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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2013

Idole: Quiet, please!

Von Jochen-Martin Gutsch

Boris Becker: Quiet, Please! Fotos
DPA

Mit peinlichen Auftritten bewirbt Boris Becker seine Autobiografie. Warum stoppt ihn niemand?

Vor ungefähr vier Jahren fuhr ich mit Boris Becker von Stuttgart nach Zürich. Es war Nacht, Becker saß am Steuer seines Mercedes-Offroader, und hinten auf der Rückbank lag Lilly Becker, seine Ehefrau, schlafend wie ein großes Kind. Boris Becker erzählte von seinen Plänen. Er war damals 41 Jahre alt, ein Mann in der Mitte seines Lebens und gerade dabei, sich noch einmal neu zu erfinden.

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In welcher Weise, das ließ sich schwer sagen. Aber es sollte in Richtung Seriosität, Beständigkeit, Verlässlichkeit und Inhalt gehen. Das klang nicht schlecht, und ich hoffte, dass Becker es schaffen würde.

Er ist einer meiner Kindheitsidole. Dreifacher Wimbledon-Sieger, Davis-Cup-Sieger, Olympiasieger, Nummer eins der Weltrangliste. Als Becker 1987 in einem 6 Stunden und 39 Minuten dauernden, epischen Davis-Cup-Match John McEnroe niederrang, waren Böllerschüsse in den Straßen zu hören. Ich lebte damals in der DDR, wir spannten eine Schnur über den engen Fußballplatz, der von einem Metallgitter umgrenzt war, und spielten die großen Becker-Matches aus Wimbledon, Flushing Meadows und Melbourne nach. Bumm-Bumm in Ost-Berlin.

Jetzt saß ich neben ihm, und er sprach davon, dass er vielleicht Pokerprofi wird oder Fernsehmoderator oder Geschäftsmann oder Mäzen eines Fußballclubs. Jedenfalls wolle er die "Marke Becker" neu auffüllen.

Auf dem Karriereweg verfahren?

Und mit was?, fragte ich. Meiner Persönlichkeit, sagte Becker. Dann hielt der Mercedes plötzlich. Vor uns lag der Bodensee. Wir standen auf der deutschen Seite, Zürich lag leider auf der anderen. Becker hatte sich verfahren.

Ich sagte, er könne doch vielleicht das Navigationssystem einschalten. Er antwortete, als säße er in einer Pressekonferenz: "Ich fahre lieber nach meinem eigenen Kopf. Auch im Auto bleibe ich lieber unabhängig."

Schon damals hätte ich ihn gern an den Schultern gepackt und gesagt: Pass auf, Boris, vergiss deinen eigenen Kopf! Da ist nur ein Haufen Rasen drin, der rote Sand von Roland Garros und andere schöne Dinge, die dir aber nicht weiterhelfen. Mit deinem eigenen Kopf - das endet wieder nur in irgendeiner Scheidung, einer peinlichen Autobiografie, einer beknackten Geschäftsidee oder bei RTL.

An diese Autofahrt muss ich jetzt manchmal denken. Boris Becker ist wieder da. Sein Gesicht ist breit, rot und wächsern geworden. Er sitzt in den Fernsehstudios, um seine Autobiografie zu vermarkten. Sie heißt "Das Leben ist kein Spiel". Es ist bereits die zweite innerhalb von rund zehn Jahren, und er berichtet darin, wie ihn seine Ex-Frau Barbara Becker einmal schlug, seine Ex-Verlobte Sandy Meyer-Wölden, die heute Alessandra Pocher heißt, ihn nur ausnutzte und seine jetzige Ehefrau Lilly Becker ihm Wodka ins Gesicht schüttete.

Twitter-Krieg zweier Boulevard-Exhibitionisten

Weil das so langweilig ist, wie am eigenen Zeh zu lutschen, hat Becker einen "Twitter-Krieg" mit Oliver Pocher angefangen, einem anderen Boulevard-Exhibitionisten, was Becker viel Aufmerksamkeit bringt in "Bild-Bunte-Gala-RTL", einen Platz auf der SPIEGEL-Bestseller-Liste und viel Mitleid und Abscheu im Rest von Deutschland. Niemand würde sich mehr wundern, wenn Boris Becker in der Prominentenausgabe von "Big Brother" aus dem Fernseher winkte. Man schaut Becker heute beim Leben zu wie einem unschönen Autounfall.

Er war einer der wenigen deutschen Weltstars. So wie Franz Beckenbauer, Max Schmeling, Michael Schumacher. Becker hätte eine Art deutscher Ali werden können. Stattdessen geht er zu RTL und Pocher und lässt sich demütigen, weil das aus seiner Sicht immer noch besser ist als Stille.

Stille ist für alte Helden schwer auszuhalten. Genauso wie die Wahrheit, dass man eigentlich noch jung ist, aber das Größte im Leben bereits erreicht hat. Die Vergangenheit wird die Gegenwart und die Zukunft immer überragen. Die Show ist vorbei, aber wie lebt man ohne die Show?

