AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2018

Lebensbrüche Wie einer der reichsten Männer der Welt sein Vermögen verlor und es wiederholen wollte

Eike Batista stieg aus dem Nichts zum reichsten Mann Brasiliens auf, stürzte dann dramatisch ab. Unser Autor hat den Deutschbrasilianer bei seinem Comeback-Versuch begleitet.

Milliardär Batista in Rio de Janeiro 2011
REUTERS

Milliardär Batista in Rio de Janeiro 2011

Von


Das brasilianische Fernsehen ist live auf Sendung, um am Morgen des 30. Januar 2017 am Flughafen von Rio de Janeiro das Ende eines Mythos zu übertragen. Eike Batista, 61, deutschbrasilianischer Unternehmer, Global Player, Rohstoffhändler, Ölmagnat, Goldsucher, Rennbootchampion, Ex-Mann einer Sambakönigin und bis zum Crash seines Imperiums der reichste Mann Brasiliens, kommt gerade aus New York zurück, als eine Fernsehkamera die Maschine ins Visier nimmt. Während eine Treppe an das Flugzeug rollt, rufen Reporter mit bewegter Stimme, dies seien die letzten Stufen, die "Aiki", wie ihn hier alle nennen, in Freiheit nehmen werde.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 1/2018
Bewegen, gut essen, entspannen: Der Masterplan für ein viel längeres Leben

Dann ein Zoom auf die sich öffnende Kabinentür, Batista blinzelt kurz in die Sonne, er trägt ein Cordjackett, in dessen Seitentasche zuletzt oft eine weiße, etikettenlose Zahnpastatube steckte, mit deren Hilfe er noch einmal die Welt revolutionieren wollte. Unter seinem Arm klemmt ein weiches, seltsam großes Reisekissen, als könnte es seinen tiefen, diesen tiefstmöglichen Fall dämpfen, den er gerade erlebt. Noch auf dem Rollfeld nehmen brasilianische Sicherheitskräfte Eike Batista in Gewahrsam.

Batistas Festnahme, seine von Helikopterkameras verfolgte Fahrt ins Gefängnis, die Ankunft in seiner Zelle, deren Klo ein Loch im Boden ist - es war der Schlussakt eines Krimis, der Brasilien tagelang in Atem gehalten hatte. Staatsanwälte hatten zuvor Indizien präsentiert, die darauf hinwiesen, dass Batista in den Jahren seines sagenhaften Aufstiegs den damaligen Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro mit mehreren Millionen Dollar geschmiert hatte; ein Richter schrieb ihn daraufhin zur Fahndung aus. Die Medien spekulierten, dass er sich nach Deutschland absetzen könnte, wo seine Mutter herstammt und wo er studiert hatte, oder auf eine geheime Insel, die er womöglich irgendwo besitze. Alles erschien möglich bei diesem Mann, dessen Leben so voller irrealer Wendungen ist. Ein Filmproduzent, der vorgehabt hatte, Batistas Leben ins Kino zu bringen, hat kürzlich erklärt, lieber eine vielteilige Fernsehserie aus dem Stoff drehen zu wollen.
Kaum ein Mensch hat wohl jemals in so kurzer Zeit ein so großes Vermögen geschaffen. Kaum jemand hat so viel Geld so schnell wieder verloren.

All dies ist noch sehr weit weg, als sich Batista an einem Februartag 2016, knapp ein Jahr vor seinem endgültigen Fall, als freier Mann auf der Rückbank eines SUV fläzt und sich frühmorgens über die Queensboro Bridge nach Manhattan fahren lässt, Geschäftstermine in New York, Alltag. Batista hatte eingewilligt, sich vom SPIEGEL beim Aufbau einer neuen Firma begleiten zu lassen - vielleicht, weil er dabei sein Deutsch trainieren konnte, die Sprache seiner Mutter Jutta Fuhrken, die aus Hamburg stammt. Vielleicht auch, weil er hoffte, danach eine Art Boxerstory über sich lesen zu können, das Epos eines Mannes, der schon in den Seilen hing, ehe er sich noch mal aufrafft für einen letzten, siegbringenden Schlag.

