmung in der Tiefgarage beseitigen ließe. Die Bundesregierung hat zwar den Mobilitätsfonds auf eine Milliarde Euro aufgestockt, damit können sich Kommunen Elektrobusse anschaffen oder Stromer für die eigene Autoflotte. Die private Lade-Infrastruktur in Mehrfamilienhäusern werde dagegen von der Politik "sträflich vernachlässigt", kritisiert Martin Kaßler, Geschäftsführer des Dachverbands Deutscher Immobilienverwalter.

Kaßler vertritt bundesweit rund 2200 Hausverwalter. Immer öfter höre er von den Mitgliedern, dass die Frage der Ladestationen Eigentümergemeinschaften entzweie, berichtet Kaßler. Das Problem: Die Rechtslage ist nicht eindeutig.

Wer auf dem Stellplatz eines Mehrfamilienhauses einen Stromanschluss einrichten will, muss sich nach geltendem Recht die Zustimmung der Eigentümer einholen, schließlich tangieren die nötigen Arbeiten, etwa das Verlegen von Leitungen, gemeinschaftliches Eigentum.

Juristisch unklar ist indes, ob die Installation einer Ladestation als bauliche Veränderung zu werten ist: Dann müssten ihr sämtliche Eigentümer zustimmen. Wird sie hingegen als Modernisierung betrachtet, wäre eine Dreiviertelmehrheit ausreichend.

Welche Variante im Einzelfall zutrifft, legen die Gerichte unterschiedlich aus: eine unbefriedigende Situation.

Vor einem Jahr brachten die Länder Sachsen und Bayern im Bundesrat einen Gesetzentwurf ein, der die Frage regeln sollte - und die gängige Rechtsauffassung auf den Kopf stellte. Er sieht nämlich vor, dass jeder Eigentümer eines Stellplatzes und sogar jeder Mieter einen Anspruch auf eine Steckdose bekommt; eine Zustimmung der Nachbarn wäre demnach nicht mehr nötig.

Ein bemerkenswerter Vorstoß der Freistaaten, leider aber hilft das Papier nur bedingt weiter, da ein zentrales Problem nonchalant übergangen wird: wer nämlich die Kosten trägt. Und die können erheblich sein.

Sie hängen insbesondere davon ab, wie viele Anschlüsse zu legen sind. Geht es nur um eine Ladestation, mag das vorhandene Hausnetz den zusätzlichen Bedarf verkraften. Melden aber weitere Autofahrer ebenfalls Interesse an einer Steckdose an, stößt das System vielfach an Grenzen und bricht zusammen. Auf solche Lasten ist das Stromnetz vor allem älterer Gebäude selten ausgelegt.

In diesen Fällen muss die elektrische Infrastruktur oft rundum erneuert werden. Es ist nötig, neue Leitungen zu verlegen, Mauern zu durchbrechen und ein Lademanagementsystem einzurichten, das die Stromverteilung steuert. Da kommen beträchtliche Kosten zusammen, bei größeren Objekten können es hohe fünfstellige Summen sein - plus die regelmäßigen Ausgaben für die Wartung.

Es ist also kaum damit getan, lediglich den Anspruch auf eine Steckdose gesetzlich festzuschreiben, wenn in Mehrfamilienhäusern zunächst die Elektrik aufgerüstet werden muss. Verbandsgeschäftsführer Kaßler regt ein nationales Förderprogramm an. Rund hundert Millionen Euro sollte die Bundesregierung bereitstellen, schlägt er vor, immerhin unterstütze sie den Bau öffentlicher Ladesäulen mit dem dreifachen Betrag.

Erst wenn private Stellplätze mit Ladestationen ausgestattet seien, werde das Elektroauto für viele Bürger zu einer ernsthaften Alternative, meint Kaßler: "In der Tiefgarage entscheidet sich die Zukunft der Elektromobilität."



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