Vermutlich bin ich einer der letzten Deutschen, die Boris Becker immer noch mögen. Jemand, der glaubt, dass Becker die Kurve kriegt. Es spricht nicht viel dafür, aber ich kann nicht anders. Ich glaube ja sogar daran, dass Diego Maradona, der zweite Held meiner Kindheit, noch die Kurve kriegt.

Scheitern wie ein Architektensohn aus Leimen

Maradona war der größte Fußballspieler aller Zeiten. Nach der Karriere wurde er unglaublich fett, versagte als Nationaltrainer, oft wirkte er vollkommen irre, und einmal erklärte man ihn schon für tot, krepiert an Drogen und Exzess.

Aber immerhin: Maradona scheitert wie ein Rockstar. Wie jemand, der in einem Slum von Buenos Aires groß wurde und langsam an seinem Genie, seinem Aufstieg und seinem Wahnsinn ersticken könnte. Es wäre nachvollziehbar. Zwangsläufig. Boris Becker aber scheitert wie ein Architektensohn aus Leimen. Selbstgefällig, inszeniert und grundlos.

Falls es einen Tennisgott gibt, dann soll er Boris Becker bitte einen weisen, väterlichen Mann schicken. Einen guten Berater. Jemanden, der zu Becker immer wieder sagt: Quiet, please. Oder meinetwegen auch: Shut the fuck up, Boris!

Dazu empfehle ich eine Kindersicherung für das Handy. Und Twitter-Verbot. Und Fernsehstudioverbot. Und Schreibverbot. Ich möchte in ein paar Jahren nicht die dritte Autobiografie lesen. Bitte, Boris!


Becker gegen Pocher - Alle auf den Kleinen, Freitag, 20:15 Uhr, RTL

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insgesamt 132 Beiträge
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1. Krank oder Resteververwertung?
kurswechsler 25.10.2013
Zitat von sysopDPAMit peinlichen Auftritten bewirbt Boris Becker seine Autobiografie. Warum stoppt ihn niemand? http://www.spiegel.de/spiegel/ehemaliges-tennisidol-die-selbstdemontage-des-boris-becker-a-929985.html
Auch mich macht B.B. einen inzwischen psychisch kranken Eindruck. Narzissmus kommt wohl in Betracht, Selbstverleugnung und Realitätsferne. Es wird böse enden. Kommt hinzu, dass er sowieso nicht der hellste ist und wohl schlechte Berater hat. Alternativ bleibt nur die Annahme, das er sich in der Resteverwertung seiner selbst befindet, was am Ende immer zur Prostitution führt. In .B. B.s Fall sich komplett lächerlich zu machen und mit jedwedem persönlichen um sich zu werfen, - 2. Biographie -, um Aufmerksamkeit und Marktanteile zu sichern.
2. Danke
thawn 25.10.2013
Dieser Artikel spricht mir aus der Seele. Ich kann mich außer auf dem Tennisplatz an keinen würdevollen medialen Auftritt von Becker erinnern. Nur Ihren Glauben an eine Kehrtwende aus der Sackgasse der medialen Lächerlichkeit kann ich nicht mehr teilen.
3.
Schaukelpferd 25.10.2013
BB ist ja nicht der einzige sog. Star der sich um weiterhin populär zu sein, mehr als lächerlich macht und es passiert ihm ja immer wieder und peinlich ist ihm ja nichts. Die Buchvorstellung wurde äh äh äh sogar im TV übertragen. Muss sich ja somit zumindestens finanziell lohnen und damit ist der auf der gleichen Schiene wie viele Normalbürger auf RTL. Traurig aber man muss sein Buch ja nicht lesen und der Fernseher hat einen Ausschaltknopf.
4. Wen juckts
Walther Kempinski 25.10.2013
Wieso muss man einen erwachsenen Mann vor sich selbst schützen? Nur weil er mal einst ein Idol war? Soll er doch tun was er will, ist ja nicht illegal. Möglicherweise tut er es des Geldes wegen oder wegen der Aufmerksamkeit, die ihm dabei zu Teil wird. Aber diese deutsche Heldenrettung die man hier versucht...ich weiß nicht ob das im Ausland genauso wäre. Ich glaube eher nicht.
5. Zu positiv beschrieben...
Bowie 25.10.2013
BB ist doch schon immer grandios überschätzt worden. Außer einer kurzen Phase in der er Weltklasse im Tennisspielen war (die allerdings auch schon dreißig Jahre her ist), hat er weder intellektuell, privat, geschäftlich oder auch durch soziales Engagement nichts, aber auch gar nichts auf die Reihe bekommen, das erwähnenswert gewesen wäre. Leider hat sich die Boulevardpresse nie daran gehalten und BB in all den Jahren künstliche Größe angedichtet und das vermeintliche Interesse des Volkes so am Köcheln gehalten. Tragisch!
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