Batista 2010
DPA

Batista 2010

"Hast du gelesen, was sie gestern wieder geschrieben haben?", fragt Batista seinen Fahrer mit genervter Stimme. Er nimmt sein iPhone, das neben einer dieser weißen Zahnpastatuben in der Tasche seines Jacketts steckt, ruft die Website des brasilianischen Boulevardblatts "Extra" auf und liest laut vor.

Batista, schreibt die Zeitung, habe kürzlich am Strand von Ipanema in Rio ein blumendekoriertes Boot bestiegen und sei in die Bucht hinausgefahren. Um Frieden zu schließen mit der Meeresgöttin Yemanjá, habe er 700 Goldmünzen im Wert von je 1000 Real ins Wasser geworfen. Mit dieser Opfergabe, spekulierten die Autoren, erhoffe Batista sich göttlichen Beistand für seine Businessidee.

"Nicht schlecht", ruft Batistas Fahrer, dessen breites Grinsen kurz im Rückspiegel auftaucht.

"Nicht schlecht?", sagt Batista. "Wer das liest, denkt doch, ich sei komplett verrückt."

Die Geschichte sei Quatsch, sei frei erfunden, sagt Batista, aber das ist es nicht, was ihn am meisten stört. Was ihn aufregt, ist der grundsätzliche Mangel an Respekt vor einem großen Unternehmer wie ihm, Eike Batista, der doch gerade dabei ist, eine neue, gigantische Geschäftsidee umzusetzen, der sich anschickt, die Welt mit einem neuen Material zu beglücken: Hydroxylapatit. Dafür ist er an diesem Tag nach New York geflogen. Und dieser Stoff steckt in seiner Zahnpasta.

Draußen taucht die Wintersonne die Skyline von Manhattan in ein goldenes Licht. "Wir hatten Rockefeller, der die Welt mit billigem Öl geflutet hat", sagt Batista. "Wir hatten Carnegie, der uns den Stahl geschenkt hat. Dann kam Steve Jobs mit seinen fantastischen Computern. Das nächste große Ding, das ist die digitale Revolution der Chemie!"

Eike Batista war in seinem Selbstverständnis und auch für die brasilianische Öffentlichkeit immer mehr als ein Geschäftsmann. In seinen besten Jahren herrschte er über ein dicht geknüpftes Netz aus Öl- und Gaskonzernen, ließ Gold und Erze aus der Erde holen und im Norden Rio de Janeiros einen Tiefwasserhafen bauen, von dem er glaubte, dass er einst ein "Rotterdam der Tropen" werde. Batista war eine Figur wie aus einer Telenovela, ein neureicher Sprücheklopfer, der pinkfarbene Krawatten zum Nadelstreifenanzug trug und dem die Brasilianer gern dabei zusahen, wie er öffentlich deren Träume lebte.

Die Klatschblätter berichteten darüber, wenn Eike sich für 30000 Dollar neue Haare transplantieren ließ. Sie druckten Fotos, auf denen Eike in einem barocken Sessel neben einem weißen Lamborghini thronte, der in einem seiner Wohnzimmer geparkt war. Als sich seine Ex-Frau, Luma de Oliveira, die eine der begehrtesten Sambatänzerinnen Rios war, für das "Playboy"-Cover auszog, war das Heft sofort vergriffen.

Wie kein Zweiter verkörperte Batista das aufstrebende Brasilien der Präsident-Lula-Jahre, der Zeit nach dem Jahrtausendwechsel. Als ihn das US-Magazin "Forbes" 2012 mit einem geschätzten Vermögen von 30 Milliarden Dollar auf Platz sieben unter den reichsten Menschen der Welt einstufte, erklärte er mit seinem raumfüllenden Lachen, dass er bis 2015 locker am damaligen Erstplatzierten, dem Mexikaner Carlos Slim, vorbeiziehen werde. Doch so weit sollte es nicht kommen.

Sportwagen
AFP/ FEDERAL POLICE

Sportwagen

Ein Jahr später kollabierten seine Konzerne in einer wahnwitzigen Kettenreaktion. Quasi über Nacht verlor Batista 99 Prozent seines Vermögens. "Eike ist jetzt wieder Mittelschicht", erklärte Batista mit lapidaren Worten einen der gewaltigsten privaten Wirtschaftscrashs der Geschichte, mit Wertverlusten, die die Höhe des Bruttosozialprodukts ganzer Staaten übertrafen. Und wie sein Aufstieg war auch sein Fall ein Vorzeichen für die Entwicklung seines Landes. Er nahm die schwere Rezession vorweg, in der Brasilien bis heute steckt.

Im kalten New York parkt Batistas Fahrer den Wagen vor einem Wohngebäude in der Nähe des Central Park. Ein Livrierter nimmt Batistas Rollkoffer entgegen. Oben in seinem Apartment sieht es aus wie in einer Studentenbude. In der offenen Küche liegen angebrochene Cornflakes-Packungen zwischen eilig hingekritzelten Organigrammen seiner neuen Firma, der er den Namen "Cleanworld Technologies" gegeben hat. Batista geht zum Kühlschrank und holt sich eine Flasche Milch. "New York", sagt er "ist schon was anderes als Rio." New York, das ist für ihn ein Ort, an dem Unternehmer scheitern dürfen. An dem sich die großen Biografien oft wie Boxerstorys lesen. "Nimm Carnegie", sagt er, "der Mann war dreimal pleite, bevor er den Stahl erfand. Oder meinen Freund Elon Musk: zweimal pleite, ehe er auf die Elektroautos kam. Und wie viel Geld hat eigentlich die Trumpete verblasen, bevor der Mann präsidiabel wurde?"

Jetzt ist die Reihe also an ihm, jetzt steht sein Comeback ganz kurz bevor, so denkt sich das Eike Batista im Februar 2016, drei Jahre nach seinem Crash, ein Jahr vor seiner Festnahme. Bis zu seinem 60. Geburtstag im November will er zurück sein auf der großen Bühne. Mit Öl, Gold und Gas war er gescheitert, nun setzt er alles auf diesen so gut wie unbekannten Rohstoff, der in seiner Zahnpasta steckt.

Hydroxylapatit sei "ein Mineral, das zur Gruppe der Kalziumphosphate gehört", referiert Batista, während er seine Cornflakes löffelt. Unsere Zähne und Knochen bestünden im Wesentlichen aus dieser Substanz, die Firmen bislang vor allem in Bio-Repair-Zahnpasten verwendeten. Batista sagt, es gebe "Studien, die erwiesen haben, dass Hydroxylapatit natürliche Prozesse auslöst, die das Kariesrisiko senken". Sie würden dabei helfen, den Zahnschmelz zu erneuern. "Aber das ist längst nicht alles", ruft Batista. In Sonnencremes, meint er, verjünge Hydroxylapatit die Haut. Man könnte außerdem Prothesen aus Hydroxylapatit entwickeln, die besser an den Knochen andocken würden als die üblichen Titaniumplatten. Oder Schadstofffilter, die die Abgase von Autos oder Schiffen absorbieren würden. "Das ist ein Milliarden-Dollar-Ding", ruft Batista mit vollem Mund.

Weil die Laborverfahren zur Herstellung des Stoffs als äußerst schwierig gelten, ist das Pulver teuer, bis zu 400 Dollar kostet ein Kilogramm. Batista aber ist seit einiger Zeit Eigentümer einer Fabrik, in der ein paar Tüftler, die er "meine Miraculixe" nennt, mit geringem Aufwand industrielle Mengen produzieren können. Die Zahnpasta, so stellt er sich das vor, soll jetzt erst mal "ein Testballon" sein, um den Stoff weltweit bekannt zu machen. Sie soll ihm helfen, Vertrauen zurückzugewinnen, das er durch seinen Crash verloren hat. Wenn alles gut geht, dann schrubbt sie den Makel der Pleite von seinem Namen und verleiht ihm wieder seinen alten Glanz.

Batista war 21, als er erstmals ein Gefühl für die eigene Größe entwickelte und ihm die deutsche Provinz zu klein wurde. In Brasilien geboren, als eines von sieben Kindern des Unternehmers und späteren Energieministers Eliezer Batista, kam er mit der Familie als Teenager nach Europa. Die Batistas lebten in Genf und Brüssel, bevor Eike in Düsseldorf sein Abitur machte und in Aachen einige Semester Metallurgie absaß. Doch der Alltag an der Uni und sein Nebenjob als Klinkenputzer einer Versicherung langweilten ihn. Irgendwo las der junge Mann vom großen Goldrausch am Amazonas und ging zurück nach Brasilien. Er besorgte sich ein Darlehen und reiste regelmäßig in entlegene Regenwalddörfer, wo er Schürfern ihre Ware abkaufte, um diese in den Städten feilzubieten. Fotos aus diesen Jahren zeigen ihn mit aufgeknöpftem Hemd und mächtigen Koteletten inmitten halb nackter Eingeborener, ein Indiana Jones, der sich mit 22 seinen ersten Porsche kaufte und mit 23 die erste eigene Goldmine, die er "ersteweltmäßig" betrieb, wie er das nennt.

Um nicht mit Spitzhacken im Matsch zu wühlen, zerlegte Batista Bagger und Traktoren in ihre Einzelteile und flog sie etappenweise in die Wildnis. Er war der Erste, der damals mit einer mechanisch funktionierenden Goldwaschanlage operierte. Es folgten Lehrjahre als CEO bei einem kanadischen Bergbauunternehmen, dessen Börsenwert sich unter Batistas Führung auf mehr als 20 Milliarden Dollar vervielfachte, aber breitere Bekanntheit erlangte er zu dieser Zeit durch andere Dinge.

"Ich träumte davon, so schnell zu laufen wie Ben Johnson", sagt er während eines Spaziergangs im Central Park, "aber weil ich es nicht konnte, brauchte ich eine Maschine unter dem Arsch."

Batista wurde Speedboatchampion.

Er eroberte Luma de Oliveira, die später bei einem legendären Karnevalsauftritt im Sambodrom wenig mehr am Körper trug als eine Halskette, die aus den Buchstaben seines Vornamens bestand: E-I-K-E.

Sambatänzerin de Oliveira 2005
Eduardo Knapp / Polaris / laif

Sambatänzerin de Oliveira 2005

Es ging ihm gut. Auch Brasilien ging es immer besser.

Angetrieben von einem globalen Hunger nach Rohstoffen, erlebte das Land nach 2000 einen nie gekannten Wirtschaftsboom. Während Batista seine Einkünfte nun in den Bau von Kraftwerken investierte, die er mit Rohstoffen aus eigenen Erz- und Kohleminen betrieb, stiegen unter der Regierung des Präsidenten Lula da Silva Millionen Menschen aus der Armut auf in eine neue Mittelschicht. Selbst die große Krise, die die Welt am Ende des Jahrzehnts erfasste, bremste das Wachstum kaum. Brasiliens große Zeit begann im Grunde erst, als das internationale Kapital verzweifelt nach neuen Renditechancen suchte.

Auch Batista stieg in dieser Zeit zum Global Player auf, wie kein anderer vermochte er die Fantasie der Investoren zu beflügeln. Als er die Förderrechte an einigen Offshore-Ölfeldern erwarb, lockte er mit einem "Billionen-Dollar-Schatz", den man nur heben müsse. Der Börsengang des von ihm zu diesem Zweck gegründeten Konzerns OGX war der größte in der brasilianischen Geschichte. Wenig später kam eine Offshore-Logistikfirma hinzu, dazu eine Werft, die eigene Bohrplattformen und Tanker bauen sollte. Dann der Tiefwasserhafen, der größer war als der, den sein Vater in den Sechzigern gebaut hatte, um Rohstoffe nach Asien und Deutschland zu verschiffen. Bei der Einweihung stand Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff auf einem der Terminals und spreizte die Finger zum Victoryzeichen.

Batista genoss die offenen Türen in Brasília. Wie der Hafen wurden viele seiner Projekte mit staatlichen Krediten finanziert. Regierung, Banken, Privatanleger: Sie alle setzten auf diesen Mann, der seinen Landsleuten in Ratgeberbestsellern den Kapitalismus erklärte.

Batista war nun ganz oben, und von dort aus verteilte er oft und gern öffentlichkeitswirksame Almosen. Er begann, die Ruine des ältesten Grandhotels der Stadt, des "Glória", zu restaurieren. Er bezahlte die schicke Londoner PR-Agentur, die die Olympischen Spiele nach Rio holte. Und er ließ die Lagune reinigen, in der die Kanuten um Medaillen paddeln würden. Seine Spenden hielten ein Polizeiprogramm am Leben, mit dem der Gouverneur von Rio de Janeiro, Sérgio Cabral, den Frieden in die Armenviertel bringen wollte.

Hotel
Ullstein Bild

Hotel

An einem der Abende in New York wartet Batista in einem griechischen Restaurant auf einen Mann, den er als künftigen Geschäftsführer seiner neuen Firma ins Auge gefasst hat. Die Leute von der Bank of America hatten ihm zu verstehen gegeben, dass sie als vertrauensbildende Maßnahme gern einen zivilisierten Nordamerikaner neben ihm an der Spitze von Cleanworld Technologies sehen würden. Kevin Lowder, ein 35-jähriger Finanzexperte, war Batista aufgefallen, weil er für ein amerikanisches Unternehmen das ihm nach dem Crash seine Anteile am Tiefwasserhafen abgekauft hatte, mit am Verhandlungstisch saß.

Als sich Lowder zu ihm an den Tisch setzt, zieht Batista seine Zahnpasta aus dem Jackett und sagt mit einem Grinsen:

"Hier! Dein erster Lohn."

Lowder lächelt schief. Er hat die glatten Züge eines Abiturienten und kommt schnell zum Punkt. Noch bevor das Essen da ist, fragt er Batista, "welche Sicherheiten wir als Monopolanbieter bieten könnten", falls es zu Produktionsausfällen käme.

"Sicherheiten?", sagt Batista.

Er zieht ein Blatt Papier aus seiner Tasche, auf dem steht, dass der Schweizer Industrie-TÜV kürzlich seine Hydroxylapatit-Fabrik zertifiziert hat.

"Wenn die sagen, dass ich fünf Tonnen am Tag produziere, dann ist das so", sagt er.

Das Geklimper eines Barpianisten legt sich über die Stille. In dem Gespräch, das sich anschließt, wird nicht ganz klar, wer hier eigentlich wen prüft. Als Batista damit lockt, dass ein Unternehmen wie Colgate bereits Interesse zeige, die Exklusivrechte an seinem Stoff zu kaufen, gibt Lowder zu bedenken, dass Colgate als Weltmarktführer vielleicht nur daran interessiert sei, ihn, Batista, als potenziellen Konkurrenten präventiv vom Markt zu nehmen. Lowder glaubt, es wäre besser, sich einen kleineren Partner zu suchen.

Eigentlich sind es gute Einwände, aber Batista will sie nicht hören. Ihm schmeckt auch nicht, dass Lowder seine digitale Revolution der Chemie einmal etwas herablassend als "Grüne-Wiese-Projekt" bezeichnet. Als müsste er dem jungen Mann noch einmal klarmachen, worum es geht, erklärt Batista, dass seine Ingenieure bald einen Motor in das renommierte Leibniz- Institut für Neue Materialien in der deutschen Stadt Saarbrücken schicken würden, um dort ihre Abgasfilter zu testen. "Grüne Autos!", sagt Batista. "Stell dir den Orgasmus vor, den die Manager von Ford kriegen, wenn sie das sehen."

Anderntags, bei einem Treffen mit seinem Patentanwalt, träumt er von Hydroxylapatit-Fabriken in Katar und von faltenlosen Frauen. Die Wörter "Klimarettung" und "Nobelpreis" fallen.

Es sind Tage in New York, in denen der angezählte Champion Eike Batista zum ersten Mal seit Langem wieder den Ringboden unter den Füßen spürt. Das Leichtfüßige sei wieder da, meint er, "dieses Kribbeln, das dich erfasst vor einem großen Deal".

Und je konkreter er sich die Zukunft mit seiner Zahnpasta ausmalt, desto mehr verblassen die Erinnerungen an jenen schwarzen Sommer 2013, als er plötzlich wie ein Gespenst in all den Meetings mit den Gläubigervertretern hockte. An die Pillen, die er gegen seine Depressionen schluckte. An den Spott, der sich über ihn ergoss, als ein Konkursrichter seinen Lamborghini medienwirksam aus dem Wohnzimmer abschleppen ließ.

Wie konnte einer wie er so schnell zu Boden gehen?

Im Grunde reichte eine einzige Börsenmitteilung. Als Batistas Ölkonzern OGX nach jahrelangen Probebohrungen im Juli 2013 erklärte, dass die Billionen-Dollar-Felder vor der Küste im Wesentlichen leer seien, löste dies eine Welle von Panikverkäufen aus, die binnen wenigen Stunden den Börsenkurs einbrechen ließen. Bald erfasste dieser Sog auch seine anderen, aufs Engste mit dem Ölkonzern verflochtenen Unternehmen. Was folgte, waren Tausende vernichtete Arbeitsplätze und gewaltige Schadensersatzforderungen von Großanlegern sowie Prozesse, in denen ihn zahllose brasilianische Kleinanleger, deren erste Schritte an der Börse mit einem traumatischen Erlebnis geendet hatten, einen Betrüger nannten. Als wenig später die Nachwehen der großen Krise ganz Brasilien erreichten, stuften internationale Ratingagenturen auch das ganze Land auf Ramschniveau.

Yacht
Getty Images

Yacht

Im Sommer 2016, am Vorabend der Olympischen Spiele, ist der brasilianische Rausch vorbei. Ausgehend von der Ermittlung verdächtiger Geschäfte des halbstaatlichen Ölkonzerns Petrobras haben Staatsanwälte einen historischen Korruptionsskandal aufgedeckt, der große Teile der gesellschaftlichen Elite hinter Gitter bringt. Jede Woche gibt es neue Festnahmen, neue Anklagen, neue Kronzeugen, die aufdecken, wie Manager oder Minister mithilfe öffentlicher Aufträge Milliarden Dollar in schwarze Kassen schleusten. Im Mai wird die Präsidentin Dilma Rousseff durch ein fragwürdiges Impeachment-Verfahren aus ihrem Amt geputscht, und wenig später taucht auch Rousseffs Amtsnachfolger Michel Temer auf dem Radar der Ermittler auf. Brasília, die Hauptstadt, sieht aus wie ein Schlachtfeld. Es geht jetzt Leuten an den Kragen, die sich immer jenseits der Gesetze wähnten.

"Das ist Wahnsinn! Was werden wir für einen Standort haben, wenn jetzt auch noch der Rechtsstaat kommt", schwärmt Batista zu dieser Zeit, und es ist nicht klar, ob er einfach blufft oder tatsächlich glaubt, dass er mit alldem nichts zu tun hätte. Batista sitzt an einem Morgen im Juni 2016 in seinem Büro, wo er zu einem weiteren Gespräch empfängt. Während die brasilianische Elite in die Knie geht, hofft er, dass sein eigener Crash drei Jahre zuvor in einem anderen Licht erscheine, da doch jetzt herauskomme, wer wirklich Dreck am Stecken habe.

"Im Gegensatz zu denen hab ich nichts gestohlen", sagt er. Hinter großen Panoramascheiben öffnet sich die Postkartenansicht von Rio de Janeiro. Die Guanabara-Bucht. Der Zuckerhut. Das beruhigende Auf und Ab der Gondeln.

"Ich habe einfach Pech gehabt", sagt Batista. "Ungünstige Felsformationen, aber so ist das Ölgeschäft. Nennen Sie mir einen, dem es je gelungen ist, in zwei Jahren 25 Milliarden Dollar Schulden zu begleichen. Und war deshalb alles schlecht?"

Er dreht sich mit dem Stuhl in Richtung eines Wandfernsehers und zappt sich in einen alten Werbefilm über den Tiefwasserhafen. Während die Kamera über weit ins grüne Wasser reichende Terminals fliegt, erklärt Batista, dass sie mit holländischen Baggern panamakanalmäßige Mengen Sand aus dem Meer geholt haben. Inzwischen siedelten dort erste Firmen.

"Dieser Hafen", sagt er, "das ist keine Schuhfabrik. Das ist Infrastruktur, first world. Warum wird das so schnell vergessen?"

Als die Zeitung "O Globo" im Juni 2016 meldet, dass die Stadt den "großen Mäzen Eike" als olympischen Fackelläufer eingeladen habe, deutet Batista dies als erstes Zeichen seiner öffentlichen Rehabilitation. Im Juli schließt er einen Deal mit einem Mann, der die größte Zahnpastafabrik Brasiliens betreibt. Aber eigentlich ist er im Kopf schon weiter. In Investorenmeetings erwähnt er jetzt manchmal ein Nanomaterial namens Graphen, das so hart sei, dass man damit "Aufzüge zum Mond" bauen könne. "Die Schwierigkeit mit Eike", sagt einer seiner Mitarbeiter einmal, bestehe darin, ihn zu erden. Und die Wirklichkeit in seine Visionen zu holen.

Irgendwann in diesen Sommerwochen 2016 gerät Batista schließlich selbst ins Visier der Staatsanwälte. Ein früherer Wahlkampfmanager von Dilma Rousseff hatte den Ermittlern von fünf Millionen Dollar erzählt, die der berühmte Unternehmer in eine schwarze Kasse eingezahlt habe. Als die Sache auffliegt, besucht Batista noch am selben Tag den zuständigen Staatsanwalt, um alles "in demokratischem Geist" aufzuklären. In dem Video seiner Zeugenaussage, das später in den Hauptnachrichten läuft, erklärt er, Rousseffs Finanzminister habe ihn um das Geld gebeten. "Kann man so was ausschlagen?", fragt Batista, der diese Vernehmung eher als eine Art Businesslunch zu betrachten scheint, bei dem man sich auf Augenhöhe gegenübersitzt.

Für ihn ist die Angelegenheit damit vom Tisch.

Es ist etwas, worauf sich Männer wie Batista in Brasilien immer hatten verlassen können: dass man mit Staatsanwälten oder Richtern reden kann. Dass sich, wenn es eng wird, in den Hinterzimmern der Justiz schon eine Lösung findet. Im Rückblick wirkt es so, als habe er nicht mitbekommen, dass sich die Zeiten in Brasilien langsam ändern.

Die Korruptionsermittler machen mittlerweile Ernst. Im November verhaften sie Batistas Freund Sérgio Cabral, der während seiner Zeit als Gouverneur mehr als hundert Millionen Dollar aus dem Land geschafft hatte. Bei der Überprüfung von Cabrals Vermögen stoßen sie auf eine zweite Überweisung Batistas, die sie sich nicht erklären können. Diesmal ist es eine glatte Million Dollar, die sonderbarerweise auf einem Konto der Anwaltskanzlei von Cabrals Frau eingegangen war.

Wieder sucht Batista die Ermittler auf.

"Plötzlich stand er hier mit seinen Anwälten, warf uns einen Stoß von Akten hin und tischte uns mit einer unfassbaren Chuzpe eine Geschichte auf, die zu kompliziert ist, um sie mal eben so zu rekonstruieren", sagt einer der Staatsanwälte. "Er tat jedenfalls so, als würde er kooperieren, aber in Wahrheit warf er immer neue Nebelkerzen."

Auf den Ermittler wirkte Batista wie ein Mann, der so sehr daran gewöhnt war zu bestimmen, was Fakt ist und was nicht, dass er darüber den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hatte.

All diese verdeckten Zahlungen, die Freundschaftsdienste - wenn Cabral privat verreisen wollte, dann buchte er mit einem Anruf bei Batistas Sekretärin einfach dessen Jet -, sie gehören zu den Regeln eines großen Spiels, dessen Konsequenzen Männer wie Cabral oder Batista nicht betrafen. Sie haben kein Gespür dafür, dass die Korruption ein krimineller Akt ist. Dass diese Kultur der Schmiergelder staatliche Institutionen zweckentfremdet, die irgendwann nicht mehr den Bürgern dienen, sondern nur noch den Menschen, die in ihnen arbeiten.

Brasilien ist eigentlich kein armes Land, aber in den Krankenhäusern fehlen Ärzte. Schulen müssen schließen, Polizisten warten seit Monaten auf ihre Gehälter. Es ist kein Zufall, dass eine Stadt wie Rio de Janeiro heute wieder in Gewalt versinkt, doch Batista beschäftigen andere Dinge, als er an einem Sonntagmorgen im Dezember, wenige Wochen vor seiner Verhaftung, in einem Korbsessel auf seiner Terrasse beim Frühstück sitzt.

Inhaftierter Batista (2. von rechts) im Februar 2017
AFP

Inhaftierter Batista (2. von rechts) im Februar 2017

Er trägt eine Jogginghose und eine Pulsuhr am Handgelenk. Hinter ihm im Wohnzimmer parkt wieder der weiße Lamborghini. Batista hat ihn zurückbekommen. Der Konkursrichter war bei einer Spritzfahrt in einem der beschlagnahmten Luxuswagen erwischt worden, die Nachricht ging damals um die Welt. Vor Batista öffnet sich ein Garten, der so groß ist, dass ein Hubschrauber in seiner Mitte landen könnte.

"Ach, Cabral", sagt Batista, den an diesem Morgen eine melancholische Stimmung umweht. "Wenn der in 20 Jahren wieder rauskommt, wird noch genügend übrig sein für ein paar gute Jahre."

Batista glaubt, dass sie jetzt auch ihn auf dem Radar haben. Als er zuletzt mit den Ermittlern sprach, schienen sie mit ungewöhnlich vielen Einzelheiten seines Lebens vertraut.

Er erzählt, dass er seinem 93-jährigen, an Krebs erkrankten Vater kürzlich hier in seinem Haus ein Zimmer eingerichtet habe, damit dieser in Ruhe seine Memoiren schreiben könne.

Anstelle des jungen Amerikaners Kevin Lowder hat er kürzlich seinen älteren Sohn Thor zu seiner rechten Hand ernannt, einen 24-jährigen, muskelbepackten Playboy, der vor Jahren wegen seines Betragens von der deutschen Schule geflogen war. Kurz vor Batistas Crash hatte Thor Schlagzeilen gemacht, als er während einer nächtlichen Fahrt mit einem McLaren Mercedes seines Vaters einen Radfahrer totfuhr. Eike boxte ihn damals raus, indem er sich mit den mittellosen Angehörigen auf die Zahlung eines Ausgleichs einigte. Das Verfahren wurde eingestellt. Während Batistas jüngerer Sohn Olin noch immer als DJ durch das Nachtleben von Rio de Janeiro tingelt, hofft Batista, dass Thor seine Geschäfte irgendwann weiterführt.

Flávia, seiner zweiten, 23 Jahre jüngeren Frau, hat er eine Internetboutique geschenkt, sie vermietet Secondhandkleider. An seinem 60. Geburtstag im November waren die beiden mit ihrem dreijährigen Sohn Balder zwischen zwei Geschäftsterminen in New York etwas essen.

Batista lächelt.

Er sagt, er habe aufgeräumt in seinem Leben. Dieser Lamborghini da drinnen im Wohnzimmer, der bedeute eigentlich nichts.

Batista 2012
REUTERS

Batista 2012

Wie viel Geld ist ihm geblieben?

Er lehnt sich zurück und grinst.

"Sagen wir's mal so: In den Fact-Sheets von Rolls-Royce steht bei PS: ausreichend."

Zu seinen Füßen liegt seit einiger Zeit ein schwer atmender, reinrassiger deutscher Schäferhund, der auf den Namen Eric hört und angeblich 22 deutsche Kommandos befolgen kann. Um dies zu beweisen, hält ihm Batista ein Stück Schinken hin. Der Hund richtet sich auf und steht mit hechelnder Zunge vor ihm. Batista aber zögert es hinaus.

"Warte!", sagt er.

Während das Tier eine gefühlte Ewigkeit lang auf den erlösenden Happen wartet, sagt Batista: "Kommen Sie doch bald mal wieder vorbei! Dann grillen wir was hier oben oder trinken ein Bier."

Das ist das letzte Bild, die letzte Begegnung mit Eike Fuhrken Batista, gestürzter Global Player, Zahnpastaerfinder, Vater von Thor und Olin, Ex-Mann einer Sambakönigin und bis zum Crash seines Imperiums der reichste Brasilianer.

Ein einsamer Mann auf seinem Berg, der, wenige Wochen vor seiner spektakulären Festnahme, zu ahnen scheint, was kommen wird, an seiner Seite ein alter deutscher Hund, der vielleicht als Letzter treu seinen Befehlen folgt.

"Jetzt!", sagt Batista, und das Tier beißt zu.

Nachtrag: Im Sommer 2017 hat ein Bundesrichter verfügt, dass Eike Batista im Hausarrest auf seinen Prozess warten kann, für dessen Beginn es bis heute kein Datum gibt. Sein Zahnpastaprojekt liegt auf Eis, die Investoren sind vorsichtig geworden, wenn irgendwo der Name Batista druntersteht. Seine Anwälte verhandeln zur Reduzierung seines Strafmaßes über eine Kronzeugenregelung. Es kommt jetzt darauf an, wen er selbst ans Messer liefern kann, aber es ist schwierig. Von den großen Jungs, mit denen er immer spielen wollte, sind nicht mehr viele übrig.



© DER SPIEGEL 1/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.